Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

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Ein Nachruf

Die erste Begegnung mit ihm war über das Internet. Er war einem Bekannten aufgefallen, der mich auf ihn aufmerksam machte: Sara, könnte der nicht was für dich sein?“ Auf dem Foto strahlte er in der Sonne. Gutaussehend, richtig sportlich für sein Alter. Eigentlich hatte ich mich mit einem anderen gesehen, größer und kräftiger, vielleicht ein Schwede. Dennoch zog der Kleine meine Aufmerksamkeit auf sich und weckte mein Interesse, obwohl die Farbe (Zitat Bekannter) Geschmackssache sei.

Im Herbst 1996 fuhr Ulf seine ersten Kilometer auf Deutschlands Straßen. Er wuchs auf in ländlichem Gebiet, zwischen weit gezogenen Wäldern, Kleinstädten und Dörfern. Seine ersten Besitzenden werden sich erfreut haben an seiner (damals noch) modernen Ausstattung: Klima, ein Schiebedach, elektrische Fensterheber. Ein Auto, das mit seiner Farbe auffiel und auch durch seine Schnelligkeit, auf der Autobahn machte ihm niemand etwas vor. Ulf fuhr und fuhr, über Stadt und Land, viele Jahre gut versorgt und gepflegt. Eine behütete Kindheit und Jugend.

Eines Tages wurde er von einem jungen Mann übernommen, der davon überzeugt war, dass er sich mit Autos auskannte. Ihm verdankte Ulf eine nachgerüstete Standheizung und eine beachtlich laute Soundanlange im Kofferraum. Nun war Ulf nicht nur gut zu sehen, sondern auch aus kilometerweiter Entfernung zu hören. Das war seine wildeste Zeit, an die die eine oder andere kleine Beule oder nicht schließende Tür später erinnern würde.

Ob Ulf in diesen Jahren oder davor mit den Glauben in Berührung gekommen ist, können wir nicht sagen. Darüber sprach er nicht, so wie er auch sonst ein eher wortkarger Zeitgenosse war. Aber als einige Zeit später eine junge Pfarrerin und Fahrerin (Führerschein damals ganz frisch) ihn aufnahm und schließlich einen kleinen, gelben Fisch auf sein Heck klebte, schien er sich zu freuen. Seit er auf dem Weg zu einem Festival mit Gaffa-Tape am linken Auge notoperiert werden musste, war seine frische Optik beeinträchtigt, aber Ulf nahm es mit einem fröhlichen Zwinkern, das er nie wieder verlor. Auch die kleineren und größeren Blechschäden aus den Jahren seines Pfarrfahrdienstes haben ihm nie wirklich etwas ausgemacht, er behielt sein jugendliches Aussehen und seine durchtrainierte Haltung. Ulf war eben hart im Nehmen und fuhr und fuhr. Jetzt von Dorf A bis Dorf H, auf sandigen Waldwegen und holprigen Dorfstraßen, knapp an Füchsen, Wildschweinen und Hirschen vorbei, an Badeseen und durch verschneite Landschaften, zu Kirchen und Dorfgemeinschaftshäusern. Mit Kindern auf dem Rücksitz oder nöligen Konfirmandinnen und Konfirmanden, manchmal mit Seniorinnen, die Gitarre im Kofferraum neben der Kiste mit Liederbüchern und frischen Eiern von den glücklichsten Hühnern der Welt und einem Reste-Paket aus dem Gesprächskreis mit geschmierten Broten und Kuchen.

Mit Ulf fuhr ich durch Abende und Nächste um mit der Band zu proben, Freundinnen und Freunde zu treffen, Menschen im Urlaub von Bahnhöfen abzuholen, um zu meiner Familie zu kommen und selbst Urlaub zu machen. Wir waren in den Bergen und am Meer und auch in der Wüste. Mit Ulf habe ich atemlos und ohne dabei Musik hören zu können (so viel Aufregung) die erste Autofahrt alleine in meine erste Gemeinde unternommen. In Ulf habe ich gelacht, erzählt, geküsst, gesungen und geschrien, ich habe zugehört und geweint, nachgedacht, gebetet und geschlafen (nicht beim Fahren natürlich), getanzt und telefoniert. Ich wurde mit Ulf zwei Mal rausgewunken, des Öfteren geblitzt und angehupt, wir wurden gemeinsam bewundert, aber auch bemitleidet. Es hätte noch lange so weitergehen können.

