Wochenend-Symptome

Am Montag vor zwei Wochen dachte ich, ich wäre einfach überarbeitet. Kein Wunder, es war ein übertrieben volles Wochenende mit wenig Schlaf und viel Aufregung.

Den Freitag vor dem vollen Wochenende verbrachte ich auf einer Busreise mit den Seniorinnen und Senioren. Kurz nachdem wir wieder in heimischen Gefilden waren, fand das abendliche Taizégebet in der Kirche statt mit anschließendem geselligen Beisammensein. Unsere ukrainischen Gäste konnten am Samstag spontan in eigene Wohnungen umziehen und der Umzug musste in den Tagen davor organisiert werden. Der neue Konfijahrgang traf sich parallel das erste Mal und für den Abend hatte ich Konzerttickets mit Rahel. Am Sonntag war Familiengottesdienst mit Seifenblasensegen und Windräderbasteln, danach eine Bandprobe und abends ein eigenes, kleines Konzert.

Alles schöne und gute Sachen, auf die niemand hätte verzichten wollen. In der Kombination und in der Kürze der Zeit war es ein richtiger Marathon und ich bin unendlich dankbar und kann immer noch nicht fassen, dass alles einigermaßen geklappt hat, vor allem der Umzug.

Am Mittwoch wurden die Mietverträge unterschrieben. Bis Samstag konnte ich einen Transporter plus Fahrer, einige Möbel und Umzugshelfende finden (die Konfis konnten gleich mit anpacken) – alle ehrenamtlich, alle so kurzfristig einsatzbereit, irre. Als unsere Gäste Anfang April ins Gemeindehaus zogen, hatten sie kaum mehr als ein paar Taschen und Rucksäcke. Als die Sachen der zwei Familien am Samstag vor zwei Wochen nach unten vor das Gemeindehaus gebracht wurden und ich den Transporter zum ersten Mal sah bekam ich einen leichten Panikanfall. In den paar Wochen war Einiges dazugekommen, teilweise aus der Ukraine geschickt, teilweise aus Spenden. Wie sollte das denn alles passen?

Alexander, der Fahrer des Transporters, beruhige mich. Das wird schon alles, das passt rein, ich seh das. Alexander hatte an dem Tag jedoch nur Zeit für eine Fahrt (die Wohnungen sind in einer Stadt in der Nähe, aber es dauert schon insgesamt eine Stunde Fahrt). Es war gut, dass zusätzlich noch drei Autos im Einsatz waren, wovon zwei am Morgen noch gar nicht wussten, dass sie mitfahren würden. Was das alles für ein großes Glück war realisierte ich in diesen hektischen Momenten nur ansatzweise und wenn das dazugehörige Gefühl einsetzte, bekam ich einen dicken Kloß im Hals und feuchte Augen. Ohne diese, unsere Leute und ihre Hilfe hätte das nicht funktioniert. Zu viel Raum konnten ich meiner aufkommenden Rührung ohnehin nicht geben, denn im Gemeindesaal warteten die Konfis und dachten darüber nach, wie sie am Tag darauf das Basteln der Windräder erklären und sich selbst dabei der Gottesdienstgemeinde etwas vorstellen könnten. Und was sie mit auf das Konficamp am nächsten Wochenende nehmen würden. Es ist eine kleine, feine Truppe in diesem Jahrgang. Ich bin gespannt, wie es mit denen wird.

Am späten Nachmittag, als die Konfis nach Hause gegangen waren, fuhr ich die letzte Fuhre mit Auto Ross in die neuen Wohnungen. Dinge für das Baby. Ein paar Stühle. Einige Kisten. Zum Glück ist Ross ein Kombi. Zum Glück gibt es Mate-Limonade und Kaffee. Die neuen Wohnungen sind frisch saniert. Neue Küchen. Neue Bäder. Ein Blick ins Grüne. Hoffentlich gute Orte für unsere ehemaligen Gäste. Gemeinsam luden wir das Auto aus. Nach einem Glas Wasser und einer kurzen Pause fuhr ich zurück. Erschöpft und erleichtert, beglückt und trotzdem noch angespannt. Viele Ämtergänge stehen für die Ukrainerinnen noch an. Wer wird ihnen nun vor Ort helfen?

Das Konzert mit Rahel war großartig, laut, staubig, so viele Menschen und so viel Spaß. Ich tanzte und sprang und sang mit, so laut ich konnte. Tausende um uns herum taten dasselbe. Ich scheuchte und hüpfte die Anspannung und die Sorge aus meinen müden Knochen. Ich hatte vergessen wie gut das tut, auf diese Weise mal den Kopf auszuschalten.

Der Gottesdienst am nächsten Morgen war bunt und trubelig. Die Konfis machten ihre Sache charmant und fröhlich. Meine Stimme war etwas tiefer und rauher als sonst, kein Wunder nach dem letzten Abend. Ab und an musste ich husten. Ich schiebe es auf den Staub an der Freilichtbühne. Beim anschließenden Proben für das kleine Konzert am Abends merke ich, wie müde ich bin. Mate. Kaffee. Ab und zu mal hinsetzen. Aber das Singen und Spielen macht Spaß und gibt Energie. Auch abends bei dem Konzert in einem Kirchgarten in der Nachbarschaft. Ein Sommerabend, kühle Getränke, Musik und entspannte Stimmung – ich bin ziemlich durch und ziemlich zufrieden.

Es gab also genug Gründe, am Montag richtig erschöpft zu sein. Dass es dann doch das Virus war, überraschte mich. Im Fiebertrudel der ersten Tage hatte ich immer wieder das Logo des Jobcenters vor Augen. Wäh. Wenn mich diese Briefe schon so stressen, wie muss es dann erst für die Ukrainer:innen sein? Und natürlich hatte ich große Sorge, dass ich jemanden angesteckt haben könnte. Niemand ist krank geworden, Gott sei Dank. Die Konfis konnten aufs Camp und hatten scheinbar auch so eine großartige Zeit (dank toller Kolleginnen und Kollegen). Ich hab geschlafen, gelesen, gebingt und gestaunt, was alles in so kurzer Zeit geschehen kann. Und wie gut es doch ist, nicht alles alleine stemmen zu müssen und zu können. Gut für alle.

Unterm Kirschbaum

Im letzten Blogeintrag schrieb ich davon, zum ersten Mal seit Ewigkeiten keine Beisetzung vor mir zu haben. Einen Tag später kam der Anruf vom Bestatter (ich hatte es wissen müssen). Gestern früh um 8. 30 Uhr (!) war ich deshalb auf dem Friedhof und blickte in einen offenen Sarg auf eine kleine, zarte Frau und die verweinten Gesichter ihrer Angehörigen. Die Verstorbene war 96 Jahre alt geworden und wurde liebevoll von ihrer Familie begleitet, lange leiden musste sie nicht. Ein vergleichsweise gutes Ende also. Trotzdem hatte ich gestern Mühe, die Fassung zu behalten. Denn der Tag davor war so voller gegensätzlicher Eindrücke, dass ich befürchtete mein Herz würde auseinanderreißen oder in meiner Brust schmerzhaft anwachsen auf mindestens doppelte Größe. In so einer Verfassung sind meine eigenen Tränen nur sehr knapp unter der Oberfläche. Und das Grün der Bäume und Sträucher war hell und dunkel zur gleichen Zeit und auf dem sehr weiten Weg zum Grab grüßten stumm alte Grabsteine, die seit Jahren nicht mehr besucht wurden.

