Summertime, and the livin’ was easy

Vor gar nicht allzu langer Zeit geschah es, dass ich an einem predigtfreien Wochenende samstagnachmittags mein Zelt, Isomatte und Schlafsack, Badesachen und ein paar Klamotten schnappte und spontan zu einem Festival fuhr. Im Auto konnte ich mein Glück kaum fassen. EIN FESTIVAL! Gar nicht so super weit weg, hurra! Es war eines der letzten heißen Wochenenden des Sommers und ich freute mich auf meine Leute, auf frische Luft, den nahen See, kühle Getränke, Musik und Tanzen. Und klar, auch auf einen kurzen Ausstieg aus der pastoralen Rolle.

Auf dem Zeltplatz angekommen finde ich die anderen schnell, das erste Bier wird noch vor dem Zeltaufbau geöffnet. Zufrieden und neugierig schaue ich mich von der Picknickdecke aus um: so viele schöne, hippe und entspannte Menschen überall, einige mit Kindern. Fast wie früher, denke ich. Nur, dass zwischen unseren Zelten jetzt auch Kinder herumkrabbeln und Niedlichkeit verbreiten. Ein Nachwuchsproblem hat die Festivalgemeinde jedenfalls nicht, außerdem genießt die Zukunft eine gute musikalische Früherziehung. Schön für sie.

Friedi kommt auch dazu, als gerade das Zelt fertig aufgebaut ist. Sie hat wilde Pläne, nachts um drei soll ein Freund von uns auflegen. Ich ahne schon, dass ich so lange wohl nicht durchhalten werde. Das finde ich gar nicht so schlimm, um mal wieder Gisbert (zu Knyphausen) zu zitieren, den ich an diesem denkwürdigen Tag laut Zeugenaussagen zweimal knapp verpasst habe. Ein Lebensthema scheint sich (auch schön länger) abzuzeichnen. Traurigkeit kommt trotzdem nicht auf, dafür scheint die Sonne zu schön ins Gemüt und die Gesellschaft ist auch ohne Gisbert vergnüglich genug. Wir flanieren zwischen Feldern und Bühnen umher, in Sommerklamotten und Trinklaune. An einer Kreuzung treffe ich einen Typen, der mir bekannt vorkommt. War das nicht dieser Mensch, der im Konficamp den einen Workshop geleitet hat? Na klar! Als ich ihn grüße guckt er ähnlich verwirrt wie ich mich fühle. Vielleicht sehe ich für ihn komisch aus, so ganz ohne pubertierende Jugendliche um mich herum. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, der erste.

Als wir zurück zu unserem Zelten gehen, bemerke ich im Eingangsbereich eine Gruppe schlaksiger Jungs, die doch irgendwie…Hej Sara! ruft es von dem Campingstisch her und ich erkenne welche von den Jugendlichen, mit denen ich vor zwei Jahren im fernen Süden unterwegs war. Mittlerweile haben sie alle Abi gemacht und sind in die Welt gestartet mit Auslandsaufenthalten, Studienbeginnen und den Dingen, die man eben so macht mit Anfang 20. Also auch Festivals. Und Flunkyball spielen. Kurz bleibe ich stehen (ich mag die ja auch) und überzeuge mich davon, dass es den Jungs gut ergangen ist. Als sie mich zu einer Runde Flunkyball (die Jugend spricht es heutzutage englisch aus, irritierend) einladen, lehne ich dankend ab. Ich hab ja schon ein Wegbier in der Hand und außerdem – vor Jugendlichen aus dem Kirchenkreis betrunken durch die Gegend stolpern – besser nicht. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, der zweite.

Am nächsten Vormittag liege ich frisch gebadet und leicht fröstelnd am See. Der Wind weht frisch, zum Glück gibt es einen Kaffeestand und somit heiße Getränke. Ich versorge mich mit einer Goldenen Milch (und amüsiere mich etwas über mich selbst, weil ich von dem – leckeren! – Getränk noch nie etwas gehört habe) und später noch einem Kaffee. Der Barista macht seinen Job gut. Meine Freunde erzählen, dass er ihnen tags zuvor von seinen Glaubensüberzeugungen erzählt hat. Mit Kirche habe er es ja nicht so. Die Natur sei seine Kirche, die reiche ihm für seinen Glauben. Und wie ich da unter dem blauen Himmel in einer herrlichen Naturkulisse auf einer Decke sitze und heiße Getränke schlürfe, fange ich an mich zu ärgern. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, die dritte.

Was haben die Leute bloß immer mit ihrem „im Wald bin ich Gott nahe“ -Ding? Jaaa, die Natur kann atemberaubend schön sein und natürlich müssen wir dringend die Schöpfung bewahren, aber was hilft denn die Natur bei den großen Sinnfragen? Der Stärkere setzt sich durch, wie tröstlich ist das denn tatsächlich? Und das Rascheln der Blätter im Wald erzählt mir keine Geschichten von Liebe und Menschlichkeit, von Suchen und Finden und Hoffen über den Tod hinaus. Wem Jesus höchstpersönlich auf einsamen Waldwegen begegnet, der hat vielleicht noch ganz andere issues. Eine Gemeinde, so spleenig und eigen (siehe vorletzter Blogeintrag) sie teilweise sein mag, ist doch auch total wichtig. Weil Menschen versuchen, miteinander ihren Glauben zu leben, so wie er eben ist. Nicht ganz rund, manchmal hart an der Grenze, aber in Bewegung und im Austausch, gemeinsam. Zack, Pfarrerinnen-Alarm, die vierte. Ich bin froh, dabei sein zu sein.