Aber der letzte große Umzug in die Stadt muss für ihn zu viel gewesen sein. Plötzlich änderte sich sein Charakter. Er wurde bockig und aufbrausend, neigte zum Explodieren. Manchmal fuhr er einfach nicht mehr los. Vier Mal wurde er seit Dezember abgeschleppt, was eigentlich überhaupt nicht seine Art war. Ein Mechaniker fand nach langen Untersuchungen die Ursache: die Bastelarbeiten in seiner wilden Jugendzeit rächten sich im Alter. Ulf verlor nun alle(n) Kraft(stoff), die (Kraftstoff-)Pumpe wurde immer schwächer bis sie schließlich gar nicht mehr ging. Lebenserhaltende Maßnahmen lehnten wir beide ab. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Alles, was mir von Ulf bleiben sollte, passte in eine rote Plastikkiste. Als ich mit der Kiste und feuchten Augen in der Werkstatt stand, versuchte mich ein Mitarbeiter zu trösten: Sie werden noch viele, viele Autos fahren und die werden schöner sein.

Ich schüttelte nur traurig den Kopf. Ich wollte doch niemals ein anderes Auto fahren. Jetzt fährt Ulf ohne mich. Er fährt und fährt, in einer anderen Welt. Und eines Tages, da sehen wir uns vielleicht wieder. Und dann wird er mich anzwinkern und ich werde die Fahrertür öffnen und immer noch wissen, dass ich sie zwei Mal zuziehen muss. Und wenn wir dann zwischen gelb blühenden Feldern dem Horizont entgegen fahren, werde ich das Schiebedach öffnen, den Fahrtwind genießen und die Anlage ganz laut aufdrehen und mitsingen und mit wippen: If you´ll be my bodyguard I can be your long lost pal I can call you Betty And Betty, when you call me, you can call me Al.

Lieber Ulf, es war mir eine Ehre. Auf Wiedersehen.

Neues Jahr, neuer Wahnsinn

Nach dem Weihnachtsirrsinn und Silvestertrubel war an diesem Wochenende endlich etwas Zeit für Quality-Time mit den Mädels (die nach wie vor zwar aus den Augen, aber überhaupt nicht aus dem Sinn sind). Das war auch dringend nötig. Obwohl die Weihnachtsdienste in der neuen Gemeinde deutlich anders sind als noch auf dem Land (weniger Krippenspiele und Fahrerei, überhaupt weniger Dienste), waren sie doch auf ihre Weise kräftezehrend. Nicht nur, weil alles hier noch ungewohnt und ungeübt ist (ich habe tatsächlich etwas gefremdelt mit all den unbekannten Menschen bei der Christvesper und hatte Heimweh nach meiner ersten Gemeinde), auch weil Gottesdienst vorbereiten und Gottesdienste feiern irgendwelche energetischen Sachen mit einem macht.

Die ersten Dienst-Tage im neuen Jahr waren zwar noch relativ ruhig, aber der schon jetzt prall gefüllte Kalender konnte sich so ungestört gedanklich zu einem schönen Scheinriesen aufbauen und ekligen Stress auslösen: OhGottderGemeindebriefder Ehrenamtsempfangdie Konfizeitdie Taufen im Januarder Kindergottesdienstdie junge GemeindediePresbyteriumssitzungderArbeitskreisdieKitaandachtendernächsteGottesdienstdieAndachtdieSeniorenkreisedieBaustelledieGeflüchtetenunterkunftWaaaah. Von wegen frischer Neuanfang, hier war mehr so Neujahrsdepression. Dazu kam dann noch Herzschmerz, weil ich mich demnächst von Ulf trennen muss. Der ist explosionsgefährdet (deswegen roch er innen manchmal so komisch nach Benzin, ich hatte mich schon etwas gewundert) und eine Reparatur lohnt sich nicht mehr. Ich hatte wohl ganz schönes Glück dass mir (und anderen) mit ihm nichts passiert ist. Trotzdem doof, ich habe noch vor wenigen Wochen einem Freund glaubhaft versichert, dass ich niemals ein anderes Auto würde fahren wollen. Niemals. Tja..

Deshalb also: Flucht zu lieben Menschen. In diesem Fall zu Julia, die mittlerweile in einer Studierendenstadt Pastorin ist. Unsere Frederike war leider dienstlich verhindert (immer diese Gottesdienste, tzzzz), aber dafür kam Jana angereist mit einer beachtlichen Babykugel.

