Das erste Mal: die letzte Konventsfahrt

Die Libellen-Andacht halte ich am ersten gemeinsamen Morgen in einer kleinen, schlichten Kapelle. Unser Tagungshaus könnte auch irgendwo in Italien sein, so schön ist es hier. Sanft geschwungene Hügel, ein glitzernder See gleich um die Ecke. Die Farben in der Gegend scheinen warm und satt, wie durch einen Sepiafilter betrachtet. Ein geschlungener Weg führt leicht bergab in die Kapelle. Vor der Andacht bin ich nervös, so viel anwesende Pfarrer*innen bin ich nicht gewöhnt. Es soll schön werden. Außerdem habe ich ein (für mich) neues Lied mitgebracht, dass ich mit dem Konvent singen will. Das Lieblingslied eines mir lieben Menschen aus meiner letzten (nun abgeschlossenen) Weiterbildung. Es ist nicht ganz leicht zu lernen, das Notenbild widerspricht der praktischen Umsetzung, ein paar Pausen werden übersprungen, aber es ist so schön! Und die Melodie! Und der Text! Du stellst meine Füße auf weiten Raum, du stellst meine Füße auf weiten Raum. Schritt ins Offene, Ort zum Atmen (…). Oh wow, dieser Konvent singt und klingt einfach fantastisch zusammen. Ich bin (wie gerade ständig) tief gerührt und blicke beim Gitarrenspiel kurz hoch in die Gesichter der Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren unterwegs war.  Eine weitere Welle der Rührung kommt und nimmt mich mit. Ich atme tief ein und wieder aus. Die werden mir sehr, sehr fehlen.

Neben dem Haus, in dem uns immer das Essen serviert wird, ist eine kleine Wiese, über der nachts Glühwürmchen schweben. Jetzt, in der Mittagspause,  sitze ich dort neben Jana und Peter, das Gras piekst, ab und an fliegt und summt etwas Beflügeltes um uns herum.  Ich genieße es, mich unter freiem Himmel aufzuhalten. Die Hitze des Tages hat das schattige Plätzchen noch nicht erreicht. In den Seminarräumen ist es drückend und stickig, ich kann mich schlecht auf das Thema konzentrieren. Eben haben wir etwas musiziert, Peter an der Cajon, Jana am Bass, zur Vorbereitung auf den bunten Abend am Donnerstag. Mir macht das Spaß, endlich wieder singen und Gitarre spielen, Stimmen ausdenken. In den letzten drei Jahren ist das gemeinsame Musizieren auf Konventsfahrten schon Tradition geworden. Jana fragt und was mache ich dann nächstes Jahr ohne dich? und ich seufze. Peter erzählt davon, dass er auch die Stelle wechseln will, von der Gemeinde in die Schule. Eigentlich waren Peter und ich Popularmusikbeauftragte des Gesamtkonventes, aber so richtig haben wir mit der Arbeit nie angefangen. Ich bin gespannt, wo es ihn hinverschlagen wird. Die Kirchenwelt ist ja erstaunlich klein und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man sich noch öfter begegnen wird. Das wär schön.

Ralf hat mich auf die Glühwürmchen aufmerksam gemacht. Ralf und ich hatten bisher nicht so viel miteinander zu tun, aber dieses Mal ist es anders. Wenn er abends in gemütlicher Runde seine Zigarillos raucht, sitze ich neben ihm und konsumiere auf alte Zeiten etwas Tabakluft mit. Er erzählt von seinem Dienst, der Familie, vom Loslassen und Grenzen setzen. Wir entdecken Gemeinsamkeiten. Obwohl er extrem sportlich ist und eine starken charismatischen Einschlag hat! Ich erinnere mich daran, wie fremd ich mich zu Beginn in diesem Konvent gefühlt habe. Und ich bin dankbar, dass sich das so gewandelt hat, über alle möglichen Grenzen hinweg. Holy spirit says hi.