Aus gegebenem Anlass IX (Predigt zum Blogeintrag „Nach der Predigt“)

Es ist genau eine Woche her, dass wir Erntedank zusammen mit unserer Kita gefeiert haben. Der Altar war geschmückt mit Brot und Weintrauben. Auf den Stufen zum Altar dufteten Kräuter, Obst und und Gemüse um die Wette – ein Fest für die Sinne. Dem Charme der kleinen Kitakinder, die den Gottesdienst mit gestaltet haben, konnte sich wohl kaum jemand entziehen. Die Kirche war gefüllt mit trubelig buntem Leben und Fröhlichkeit – so ließ es sich gut und leicht danken.

Die Kinder, gingen einem schon ganz schön ans Herz, mir ging es jedenfalls so. Ich glaube, das ist gut so. Und ich glaube, das verweist noch auf etwas anderes, das neben dem Danken, genauso mit dem Erntefest zu tun hat.

Ich frage mich, werden diese Jungen und Mädchen in zehn Jahren immer noch vergnügt in der Kirche mit uns Erntedank feiern? Oder werden sie uns entrüstend und wütend vorhalten, dass wir ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt haben? Wir wissen nicht, ob die Fridays for future – Bewegung in zehn Jahren noch von Bedeutung sein wird. Der Klimawandel und seine Folgen jedenfalls werden uns sicherlich in Atem halten. Und dass Kinder und Heranwachsende ihrem Ärger und ihrer Wut in irgendeiner Form Luft machen werden, halte ich für wahrscheinlich.

Haben Sie die Aufnahme von Greta Thunbergs Rede bei den Vereinten Nationen gesehen? How dare you – Was fällt euch ein?! Da sitzt ein 16jähriges Mädchen mit bebender Stimme und einer mühevoll beherrschten Wut und appelliert an die Weltöffentlichkeit – dieses Kind, diese Jugendliche geht mir auch ans Herz, wenn auch auf andere Weise als unsere Kitakinder. Ihr unnachgiebiger Ärger, ihre Standhaftigkeit – sie befremdet und beunruhigt und stört. Große Vergleiche werden in den Medien aufgetan. Ist sie die neue Jeanne d´Arc? Oder der neue Martin Luther, die da steht und nicht anders kann? An Greta kommt im Moment kaum jemand ungerührt vorbei – von Begeisterung und Zustimmung bis hin zu abgrundtiefem Hass reichen die Reaktionen. Letztere wirken zusätzlich beunruhigend und verstörend. In was für einer Welt leben wir eigentlich, in der 16jährige Mädchen für ihr Engagement für die Umwelt derart bedroht und beschimpft werden?

Für mich hat Greta Thunberg etwas Prophetisches an sich. Als stünde sie da und könne nicht anders. Prophetinnen und Propheten hatten zur Zeit als Könige Israel und Juda regierten, vor allem politische Funktion. Sie hielten den Machthabern und dem Volk den Spiegel vor Augen, deuteten das Geschehen und warnten vor Fehlentscheidungen. Besonders harsch kritisierten sie da, wo Unschuldige leiden und Arme ausgenutzt wurden. Der Prophet des Ersten Testaments ist immer Anwalt der Schwachen und Unterdrückten. Wie auch der Gott, der ihn oder sie dazu beauftragt und dessen Botschaften der Prophet mit Worten und seiner ganzen Existenz verkündigt. Zum Erntedanktag 2.0 in diesem Jahr/für Erwachsene/ohne Kita/im zweiten Anlauf hören wir auf Worte des Propheten Jesaja:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Diese prophetischen Worte entstanden im 6. Jahrhundert vor Christus. Nach dem babylonischen Exil kehrt das Volk heim. Endlich kommen sie zurück in die heilige Stadt Jerusalem, zurück zum Tempel und finden ihre Heimat, nach der sie sich so lange gesehnt hatten, in Schutt und Asche. Die Heimgekehrten sehen sich nun mit schmerzlichen Fragen konfrontiert. Wie passt dieser Trümmerhaufen zusammen mit dem zugesagten Heil, auf das sie im Exil alle hingehofft hatten? Was bedeutet das für die Zukunft Jerusalems und des neu aufzubauenden Tempels?

Der Prophet Jesaja findet in den Worten unseres Predigttextes eine Deutung, eine unbequeme Deutung.

Zunächst kritisiert er mahnend die vorherrschende Fastenpraxis der Männer und Frauen und ihre Unzufriedenheit über die ausbleibende Reaktion Gottes. Eine wahrhaft gottgefällige Fastenpraxis habe weniger mit Selbstkasteiung und Selbsterniedrigung vor Gott zu tun, als mit der Aufhebung unrechtmäßiger hierarchischer Verhältnisse. Es ist nicht mit innerem und äußeren Fasten getan, das Verhalten des Volkes muss sich grundlegend ändern. Jesaja geht es um Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Ihm geht es darum, „den Hungrigen dein Herz finden zu lassen“. Also führt Jesaja ganz konkret auf, wo Hilfe nötig ist: Brot für die Hungrigen, ein Dach für die Obdachlosen, Kleidung für Nackte.