An einer Wand in Julias Badezimmer hängen Postkarten und Fotos, u.a eines von ihr, Frederike, Jana und mir auf einem Steg an dem großen Fluss in der Stadt, in der wir für ein paar Semester gemeinsam studiert haben. In einem Knäuel hängen wir da alle aufeinander und schauen unbeschwert und fröhlich in die Kamera. Fast kann man uns gackern und juchzen hören. Seinerzeit konnte ich noch ganz bequem mit dem Rad zu Julia oder Jana tüdeln, auf ein Bier und Musik machen am Abend (Julia), bzw. auf Sekt und Kippen auf dem Balkon (Jana). Heute braucht es entweder einen Ulf (ach, ach…) oder eine lange Fahrt mit ICE und Öffentlichem Nahverkehr und mindestens ein für alle predigtfreies Wochenende, oder eben Mutterschutz, damit wir uns sehen können. Und wir trinken alkoholfreien Sekt (Jana) und viel Tee und Kaffee, und ein wenig Rotwein. Mehr als wenig Rotwein vertrage ich auch nicht. An Silvester hatte ich das (nach dem Gottesdienst und in geselliger Runde bei Anna) vergessen und einfach viel getrunken, was lecker war und Spaß gemacht hat, aber doch unangenehme Folgen hatte (zum Glück kein Dienst an Neujahr).

Davon erzählte ich Julia und Jana gestern, während wir gemütlich und entspannt im Wohnzimmer herumlümmelten. Wenn Pfarrmenschen zusammen kommen, geht es auch oft um den Wahnsinn im Dienst (ihr habt vielleicht auch schon irgendwo davon gelesen :-P), davon gibt es ja auch eine ganze Menge. Jana und Julia haben da auch so ihre Stories zu bieten und wir erfanden für unsere Gesprächsbeiträge den schönen Titel „Kotz – und Motzgeschichten“. Die Maus war gestern, hier kommt der Kater. Ein paar Auszüge für euch:

Jana hat es nach einer Beisetzung erlebt, dass ein Angehöriger sich Wochen später am Telefon darüber beschwert hat, dass sie beim Singen nicht stand und nicht in die Gemeinde geguckt hat und ihre Haare angeblich die Sicht auf ihr Gesicht verhindert hätten.

Julia hat von ihrem Vorgänger einen Hausmeister geerbt, der keine Dienstbeschreibung hat, Vollzeit angestellt ist, aber immer um 14 Uhr seinen Dienst beendet, um seinem Zweitjob nachzugehen.

Jana hat einen Kollegen der sich weigert, einen gemeinsamen digitalen Kalender zu nutzen und der niemals seinen freien Tag einlöst.

Frederike war zwar nicht anwesend, aber ihre Motzgeschichten (wir telefonieren regelmäßig) haben es dafür besonders in sich. Sie wurde tatsächlich einmal von einem Gemeindeglied als „Enttäuschung“ beschimpft.

Man macht schon ganz schön was mit. Aber natürlich nicht nur mit so Nervkram. Es gibt auch genügend Lach – und Sachgeschichten im Leben von Pfarrmenschen, sonst würde ja niemand diesen Wahnsinn aushalten. Und jede*r könnte damit mindestens einen Blog füllen. Oder einen Roman, oder das Skript für eine Serie. Aber das ist hier ist mein Blog und deswegen hier zum Schluss ein paar schöne Blitzlichter aus meinen letzten Wochen:

Eine Postkarte von Frau S. Aus Dorf G meiner alten Gemeinde: Wir vermissen Sie so. Schöne Grüße von unserer Kaffeerunde, ich drücke Sie, Ihre Frau S.

Eine Weihnachtskarte von einer Familie aus der neuen Gemeinde: Wir sind froh, dass du jetzt zu uns gehörst. Frohe Weihnachten!

Dass jemand aus der neuen Gemeinde Ulf mit mir in die Werkstatt abgeschleppt hat.

Wie sich meine Konfis in der WhatsApp-Gruppe alle gegenseitig ein frohes neues Jahr gewünscht haben (die gehen so süß miteinander um).

Das Weihnachtsfestessen, das meine Mutter uns gekocht hat am 1. Weihnachtsfeiertag.

Dass manche aus der Gemeinde noch Tage später Themen aus meiner Predigt aufnehmen und miteinander darüber reden.

Dass ich fantastische Menschen in meinem Leben habe, die mir das Herz wärmen und mich mit Kotz- und Motz und Lach – und Sachgeschichten, aber vor allem mit unendlich viel Glück und Liebe erfüllen.

Insgesamt also ganz schön viel Segen. Schöner Wahnsinn. Halleluja!