Die Nächte sind kurz und unruhig, die Bettdecke ist zu schwer und zu warm und überhaupt sind Abschiede (Überraschung!) nicht meine Sache. Beim Abschlussgottesdienst bin ich mit beteiligt, ein Glück, das hält den Abschiedsschmerz vielleicht noch etwas im Zaum. Und wieder singen sie so schön, diese Pfarrer*innen in dieser bezaubernden kleinen Kapelle.  Eigentlich finde ich Formulierungen wie „Geistliche Gemeinschaft“ und „Brüder und Schwestern und Glaubensgeschwister“ altbacken und doof. Aber das hier sind auch mehr als nur Kolleginnen und Kollegen, uns verbindet mehr. Wir feiern Abendmahl. Ich liebe den Friedensgruß, Schalom, Friede sei mit dir. Es dauert lange, bis alle sich einmal umarmt haben, wir sind eben ein großer Konvent. Nach den Fürbitten werde ich verabschiedet.

Schon als ich nach vorne gehe, fließen die ersten Tränen. Svenja, die mich in meinen Bewerbungsdingen begleitet und unterstützt hat,  spricht und findet die richtigen Worte und sie sagt auch, dass ich wiederkommen kann, wenn es mir an der neuen Stelle nicht gefallen sollte. Das erleichtert mich sehr, schließlich habe ich insgesamt das Gefühl, als würde ich ein zweites Mal von zuhause ausziehen. Begleitet von dieser Gemeinschaft bin ich in den Pfarrdienst hineingewachsen, seit dem Vikariat, Schritt für Schritt. Ich gehe reich beschenkt weiter, mit dem Segen dieser wundervollen Gemeinschaft. Und mit einer schönen Abschiedsgabe: Einer handgefertigte Öllampe mit blauen Libellen drauf. ❤

 

 

 

 

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Aus gegebenem Anlass IV

Es ist heiß in der nicht ganz großen Stadt am Fluss. Der Weg zum Eisladen schlängelt sich durch den Park, hellbraun mit kleinen Steinen, links und rechts davon sattes grün. Die Sonne steht hoch am Himmel, lässt mich blinzeln – ist es noch weit? Ich habe Durst. 

Weit ist es nicht mehr, sagt die Freundin, nur noch über die Brücke und dann rechts halten.

Endlich kommen wir an,  Eis in der Waffel, zwei Kugeln Wonne: Zitrone und Vanille. Hmm. Am Stammplatz unten am Fluss sind vor uns schon andere angekommen: der Steg, auf dem man gut sitzen und die Füße ins Wasser baumeln lassen kann, ist klitschnass. Doof, aber was soll’s, wird schon wieder trocknen, Marie und ich setzen uns, kühlen die Füße in der Strömung und den Hosenboden auf dem Holz. 

Nur ein paar Meter weiter rechts springen lärmend Kinder in Unterhosen und Hemden ins Wasser. Nasse Jungen klopfen Sprüche, es klingt nach Stolz und Slang.

Ich hätte es gerne ruhiger gehabt. Eine Frau von hinten erklärt ihrem Sohn, dass hier keine Badestelle sei und keine Aufsicht und man das eigentlich nicht dürfe. Platsch, ein blondes Mädchen ist jetzt auch im Wasser, einfach reingesprungen. 

Ich bin froh, als die Gruppe sich etwas flussaufwärts verlagert. Ab und an hört man Gelächter. Erleichtert bemerke ich, dass das Wasser nicht allzu tief zu sein scheint, keine Gefahr für die lautstarken Kinder.

Ein anderes Mädchen setzt sich auf den Steg neben mich und streckt ihre Beine Richtung Wasser, mit ihrer Mutter im Rücken. Sie plätschert mit den Füßen im Wasser, es spritzt nach allen Seiten, auch zu mir und ich frage mich schon, ob ich etwas sagen sollte oder nicht und dann

kommt sie angeschwebt wie ein Wesen aus einer anderen Welt. In schimmernden Blautönen – sowas Schönes hab ich lange nicht gesehen. 

Als die Libelle sich  zum ersten Mal auf dem Fuß des Kindes rechts von niederlässt, bemerkt es das Mädchen zunächst gar nicht. Aber ihre Mutter: halt mal still, ich mach ein Foto!

Dann fliegt sie weiter, an uns vorbei zu dem Jungen mit seiner Mutter wow, die ist ja toll und ein paar Momente später landet sie auf Maries Knie – blaue Libelle auf weißer Leggins, wir zählen vier Flügel und mindestens drei Blautöne. Tiefes Nachtblau, Königsblau, und etwas Schimmerndes dazwischen. 