Am Morgen zuvor war ich mit unseren Gästen aus der Ukraine unterwegs, um mögliche Wohnungen anzuschauen. In den beengten Räumen der Gemeinde – auf Dauer ist das kein Zustand. Für den Termin mit dem Immobilienmakler haben die Damen sich herausgeputzt. Sie wollen einen guten Eindruck machen. Ich auch. Auf dem Weg vom Bahnhof zu den Häusern fängt Daria (15, großer BTS-Fan) plötzlich an zu weinen. Mit von Schluchzern unterbrochener Stimme spricht sie mit ihrer Mutter, die versucht zu trösten. Als ich mich umdrehe, sehe ich den Anlass für das große Unglück: Von ihrem BTS-Beutel ist ein Träger gerissen. Sie hält den Beutel in den Händen wie ein verwundetes Tier. Wir gehen weiter, die Zeit drängt, Daria kann sich kaum beruhigen, schnieft immer wieder, die Tränen laufen aus ihren großen Augen und ich wünschte, ich könnte ihr sofort den bescheuerten Beutel reparieren und es ihr irgendwie leichter machen. Das Mädchen will nach Hause, in ihre Wohnung, in ihr Zimmer, in ihr altes Leben. Was willst du auch machen mit 15 Jahren, als Geflüchtete in einem fremden Land, in einer Stadt von der du noch nie gehört hast, mit kaum Kontakt zu Gleichaltrigen?

Die Wohnungsbesichtigungen laufen gut. Der Makler ist freundlich. Ich bin angespannt ob alles klappt mit den Ämtern, der Kostenübernahme, den Umzügen. Ich stelle mir vor, wie “unsere” beiden Familien hier leben, sich einrichten, einen Alltag finden. Wie der Schulweg für Daria sein wird. Ob sie sich wohlfühlen kann. Ob das Baby von Christina hier seine ersten Schritte machen wird. Ob die Nachbarn freundlich sind.

Einen halben, vollen Arbeitstag später (u.a. Beisetzung fertig machen und eine baldige Hochzeit planen) finde ich mich unter dem Kirschbaum im Kirchgarten wieder. Baby Andriy feiert halbjährigen Geburtstag. Dieses Kind ist zusammen mit seiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter in einem PKW aus der Ukraine geflohen. Sein Vater ist dort geblieben und versucht zu helfen. Bei Gin Tonic und Gegrilltem werden mir Fotos und Videos von Christina gezeigt. Von der Wohnung, in der die kleine Familie am 24. Februar einziehen wollte, endlich unabhängig von ihren Eltern und Schwiegereltern. Ich sehe Aufnahmen von Andriys Kinderzimmer, so hell und schön eingerichtet. Er hat nie in diesem süßen Kinderbett gelegen. Nie mit diesen Kuscheltiere gespielt. Wenn er in diesen Tagen die Stimme seines Vaters hört, freut er sich und lacht.

Christina zeigt mir auch ihre Hochzeitsfotos. Sie ist eine umwerfend schöne Braut. Die Bilder könnten auch von einer Promi-Hochzeit stammen. Bunt, lebendig, ausgelassen und fröhlich, luxuriös. Ihre Mutter und Großmutter sind auch zu sehen und sie sind ebenso strahlend schön. Statt mit ihrem Mann endlich in die Wohnung zu ziehen, ist sie nun hier und kümmert sich um ihre Mutter und Großmutter. Seit sie bei uns ist, habe ich sie immer nur stark erlebt, gefasst, konzentriert. Als sie von ihrem Mann erzählt und wie schwer es eigentlich für sie ist, so ganz alleine, werden ihre Augen feucht. Und ich habe einen Kloß im Hals.

Das Fest zum halbjährigen Geburtstag ihres Sohnes ist für Christina das erste Fest seit Ewigkeiten. Ihre Freundin aus ihrer ukrainischen Heimatstadt, die bei uns in der Nähe untergekommen ist, ist mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohn auch da. Zusammen mit Daria und ihrer Mutter sitzen wir an Tischen unter dem Kirschbaum, über eine Box läuft ukrainische Tanzmusik. Manchmal wird getanzt und das ist ein schönes Bild, auf dem grünen Rasen vor unserer Kirche – die Frauen in ihren schönsten Klamotten, geschminkt und fröhlich.

Auf Englisch unterhalte ich mich mit Christinas Freundin Maria, die rechts von mir sitzt. Sie ist vielleicht Anfang 20, eine Single-Mom, die hier den Neustart wagt, naja, wagen muss. Sie wohnt bei einer Frau, die eine Etage in ihrem Haus frei gemacht hat für Geflüchtete. Maria ist dankbar und froh um die Unterkunft. Dennoch fragt sie sich, ob sie sich wirklich von ihrer Gastgeberin sagen lassen muss, wie sie ihr Leben führen soll, dass sie sich weniger schminken, billiger einkaufen (nur second hand, auch Unterwäsche!) und überhaupt ganz anders sein solle. Ich hoffe, dass diese Person es gut mit Maria meint. Was Maria erzählt, klingt anders.

Dann übernimmt Daria die Kontrolle über die Musikbox und positioniert sich auf der Tanzfläche vor der Kirche. Die ersten Takte erklingen, das muss wohl BTS sein (habe ich kaum je gehört) und Daria beginnt zu tanzen. Ganz allein. Eine richtige Choreographie, ausholende Bewegungen. Sie singt murmelnd mit, lacht, springt. Wir klatschen und schnipsen im Rhythmus. Wann und wo hat sie sich das nur ausgedacht? Ich kann nicht fassen, dass dieses schüchterne Mädchen, das heute morgen noch so verzweifelt war, so mutig ist und jetzt für uns tanzt. Zeigt, was sie mag. Sich selbst zeigt. Ich hätte auf der Stelle in Tränen ausbrechen können. Stattdessen wende ich meinen Blick kurz von der tanzenden Daria ab, schaue über den Kirschbaum hinauf in den Himmel und atme tief ein. Dieses Fest will gefeiert werden. K-Pop im Kirchgarten, alles ist anders, mein Herz schlägt und weitet sich.

Wege zu Menschen

Diese Woche beginnt mit der ungewohnten Aussicht, dass gerade keine weitere Beisetzung anliegt. Das Frühjahr 2022 hatte es mit Sterbefällen in sich, jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Ich weiß von Großstadt-Gemeinden, in denen pro Woche immer drei bis vier Beisetzungen stattfinden. Das ganze Jahr über. Diese Gemeinden haben auch mehrere Tausend Mitglieder. In meiner überschaubaren Welt am Stadtrand ist es schon viel, wenn über einen längeren Zeitraum pro Woche eine Trauerfeier vorzubereiten ist. Energetisch macht das trotzdem richtig Sachen bei mir. Je mehr ich mich in Lebens – und Familiengeschichten eindenke und einfühle, desto dünnhäutiger werde ich mit der Zeit. Vor allem, wenn viel Schmerz und viel Unversöhntes dabei ist. Aber auch, wenn ich die Leute gekannt und gemocht habe.

Im April ist Frau Rehnow mit 87 Jahren verstorben. Sie und ihr Mann gehörten hier zur Kerngemeinde, kamen sonntags regelmäßig zum Gottesdienst, auch zu Gesprächskreisen und Konzerten. Frau Rehnow fiel mir gleich zu Beginn meines Dienstzeit hier auf, denn sie wirkte wie ein Filmstar aus den 20er Jahren. Ihre hellen Augen leuchteten unter schmal gezupften, hoch gebogenen Brauen. Ihr Lächeln war herzlich, aber hatte auch etwas Hintergründiges und Geheimnisvolles.

Einmal nach einem Gottesdienst, machte sie mir ein Kompliment für meine Frisur. Normalerweise hätte ich das ulkig oder vielleicht sogar doof gefunden, nach dem Motto: Achten Sie bitte auf meine Worte und nicht auf meine Haare (davon abgesehen dass ich mich frisurenmäßig ausschließlich zwischen Zopf und Haare offen bewege)! Sie aber sagte es so charmant, dass ich mich tatsächlich freute.