Und dann lässt Jesaja seine Forderungen nicht in eine typisch prophetische Gerichtsansage münden, sondern in etwas Stärkeres.

Auf diesem Verhalten wird Segen ruhen, verheißt Jesaja. Ein Segen, der Leben schafft und die Herrlichkeit Gottes anschaulich werden lässt. Wie das Licht der Morgenröte, wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Wie die heilvolle Aussicht auf den Wiederaufbau des Tempels.

Nicht Angst vor Gottes Gericht soll der Antrieb sein, sondern Vertrauen auf die Gültigkeit seiner Verheißungen.

Deshalb ist es wichtig, den Text im Kontext zu betrachten. Die ethischen Forderungen des Jesajas – „wenn du einen nackt siehst, kleide ihn“ sind Antworten auf Gottes Versprechen am Ende des 57. Kapitels. Da verheißt Gott dem Volk Heilung und Trost, Frieden in der Ferne und in der Nähe. Das Heil ist schon verheißen, es geht den Taten, die die Welt verändern sollen, voran. Dieses versprochene Heil spiegelt sich dann, wenn Menschen aufeinander achtgeben, miteinander teilen, den Nächsten in den Blick nehmen.

Wenn wir teilen wird Gottes alte Verheißung von Frieden und Heil heute erlebbar. Wir können sie so in die Gegenwart ziehen. Es liegt an uns, ob sie auch für die Zukunft von Bedeutung sein soll.

Unsere Heilige Schrift spricht eine deutliche Sprache. Unser Gott wendet sich stets an die Armen, Benachteiligten und Schwachen. Es geht um Heilung, Frieden und Gerechtigkeit – für alle Menschen, für die gesamte Schöpfung.

An unseren Gott und seine befreiende Botschaft glauben heißt, dass wir nicht bei Dankbarkeit stehen bleiben können. Unser Glaube ist nicht bequem. Er hinterfragt und durchleuchtet und schleudert uns hinaus in eine Welt, die von Egoismus und Machtgier geprägt ist. Eine Welt, in der Kinder uns auf die umwälzenden Gefahren aufmerksam machen, auf die wir zusteuern. Kinder, die Angst um ihre Zukunft haben. Kinder, die in diesen Wochen und Monaten Wege in unsere Herzen suchen.

Glauben heißt auch, Gott antworten. Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Wer kann denn einen Unterschied in dieser Welt machen, wenn nicht wir? Und was soll sein, wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen?

In all dem gibt es etwas Wunderbares:

Wir handeln aus Hoffnung heraus. Hoffnung darauf, dass Gottes Verheißung auf Frieden und Heil und Gerechtigkeit uns heute und morgen auch noch gelten wird. Die Zukunft ist sein Land. Er kommt uns entgegen. Uns und den kleinen und größeren Kindern, den fröhlichen und ängstlichen und auch den wütenden Kindern.

Lasst uns leben im Licht seiner Verheißung, lasst uns Wandeln im Licht seiner Verheißung und unsere Herzen für diese Kinder öffnen. Und dann staunen, was alles möglich sein wird.

Amen

Nach der Predigt

Sonntag, 06. Oktober 2019 gegen 11 Uhr:

Eine kleine Gruppe findet sich zum Kaffee nach dem Gottesdienst zusammen. Dabei sind Mitglieder des Presbyteriums und Partnerinnen, zwei Seniorinnen und ein Pfarrehepaar (im Ruhestand). Wir wärmen uns auf und reden über die nächsten Konzerte und Gemeindeveranstaltungen. Ich bin seit einer Woche ziemlich erkältet und froh, dass ich während des Dienstes meine Stimme nicht verloren habe und freue mich auf eine warme Suppe zuhause. Unvermittelt geht es los.

Einer: Also,um nochmal auf deine Predigt zurück zu kommen, wegen Greta Thunberg. Ich finde es völlig übertrieben, wie sie dargestellt wird. So als Heilige Schwedens! Das ist doch total überzogen.

Eine: Sie hat doch auch dieses Buch geschrieben mit dem Titel „Ich will, dass ihr Panik habt.“

Eine: Wer kann schon sagen, ob nicht ihre Eltern eigentlich dahinter stecken?

Eine: Hat sie nicht auch diese Krankheit? Diese Form von Autismus“

Ich: Sie hat Asperger und geht damit auch offen um. Aber lieber „Einer“, dir ist schon aufgefallen, dass ich sie nicht als Heilige bezeichnet habe, oder? Mr ging es in der Predigt um etwas anderes.

Er: Mich stört einfach, dass sie so allgemeine Aussagen macht und solche Vorwürfe in den Raum stellt. Sie hat doch gar kein politisches Konzept.

Ich: Sie ist 16. Und sollten nicht eher wir gemeinsam mit der Politik so ein Konzept erarbeiten? Das kann doch nicht die Aufgabe der Kinder sein!

Eine zischt: Ich hasse dieses Mädchen, sie ist einfach völlig unmöglich (verschwindet dann in der Küche um Abzuwaschen).

Eine: Und der Klimawandel, wer weiß, ob der nicht sowieso gekommen wäre, nur vielleicht nicht so schnell?

Einer: Liebe Eine, dass der Klimewandel menschenverschuldet ist, ist ja wohl eine Tatsache. Aber wir brauchen ein politisches Konzept um etwas tun zu können.