Aus gegebenem Anlass VI

Predigt für die Christvesper 2018

Weihnachten – bedeutungsvollere und erwartungsgeladenere Feiertage gibt es kaum. Weihnachten geht an Herz und Nieren. Da spielen Wünsche und Sehnsüchte eine Rolle: endlich wieder Zeit mit der Familie, das leckere Festtagsessen, geliebte Menschen beschenken und selbst beschenkt werden, erzählen und diskutieren und lachen, spielen, gemeinsam spazieren gehen. Aber auch Erinnerungen sind an Weihnachten wichtig: an Großmutters einzigartigen Kartoffelsalat, die kleinen Glasvögel am Weihnachtsbaum, früher war mehr Lametta, den abendlichen Gang zur Kirche, die kribbelige Vorfreude auf den Gabentisch, die harten Kirchenbänke, die seit Jahrzehnten gleich sind, das „Oh du Fröhliche“ am Ende des Gottesdienstes.

Weihnachten erhält seine je eigene Intensität durch das, was wir, was jede und jeder von uns, mit Weihnachten verbindet. Und dadurch, welche Bedeutung wir dem Weihnachtsgeschehen beimessen, beimessen wollen.

Ich glaube, die meisten Menschen feiern an Weihnachten, dass uns ein Kind geboren wurde. Darum geht es schließlich. Ein Kind wurde geboren auf einem Feld bei einer Stadt, die, laut google maps, 4000 km weit von uns weg ist, 40 Autostunden, Richtung Ungarn, durch die Türkei, Syrien und den Libanon und dann wäre man endlich angekommen, in Bethlehem.

Die Suchmaschine weist mich bei der Recherche darauf hin, dass „mein Ziel in einer anderen Zeitzone liegt“. Wie richtig sie damit liegt!

Ein Kind wurde uns geboren, und zwar vor über 2000 Jahren. Der Stall, Maria und Josef, die Engel und natürlich das Kindlein, Jesus. Wer Weihnachten feiert, weiß das. Sonst wären wir ja heute auch nicht versammelt.

Aber, wer Weihnachten feiert weiß auch, dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sie sich vorgestellt hat. Weihnachten birgt auch so seine Überraschungen. Und hier habe ich eine für Sie:

Das Kind, von dem es im Predigttext für heute heißt, es wurde uns geboren – dieses Kind trägt nicht den Namen Jesus. Mit dem Kind ist nicht einmal Jesus gemeint, sondern tatsächlich jemand, der viele hundert Jahre vor Jesus geboren wurde. Keine Sorge – ich versichere Ihnen und euch, dass dieser Umstand der weihnachtlichen Freude keinen Abbruch leistet, sondern sie hoffentlich sogar noch größer macht.

Der Prophet Jesaja schreibt im 9. Kapitel:

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;

Jesaja dachte wahrscheinlich an den jungen König Hiskia, als er diese Zeilen schrieb. Aber für mich ist heute etwas anderes bedeutsam: In die Freude über das geborene Kind mischt sich eine Freude, die über jenen König und sein politisches Wirken und Schaffen weit hinaus geht, eine universale Freude. Jesaja jubelt über Gottes Wirken in dieser Welt. Er schafft den Frieden und die bessere Welt, nach der er sich sehnt. Erfüllt davon schreibt er seine Vision:

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. […]

Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Einige hundert Jahre später kennen die Menschen des Volkes Israel diese Worte, denn sie sind Teil ihrer Heiligen Schriften. Man liest die hoffnungsvolle Friedensvision des Propheten Jesaja bei den Gottesdiensten im Tempel und in den Synagogen. Man ist mit ihrem Klang und ihren Bildern vertraut. Die Hoffnung auf den kommenden Friedensfürsten ist lebendige Glaubenstradition.

Und dann wird wieder ein Kind geboren, in einem Stall auf einem Feld nahe Bethlehem. Und die Mutter und Josef, die Hirten und auch die weisen Männer aus dem Morgenland, sie alle sehen dieses Kind und spüren, das etwas Besonderes mit ihm ist, das ein Leuchten von ihm ausgeht. In dem Kind scheint etwas auf, dass sie an die alten Texte erinnern lässt, an Jesajas Worte vom Licht in der Dunkelheit, von der Freude und einer Königsherrschaft, die Recht und Gerechtigkeit mit sich bringt und ewig bleiben wird. Sie sehen das Kind mit dem Namen Jesus und hören in sich die wunderbare Verheißung des Propheten – uns ist ein Kind geboren. Du weckst lauten Jubel. Du machst groß die Freude.

Auch aus der Erinnerung an diese Worte wächst in den Menschen damals die Überzeugung, dass Gott in diesem Kind in dieser Welt wirkt. Und diese Erkenntnis geht ihnen an Herz und Nieren, bringt sämtliche Wünsche und Sehnsüchte in Bewegung und lässt sie davon singen, berichten und erzählen und schreiben. Diese Erkenntnis ist so groß, dass sie die Welt verändern wird und die Weltzeit einteilen wird in – vor der Geburt des Kindes und nach der Geburt des Kindes. Ohne die niedergeschriebene Vision des Propheten Jesaja wäre das nicht möglich gewesen. Es is seine universale Hoffnung, die der Weihnachtsgeschichte zu ihrer weltbewegenden Bedeutung verholfen hat.