In den knapp vier Jahren, in denen ich jetzt in dieser Gemeinde bin, hatte ich schon einige Male mit Familie Rehnow zu tun. Frau Rehnow selbst habe ich über die Jahre mehrmals im Krankenhaus oder zuhause besucht (das Herz, die Beine). Sie war eine aufgeweckte und lebensfrohe Frau, die immer an Neuigkeiten aus der Gemeinde interessiert war und sehr an ihre Familie hing. Dass ihre Schwiegertochter Martina 2020 an Krebs erkrankte und mit Anfang 50 verstarb, brachte mich auch in Kontakt mit ihrem Sohn und ihren Enkelkindern.

Das Trauergespräch fand damals in einem Schrebergarten etwas außerhalb statt. Man schrieb mir die Adresse. Ich weiß noch, wie ich von meiner Wohnung aus mit dem Rad auf holprigen Wegen durch die Kleingartenanlage geruckelt bin, immer mal wieder aufs Handy starrend, ob ich noch in die richtige Richtung fahre. Nach einer Wegkreuzung führte eine Brücke über ein kleines Fließ, hinter einer hohen Hecke fand ich schließlich, leicht verschwitzt und außer Puste, Garten, Sohn und Enkel. Ein bewegendes, schweres Trauergespräch folgte.

Zwei Jahre später plante eine Enkelin von Frau Rehnow ihre Hochzeit. Das Traugespräch sollte ebenfalls in dem Schrebergarten stattfinden. Man schrieb mir die (schon bekannte) Adresse, ich machte mich auf den holprigen Weg, fand die Kreuzung und auch die Brücke und spähte hinter die Hecke und erreichte erfreut, erschöpft und etwas stolz das Häuschen.

Die Enkelin von Frau Rehnow erzählte mir an jenem Sommertag, wie der Tod ihrer Mutter die Beziehung zu ihrem Partner erst erschüttert und schließlich wieder gefestigt hat. Die Trauer musste erst ihre Wege finden. Wir saßen auf der selben Couch wie beim Trauergespräch um Martina Rehnow. Draußen im Garten saß Frau Rehnows Sohn mit seiner neuen Partnerin. Eine herzliche, sonnige Person mit kurzen, roten Haaren. Bestimmt tut sie dem Sohn von Frau Rehnow gut, dachte ich und, wie das Leben so spielt.

Vor drei Wochen fuhr ich wieder mit dem Fahrrad in diesen Schrebergarten und hatte in der Zwischenzeit nicht vergessen, wie viele Schlaglöcher und Zuckersand-Partien der Weg hat. Also fuhr ich außen herum, über die Straße, was länger dauerte. Leider hatte ich vergessen, dass das Häuschen hinter eine Hecke versteckt ist. Zweimal fuhr ich dran vorbei, dann erst fand ich den Zugang, den Sohn, seine (immer noch sonnige) Freundin und die Tochter von Frau Rehnow, auf der Veranda, im grünen und blühenden Garten. Sind Sie heute gar nicht über die Brücke gekommen? fragte mich der Sohn. Ich antwortete: Heute bin ich irgendwie anders gefahren, aber jetzt, jetzt bin ich da.

Mai-Schätze

Wenn ich zur Zeit mit Kolleginnen und Kollegen im Gespräch bin fällt mir auf, dass einige ziemlich mitgenommen aussehen. Wer es sich traut, spricht es auch aus: Gerade ist übertrieben viel los und das spürt man deutlich.

Nach zwei Jahren Ausnahmezustand befinden wir uns im ersten Frühsommer, der „normales“ Gemeindeleben mit sich bringt. Inklusive des Nachholbedarfs aus den letzten zwei Jahren (in meinem Fall wahnsinnig viele Taufen) und der trägen Müdigkeit, die die Pandemie und ihre Sorgen bewirkt hat. Der Krieg geht weit unter die Haut und wirkt sich aus – in Gesprächskreisen, der Art der Kommunikation, in den existentiellen Fragen, die er stellt. Die Alten erinnern ihre dunkelsten Erinnerungen und finden vielleicht zum ersten Mal Worte dafür. Die Jüngeren entdecken die Sorge um ihrer Kinder noch einmal ganz neu („wenn der Krieg kommt, geh ich mit den Kindern aufs Land“/„Wo gibt es Bunker?“). Und ich hadere immer wieder mit der Ohnmacht, die das Kriegsgeschehen und seine Brutalität in mir auslöst. Wie können Menschen anderen Menschen das nur antun? Wie bete ich im Moment?

Dieses „zur Zeit gerade“ ist vielleicht naiv. Ein Freund, ebenfalls seit 7 Jahren Pfarrer, sprach letztens nahezu ärgerlich davon, dass es doch Quatsch sei, immer dieses „gerade“ zu behaupten. In unserem Dienst sei immer viel los und dieser Tatsache muss man ins Gesicht sehen. Stimmt schon. Dennoch: Ein Kriegsausbruch war bisher nicht dabei. Und dieser hyperaktive und gleichzeitig noch erschöpfte Drang in Pandemie-freie Zustände ist auch neu und wirkt sich eigenartig aus. Ich kann kaum einschätzen, wie die Leute auf Angebote der Gemeinde reagieren. Ob viele kommen oder kaum welche. Wie sicher man sich im Kirchraum fühlt und ob Masken gewünscht werden. Und was all das eigentlich bedeutet und wie es mir damit geht.

Ein paar Momente in dieser unübersichtlichen Fülle erscheinen mir allerdings recht eindeutig und ich bin froh darum.

Der Seniorenkreis im Kirchgarten, unter blühenden Apfelbäumen und wärmender Nachmittagssonne an einer langen Tafel mit weißen Tischdecken. Eine Dame, Mitte 70 vielleicht, erzählte mir vom Besuch ihrer beiden Enkeltöchter, 17 und 19 Jahre alt. Von ihren Versuchen, die beiden zu einem gemeinsamen Frühstück um neun Uhr morgens zu überzeugen (vor elf haben sie nie geschafft), von der Radtour durch den Norden der Stadt bis zum Kiessee und wie die Mädels für Fotos posierten, von ihrem liebevoll und akribisch durchdachtem Wochenplan für den Besuch, der von den beiden fröhlich über Bord geworfen wurde. Das Schönste war das Lachen dieser Frau beim Erzählen. Fast mädchenhaft und hell, mit einem überraschten, staunendem Unterton. Sie konnte sich so freuen an diesen Mädchen, das war herrlich. Die Vorstellung, wie die drei an leuchtenden Rapsfeldern vorbeiradeln rührt mich an.

Überhaupt bin ich gerade ziemlich durchlässig für (große oder auch alle) Gefühle. Gestern haben unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden Gottesdienst gefeiert, als „Prüfung“ vor der Konfirmation an Pfingsten. Zum Einzug haben sie sich irgendeinen Worship-Gospel-Song von Band gewünscht wo „Halleluja“ und „Amen, Amen“ gesungen wird und wie die jungen Leute da vor uns den Kirchgang lang schritten und die Gemeinde sich erhob, bekam ich schon feuchte Augen. Die Komponistinnen von Worship-Musik wissen echt genau, wie man emotionale Knöpfe drücken kann, das muss man ihnen – bei aller textlichen Kritik – schon lassen. Außerdem hab ich diese Truppe wirklich lieb gewonnen.

Zwei Kinder und zwei Konfirmandinnen wurden in diesem Gottesdienst getauft. Wenn wir hier Taufe feiern, lassen wir den (ansonsten recht kargen) Taufstein bei einem Lied davor oft mit Blüten und frischem Grün schmücken. Manchmal machen das Geschwister oder die Eltern oder Patinnen und Paten. Das ist immer ein ganz schönes Bild, wenn der Stein so verziert wird. Aber gestern erschien es mir, als würde von den kleinen Kindern und den Eltern mit jeder kleinen Blüte und mit jedem Fliederzweig ein besonderer Liebesgruß an die Täuflinge gelegt werden. Dazu spielte der Organist ein melancholisch-ruhiges Stück auf dem Klavier und mich zerlegte es fast vor Rührung. So zärtlich und achtsam und liebevoll wurde noch kein Taufstein geschmückt, da bin ich mir sicher.