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Etwas später auf dem Heimweg. Das Pfarrehepaar und ich reden noch einmal über den Gottesdienst, die Gesprächsrunde und meine Predigt. Ich bin mitgenommen und durchgerüttelt von den Reaktionen. In der Gemeinde gibt es auch Menschen, die ganz anders denken, doch die waren heute nicht da.

Ich: Mich erschrecken solche Reaktionen wie eben gerade. Puh.

Er: Aber es ist doch gut, wenn du so sprichst und predigst. Du willst ja gerade diese Leute erreichen.

Ich: Es ist schon ein deutliches Anecken. Warum haben die sich an dem Greta-Thema so aufgezogen? Darum ging es doch gar nicht vordergründig.

Sie: Wolltest du nicht sagen, dass wir uns für die Kinder für die Zukunft einsetzen müssen?

Ich: Ja genau.

Sie: Es geht um Verantwortung und Teilen. Du meintest ja auch, Greta hat etwas Prophetisches an sich. Ich habe darüber nachgedacht und glaube, das stimmt auch. Prophetinnn und Propheten im Alten Testament haben ja auch laut gesprochen und Aufmerksamkeit bekommen und haben Anstoß erregt.

Er: Irgendwas war heute auch anders mit deiner Predigt als sonst. Sonst kann ich dir so gut folgen, es ist bilderreich. Aber den Mittelteil habe ich überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Und am Ende war es dann für mich auch kurz. Hast du es vielleicht zu stark durchdacht?

Ich (zunehmend bedrückt): Hm, ich hatte ein ganz anderes Gefühl beim Schreiben…

Sie: Aber die Lieder waren sehr schön! Und sie haben gut gepasst zur Predigt und dem Thema des Gottesdienstes.

Spiele und andere Katastrophen

Ein Spiel, das ich vor Jahren mal aus Taizé mit nach Hause gebracht habe, geht so:

Eine*r aus der Gruppe verlässt den Raum. In der Zwischenzeit beschließen die anderen eine Person aus dem Kreis der Gruppe, die „dran“ sein soll. Der Mensch von draußen wird wieder reingeholt und hat nun die Aufgabe herauszufinden, wen die Gruppe ausgewählt hat. Das macht er oder sie über Fragen wie „Wenn die Person eine Farbe wäre, welche Farbe hätte sie…?“ oder „Wenn die Person ein Land wäre, welches wäre sie..?“. Hier geht es also um Assoziation und auch um Selbst – und Fremdwahrnehmung.

Eigentlich bin ich ein ausgemachter Spielemuffel. Kaum eine*r aus meinem Freundeskreis würde auf die Idee kommen, mich auf einen Spieleabend mit Risiko oder die Siedler von Catan einzuladen. Grau-en-voll. Mir ist klar, dass ich dabei auch auf Geselligkeit verzichte. Wahrscheinlich werde ich niemals Teil eines Doppelkopf-Teams oder einer regelmäßigen Pokerrunde. Manche haben vielleicht etwas Mitleid mit mir. Ich bin zufrieden, wenn ich liebe Menschen, etwas zum Essen und Trinken und im Idealfall noch Musik da habe. Dass ich auf zu vielen Geburtstagen Werwölfe im Düsterwald spielen musste, erwähnte ich hier schon an anderer Stelle. Betrüblich ist: die Konfis lieben es. Obwohl sie nicht einmal besonders gut darin sind. Sie denken sich dann irgendwelche abstrusen Geschichten aus („Ich hab doch nachts Licht bei dir im Haus gesehen!“ „Du bist doch bei Mondlicht durchs Dorf gelaufen!“), diskutieren nicht lange (war es nicht das, was angeblich Spaß machen soll?), aber lautstark und bringen ratz fatz irgendwelche unbescholtenen Bürger*innen um, die nix getan haben. Die Konfis haben trotzdem ihre Freude an den Werwölfen. Das freut mich dann auch. Ein bisschen.

Gestern hatten wir Mini-JG. Weil wir uns nur einmal im Monat zur Konfizeit sehen, verabreden wir uns zusätzlich an einem Abend, an dem die Jugendlich einfach so Zeit miteinander verbringen. Sprich: Werwölfe. Seufz. Um der Misere einmal zu entkommen, wollte ich gestern mal einen Film gucken (Sister Act), die Vorfreude war groß. Ich hatte alles gut vorbereitet, Film gekauft und auf dem Laptop ausprobiert, Technik im Gemeindesaal gecheckt (Leinwand, Beamer, Ton – einwandfrei) und pünktlich zum Vorführbeginn tauchte der garstige Fehler 7279 auf und machte ein Abspielen unmöglich. Während ich mit verschiedenen Geräten und Kontaktieren mit dem Kundenservice bei mir im Büro hektisch und teilweise böse fluchend versuchte, den Film doch noch zum Laufen zu bekommen, spielte die Jugend Werwölfe. Sie hatten Spaß, man hörte es laut Lachen und Schreien (wie können die eigentlich so laut sein?). Als ich wieder in den Saal kam, lag ein Glas in Scherben darnieder und Madeleine stand hilflos daneben. Sara, was soll ich denn jetzt machen?