Wir feiern Weihnachten und erinnern uns an die Geburt des Kindes mit Namen Jesus, der in den Menschen seinerzeit alle Hoffnung weckte und ihnen Gott auf ganz neue Weise nahe brachte.

Ich glaube, Weihnachten feiern heißt, sich erinnern können und der eigenen Hoffnung trauen. Und das nicht nur im kleinen Rahmen, bezogen auf die eigene Lebensgeschichte, sondern im ganz Großen betrachtet. Weihnachten geht zwar an Herz und Nieren, aber auch weit über den eigenen Horizont hinaus – das ist ja gerade das Wunderbare!

Wir als Christinnen und Christen stehen in einer jahrtausendealten jüdisch-christlichen Tradition. Die Verheißungen des Ersten Testaments haben ihre Gültigkeit, die Worte des Propheten Jesajas stehen gleichberechtigt neben denen des Evangelisten Lukas. Wir sind daran gewöhnt, beides zusammen zu hören, gleichzeitig. Uns ist ein Kind geboren – Jesus von Nazareth. Doch unsere Glaubenstradition ist größer und reicher und älter. Wir würden dem Zeugnis des Jesaja und der hebräischen Bibel nicht gerecht, wenn wir einen Namen hineinlesen würden, der nicht in diese Zeit gehört. Dafür hat der Jesaja damals eigene Namen gefunden und aufgeschrieben: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Jeder einzelne Name steht dafür, dass Gott da ist. Dass er Wunder wirkt in dieser Welt, dass er stark ist und liebevoll und den Frieden bringt, einen Frieden ohne Ende, für alle Geschöpfe Gottes auf dieser Erde.

Ich glaube daran, dass das Kind Jesus jene Verheißung in den Menschen seiner Zeit zum Klingen gebracht hat. Und ich glaube, dass jene Geburt – 4000 km entfernt und vor über 2000 Jahren geschehen, immer noch eine Bedeutung hat, die größer ist, als ich es mir vorstellen kann. Die die Kraft dazu hat, aus der Vergangenheit heraus unsere Gegenwart und Zukunft zu verändern.

Weil das Geschehen auf jenem Feld bei Bethlehem göttlicher Natur war. Gott wirkt in dieser Welt – das haben schon unzählige Männer, Frauen und Kinder vor uns erfahren und davon in ihrer je eigenen Sprache und Form erzählt und gesungen und geschrieben. Gott wirkt in dieser Welt und in ihren Menschen, über Zeiten und Ländergrenzen hinweg. Dabei rührt er Herzen an und befreit, weckt Glauben und Hoffnung und taucht alles und jede und jeden in ein großes Licht, das hell scheint und uns den Weg weist, zu den Hirten, Maria und Josef und dem Kind, dessen Name nichts anderes bedeutet als: Gott mit uns.

Amen.

Frohe und gesegnete Weihnachten euch allen!

Advent 2018

Impressionen aus der Adventszeit:

Letzte Woche:

In der Kirche findet ein großes Abendprogramm der Grundschule statt. Kinder huschen vor Beginn der Aufführung nervös und in illustren Kostümen durch das Gemeindehaus. Ich bin in der Küche und sortiere Gewürze in Schälchen (für eine Abendandacht ) und sehe kleine Artistinnen mit silbernen Leggins, eine Prinzessin in mintgrün und mit Diadem und einen Jungen, dem ich (ganz die Pastorin) auf Grund seiner Fellweste sofort einen biblischen Bezug andichte. „Na, spielst du heute Abend etwa einen Hirten?“ „Nö, ich bin ein Löwe!“ In den ersten 20 Minuten der Aufführung kann ich dabei sein und staune über einen vergnügten Kinderchor und die freundlichen Lehrer*innen. Bei einem lässig-groovigen Stück singen und rappen die Kinder über den Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt. Es klingt gut und macht Spaß, auch ich wippe mit und muss Lächeln. Und dann plötzlich piekst mich die Frage: warum singen und rappen die vom bekloppten Weihnachtsmann und nicht über Weihnachten und Wunder und Bethlehem? Warum Löwe und nicht Hirte?