Die Libelle scheint die Aufmerksamkeit zu genießen und keine Angst vor Menschen zu haben, sie fliegt weiter von einem zur anderen, hin und her, immer mal wieder hört man ein “Oh” oder “Libelle” und “schön”. Als sie auf meinem Fuß sitzt widerstehe ich dem Impuls, den Moment festzuhalten. Zwischen den im Sommerlicht glitzernden Wassertropfen auf der Haut sieht sie aus wie ein Schmuckstück. Allerdings ein Unverfügbares, ein paar Augenblicke, dann ist sie wieder woanders.

Vor ein paar Jahren, an einem anderen Ort fragte jemand: Wie ist die Farbe Gottes? Ich überlegte, rot vielleicht – wie die Liebe? Die Antwort des Mannes war: blau. Die Farbe Gottes sei blau. So wie damals bei Mose, als er nach dem Bundesschluss am Sinai mit den Ältesten hinaufstieg und sie den Gott Israels sahen. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist (Ex 24, 10).  

Ich weiß nicht, ob der Mann Recht hat mit seiner Annahme. Vielleicht hat Gott auch noch andere Farben, alle Farben, andere, noch unbekannte Farben. Aber mit blau könnte ich auch ganz gut leben, 

Blau wie der Himmel und das Meer scheinen, wie das Wasser in den großen und kleinen Flüssen, wie deine Augen und wie die Seen, die sich in die Landschaft schmiegen.

Frisch und bewegt und lebendig, wie eine Quelle, die den tiefsten Durst zu stillen vermag. 

Amen.

Plötzlich in der Vergangenheit

Anfang April wusste ich, dass ich zum Sommer hin die Stelle wechseln würde. Ich dachte optimistisch, mit dem ganzen Bewerbungsgedöns und all der Aufregung und Hektik sei es nun vorbei und ich könne mich entspannt auf den Abschied und die neue Stelle vorbereiten. Allen Ernstes hoffte und glaubte ich, es würde ruhiger werden. Eine erfahrenere Kollegin (deren kluge Erkenntnisse ich hier schon einmal geteilt habe) versuchte, mir das schnell auszureden: Stell dich drauf ein, jetzt wird es RICHTIG anstrengend, die Übergabe ist unfassbar viel Arbeit. Recht hat sie. Allerdings ist es weniger die Übergabe, sondern mehr der Übergang.

Es liegt in der Natur der Übergänge, dass sie nichts Halbes und nichts Ganzes sind, irgendwie immer kacke aussehen und sich (zumindest in meinem Fall) kacke anfühlen. Einerseits bin ich (neben dem normalen Dienst und der Weiterbildung) mitten in der Abschieds – und Trauerarbeit (Wer sich bindet, ist gebunden, jaja) , anderseits ist der beginnende Start am neuen Ort holpriger als ich erwartet hatte (um ALLES muss man sich selbst kümmern). Und außerdem: der Pfarrdienst mag der tollste Beruf (oder doch Berufung?) der Welt sein, dennoch hat er höchstens in homöopathischen Dosierungen etwas mit Ruhe und Entspannung zu tun, schon gar nicht in Übergangssituationen. Viel zu lernen ich habe noch.

Aber nicht mehr so viel wie die kleinen Studentinnen und Studenten, ha! Zur Zeit bin ich mit Frederike auf Kurzurlaub in der Studierendenstadt, in der wir uns einst kennenlernten. Es ist ein Fest der Sentimentalitäten. Weißt du noch, hier hat Dingens gewohnt!/War hier nicht mal diese coole Bar im Keller?/Hier mussten wir doch Ewigkeiten für diese Studentenausweise mit den immer unvorteilhaften Fotos anstehen!/Erinnerst du dich an diese Party, als wir den anderen Dingens betrunken von der Toilette und dann mit dem Auto von Ihmchen nach Hause…?

Die Studierendenschaft (oder sind das Schüler*innen??) die uns begegnet, erscheint mir frisch, faltenfrei und lebensfroh. Ja, DAS waren noch Zeiten. Gedanken dieser (und anderer) Art sind wohl ein unleugbares Zeichen einsetzenden Alters -.- . Ich bin erleichtert, dass ich mich bisher nicht an eine Ecke der Theologischen Fakultät gestellt habe und mit ernstem Gesicht und erhobenem Zeigefinger Wartets nur ab! oder Ähnliches proklamiert habe. Stattdessen seufze ich ab und an leise und genieße das wohlige Gefühl, diverse Hausarbeiten, Prüfungen und Examina GOTT SEI DANK hinter mir zu haben.