Wenige Minuten später (Madeleine hat Kehrblech und Handfeger schließlich gefunden und auch erfolgreich benutzt) setze ich mich leicht mürrisch (Technik ist die neue Theodizee, oder wie war das?!) in den Kreis. Ok Leute, mit Film wird es nix, tut mir leid. Lasst uns dann doch einfach was spielen. Allgemeine Zustimmung. Ich schnappe die dunkle Box mit den Karten und mische sie ohne große Lust. Also, *seufz* Werwölfe? Lena meldet sich zu Wort, in der Schule müsse sie es so oft spielen, sie mag es einfach nicht mehr und will dann einfach zuhören. Ich verstehe Lena. Ein bisschen leid tut sie mir aber auch (so fühlt sich das also an). Dann mache ich einen Gegenvorschlag. Ehm, hm, gut, dann spielen wir das Psychospiel. Seid ihr dabei? Nicht alle kennen das Spiel, also erkläre ich noch einmal die Regeln (siehe oben). Alle spielen mit, auch Lena, ich bin zufrieden.

Die ersten zwei Runden sucht die Gruppe eine*n Konfi aus. So ganz raus haben sie es mit dem Assoziieren noch nicht. Die Fragenden finden die gesuchte Person immer erst im dritten oder vierten Anlauf. Als Lena schließlich vor die Tür geht, wählt die Gruppe mich als gesuchte Person aus. Das kann ja lustig werden, denke ich und hole Lena wieder rein. Im Kreis stellt sie folgende Fragen und erhält folgende Antworten: Wenn die Person eine Farbe wäre – blau [die Frage ging an mich]; wenn sie ein Tier wäre – Giraffe; wenn sie ein Kleidungsstück wäre – Jeans [ich trage zufällig Jeans], wenn sie ein Schulfach wäre – Musik, gehen auch zwei Fächer? – Ja! – Dann: Musik und Religion [ernsthaft?]; wenn sie ein Gebäude wäre – Kirche [Leute, wie einfach kann man es machen?], wenn sie ein Essen wäre – Salat [hm]; wenn sie ein Beruf wäre – Nonne! Ich starre Tom finster an. Nonne??! Lena blickt am Ende der Fragerunde nun aufmerksam alle einmal an, lächelt wissend und sagt: Die gesuchte Person ist

Mathilde! Mathilde macht große Augen. Mir entgleiten kurz die Gesichtszüge,dann rufe ich (plötzlich geht Lautstärke ganz leicht) Nein!! Wer könnte es denn NOCH sein? Lena scheint tatsächlich raten zu müssen. Ich kann es nicht ganz fassen. Schließlich kommt sie doch noch -etwas verschämt – auf mich. Manchmal ist aber auch kompliziert und man sieht den (Düster-)Wald vor lauter Pfarrerinnen nicht.

Eben kommt mir der Gedanke, dass ich Tom vielleicht grundlos mit finsterem Blick gestraft habe. Whoopi Goldberg ist ja auch zeitweise Nonne. Und rockt extrem. Außerdem kenne ich echte Nonnen, die auch ohne Gospelmusik auf ihre Weise rocken. Bei Assoziationen gibt es kein richtig oder falsch, das behaupte ich jedenfalls immer großspurig. Also nehme ich jetzt meinen extrem langen Hals und stakse gemächlich Richtung Wasserloch. Habt ein schönes Wochenende!

Steigende Weißheit

Unlängst wurde ich 35 Jahre alt. Ein großartiges Alter, finde ich (bisher). Leute die behaupten, sie wollten unbedingt noch einmal 18 oder Anfang 20 oder sonstwie jünger sein, verstehe ich nicht. Ich will auf kein einziges Jahr Lebenserfahrung verzichten. Trotzdem fallen mir ein paar Dinge neuerdings auf:

Vor zwei Wochen hatte ich einen vorerst letzten (Vertretungs-)Dienst in meiner ersten Gemeinde, ab sofort ist dort ein neuer Pfarrer im Dienst. An einem herrlichen Sommertag durfte ich ein Paar trauen, Er Mitte 70, Sie Mitte 60. Es war mindestens der zweite Frühling, aber in Sachen Romantik und Verliebtheit konnten die beiden mit jedem jungen Paar mithalten. Weißes Brautkleid, rote Rosen, Rührung und Liebesschwüre – fast filmreif. Auf dem Rückweg nach Hause fuhr ich bei meinem Bestatter und seiner Frau vorbei. Kaffee und Pflaumenkuchen und ein Update über die neuesten Entwicklungen in der Gemeinde. Der neue Pfarrer kommt ganz gut an, ich freue mich für ihn und die Gemeinde und habe trotzdem etwas Herzschmerz, die erste Liebe vergisst man eben nicht. Während wir auf der Terrasse zusammen sitzen und erzählen schaut Armins Angetraute auf meine Haare und stellt fest: Deine Gemeinde lässt dir ja auch ordentlich graue Haare wachsen, was? Sind die nicht nett zu dir? Doch, schon, aber…*Hmpft*.