Diesen Moment werde ich, wie viele andere aus diesen bewegten Wochen, nicht vergessen. Hier davon zu schreiben, hält die Erinnerung wach und farbig – in warm-weißen und violetten Fliedertönen und auch ein bisschen pink.

Back again!

Viel ist passiert, seit ich das letzte Mal hier etwas von mir gegeben habe. Ein Vikar kam und blieb länger als gedacht, was schön war und ist. Ebenso die Pandemie, was zwar grundsätzlich weniger schön war, aber auch ein paar gute Erfahrungen mit sich gebracht hat (so viel Luft für Kreatives hatte ich bisher selten).

Oft habe ich liebevoll an diesen Blog gedacht und mich gefreut, wenn mal jemand nachgefragt hat, wie hier und bei mir so die Lage ist. Die Lage ist gut. Ein Hund namens Nietzsche ist vor einem Jahr mitsamt Herrchen in mein Leben getreten. Dass Letzterer Philosoph ist und dem Hund ausgerechnet diesen Namen verpasst hat fügt sich zu dem funfact, dass ich meine erste Katze einst Paulus genannt habe.

In unserer Wohnung arrangieren sich nun u.a. Hund und Katz, Philosoph und Theologin, Lehrer und Pfarrerin, Handpan und Kontrabass, Schul – und Gemeindealltag. Katze Franka vermag es mit einer winzigen Bewegung ihres hübschen Kopfes helle Panik im Hund zu entfachen und ihn zu einer Flucht auf meinen Schoß zu animieren (er wiegt 24 Kilo). Leiten und Führen hat sie einfach raus.

Ich lerne mit dem Hund noch ganz andere Ecken und Leute hier kennen. Bewegung und frische Luft sollen ja auch die Abwehrkräfte stärken oder so. Zu meiner Freude wagt der Freund sich auch mit in Gemeindekontexte und hat zuhause die Kontrolle über die Küche übernommen. Auch damit lässt es sich sehr gut leben. Also, viel ist passiert, viel hat sich verändert und ich mich wohl auch und ich bin dankbar dafür und staune über dieses Glück.

Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob dieser Blog wohl noch Interesse weckt. Die Medienlandschaft ist ja auch eine andere als Anfang 2015 (so lange ist der Beginn von plötzlichpfarrerin schon her, irre). Insta und YouTube sind voll mit tollen und spannenden true stories von Pfarrer:innen inklusive Bild und Ton. Egal, Lust wieder zu schreiben habe ich allemal und vielleicht gerate ich ja wieder mehr in flow. Bei all dem, was gerade in Bewegung ist gefällt mir der Gedanke, mich hier etwas zu sammeln und das zu teilen.

Denn, oh my, wie sehr und wie unfassbar hat sich die Welt seit dem 24. Februar verändert.

In unserem Gemeindehaus wohnen seit drei Wochen Geflüchtete. Zwei Familien bestehend aus vier Frauen, zwei Kindern und zwei winzig kleinen Hunden. Ich bin froh, dass sich unser Presbyterium einstimmig für die Beherbung ausgesprochen hat und auch das wöchentliche Ukraine-Café unterstützt. Viel Orga und Aufwand hängt da dran, aber die Leute in der Gemeinde und darüber hinaus sind, wie an den meisten Orten, unfassbar hilfs- und einsatzbereit. Das Diakonische tut allen gut. Und mir gefällt es, wie sehr das Haus jetzt mit Leben gefüllt ist. So soll Gemeinde doch sein – ein Ort, der willkommen heißt und an dem man sein kann, wie man eben ist, zusammen mit anderen.

Unsere Gäste sind super freundlich und dankbar für alles, was ihnen hier möglich ist. Und ich habe mich schon daran gewöhnt, der Teenagertochter (ihre Augen sind immer noch voller Schrecken) im Treppenhaus zu begegnen und den flauschigen Spitz im Kirchgarten zu streicheln. Sie gehören zu meinem Alltag. Manchmal bekomme ich eine Ahnung von dem, was unsere Gäste hinter sich lassen mussten. Ein Profilfoto im messenger zeigt die Mutter der Teenagerin, ganz in weiß am Strand mit Strohhut, bei einem Sprung in die Luft. Eine schöne, strahlende und unbeschwerte Frau. Zuhause war sie immer mitten im Trubel, ganz kommunikativ und fröhlich. Hier muss sie erst die Sprache lernen. Aber will sofort damit anfangen.

Oder wenn die junge Ehefrau beim Osterfeuer von ihrem Mann erzählt (Vater des drei Monate alten Babys), der zurückgeblieben ist und kämpft. Als wir sprachen, hielt sie Nietzsche an der Leine und meinte, ihr Mann würde diesen Hund auch gerne mögen. In solchen Momenten wird mir der Boden unsicher, auf dem ich mich befinde.

Dieser Krieg wirkt wie ein Erdrutsch, der nicht aufhört. Gewissheiten ändern sich. Wichtigkeiten auch. Und ich spüre, wie diese Kräfte wirken und ziehen, an mir, an der Gemeinde.

Das Friedensgebet bei uns gestaltet ein Pfarrer im Ruhestand. Ich bin froh, dass er die Worte findet und auch der Stille den Raum gibt. Gemeinsam beten (nicht nur, aber auch) in Zeiten der Not, auch das ist Gemeinde. Und ich bin von Herzen gerne dabei.

Gemeinde in Zeiten von Corona

An dem Donnerstag, kurz vor dem Wochenende als das ganze Corona-Chaos in Deutschland startete, wollte ich morgens noch auf Konfifreizeit fahren. Telefonat mit dem Kirchenkreis, mit der Landeskirche, mit Kolleginnen und Kollegen, Abwägen und Bedenken und Beraten um die Reise dann schließlich tatsächlich abzusagen. Wir waren die ersten, die storniert haben. Alle anderen, die in der Jugendherberge angemeldet waren, sagten später ebenfalls ab.

Am Sonnabend vor dem ersten Sonntag in Corona-Zeiten dachte ich bis 20 Uhr, dass am nächsten Tag Gottesdienst würde stattfinden können. Wieder las ich im Minutentakt die Nachrichten, telefonierte, suchte das Gespräch, las erneut und schon eine Stunde später stand fest, dass wir doch nicht zum Gottesdienst zusammenkommen würden, aus guten Gründen. Auch nicht zu Gesprächskreisen, Geburtstagskaffees oder zu Andachten in der Kita, zur Konfizeit oder zur Jungen Gemeinde.

Seitdem ist alles wie in Zeitraffer passiert. Hilfsteams und Think Tanks wurden gegründet. Und meine Gedanken sind pausenlos damit beschäftigt, wie Gemeinde auch jetzt tragen und verbinden kann, trotz social distancing.

Zu Beginn der Krise dachte ich noch, ich könnte die Zeit zuhause etwas nutzen zum Lesen und Nachdenken und vielleicht zum Vorbereiten von Stoff für die Konfis oder so. Oder um Friedi zu besuchen oder Rahel. An Ostern wollten Katharina und Christian und die Kinder kommen, wir hatten uns schon mega gefreut. Naja, erstens kommt es anders und zweitens… Tatsächlich bin ich seit jenem Donnerstag wie auf Strom, ständig in Kontakt und Austausch mit dem Presbyterium, mit Gemeindeleuten und Freundinnen und Freunden, aber dabei eben auch sehr viel zuhause und ohne wirklichen, „normalen“ Kontakt.