Als dem noch nicht so war, war ich nicht ganz unbeteiligt daran, dass Katharina und Christian (aus der Kurzzeit-Pfarrfamilie) in diesen schönen Gefilden ein Paar wurden. Nun werden die beiden in ein paar Wochen kirchlich heiraten und weil ich zum Glück nicht mehr studiere, sondern im tollsten Beruf der Welt arbeite, darf ich den Gottesdienst feiern, was echt aufregend ist. Soll ja schließlich schön werden. Hui hui.

Christian jedenfalls ist einer der wenigen aus meinen alten Kreisen, der noch an dieser Uni arbeitet. Mittlerweile gibt er selbst Seminare und Übungen, nimmt Prüfungen ab und korrigiert Arbeiten. Frederike und ich haben ihn besucht, in seinem Büro mit Regalen voller Bücher und Ordner und einem vollen Schreibtisch. Ihm macht das Spaß, an der Uni forschen und lehren, ich bin voll staunender Bewunderung. Christian meint, die Stadt habe sich sehr verändert, das Studierendenleben auch. Die Meisten führen am Wochenende nach Hause, zurück zu ihren Freundeskreisen und Feuerwehrvereinen und Eltern. Tja, die Jugend…

Frederike und ich stellen mit der Zeit ebenfalls fest, dass viel von dem studentischen Charme heute fehlt. Die Stadt wirkt aufgeräumt und gut bürgerlich. Mit zotteligen Dreads und Cordrock würde ich mich hier wahrscheinlich nicht mehr so richtig wohlfühlen. Und die teuren Restaurants hätte sich mein studentischen Ich auch nicht leisten können. Dafür geht das heute (immer noch ungewohnt!). Und so flanieren wir durch Parks und Straßen und Gassen, pausieren hier und dort und genießen das nicht-studentische-Urlaubsleben von Pfarrerinnen.

Als gestern Abend um sechs alle Glocken der Stadt läuten sind wir in unserem Lieblingscafé von früher. Das ist noch da, sogar mit der gleichen Bedienung. Frederike liest gerade ein Buch, ich hebe den Blick von der Zeitung und blicke mich um und genieße Klang, der tief und warm durch die Stadt schwingt, mal lauter und leiser. Ja, hier war ich einmal genau richtig. Gut zu wissen, wo man herkommt. Ich trinke einen Schluck vom kalten Bier (Urlaub!) und wende mich der Gegenwart zu.

Jack, Stan, Roy und die anderen

Meinen Soundtrack für diese Wochen verdanke ich dem Rastplatz Krachgarten, einer erfolgreichen Gemeindewahl und dem Wissen, dass dieser Frühling in all seiner Pracht der letzte in dieser Gemeinde für mich sein wird. Vielleicht und sehr wahrscheinlich wird Gisbert niemals erfahren, dass seine Liedauswahl mir dabei hilft, mich selbst zwischen Abschied und Neuanfang zu verorten, in aller Widersprüchlichkeit die im Moment eben dazu gehört. Genau genommen geht es hier weniger um Gisbert als um Paul.

Wer ist eigentlich Paul? Als diese Werbung im Fernsehen lief, ging ich noch zur Schule. DAS waren noch Zeiten. Ich erinnere mich an laue Sommernächte an Seen, den Kassettenspieler im silbergrauen Auto meiner Freundin und, nach dem Abi, an den Duft von Freiheit, den ich überall meinte riechen zu können. Raus in die Welt, ins eigene Leben, in eine Stadt weit, weit weg. Eine sanfte Melancholie ergriff uns, wenn wir Melonen und Bier und Zigaretten teilten. Wohin gehen wir, wohin gehen wir, werden wir uns wieder sehen? Damals bildete Rio den Soundtrack, schön war das.