Kita-Andacht am Dienstag. Ich erzähle den Kindern zu Beginn, dass ich heute etwas Tolles mitgebracht habe. Kind 1 stellt begeistert fest: Du hast uns Schuhe mitgebracht! – Ehm, nein. Die Checkerlein erkennen den Schuhkarton, aber noch wissen sie nicht, was da alles drin ist: Elia und ein Haufen Baalspropheten, lauter Stöckchen für ein Lagerfeuer, Feuer in Papierschnipselform, bunte Tücher (eines für Wasser, eines für Gott), Isebel, Wüstensand (Katzenstreu), ein Engel, trockenes Brot (seit zwei Jahren befindlich in diesem Schuhkarton), ein Krug mit Wasser, eine Höhle auf einem Berg (malerische und bastlerische Meisterleistung I), eine Feuerbrunst (malerische und bastlerische Meisterleistung II) und ein klingendes Herz. Der Schuhkarton ist eine Erzählkiste – yay! Die Kinder lauschen nun gespannt der Geschichte von Elia. Sie schauen genau, wann ich welche Figur in die Mitte lege und was mit ihr passiert. Und sie spitzen ihre Ohren als Gott sich am Ende nicht im Sturm und nicht im Erdbeben, sondern im sanften Säuseln (=das klingende Herz) zeigt. Nach der Erzählung frage ich die Kinder, wo sie gerne innerhalb der Geschichte wären. Ein Kind zieht es in die Höhle, ein anderes will bei Elia und dem sanften Säuseln sein. Einige wollen auch vom Engel mit Brot und Wasser gestärkt werden. Dürfen wir das Brot essen? – Was? NEIN, DAS… – *knurpsknurps* (Kind 3 zu meiner Linken hat es irgendwie geschafft, von dem steinharten Brot etwas abzubeißen) – Das ist doch total hart! Das kannst du doch nicht.. – Währenddessen macht es *knurpsknurps* auch von rechts (was ist nur los mit diesen Kindern?!) und ich packe die Reste hektisch weg und hoffe auf eine unauffällige Verdauung der schweren Kost. Beim Singen von „Gott hält die ganze Welt in der Hand“ mit Bewegungen fällt mir auf, dass ich echt schnell aus der Puste gerate. Gott hält die Großen (=sich lang machen) und die Kleinen (=sich klein machen) in der Hand (Hände vor dem Körper wiegen). Die Wiederholung der Strophe bringt mich an physische Grenzen. Gut, dass ich jetzt Mitglied in einem Sportverein bin.

Beim Yoga (der Sportverein!): ich liege auf dem Rücken und atme tief ein und tief aus, bzw. ich versuche es nach meinen Möglichkeiten. Noch hat die Yoga-Session (nennt man das so? Ich bin so ahnungslos) nicht begonnen, das Liegen ist zur Einstimmung gedacht. Meine Arme sind nach hinten gestreckt, tief Einatmen (es zuckt unter meinem linken Schulterblatt und ein Stück weiter unten *aua*) und Ausatmen (warum tut mein linker Arm plötzlich weh?). Muss ich etwa Liegen lernen? Das ganze Sitzen und Denken tagsüber jedenfalls hinterlässt leicht beängstigende Spuren. 1,5 Stunden ( und zwei Schwindelanfälle, es war sehr heiß und der „Berg“ sehr steil) später bin ich fertig mit der Welt, aber tatsächlich entspannter. Seitdem habe ich schon zwei Mal den Kurs verpasst (Gemeindedinge), aber morgen wieder. Bestimmt. Ganz bestimmt!

Seit fast 20 Jahren (omg) lade ich zu Taizégebeten mit ein, spiele Gitarre und singe, immer im Schneidersitz auf dem Boden. Die „Erwachsenen“, die ihre Stühle brauchen, habe ich manchmal milde belächelt. Ab sofort nehm ich mein Gebetsbänkchen und lächle ein wenig über mich selbst.

Die Konfis kommen mir manchmal so gehemmt und steif vor. Energizer (Shake! Banana, shake, shake, Banana!) können da Wunder bewirken. Oder auch ein Gefühl des Fremdschämens, weil der Pfarrerin beim Springen und Rufen zusehends die Kräfte ausgehen und sie immer leiser wird (so geschehen vorgestern, uff). Wenn ich so weiter mache, liegen bald alle mit mir auf dem Boden und müssen Atmen üben. Dann gucken die sich noch mal um!

Manchmal unterhalte ich mich mit Seniorinnen (es nutzen in meiner Welt echt nur Frauen) über ihre Rollatoren. Die Teile sind ja echt eine gute Möglichkeit mobil zu bleiben. Ja, da kann man doch auch Einkaufstüten anhängen. Ich nicke zustimmend. Und sich mal hinsetzen, wenn man nicht mehr kann – voll praktisch. Ich nicke leicht neidisch. Und stelle dann fest, dass ich ja gerade erst 35 geworden bin. Man muss es ja nu nicht übertreiben.

Der Maler

Ungefähr in der Mitte meines Sommerurlaubes, als ich gerade mit meiner Freundin Friedi in einem extra schiefen Haus gegen die Schwerkraft kämpfte (so weird!), rief mich mein Hausmeister wegen des Wasserschadens in der Wohnung an. Übelkeit wegen des Hauses und Unruhe wegen der Wohnung vermischten sich auf ulkige Weise. Bah. Friedi und ich wankten seltsam stumm zum Auto und fuhren wieder nach Hause. Handwerker kamen und maßen, berieten laut miteinander, schraubten und fanden etwas Tropfendes, das innerhalb einer Woche auch Feuchtigkeitsschäden bei der Nachbarin von unten bewirkt hatte.