Gerüchteküche:

Ich erwähnte in diesem Blog schon an anderer Stelle, dass die Stadt dem Land nicht in allem voraus ist. Hier bin ich tatsächlich die erste (von der Gemeinde gewählte) Frau auf der Pfarrstelle. Mich irritiert, dass es sowas im Jahre 2018 überhaupt noch gibt. Und die Gemeinde ist (in Teilen) tatsächlich irritiert von mir. Nicht nur, das manche mich für ein „junges Mädchen“ halten (ich bin 34, und sehe nach fast vier Jahren im Dienst auch wirklich so aus). Neuerdings spricht und wundert man sich angeblich darüber, dass ich Mitglieder des Presbyteriums zur Begrüßung umarme. Mein Vorgänger hat das auch gemacht, aber da war das ok. Bei mir scheint das anders zu sein. Natürlich könnte sich die Gemeinde auch einfach darüber freuen, dass die Leitung sich gut versteht und sich gerne sieht. Aber man kann sich eben auch darüber wundern, dass die Pfarrerin – OMG!- ein freundliches Wesen hat. Als würden sich Herzlichkeit und Professionalität ausschließen! Und dann ist sie auch noch jung und attraktiv und unverheiratet, da muss doch irgendwas komisch sein! So viel Engstirnigkeit hätte ich hier nicht erwartet. Vergleichsweise ist das ein harmloses Gerede (man hat immer irgendwelche absurden Gerüchte), aber das Frauenbild dahinter finde ich richtig fies.

Gottesdienst

Am 3. Advent haben die Konfis den Gottesdienst mitgefeiert. Also mit Menschen am Eingang begrüßen und Liederbücher verteilen, Glocken läuten, Kollekte einsammeln, Fürbitten lesen und Lied singen. Einiges an Gewusel und Orga (Habt ihr eure Zettel? Geht ihr beide läuten? Könnt ihr das Keyboard kurz runterräumen? Macht ihr bitte die Liednummern an die Tafeln? Habt ihr alle Liederbücher?) und Aufregung für mich (Kriegen die den Turm wieder abgeschlossen? Wird C. das Wort „destruktiv“ in ihrer Fürbitte lesen können? [konnte sie nachher nicht] Frieren die nicht ohne ihre Jacken? Wer tuschelt denn da hinten?), aber auch Herzerwärmendes.

Am Tag davor waren wir in einem Seniorenheim und haben da ein paar Lieder und Gedichte zum Besten gegeben. Dort haben die Jungs und Mädels und ich u.a. die Erfahrung gemacht, dass es auch unhöfliche Exemplare innerhalb der älteren Generation gibt, selbst wenn man für die extra und einfach aus Nettigkeit ein tolles Programm aufführt. Eine Dame wollte permanent aufstehen und gehen und wurde von ihrer Sitznachbarin jedes Mal aufgehalten (Bleibst du sitzen! Das macht man nicht! Das ist unhöflich!), eine andere pöbelte bei einem Klavierstück von hinten gut hörbar Ist das öde, kann das Lied mal aufhören? Ich bewundere die Jugendlichen dafür, dass sie den Besuch hinterher trotzdem toll fanden und unbedingt mehr Auftritte dieser Art machen wollten. So kam es, dass die Konfis im Gottesdienst am letzten Sonntag noch einmal den letzten Song (den Hit!) vom Auftritt im Seniorenheim sangen. Last Christmas.

Ein Mädchen aus der Gruppe konnte das auf Gitarre begleiten, dazu eine am Klavier und zwei mit Rasseln – fast waren sie eine kleine Band und ich war davon natürlich maximal gerührt. Beim Refrain sollte die Gemeinde mitsingen. Ich bin davon ausgegangen, dass jede*r dieses Lied kennt. Wie könnte dem auch nicht so sein? Seit Spätsommer kommt man schließlich nicht mehr drum herum und das seit 1984. Beim Singen warf ich einen Blick in die Gemeinde, Einige wippten und sangen amüsiert mit. Aber manche blickten auch etwas hilflos herum, weil sie den Text nicht kannten. Vereinzelt kannte man das Lied überhaupt nicht (mir war nicht klar, dass das möglich ist), eine Konfirmandin übte nach dem Gottesdienst mit ihrem Vater Melodie und Text: Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day.. Dass dieser eigentlich unerträgliche Ohrwurm mir noch einmal so viel Vergnügen bereiten würde, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Nun ja, Weihnachten nähert sich unaufhaltsam :).

Wie man sieht (wenn man eben hinsieht):

Eine gesegnete Adventszeit euch allen! ❤

Kommunikation oder so ähnlich

Gelingende Kommunikation ist alles. Anders geht so, geschehen letzen Donnerstag:

Hallo, ich bin hier die neue Pfarrerin und wollte Herrn K. zum runden Geburtstag gratulieren. – Aha. Was fahren Sie denn?