Social distancing ist wichtig und richtig, es ist trotzdem eine miese Kiste. Ich habe das Gefühl, es wirft einen ungnädig und hart auf sich selbst und die eigenen Lebensthemen zurück. Als wäre es nicht schon schlimm genug, plötzlich in einer Welt im Krisenzustand zu leben, sich Sorgen zu machen um die Lieben, um Freunde, um die Gemeinde. Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas einmal erleben würde. Ich erlebe gerade auch viel Schönes (endlich wagt sich die Gemeinde ins Digitale, es ist sehr spannend und macht Spaß !), sicher, auch das. Aber aus der Entfernung fühlt es sich anders an. Letztens las ich von einem Priester, der seine Gemeinde hat Selfies machen lassen und die dann im Kirchrraum aufgestellt hat, um dieses Gefühl von Gegenwart in der Kirche wieder zu haben. Mich hat das zu Tränen gerührt. Weil ich meine, sein Gefühl zu teilen. Die Gemeinde fehlt mir.

Abends gibt es hier ein gemeinsames Gebet (jeweils von zuhause aus), die Glocken läuten, Kerzen werden entzündet und Texte gelesen, es wird gesungen. Zwei Mal habe ich einen Livestream geschaltet. Beim ersten Mal schaute einer zu. Gestern waren es schon fünf. Heute sollte unser Diakon übernehmen und hat es nicht geschafft. Eine Frau aus der Gemeinde schrieb mich darauf hin an, ob sie den link verpasst habe, weil sie heute wieder mitbeten wollte. Sie stelle sich extra einen Timer, weil sie dabei sein wolle. Ich war gerührt und beglückt. Morgen streame ich wieder. Und sie wird dabei sein. Beten hilft. Auch und gerade jetzt.

Neues Jahr, neue Fragen

2020 hat für mich einen ziemlich rasanten Start hingelegt. Die ersten Wochen des Jahres wollte ich eigentlich Urlaub machen, liebe Menschen besuchen und mich vom Weihnachtstrubel erholen. Stattdessen lag ich fiebrig und schlapp im Bett herum und begann den Dienst Mitte Januar mit halber Kraft, Husten und (fast) ohne Singstimme. Was mir leider erst in dem Moment auffiel, als ich beim monatlichen Taizégebet das erste Lied anstimmte. 45 Minuten Singen können ganz schön lang werden, wenn man die Töne entweder haucht, hustet oder in der Höhe überhaupt nicht hinaus bekommt. So viel Restkrankheit überraschte mich und weckte Mitleid in der Gemeinde. Es macht schon durchaus Sinn, krank einfach mal zuhause zu bleiben, wenn es irgendwie geht. Mittlerweile geht es mir aber wieder gut und die Menschen haben erfreulicher Weise auch aufgehört mir mitzuteilen, dass ich blass/krank/fertig/fiebrig/ungesund  aussehe. Wenn ich noch ein bisschen huste, dann aus purer Nostalgie.

Gerade bin ich ganz schön hibbelig, weil ich in diesem Jahr ein Mentorat für einen Vikar übernehme. Ich habe das Gefühl, dass mein Vikariat quasi gestern gewesen ist (obwohl dazwischen unfassbar viel passiert ist) und kann mich noch an das Gefühl erinnern, den ersten Gottesdienst alleine zu feiern. Auf dem Dorf in einem zu warmen  Gemeindesaal kurz nach Ostern, mit Fieber. Eine surreale Erfahrung. Ich war unfassbar aufgeregt und gleichzeitig total matschig. Am Anfang ist ja alles mega krass, jede Drehung hin oder weg vom Altar, jedes Gebet, jeder Gang zum Pult oder zur Kanzel, jede Lesung. Für die erste eigene Predigt habe ich damals drei Wochen gebraucht. Drei Wochen! DAS waren noch Zeiten. Jetzt bin ich gespannt, ob das gut gehen wird mit dem Vikar und mir. Ob ich ihn gut begleiten kann bei dem, was in den nächsten zwei Jahren bei ihm passiert. Die erste Taufe, die erste Beisetzung, die erste Hochzeit… Letztens saßen wir zusammen, planten seine ersten Wochen bei uns in der Gemeinde und er fragte mich: Würden Sie sagen, der Beruf ist stressig? (mittlerweile sind wir auf Du). Da erst wurde mir bewusst, dass solche Grundsatzfragen wohl auch dazu gehören werden. Stressig? Schon, ja. Manchmal weiß man nicht, wo einem der Kopf steht oder das Herz. Aber ich kann mir nicht vorstellen, etwas anders zu machen.

Unerwartete Fragen kommen auch in anderen Zusammenhängen. An Silvester ist die Dame verstorben, von der ich hier an anderer Stelle schon geschrieben hatte. Es hat lange gedauert, ihre letzten Tage und Wochen im Hospiz waren quälend für sie und die Angehörigen. Ihre Beisetzung war für mich die erste Amtshandlung im neuen Jahr, eine ziemliche Herausforderung und das nicht aus gesundheitlichen Gründen. Manche Menschen wirken und leben auf so schillernde und auch gebrochene Weise, dass es ein richtiger Drahtseilakt ist, einigermaßen passende Worte für die Ansprache zu finden. In diesem Fall ist es zur allgemeinen Erleichterung  gelungen, aber es war ein echter Kraftakt. Später saß ich erschöpft beim Trauerkaffee und von der linken Seite sprach mich die Ehefrau meines Vorgängers an: Bereust du es, hergekommen zu sein? Ich reagierte perplex und ausweichend und nicht halb so schlagfertig, wie ich es mir gewünscht hätte (Wirke ich denn so, als würde ich es bereuen? Doch, ich fühle mich schon sehr wohl hier, weil…).

Mittlerweile glaube ich, dass ihre Frage mehr eine Selbstaussage war. Für Vorgänger*innen im Amt ist es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit quälend zu sehen, was der Nachfolger oder die Nachfolgerin alles anders macht, es geht gar nicht anders. Ich bin froh, dass ich nicht hautnah erleben muss, was mein Nachfolger in meiner ersten Gemeinde jetzt alles anders macht. Einerseits tut es gut zu wissen, dass er da ist und sich kümmert. Andererseits versetzt mir auch einen Stich wenn ich höre, wie ein älterer Herr  von ihm schwärmt (Er weiß alles!  – was soll denn der Scheiß? NIEMAND weiß alles!). Und wenn mich jemand aus der alten Gemeinde hier in der Stadt besucht (so geschehen am Sonntag  vor einer Woche), dann steigt mir heiße Rührung in die Augen. The first cut is the deepest. Aber der Zweite hat es auch in sich.

Aus gegebenem Anlass X – Weihnachtsgrüße 2019

Liebe Lesegemeinde <3,

frohe und gesegnete Weihnachten wünsche ich euch! Hier war in den letzten Wochen mächtig was los, wie das immer so ist vor dem großen Fest. Aber ich will euch nicht gänzlich unbedacht lassen und wenigstens kurz grüßen. Habt es gut, wo auch immer ihr gerade seid. Genießt die freien Tage, hoffentlich auch mit etwas Ruhe und Zeit für euch und eure Lieben.