So teilte ich in den letzten Wochen die Wohnung nicht nur mit der Katze, sondern auch mit einem grauen, klobigen Schlauch, der in Verbindung mit einer Turbine und einem Entfeuchter den Boden und die Wände wieder trocken kriegen sollte. Hat gedauert und war laut und ätzend (die Katze protestierte auch laut und ätzend/pinkelnd), aber hat schließlich geholfen.

Seit drei Tagen sind die Gerätschaften wieder weg und heute kam der Maler. Weiße Latzhose, um die 60 vielleicht, ein fröhlicher Typ, der das Schnacken mit Kunden gewöhnt ist.

Er, kniend vor der Sockelleiste im Wohnzimmer „Und was machen Sie so?“

Ich sitze auf der Couch und lese eigentlich gerade „Ich bin Pfarrerin.“

„Hä? Wie jetzt? Fahrerin oder so?“ [lustig, IMMER wieder]

Nee, im Sinne von Pastorin. Pfar-re-rin.“

„Ach so, Pfarrerin. Hatte ich gar nicht so verstanden. Na das ist ja ein Ding. Hatte ich noch nie, dass ich bei einer Pfarrerin war.“

„Das wundert mich ja fast, hier wohnen doch haufenweise Pfarrer*innen im Ruhestand.“ [Das ist tatsächlich so. Drei, vier Emeriti sind hier im Gottesdienst keine Seltenheit. Aber die sind zum Glück ganz entspannt und lustig, andere können da ganz andere Geschichten erzählen]

„Wenn Sie Pfarrerin sind, dann müssen Sie doch so einen richtig krassen Glauben haben, oder?“

Und zack ist es vorbei mit Lesen. Während im Badezimmer langsam die Farbe trocknet, entspinnt sich im Wohnzimmer ein Gespräch über Glauben, Kirche, Religion an sich und das Leben nach dem Tod. Hier ein paar Momentaufnahmen:

„Katholisch oder evangelisch?“ [seufz]

….

„Mit Traditionen hab ich’s ja nicht so. Nur weil etwas früher so war, muss man es ja heute nicht glauben.“ – „Ich finde, es gibt doch auch gute und wichtige Traditionen…Und es ist doch auch schön, das Rad nicht ständig neu erfinden zu müssen und von Leuten zu erfahren, die sich auch Gedanken gemacht haben.“

….

„Ich glaube an nichts. Nichts Übergeordnetes. Ich geh arbeiten, verdiene mein Geld und dann kann ich essen. So einfach ist das.“ – „Glauben Sie nicht an irgendetwas? An Liebe vielleicht? Familie?“ – „Ach so ja klar. Ja, an Liebe glaube ich. Und ich verhalte mich auch gut, teile und bin freundlich. Aber ich will an nichts Größeres glauben.“

….

„Was macht das denn für einen Unterschied, wenn man glaubt? Ich meine so von der Lebensführung her und so? Ist das nicht alles gleich?“ – „Ich glaube, dass Gott in dieser Welt sein Reich anbrechen lässt und sein Reich kommt und mit ihm Frieden und Gerechtigkeit, und ich kann daran mitwirken. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen macht glaube ich schon was aus. Das setzt doch Handlungskräfte frei.“

– „Und richtig schlimm finde ich, wenn Kinder da reingezogen werden. Dann ist das wieder mit diesen Traditionen. Da wird denen was übergestülpt und so können die sich gar nicht frei entwickeln. Die sollen sich später entschieden, wenn sie groß sind.“ [dass das mit dem Entscheiden besser geht, wenn man mit der Religion vertraut ist werfe ich jetzt nicht ein, ich ahne, dass da noch was kommt und tatsächlich:] – „Hmhm“

„Ich hatte mal einen Kollegen, der war bei den Zeugen Jehovas. Und wir haben uns immer abgewechselt, mal Frühstück bei mir und mal bei ihm. Netter Kerl und alles. Aber bei ihm zuhause, mit den Kindern, die waren so streng mit denen. Vor dem Essen wurde gegebet und ich sollte mitbeten. Weil ja alles von Gott kommt auf dem Tisch. Und da hab ich dann gesagt: „Ja spinnst du denn?! Da arbeiten wir doch für, dass hier das Essen ist. Ich bete nicht! So ein Quatsch!“ Und dann haben die nachher für mich mitgebetet, das hab ich die dann machen lasen. Später konnte ich mit dem nicht mehr zusammen arbeiten. Wenn da Kinder im Spiel sind, das geht für mich nicht.“

„Wenn man etwas logisch nicht erklären kann, dann ergibt das für mich keinen Sinn. Die Wissenschaft hat doch aufgeräumt mit Gott. Und mit dem Leben nach dem Tod. Es ist doch total unlogisch, dass da noch was kommt.“ – „Gibt es nicht auch Dinge, die mit Logik nicht zu erklären sind? Wissenschaft und Glauben schließen sich nicht zwangsläufig aus. Und woher wollen Sie denn wissen, dass nach dem Tod nichts kommt? Das kann doch niemand sagen. Wer will das denn wissen?“ – „Hm..Hm..Stimmt auch wieder.“ „Ich kann das ja auch nicht mit Sicherheit sagen, ich glaube nur daran. Aber Herr Maler, wenn wir beide tot sind und im Himmel, dann müssen wir uns verabreden. Und wenn wir beide tot sind und nichts ist, dann hatten Sie eben Recht.“ “ Ja, das können wir dann machen. Oha! Was ist denn hier bei Ihnen Flur? Da ist ja noch ein Fleck. Ich mach da mal eben was drüber..“

Einige Minuten später packt er sein Zeug zusammen, gleich geht es für ihn los.