Paul fand nun seinen Weg zu mir, als ich gerade erschöpft und gierig die ersten Sonnenstrahlen in der Hängematte unterm Apfelbaum inhalierte. Zunächst irritierte mich der Gegensatz zwischen Strophen und Refrain. Einerseits so schwermütig, andererseits voll überschwänglicher, verspielter Freude. Ich dachte schon, ich würde das Lied nicht mögen. Dann begriff ich: Hier singt einer, der es auch schwer hat zu gehen. Dabei gibt es 50 ways to leave your lover. Vor lauter Begeisterung konnte ich die Hängematte in der folgenden Stunde nicht mehr verlassen, natürlich nicht. Ich schaukelte also hin und her zwischen Abschiedsschmerz und Fernweh, Traurigkeit und Jubel, Verbundenheit und Lust auf Neues und Unbekanntes und ich fand in aller Bewegung Ruhe in den Worten und Melodien von Paul Simon. Diese Gitarrenläufe, das fantastische Schlagzeug, ich bin immer noch entzückt und freue mich jedes Mal besonders auf die Stelle I appreciate that and would you please explain about the 50 ways? Ich glaube ihm sein Zaudern und Fragen, ich kenne das. Doch auch das Ende des Refrains ist ein Kracher: just set yourself free! Plötzlich singt er so lässig als wäre nix gewesen. Wie passt denn das alles zusammen?!

In meinem Fall weiß ich das noch nicht. Der Geruch von blühenden Obstbäumen lenkt mich vom Duft der weiten Welt  immer wieder ab und holt mich zurück. Bis der Sommer kommt.

Fast Gehacktes aus dem Supermarkt

Von Zeit zu Zeit kommt es vor, dass mich ein gewaltiger Anfall von Menschenhass überkommt. Ich schätze, das klingt für Außenstehende ziemlich anstößig: eine temporär misanthropische Pfarrerin.  Doch ich glaube, diese Gefühlslage ist unter Menschen (u.a.) im Pfarrdienst eine wohlbekannte, man spricht nur nicht so offen darüber, außer vielleicht in anonymen blogs. Wozu auch?  Vielleicht sind diese finsteren Momente eine natürliche Gegenreaktion zu all dem Verstehen und Annehmen, Kommunizieren und Mittragen und Aushalten und Diskutieren und Leiten und Erklären mit dem man tagtäglich so zu tun hat. Meistens bin ich eine recht freundliche und offene Person. Leute, die mir nahe stehen, können das bestätigen. Je nach Arbeitspensum und Problemlage(n) kann sich das eben aber auch ändern. Dr. Jekyll und Mr. Hyde grüßen freundlich und mit einem Funken Wahnsinn im Blick. Ich finde ja, wer diesen Beruf ausübt, braucht auch etwas Wahnsinn, sonst hält man das alles auch gar nicht aus und wird am Ende noch verrückt darüber. Ja-haha, huah.

Mir ist klar, dass ich in Menschenhasser-Stimmung keine gute Gesellschaft bin, nicht mal aus der Ferne. In meiner Vorstellung schwebt über meinem Kopf dann eine schwarzgekritzelte Wolke, die mich überall hin begleitet und darin steht dann wahlweise *hmpft*, *grummel*, oder schlicht *hass*. Jemand meinte mal zu mir, dass ich bei richtig schlechter Laune wie ein schwarzes Loch wirken würde, das alles Positive in sich aufsaugt. Dieser jemand hat schon lange nichts mehr zu melden (aus Gründen). Das Bild von der Wolke gefällt mir sowieso besser, so eine Wolke verzieht sich ja auch eher und lässt wieder die Sonne durch als ein schwarzes Loch irgendwo im All.

Letztens war ich  jedoch mit dieser Wolke in der irdischen Draußenwelt unterwegs, weil ich einkaufen musste. Hass schützt vor Hunger nicht. Ich fuhr extra zwei Gemeinden weiter, um nicht meinen Gemeindegliedern über den Weg laufen zu müssen.

Grimmig mustere ich vor Ort die anderen Gestalten mit ihren Einkaufswagen und Gesichtern. Schlimm, alles ganz, ganz schlimm. Hinter den Kartoffeln will ich abbiegen und mein Wagen stößt mit einem anderen zusammen. Rechts vor links, VERDAMMT! Segen und Fluch liegen nahe beieinander. Zwei Regale weiter passiert das Gleiche, auch noch mit demselben Typen, der mich daraufhin groß anschaut. Ich starre kurz entgeistert zurück und will  mich rechtzeitig abwenden, um ein Gemetzel im Konsumtempel zu vermeiden.