Folgende Predigt hielt ich am Heiligabend im Gottesdienst, der um 18 Uhr begann. Um 17.52 Uhr eilte ich mit Herzrasen ins Gemeindehaus, um die Predigt für die Christvesper auszudrucken (statt die Krippenspielpredigt aus dem Gottesdienst davor ein zweites Mal zu halten – von wegen super vorbereiteter Ordner mit allen Gottesdienstabläufen komplett in richtiger Reihenfolge, waaaah!). Im Büro ließ sich der Drucker erst nicht finden, behauptete dann, das falsche Papier zu haben und erlitt in Folge einen Papierstau, den ich erst im zweiten oder dritten Anlauf beheben konnte. Zeitgleich läuteten die Glocken, leise drang Orgelmusik an mein Ohr und ich flehte den erbost blau blinkenden Drucker an, bittebittebitte diese verdammte Predigt endlich rauszurücken. Ok, ich habe auch ein wenig rumgeschrien. Mir wurde sehr heiß. Irgendwann fand ich in den Tiefen des Druckausgabefaches ein leicht geknülltes Blatt, riss es heraus und konnte endlich drucken. Die letzten beiden Seiten der Predigt hat er allerdings eigentümlich auf zwei ungleiche Blatthälften verteilt (also noch Origami, erwähnte ich schon, dass ich Basteln hasse?). Schließlich rannte ich mit wehendem Talar zum Seiteneingang der Kirche und setzte mich zu unserem Diakon, der schon bei der Psalmlesung angekommen war.

Hinterher meinte der Organist zu mir: Sara, wo warst du denn? Ich dachte schon, du hättest den Gottesdienst vergessen! Andere dachten, mein spätes Erscheinen zum Gottesdienst war geplant. Des Effektes wegen. Ach DAS ist die neue Pfarrerin! Naja, also, Spotlight an:

Vor ungefähr zwei Wochen stellte ich fest, dass wir für unsere Krippenspiele einen Stall brauchen. Wir überlegten, telefonierten und baten jemand handwerklich Begabtes aus der Gemeinde um Hilfe. Folgendes Gespräch entspann sich:

Wie soll der Stall denn aussehen? So ganz schlicht. Links und rechts eine Wand, oben ein Dach. Kann gerne etwas kaputt aussehen.

Und wie viele Menschen sollen da rein passen? – Du kennst doch die Geschichte, oder?! Maria, Josef und das Kind mit Krippe, vielleicht noch ein paar Tiere, Ochs und Esel oder so.

Nur wenige Tage später stand er hier vorne im Altarraum. Ganz schlicht. Links und rechts eine schmale Wand, oben ein Dach – fertig war der Stall, mit noch glänzender Farbe und einem praktischen Steckmechanismus für einen schnellen Auf – und Abbau. Das erste Haus für Jesus, den Heiland aus der Stadt Davids. Sein erstes Zuhause.

Wenn Kinder beginnen, Häuser zu malen, beschränken sie sich meistens auf das Wesentliche.

Oft werden erst die Außenwände gemalt und dann das Dach obendrauf. Eingangstür und Fenster folgen. Ich habe früher immer noch einen Schornstein mit Rauch auf das Dach gesetzt, aber das ist vielleicht nicht mehr ganz aktuell.

Auf dem Papier ist so ein Haus schnell gebaut und hübsch angemalt. Wenn aus dem einfachen Haus ein Zuhause werden soll, reichen die Wände und das Dach und die Fenster aber nicht aus. Dafür werden dann die Eltern davor gemalt und die Geschwisterkinder, vielleicht auch der Hund oder die Katze. Für ein richtiges Zuhause braucht man mehr als ein einfaches Dach über dem Kopf. Ein Zuhause braucht Menschen, die man liebt und die einen lieben.

Gerade an Weihnachten kommen die Menschen nach Hause, in Wohnungen und Doppelhaushälften, in Städten und auf dem Land. Driving home for christmas. Manch überraschende Begegnung ereignet sich auf dem Heimweg. Einmal traf ich auf dem Weg ins Havelland eine Kindergartenfreundin im Bus, fast hätte ich sie nicht erkannt. Wir teilten uns die Neuigkeiten der letzten Jahre und ihre selbst gebackenen Plätzchen. Besonders war das, und rührend. An Weihnachten nach Hause zu fahren, das kann richtig schön sein.

An Weihnachten zu Hause zu sein kann richtig schön sein. Und manchmal ist es auch eine echte Herausforderung. Denn zuhause sein heißt auch, sich gegenseitig zuhause sein lassen. Auch Onkel Herbert mit seinen spätnächtlichen, fragwürdigen Diskussionen zur Lage der Welt. Auch die Schwester, die schon früher immer alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Auch die Eltern, die vielleicht schon etwas vergesslich geworden sind. Und die Cousine, die um ihren vor kurzem verstorbenen Mann trauert. Und auch sich selbst, mit den Erinnerungen und Bildern von all dem, was zuhause für einen bedeutet.

Zuhause ist mehr als ein paar Wände und ein Dach, für die Meisten. Vor manchen Eingangstüren liegen Matten mit der Aufschrift – Zuhause ist, wo dein Herz ist oder hübsch auf Englisch: Home is, where your heart is. Wer durch die Tür eintritt, kommt in einen geschützten Raum. Wo das Herz ist, ist auch Sicherheit und Geborgenheit. Ein Ort, an dem alles gut und friedlich ist. Ein Ort ohne Unruhe und Hektik, ohne Streit und Ärger. Ein Ort zum Luftholen und Auftanken.

Das Kind Jesus wurde in einem kargen Stall geboren in der Stadt Bethlehem, in der Stadt Davids. Die Menschen erzählten sich zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrhunderten die wunderbarsten Geschichten über den großen König David, der als Kind in Bethlehem zuhause war, als jüngstes Geschwisterkind, das die Schafe hütete. Niemand war tapferer, niemand klüger, musikalischer, einsichtiger und bedeutsamer als dieser Mann. Sehnsuchtsvoll erinnerte man sich an die Tage seiner Herrschaft und die seines direkten Nachfolgers und Sohnes Salomo, in denen Israel groß und mächtig war – ein sicheres Land. Als niemand Angst haben brauchte vor Krieg und Vertreibung. Als die Vorkehrungen zum Bau des herrlichen Tempels getroffen wurden, der später von Salomo errichtet wurde. Mit 15 Meter hohen Wänden aus starken Steinen und mit mit Dachbalken aus Zedernholz, einer Vorhalle und im inneren dem Allerheiligsten. Der Tempel in dem Gott zuhause war. Das Haus Gottes. Die Menschen erinnerten sich an diese glanzvolle Zeit, besonders wenn sie es gerade schwer hatten. Wenn Krieg das Land beherrschte und Gewalt und Vertreibung seine Bewohner in Angst und Schrecken versetzte. Wenn die Menschen ihr zuhause verloren hatten und im Exil verzweifelt nach Hoffnung suchten. Ein Prophet namens Ezechiel, selbst unfreiwillig fern von der Heimat, traumatisiert von Kriegserfahrungen, fand strahlende Worte für seine Sehnsucht:

24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Zwischen diesen Zeilen klingt, meine ich, das Heimweh der Menschen an. Der tiefe Wunsch auf Rückkehr in die Gegend, in der jeder Baum und jedes Haus einem vertraut ist. Wo man die Gerüche und Klänge kennt und man sich auskennt. Wo man weiß, wer man ist und warum. Ein sicherer, geschützter Ort. Alle Menschen brauchen ein Zuhause. Alle Menschen haben ein Zuhause verdient, zusammen mit ihren Lieben. Niemand sollte, egal ob durch Krieg oder Gewalt oder Katastrophen, seine Heimat verlassen müssen. In unserem Wunsch nach einem Zuhause, nach Frieden und Sicherheit gleichen wir uns. Über Jahrhunderte, Kontinente und Ländergrenzen hinweg.

Ich höre in Ezechiels Worten aber noch etwas darüber hinaus. Als Prophet spricht er nicht für sich selbst, sondern er verkündet die Botschaft Gottes unter den Menschen. Auch Gott hat Sehnsucht. Sehnsucht nach den Menschen, bei denen er sein will, denen er nahe sein will. Gott will bei den Menschen zuhause sein. Bei ihnen ankommen, sie nicht mehr verlassen.