[Das ist mir ja lange nicht passiert, ich muss etwas lachen und antworte dem Typ mit der Mütze:]

Ehem, Pfarrerin, nicht Fahrerin. – Ach so. – Ich fahre mehr so mit dem Boot, das sich Gemei… – Kommen Sie mal mit, da müssen Sie hier nochmal raus und dann um die Ecke, der wohnt hier nicht.

[Auf dem Weg nach draußen treffen wir auf die Schwiegertochter des Jubilars. Also das ganze Spiel nochmal:]

Ich komme von der Kirchengemeinde, guten Tag, Sara Hitschmock, die Pfarrerin. Ich suche Herrn K. und will ihm zum 80. gratulieren. – Der ist verreist und kommt erst am Wochenende wieder.

Ok, schade. Könnten Sie denn für Herrn. K. eine Kleinigkeit entgegen nehmen? Das wäre schön.

[Die Frau nimmt Karte und Wein entgegen und schaut mich freundlich-überrascht an:] Und wer sind Sie nochmal? – Na, die Pfarrerin. [ungläubiger Blick des Gegenübers, dann:] Ach Sie sind der Nachfolger von Pf. Storch?

Beim Wort „Nachfolger“ zucke ich kurz zusammen und will reflexhaft „Nachfolgerin “ erwidern, lasse es dann aber. Trotz Strickstirnband und buntbestickten Fäustlingen und der dicken Winterjacke sehe ich wirklich nicht aus wie ein Mann. Vielleicht auch nicht unbedingt so, wie die Frau sich eine Pfarrerin vorstellen würde. Aber die Berufsbekleidung eignet sich nun mal nicht sonderlich gut zum Radfahren. Wie auch immer, offensichtlich hat die Stadt dem Dorf in Sachen gendergerechter Sprache wenig voraus. Vielleicht bin ich hier, so wie vorher auf dem Land auch „Frau Pastor“.

Amüsante Kommunikation vor und nach einer Beisetzung heute:

[in der Trauerhalle, davor]

Organist und Friedhofsangestellte begrüßen sich neben dem Sarg hoch erfreut mit „Schatzi“ und „Schnuckelchen“. Auf Schatzis Harmonium steht ein eingestaubtes, etwas schiefes CD-Regal. Daneben Duftspray Sorte „Fresien“. Schatzi bekommt Instruktionen für die Musik, die er nach der Ansprache mit der kleinen Anlage abspielen soll. Er spricht von Kassetten, es sind Cds. Ich mag Schatzi. Schatzi (der auf den Friedhöfen im Bezirk ganz schön rumkommt) erzählt, dass er hier früher oft Dienst hatte, aber der Friedhof jetzt nicht mehr so gut läuft, anderswo ist billiger.

[vor der Trauerhalle]

Die Sargträger stehen bereit, ich bespreche mit den Männern die letzten Details (wo es langgeht, wann der Sarg runtergelassen werden soll..) , dabei fallen mir die Schiebermützen auf. Schicke Mützen haben Sie da! – Ja, finden wir auch. – Kenne ich gar nicht so mit dem Stil, aber sieht ja ganz feierlich aus – Es gibt sogar Sargträger, die haben richtige Zylinder. – Echt? – Ja, und einmal hab ich einen gesehen, der trug Melone. Wie früher, ganz verrückt. – Da könnte man glatt mal ne Ausstellung drüber machen, Mode auf Friedhöfen im Laufe der Zeit..

[neben dem Grab, nach der Beisetzung]

Unter der Trauergemeinde war auch ein Ehepaar, das mir wegen seiner dicken Fellmützen (hätten auch für -20 Grad gepasst) gleich zu Beginn aufgefallen ist. Außerdem begrüßte er mich mit einem ernsten „Guten Tag, Schwester.“ Weird. Hinterher bedankt er sich dann für die schöne Liturgie und zeigt besorgt auf meinen Kopf: Aber Sie brauchen für das nächste Mal auf jeden Fall eine Kopfbedeckung.

[in der Trauerhalle, nach der Beisetzung]

Fröstelnd wechsele ich Talar gegen Wintermantel. Ich bin alleine in der Trauerhalle und schaue mich etwas um. Die rosafarbenen Fresien, die auf den Stufen stehen sehen echt aus, sind es aber nicht. Die Friedhofsmitarbeiterin (=Schnuckelchen) kommt rein und dreht die Heizung aus. Sie erzählt mir, dass sie hier alles macht, von Dekoration der Trauerhalle über Urnentragen und Gartenarbeit. Als wir uns nach einer Weile verabschieden bin ich schon ihre Gute. Das finde ich in Ordnung, vielleicht bin ich jetzt ja öfter hier.