Er: „Guten Tag!“  „Hmmtag“ brubbele ich in seine Richtung. Wer wagt es, mich anzusprechen? Ist der lebensmüde? Ach, erinnere ich mich,  das interessiert mich heute alles ja gar nicht! Ich setze den Wagen wieder in Bewegung, er daraufhin ganz munter: „Nun weiß sie wieder nicht, wer ich bin.“ Er weiß nicht, was er tut. Als ich unter großer Anstrengung meinen Kopf hebe und den Mann skeptisch mustere, bemerke ich ein leichtes Zucken in meinem linken Auge. Oh-oh. Sein Gesicht kommt mir in der Tat bekannt vor.  „Nee, echt nicht“ bringe ich hervor, für Förmlichkeiten reicht es nicht. „N.N., Bestattungshaus Meier.“ Klar, dass ich in mörderischer Stimmung in der Obstabteilung  ausgerechnet auf einen Sargträger treffe,  „Ach so, na dann, ehm, so ohne Berufsbekleidung hab ich Sie gar nicht erkannt. Also dann…“ Ich lache gezwungen und ohne jede Freude und will nun endlich weiter, er lässt mich aber nicht: „Aber Sie habe ich erkannt ohne den Talar! Das Gesicht hab ich mir gemerkt!“

Seine Hartnäckigkeit erstaunt mich, seine Risikobereitschaft ebenso.  „Ja, das ist ja..“ vollkommen wahnsinnig, grauenvoll, suizidal, abgrundtief verstörend, bescheuert, anmaßend, verrückt, unangenehm, völlig fehl am Platz, beschissen, fatal, hoffnungslos bekloppt, brüskierend, herausfordernd, in den Grundfesten erschütternd, null emphatisch,  zum Himmel schreiend unvernünftig, selten dämlich, 

„Schön“  sage ich und ziehe meine Mundwinkel nach oben und anschließend den Wagen weit, weit weg.

 

 

Aus dem Leben einer Pfarrkatze

Ihr Gefährt und sie höre ich schon wenn sie um die Straßenecke Richtung Pfarrhaus biegt. Ich kenne das Geräusch, wenn sie zweimal die Fahrertür schließt, das Hoftor öffnet und am Hintereingang fluchend mit den Schlüsseln kämpft, besonders wenn es dunkel ist. Wenn sie dann die Treppe heraufstampft (anders kann man es nicht bezeichnen), habe ich schon Position bezogen hinter der Wohnungstür und setze zur Begrüßung an.

Seit über einem Jahr wohne ich jetzt in einem Pfarrhaus und meine besondere Position als Katze vor Ort erfülle ich mit Würde und Grazie. Ich mag es durch die Flure und Zimmer zu flanieren. All. Das. Ist. Mein. Und wer mich sieht, reagiert angemessen andächtig: So eine schöne Katze und so schlank, wie alt ist sie denn? Alle schätzen mich jünger, ich habe mich gut gehalten und das ist mir vollends bewusst.

Sie scheint es mir ab und an gleichtun zu wollen, dann passt sie ihre Kleidung meiner Fellfarbe an, von oben bis unten. Meistens läuft sie dann besonders hektisch (und wenig elegant) durch die Räume, sucht hier nach etwas oder dort, rennt die Treppe runter und wieder hoch und findet das rote/schwarze Buch/die Taschentücher/das Glas Wasser/ das Telefon/das Geld/die Mappe/die Schlüssel und poltert wieder nach unten. Aus dem Fenster sehe ich sie in das große Haus gegenüber eilen, wo vor ihr schon Menschen mit meist grauen oder weißen Haaren gestanden und geplappert haben, bevor sie nach drinnen verschwunden sind. Wenn ich die Ohren spitze kann ich hören, wie sie drüben zur Begrüßung ansetzt. Manchmal singt sie auch, glaube ich.

Das macht sie von Zeit zu Zeit auch spät abends in meinem Wohnzimmer, dann spielt sie dazu auf dem kleinen Holzteil oder auf dem großen oder dem ganz kleinen. Ich kann das  überhaupt nicht leiden und sie weiß das auch. Spätestens nach 10 Minuten setze ich ein vorwurfsvolles Gesicht auf, setzte mich sehr aufrecht neben oder vor sie und mache geräuschvoll auf mich aufmerksam. Dann dauert es nicht lange, dass sie etwas aus dem Schrank aus Küche holt was mir schmeckt, ich tue ihr den Gefallen und lasse sie als Dankeschön etwas in Ruhe spielen. Auch Menschen brauchen Spielen.