In jener Nacht, in dem schlichten Stall in Bethlehem hat Gott Wohnung bei den Menschen genommen. Eine Wand links, eine Wand rechts, obendrauf ein Dach – zugig war es hier und ungeschützt. Statt eines mächtigen Tempels hat er einen Ort gewählt, der gar kein Zuhause ist, sondern eine Notunterkunft, ein tempo-home. So kommt Gott zu den Menschen – schutzlos und bedürftig, auf die Liebe der Eltern und den guten Willen der Menschen um ihn herum angewiesen, auf der Flucht. Gott zeigt sich grenzenlos mutig.

Der Ort Bethlehem schafft die Verbindung zu König David, der so groß und mächtig und herrlich geherrscht hat. Das Kind in der Krippe steht in dessen Nachfolge. Doch Jesu Königtum ist anderer Natur. Sein Ziel ist nicht Macht oder Ausdehnung oder die eigene Sicherheit – sein Ziel ist Begegnung mit den Menschen, sie mit hinein zu nehmen in Gottes heilvolle Nähe. Gottes Reich auf Erden begann so Gestalt anzunehmen, ohne Paläste und große Tempel, aber in den Herzen der Menschen. Das tut es bis heute.

Überall dort, wo Liebe regiert und Menschen heil werden. Dort, wo auf Gewalt verzichtet und Gerechtigkeit gelebt wird. Überall da, wo Menschen von Frieden träumen und von einer besseren Welt. Überall da, wo Hoffnung stärker ist als Resignation und Menschen Vertrauen wagen und helfen und handeln. Gott hat sich in diese Welt hineingewagt, um sie zu einem Zuhause für sich und alle Menschen zu machen.

Wir feiern Weihnachten. Das Kind wurde geboren. Der Anfang liegt in einem Stall. Was daraus folgen kann, liegt in unseren Herzen und Händen. Heißen wir das Kind willkommen in unserem Leben? Öffnen wir ihm die Tür? Auch das ist ein Wagnis. Jemanden ins Herz zu schließen ist immer auch mit Mut verbunden. Wer es wagt, darf staunen und sieht die Welt mit neuen Augen, so wie es dir Hirten in jener Nacht erfahren und Maria und Josef im Stall erzählt haben:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Amen.

Summertime, and the livin’ was easy

Vor gar nicht allzu langer Zeit geschah es, dass ich an einem predigtfreien Wochenende samstagnachmittags mein Zelt, Isomatte und Schlafsack, Badesachen und ein paar Klamotten schnappte und spontan zu einem Festival fuhr. Im Auto konnte ich mein Glück kaum fassen. EIN FESTIVAL! Gar nicht so super weit weg, hurra! Es war eines der letzten heißen Wochenenden des Sommers und ich freute mich auf meine Leute, auf frische Luft, den nahen See, kühle Getränke, Musik und Tanzen. Und klar, auch auf einen kurzen Ausstieg aus der pastoralen Rolle.

Auf dem Zeltplatz angekommen finde ich die anderen schnell, das erste Bier wird noch vor dem Zeltaufbau geöffnet. Zufrieden und neugierig schaue ich mich von der Picknickdecke aus um: so viele schöne, hippe und entspannte Menschen überall, einige mit Kindern. Fast wie früher, denke ich. Nur, dass zwischen unseren Zelten jetzt auch Kinder herumkrabbeln und Niedlichkeit verbreiten. Ein Nachwuchsproblem hat die Festivalgemeinde jedenfalls nicht, außerdem genießt die Zukunft eine gute musikalische Früherziehung. Schön für sie.

Friedi kommt auch dazu, als gerade das Zelt fertig aufgebaut ist. Sie hat wilde Pläne, nachts um drei soll ein Freund von uns auflegen. Ich ahne schon, dass ich so lange wohl nicht durchhalten werde. Das finde ich gar nicht so schlimm, um mal wieder Gisbert (zu Knyphausen) zu zitieren, den ich an diesem denkwürdigen Tag laut Zeugenaussagen zweimal knapp verpasst habe. Ein Lebensthema scheint sich (auch schön länger) abzuzeichnen. Traurigkeit kommt trotzdem nicht auf, dafür scheint die Sonne zu schön ins Gemüt und die Gesellschaft ist auch ohne Gisbert vergnüglich genug. Wir flanieren zwischen Feldern und Bühnen umher, in Sommerklamotten und Trinklaune. An einer Kreuzung treffe ich einen Typen, der mir bekannt vorkommt. War das nicht dieser Mensch, der im Konficamp den einen Workshop geleitet hat? Na klar! Als ich ihn grüße guckt er ähnlich verwirrt wie ich mich fühle. Vielleicht sehe ich für ihn komisch aus, so ganz ohne pubertierende Jugendliche um mich herum. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, der erste.

Als wir zurück zu unserem Zelten gehen, bemerke ich im Eingangsbereich eine Gruppe schlaksiger Jungs, die doch irgendwie…Hej Sara! ruft es von dem Campingstisch her und ich erkenne welche von den Jugendlichen, mit denen ich vor zwei Jahren im fernen Süden unterwegs war. Mittlerweile haben sie alle Abi gemacht und sind in die Welt gestartet mit Auslandsaufenthalten, Studienbeginnen und den Dingen, die man eben so macht mit Anfang 20. Also auch Festivals. Und Flunkyball spielen. Kurz bleibe ich stehen (ich mag die ja auch) und überzeuge mich davon, dass es den Jungs gut ergangen ist. Als sie mich zu einer Runde Flunkyball (die Jugend spricht es heutzutage englisch aus, irritierend) einladen, lehne ich dankend ab. Ich hab ja schon ein Wegbier in der Hand und außerdem – vor Jugendlichen aus dem Kirchenkreis betrunken durch die Gegend stolpern – besser nicht. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, der zweite.

Am nächsten Vormittag liege ich frisch gebadet und leicht fröstelnd am See. Der Wind weht frisch, zum Glück gibt es einen Kaffeestand und somit heiße Getränke. Ich versorge mich mit einer Goldenen Milch (und amüsiere mich etwas über mich selbst, weil ich von dem – leckeren! – Getränk noch nie etwas gehört habe) und später noch einem Kaffee. Der Barista macht seinen Job gut. Meine Freunde erzählen, dass er ihnen tags zuvor von seinen Glaubensüberzeugungen erzählt hat. Mit Kirche habe er es ja nicht so. Die Natur sei seine Kirche, die reiche ihm für seinen Glauben. Und wie ich da unter dem blauen Himmel in einer herrlichen Naturkulisse auf einer Decke sitze und heiße Getränke schlürfe, fange ich an mich zu ärgern. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, die dritte.

Was haben die Leute bloß immer mit ihrem „im Wald bin ich Gott nahe“ -Ding? Jaaa, die Natur kann atemberaubend schön sein und natürlich müssen wir dringend die Schöpfung bewahren, aber was hilft denn die Natur bei den großen Sinnfragen? Der Stärkere setzt sich durch, wie tröstlich ist das denn tatsächlich? Und das Rascheln der Blätter im Wald erzählt mir keine Geschichten von Liebe und Menschlichkeit, von Suchen und Finden und Hoffen über den Tod hinaus. Wem Jesus höchstpersönlich auf einsamen Waldwegen begegnet, der hat vielleicht noch ganz andere issues. Eine Gemeinde, so spleenig und eigen (siehe vorletzter Blogeintrag) sie teilweise sein mag, ist doch auch total wichtig. Weil Menschen versuchen, miteinander ihren Glauben zu leben, so wie er eben ist. Nicht ganz rund, manchmal hart an der Grenze, aber in Bewegung und im Austausch, gemeinsam. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, die vierte. Ich bin froh, dabei sein zu sein.