Der Maler guckt noch mal zur Leiste und sagt:

„Gott sei dank hält die jetzt.“

Ha! Denke ich. Wusst ich’s doch!

Plötzlich in Taizé

Soweit hier von „plötzlich“ die Rede sein kann, schließlich habe ich gefühlt meine halbe Jugend auf dem Hügel im Südburgund verbracht. Tatsächlich waren es über die Jahre verteilt wohl insgesamt eher einige Monate (Zahlen, ihr wisst schon..), aber die waren bedeutsam.

Ich erinnere mich an Sträucher mit unzähligen reifen Brombeeren auf dem Weg nach Olinda. An das Pferd, das an der Straße stand und das wir nicht füttern sollten (und es trotzdem machten). An heißen Asphalt unter den Schuhsohlen und den Duft von vertrocknetem Gras, an bunte Trinkschalen, aus denen sich kringelig das Plastik herausschälte, an kalte Duschen und den leichten Duft von Sonnenblumen und den Geschmack von Zitronentee und der Schokolade zum Frühstück.

Ich erinnere mich an den klugen Gunnar aus Österreich und Gerti, die fast genauso aussah wie ich (wie das wohl heute ist?), an Jack aus England, Madeleine aus Frankreich und den musikbegeisterten Portugiesen Ricardo, an die Leute aus meine Heimatgemeinde, an unsere Pfarrer*innen, an Anna und ihre etwas jüngere Schwester und an Menschen, die damals wichtig für mich waren. Und besonders an Frére Roger, der klein, bestimmt und etwas gebückt zu seinem Platz im hinteren Teil der Kirche ging, um sich herum ein Scheinen aus Gutmütigkeit und Vertrauen.

Ich war 12 Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Taizé kam. Das ist nun schon über 20 Jahre her (omg!!) und so kam es, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal als „adult“ anreiste. Tent F, Kaffee zum Frühstück, heiße Duschen und ruhige(re) Nächte. Um mich herum Familien, junge und nicht mehr ganz so junge Erwachsene, Begleiter*innen von Jugendgruppen und nicht wenige Menschen im Pfarrdienst. Den einen (mutmaßlichen) Kollegen meinte ich an seiner Art lesend auf einem Stuhl zu sitzen (sehr wichtig, aber auch betont entspannt und mit Strohhut) und an der Art der Begrüßung seiner Leute als Pfarrer zu erkennen „Guten Morgen“ – mit Betonung auf den jeweils ersten Silben und in tiefer Tonlage. Entwickele ich eine Art Pfarr-dar, ähnlich wie Gustavo aus Brasilien über einen recht treffsicheren Gaydar verfügt? God only knows..

Wenn irgendwo Glocken klingen gerät in mir immer etwas mit in Bewegung. Das war schon in meiner Heimatstadt so, als ich noch gar nichts mit Kirche am Hut hatte. Läuteten die Glocken spitzte ich die Ohren und bekam eine Ahnung davon, das es irgendwie noch mehr geben musste als das, was mir vor Augen war. Wenn in Taizé die Glocken dreimal am Tag zum Gebet rufen, lassen die Menschen auf dem Hügel alles stehen und liegen und begeben sich in die Kirche, ohne Hektik, ganz selbstverständlich. Ich finde das immer unheimlich schön zu sehen und zu erleben. So kann es also auch sein. Zusammen mit Gerti, Ricardo und Madeleine und tausenden anderen Menschen, die gemeinsam singen, beten, hören und schweigen, sich bewussst in Gottes Nähe bringen. Die Brüder meinen, das verändere einen mit der Zeit, der Heilige Geist wirke und schaffe und erneuere. Ich glaube, das kann gut möglich sein.

Es ist anders mit fast 35 Jahren in Taizé zu sein, als mit 16 Jahren. Aber es ist gut. Und obwohl es dafür eigentlich zu früh war, habe ich auf einem Spaziergang in einem kühlen Wald in der Nähe tatsächlich ein paar reife Brombeeren entdeckt. Und eine äußerst bezaubernde blaue Libelle. Hach. <3.

Der Abschied von Taizé fiel mir immer unheimlich schwer, jetzt war es mehr eine kleine Traurigkeit. Ich weiß, dass ich mit manchen Taizéfreundinnen und -Freunden in Kontakt bleiben werde, auch über Jahre hinweg. Und ich weiß auch, dass ich zurück komme werde, im Idealfall mit Jugendlichen aus der Gemeinde und dem Kirchenkreis. Wenn sie dann Taizé-Twister auf den Bänken oder Ninja unterm Glockenturm spielen, beim Abwaschen klatschnass werden oder die Namen der Staubsauger in der Kirche aufzählen, wenn sie sich mit Händen und Füßen in ihren Gesprächgruppen versuchen auszudrücken, sich von den Glocken zum Gebet einladen lassen und beim Abschied ein paar Tränen verdrücken, dann werde ich eine extrem zufriedene Pfarrerin sein.

(ein gestaltetes Gebetsbänkchen im vorderen Teil der Kirche)