Eben fällt mir auf, dass ich weder von Schatzi noch von Schnuckelchen den echten Namen weiß. Verstanden haben wir uns auch so.

Aus gegebenem Anlass V

– Zu einer Gedenkveranstaltung heute Abend –

80 Jahre ist es her, dass in diesem, unserem Land, auf diesem Grund und Boden ein zum Himmel schreiendes Unrecht neue Gestalt annahm. 

Die Novemberpogrome vom 9. bis zum 13. November 1938 markieren den Beginn der offenen, systematischen Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Die jahrelangen Feinbildinszenierungen der nationalsozialistischen Propaganda entladen sich entfesselt und ungebremst im von SA und NSDAP angeordneten „Volkszorn“.

Auf dem Land und in den Städten brennen deutschlandweit 1400 Synagogen, 7000 jüdische Geschäfte werden geplündert und zerstört, 1500 Menschen ermordet, weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. 

Es ficht mich an, diese nüchtern verfassten Zahlen zu gebrauchen, um das Unglück irgendwie begreifen zu können. Jemand muss sie gesehen und gezählt und aufgeschrieben haben. Hinter jeder Zahl ein Mensch, ein Schicksal, ein Name, mit Eltern, vielleicht Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden, Bekannten, Nachbarn, Mitarbeitenden. Ein ganzes, bewegtes und pulsierendes Leben. 

Diese Zahlen bestürzen mich. Umso mehr, weil ich weiß, dass die Opferzahlen in den Jahren bis 1945 das Vorstellbare noch viel weiter übersteigen werden. Die Shoa wird über sechs Millionen Jüdinnen und Juden das Leben kosten. Sechs Millionen. 

Der Novemberterror vor 80 Jahren ist ein Auftakt, die Marschrichtung offenbart sich in aller Brutalität und Gleichgültigkeit. 

Ich kann nicht umhin, immer wieder zu versuchen mir vorzustellen, wie es war. Auf Straßen und Wegen vor in Flammen lodernden Gotteshäusern zu stehen, den Rauch nach oben aufsteigen zu sehen, inmitten von Qualm und Gestank. Fensterscheiben zerspringen zu hören, über Scherben zu gehen, das Geräusch von Stiefeln auf Pflastern, in Hausfluren und Wohnungen, berstendes Holz, einfallende Häuser. Dazu  laute Stimmen von Menschen, Tätern und Opfern, gebellte Befehle der Soldaten, Schreie voller Angst und Entsetzen, Schüsse, Schläge. Es muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein, zum Himmel schreiendes Unrecht. 

Mich bedrückt schwer, dass ich nicht sagen kann, wo ich vor 80 Jahren in alledem gestanden hätte. Wer weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ist`s Sünde, schreibt Jakobus. Die Pogrome fanden vor den Augen unzähliger Bürgerinnen und Bürger statt, die nichts dagegen unternommen haben. Die die Täter noch angefeuert haben oder selbst gezündelt und geplündert haben. Ein Volksfest. Hätte ich mitgefeiert und lachend neben zerstörten Geschäften für ein Foto posiert? Hätte ich dabei auch geglaubt, dass es diesen Männern, Frauen und Kindern schon recht geschieht? Wäre ich erbarmungslos gewesen und ohne Mitleid? Hätte ich mich schuldig gemacht, wäre der Sünde anheim gefallen? 

Die Zahlen verraten es mir nicht und auch nicht die Vorstellungen, die ich mir in meinem begrenzten Horizont von jenem Grauen mache. 

Die Zahlen und Bilder und Klänge in meinem Kopf hinterfragen stattdessen schmerzlich meine tiefsten Überzeugungen. Wie konnte das geschehen? Zu was ist ein Mensch fähig? Und wo, um Himmels Willen, war Gott in dieser Zeit? 

Die Leiden der Tausenden und Abertausenden, der Millionen von Menschen erfüllen mich mit einer fassungslosen Ohnmacht. 

Heute, an diesem Tag gibt es keine frohe Botschaft. Die Worte wollen nicht kommen, denn hier ist nicht ihr Platz. Das Leid ist zu groß für jeden Trost. Unsagbar, übermächtig. 

Einzig das Gedenken möge Raum haben. Das Gedenken eines zum Himmel schreienden Unrechts, das in Tod und Vernichtung geführt hat. Von Zerstörung und Lärm und Schreien und Schlägen und Schüssen, dem Rattern von Waggons und dem lauten Zuschlagen von Türen,  hin zu Totenstille. 

— Stille —-