Morgens macht es mir Spaß, sie auf ihrer Liegewiese zu besuchen und zu wecken. Obwohl ich zart erscheine kann ich knallhart sein, sie weiß das natürlich. Deshalb versteckt sie sich dann unter der Bettdecke, aber das hilft nur kurz. Manchmal gibt sie dann brummende Geräusche von sich, fast wie ihr Gefährt. Ich weiß nicht, ob das gesund ist. Spätestens wenn ich beginne, Dinge von ihrem Nachttisch zu schubsen, steht sie auf und ich bekomme mein wohlverdientes Frühstück und habe, na klar, gewonnen.

Ansonsten haben wir beide keine wirkliche Struktur, jeder Tag ist unterschiedlich, mal ist sie den ganzen Tag zuhause und starrt in das leuchtende Gerät, wovon ich freilich versuche, sie abzuhalten. Wenn sie darauf herumtippt, tippe eben auch ich darauf herum, mit Pfoten geht das doch wohl genauso gut, ich kann auch hilfreich sein. Meistens ruft sie dann erbost meinen Namen und ich springe schnell vom Tisch. Ein ander Mal ist sie stundenlang weg. Es kann sein, dass sie die halbe Einrichtung mitnimmt und hinterher wieder hochschleppt, das kleine Holzteil, die Plastikkiste mit Büchern und einen vollen Rucksack. Mit solcherlei Umständen kann ich ganz gut leben, ich kann auch mal allein sein, hauptsache die Heizung ist an und ich kann meinen Bauch wärmen. Was mir gehörig gegen den Strich geht, sind diese ständigen Besuche. Besonders schlimm sind (kleine) Menschen, die mich immer anfassen wollen. Höchst unangenehm.

Vor einer Woche waren 14 Menschen in meinen Gefilden, 12 davon über Nacht! Und diese Menschen setzten sich an sämtliche Kisten und brachten noch selbst welche mit und es war ein Höllenlärm. Sie lachte viel und war anscheinend zufrieden mit dieser Horde. Wie konnte sie nur? Ich war froh, als sie endlich wieder weg waren. Und damit sie endlich versteht, wer hier die Chefin ist habe ich ein deutliches Zeichen im Gästezimmer hinterlassen. Auch eine feine Katzendame muss sich schließlich zu wehren wissen. Jetzt sitzen wir beide auf der Couch und sie tippt schon wieder ewig in das Leuchtegerät. Es ist cs<,.vfläüpagrnkcxc,öl<sc,.—cyhjt675762qeoüp´csacxdmv.,dvs.,m vdaeioue

 

 

Plötzlich in Amsterdam

Montagmorgen bin ich mit gutem Timing und einem unterkühlten Ulf aufgeregt Richtung Stadt (also Zuganbindung) gefahren und habe die Gemeindewelt für ein paar Tage hinter mit gelassen. Mein erster Urlaub ganz alleine in einer fast fremden Stadt, Amsterdam. Seit ich Single bin (schone eine Weile), probiere ich hin und her, wie ich meine freie Zeit gut und auch erholsam verbringen kann.

Dieses Austesten ließ mich im letzten Jahr quer durch Deutschland fahren und meine Mädels besuchen mit Friseurbesuch und Tanz und verkatert Tatortreiniger im Bett gucken. Es brachte mich zu meiner Familie und (zum Leidwesen der Nachbarn in 1 km Umkreis) mit sehr lautem Soundtrack ans Lagerfeuer mit meinem Hippie-Onkel und auch an einen Felsen bei Toulouse, an dem ich (zum ersten Mal überhaupt) hinaufgeklettert war ohne zu wissen, wie es später wieder runter geht. Ich habe bei dieser Reise auch Kontrabass gespielt und bin Kanu gefahren, was gar nicht so schlimm war, aber eine andere Geschichte ist. Oft war ich natürlich auch bei Rahel, ihrem Mann und den Kindern, wo es mittlerweile (was ein Segen!) ein drittes kleines Mädchen im Bunde gibt. Ein befreundeter Gitarrist schwärmte kurz nach Silvester bei einem gemeinsamen Mittagessen davon, wie er alleine für ein paar Tage nach Paris gereist ist. Ich war beeindruckt. Und für meine Urlaubsplanung inspiriert.

Nach einer ziemlich langen Anreise wurde ich nun also in eine Welt katapultiert, die mir (obwohl ich heute schon den zweiten Tag hier bin), immer noch surreal erscheint. So Großstadtflair und Hipsterbärte und Hollandräder bin ich überhaupt nicht mehr gewohnt, bei mir gibt es ja nicht mal Radwege, von hipsterescen Menschen mal ganz zu schweigen.