Aus gegebenem Anlass IX (Predigt zum Blogeintrag „Nach der Predigt“)

Es ist genau eine Woche her, dass wir Erntedank zusammen mit unserer Kita gefeiert haben. Der Altar war geschmückt mit Brot und Weintrauben. Auf den Stufen zum Altar dufteten Kräuter, Obst und und Gemüse um die Wette – ein Fest für die Sinne. Dem Charme der kleinen Kitakinder, die den Gottesdienst mit gestaltet haben, konnte sich wohl kaum jemand entziehen. Die Kirche war gefüllt mit trubelig buntem Leben und Fröhlichkeit – so ließ es sich gut und leicht danken.

Die Kinder, gingen einem schon ganz schön ans Herz, mir ging es jedenfalls so. Ich glaube, das ist gut so. Und ich glaube, das verweist noch auf etwas anderes, das neben dem Danken, genauso mit dem Erntefest zu tun hat.

Ich frage mich, werden diese Jungen und Mädchen in zehn Jahren immer noch vergnügt in der Kirche mit uns Erntedank feiern? Oder werden sie uns entrüstend und wütend vorhalten, dass wir ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt haben? Wir wissen nicht, ob die Fridays for future – Bewegung in zehn Jahren noch von Bedeutung sein wird. Der Klimawandel und seine Folgen jedenfalls werden uns sicherlich in Atem halten. Und dass Kinder und Heranwachsende ihrem Ärger und ihrer Wut in irgendeiner Form Luft machen werden, halte ich für wahrscheinlich.

Haben Sie die Aufnahme von Greta Thunbergs Rede bei den Vereinten Nationen gesehen? How dare you – Was fällt euch ein?! Da sitzt ein 16jähriges Mädchen mit bebender Stimme und einer mühevoll beherrschten Wut und appelliert an die Weltöffentlichkeit – dieses Kind, diese Jugendliche geht mir auch ans Herz, wenn auch auf andere Weise als unsere Kitakinder. Ihr unnachgiebiger Ärger, ihre Standhaftigkeit – sie befremdet und beunruhigt und stört. Große Vergleiche werden in den Medien aufgetan. Ist sie die neue Jeanne d´Arc? Oder der neue Martin Luther, die da steht und nicht anders kann? An Greta kommt im Moment kaum jemand ungerührt vorbei – von Begeisterung und Zustimmung bis hin zu abgrundtiefem Hass reichen die Reaktionen. Letztere wirken zusätzlich beunruhigend und verstörend. In was für einer Welt leben wir eigentlich, in der 16jährige Mädchen für ihr Engagement für die Umwelt derart bedroht und beschimpft werden?

Für mich hat Greta Thunberg etwas Prophetisches an sich. Als stünde sie da und könne nicht anders. Prophetinnen und Propheten hatten zur Zeit als Könige Israel und Juda regierten, vor allem politische Funktion. Sie hielten den Machthabern und dem Volk den Spiegel vor Augen, deuteten das Geschehen und warnten vor Fehlentscheidungen. Besonders harsch kritisierten sie da, wo Unschuldige leiden und Arme ausgenutzt wurden. Der Prophet des Ersten Testaments ist immer Anwalt der Schwachen und Unterdrückten. Wie auch der Gott, der ihn oder sie dazu beauftragt und dessen Botschaften der Prophet mit Worten und seiner ganzen Existenz verkündigt. Zum Erntedanktag 2.0 in diesem Jahr/für Erwachsene/ohne Kita/im zweiten Anlauf hören wir auf Worte des Propheten Jesaja:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Diese prophetischen Worte entstanden im 6. Jahrhundert vor Christus. Nach dem babylonischen Exil kehrt das Volk heim. Endlich kommen sie zurück in die heilige Stadt Jerusalem, zurück zum Tempel und finden ihre Heimat, nach der sie sich so lange gesehnt hatten, in Schutt und Asche. Die Heimgekehrten sehen sich nun mit schmerzlichen Fragen konfrontiert. Wie passt dieser Trümmerhaufen zusammen mit dem zugesagten Heil, auf das sie im Exil alle hingehofft hatten? Was bedeutet das für die Zukunft Jerusalems und des neu aufzubauenden Tempels?

Der Prophet Jesaja findet in den Worten unseres Predigttextes eine Deutung, eine unbequeme Deutung.

Zunächst kritisiert er mahnend die vorherrschende Fastenpraxis der Männer und Frauen und ihre Unzufriedenheit über die ausbleibende Reaktion Gottes. Eine wahrhaft gottgefällige Fastenpraxis habe weniger mit Selbstkasteiung und Selbsterniedrigung vor Gott zu tun, als mit der Aufhebung unrechtmäßiger hierarchischer Verhältnisse. Es ist nicht mit innerem und äußeren Fasten getan, das Verhalten des Volkes muss sich grundlegend ändern. Jesaja geht es um Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Ihm geht es darum, „den Hungrigen dein Herz finden zu lassen“. Also führt Jesaja ganz konkret auf, wo Hilfe nötig ist: Brot für die Hungrigen, ein Dach für die Obdachlosen, Kleidung für Nackte.

Und dann lässt Jesaja seine Forderungen nicht in eine typisch prophetische Gerichtsansage münden, sondern in etwas Stärkeres.

Auf diesem Verhalten wird Segen ruhen, verheißt Jesaja. Ein Segen, der Leben schafft und die Herrlichkeit Gottes anschaulich werden lässt. Wie das Licht der Morgenröte, wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Wie die heilvolle Aussicht auf den Wiederaufbau des Tempels.

Nicht Angst vor Gottes Gericht soll der Antrieb sein, sondern Vertrauen auf die Gültigkeit seiner Verheißungen.

Deshalb ist es wichtig, den Text im Kontext zu betrachten. Die ethischen Forderungen des Jesajas – „wenn du einen nackt siehst, kleide ihn“ sind Antworten auf Gottes Versprechen am Ende des 57. Kapitels. Da verheißt Gott dem Volk Heilung und Trost, Frieden in der Ferne und in der Nähe. Das Heil ist schon verheißen, es geht den Taten, die die Welt verändern sollen, voran. Dieses versprochene Heil spiegelt sich dann, wenn Menschen aufeinander achtgeben, miteinander teilen, den Nächsten in den Blick nehmen.

Wenn wir teilen wird Gottes alte Verheißung von Frieden und Heil heute erlebbar. Wir können sie so in die Gegenwart ziehen. Es liegt an uns, ob sie auch für die Zukunft von Bedeutung sein soll.

Unsere Heilige Schrift spricht eine deutliche Sprache. Unser Gott wendet sich stets an die Armen, Benachteiligten und Schwachen. Es geht um Heilung, Frieden und Gerechtigkeit – für alle Menschen, für die gesamte Schöpfung.

An unseren Gott und seine befreiende Botschaft glauben heißt, dass wir nicht bei Dankbarkeit stehen bleiben können. Unser Glaube ist nicht bequem. Er hinterfragt und durchleuchtet und schleudert uns hinaus in eine Welt, die von Egoismus und Machtgier geprägt ist. Eine Welt, in der Kinder uns auf die umwälzenden Gefahren aufmerksam machen, auf die wir zusteuern. Kinder, die Angst um ihre Zukunft haben. Kinder, die in diesen Wochen und Monaten Wege in unsere Herzen suchen.

Glauben heißt auch, Gott antworten. Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Wer kann denn einen Unterschied in dieser Welt machen, wenn nicht wir? Und was soll sein, wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen?

In all dem gibt es etwas Wunderbares:

Wir handeln aus Hoffnung heraus. Hoffnung darauf, dass Gottes Verheißung auf Frieden und Heil und Gerechtigkeit uns heute und morgen auch noch gelten wird. Die Zukunft ist sein Land. Er kommt uns entgegen. Uns und den kleinen und größeren Kindern, den fröhlichen und ängstlichen und auch den wütenden Kindern.

Lasst uns leben im Licht seiner Verheißung, lasst uns Wandeln im Licht seiner Verheißung und unsere Herzen für diese Kinder öffnen. Und dann staunen, was alles möglich sein wird.

Amen