Heute morgen saß ich beim Frühstück in einer sehr schicken Pancake-Bar mit ebenfalls sehr schicken (jungen, teilweise bärtigen, freundlichen) Servicekräften und konnte auf die Straße blicken. Während ich dort saß und aß, sah ich zwei Musikanten, lauter schöne, junge oder jung aussehende Menschen mit bunten Kopfhörern und Strickschals auf Fahrrädern in sämtlichen Zuständen und andere in Autos und genau eine einzige Frau im Rentenalter. Mit ihrer geringen Körpergröße und den weißen Haaren fiel sie total aus dem Raster.

Auch wenn ich gestern einige Stunden unterwegs war und eigentlich Zeit dazu hatte auf Freizeit umzuschalten, bin ich gedanklich und gefühlig schnell in der Gemeinde. Nicht nur, wenn ich an der Pizzeria Pastorale vorbeikomme oder hier Glocken läuten höre oder der Mann auf der anderen Straßenseite so aussieht wie Herr H.aus dem Presbyterium, der auch schon ewig nicht mehr zu einer Sitzung da war. Die letzte Woche war aufreibend mit drei Beisetzungen, vielen Terminen und ein paar Dramen (Menschen!) drumherum, außerdem läuft ja das Bewerbungsverfahren und auch die Weiterbildung braucht Vorbereitung.

In letzter Zeit frage ich mich öfter, was mich am Landleben und den Menschen, die auf dem Land eigentlich leben so anrührt. Ich selbst nutze das Land kaum (außer, dass die Hängematte am Apfelbaum hängt und der Schreibtisch im Sommer auf die Terrasse wandert). Ist es das bäuerliche, naturverbundene Leben, dass mir irgendwie geerdeter erscheint? Oder sind es die geschwungenen Hügel, die Sonnenblumenfelder und der weite Himmel unter dem glitzernd Seen liegen, die mich in ihrer Schönheit ansprechen? Oder liegt meine Verbundenheit daran, dass ich nun Lebensgeschichten kenne und begleitet habe und so auf natürliche Art mit hineingewachsen bin in dieses vergessene Land? In eine Gegend von der ich vor vier Jahren noch nie etwas gehört hatte und die mir heute so bedeutend und weltbewegend erscheint. Pfarrdienst macht Sachen, aber ohne Scheiß.

Heute Nachmittag dachte ich, jemanden gefunden zu haben, der ganz ähnlich wie ich empfindet. Ich musste lange warten und geduldig sein (nicht meine Stärke), aber die Mühe hat sich gelohnt. Wer hätte gedacht, dass ich mich Vincent van Gogh einmal ganz nah fühlen würde? Vincent hatte zu Beginn seines Künstlertums (von Karriere zu Lebzeiten kann ja trauriger Weise nicht die Rede sein) eine Phase, in der er sich vor allem für das Landleben und besonders für die armen Bauersleute interessierte. Ich betrachtete die Bilder von Menschen in Feldern mit Sensen, die Kartoffel-Esser, das Porträt der alte Frau und das Pfarrhaus, in dem er zu dieser Zeit bei seinen Eltern gewohnt hat. Noch sind die Bilder eher dunkel und gedämpft, wenig lässt seinen späteren Stil erahnen. Vincent musste erst nach Paris ziehen und dort die Inspiration finden die er brauchte, um seine eigenen Farben und Pinselstriche zu entdecken und zu formen. Auch später wird er oft ländliche Szenen malen, wogende Weizenfelder, blühende (Apfel?-)Bäume, rote Mohnblumen vor gelben Korn – diese Bilder werden leuchten. Leider konnte ich nicht alles von ihm in Ruhe betrachten, denn die Saalordner im Van-Gogh-Museum nehmen ihren Job ernst und scheuchen Trödeltanten („jut a little time, pleeeaaase“) wie mich nachdrücklich zur rechten Zeit nach unten zum Museumsshop und zum Ausgang. Obwohl ich die T-Shirts und Tassen mit den blühenden Baumzweigen oder den Sonnenblumen hübsch fand, hab ich sie mir nicht gekauft. Das habe ich alles ja schon zuhause. Und da leuchtet es auch.