Kommunikation oder so ähnlich

Gelingende Kommunikation ist alles. Anders geht so, geschehen letzen Donnerstag:

Hallo, ich bin hier die neue Pfarrerin und wollte Herrn K. zum runden Geburtstag gratulieren. – Aha. Was fahren Sie denn?

[Das ist mir ja lange nicht passiert, ich muss etwas lachen und antworte dem Typ mit der Mütze:]

Ehem, Pfarrerin, nicht Fahrerin. – Ach so. – Ich fahre mehr so mit dem Boot, das sich Gemei… – Kommen Sie mal mit, da müssen Sie hier nochmal raus und dann um die Ecke, der wohnt hier nicht.

[Auf dem Weg nach draußen treffen wir auf die Schwiegertochter des Jubilars. Also das ganze Spiel nochmal:]

Ich komme von der Kirchengemeinde, guten Tag, Sara Hitschmock, die Pfarrerin. Ich suche Herrn K. und will ihm zum 80. gratulieren. – Der ist verreist und kommt erst am Wochenende wieder.

Ok, schade. Könnten Sie denn für Herrn. K. eine Kleinigkeit entgegen nehmen? Das wäre schön.

[Die Frau nimmt Karte und Wein entgegen und schaut mich freundlich-überrascht an:] Und wer sind Sie nochmal? – Na, die Pfarrerin. [ungläubiger Blick des Gegenübers, dann:] Ach Sie sind der Nachfolger von Pf. Storch?

Beim Wort „Nachfolger“ zucke ich kurz zusammen und will reflexhaft „Nachfolgerin “ erwidern, lasse es dann aber. Trotz Strickstirnband und buntbestickten Fäustlingen und der dicken Winterjacke sehe ich wirklich nicht aus wie ein Mann. Vielleicht auch nicht unbedingt so, wie die Frau sich eine Pfarrerin vorstellen würde. Aber die Berufsbekleidung eignet sich nun mal nicht sonderlich gut zum Radfahren. Wie auch immer, offensichtlich hat die Stadt dem Dorf in Sachen gendergerechter Sprache wenig voraus. Vielleicht bin ich hier, so wie vorher auf dem Land auch „Frau Pastor“.

Amüsante Kommunikation vor und nach einer Beisetzung heute:

[in der Trauerhalle, davor]

Organist und Friedhofsangestellte begrüßen sich neben dem Sarg hoch erfreut mit „Schatzi“ und „Schnuckelchen“. Auf Schatzis Harmonium steht ein eingestaubtes, etwas schiefes CD-Regal. Daneben Duftspray Sorte „Fresien“. Schatzi bekommt Instruktionen für die Musik, die er nach der Ansprache mit der kleinen Anlage abspielen soll. Er spricht von Kassetten, es sind Cds. Ich mag Schatzi. Schatzi (der auf den Friedhöfen im Bezirk ganz schön rumkommt) erzählt, dass er hier früher oft Dienst hatte, aber der Friedhof jetzt nicht mehr so gut läuft, anderswo ist billiger.

[vor der Trauerhalle]

Die Sargträger stehen bereit, ich bespreche mit den Männern die letzten Details (wo es langgeht, wann der Sarg runtergelassen werden soll..) , dabei fallen mir die Schiebermützen auf. Schicke Mützen haben Sie da! – Ja, finden wir auch. – Kenne ich gar nicht so mit dem Stil, aber sieht ja ganz feierlich aus – Es gibt sogar Sargträger, die haben richtige Zylinder. – Echt? – Ja, und einmal hab ich einen gesehen, der trug Melone. Wie früher, ganz verrückt. – Da könnte man glatt mal ne Ausstellung drüber machen, Mode auf Friedhöfen im Laufe der Zeit..

[neben dem Grab, nach der Beisetzung]

Unter der Trauergemeinde war auch ein Ehepaar, das mir wegen seiner dicken Fellmützen (hätten auch für -20 Grad gepasst) gleich zu Beginn aufgefallen ist. Außerdem begrüßte er mich mit einem ernsten „Guten Tag, Schwester.“ Weird. Hinterher bedankt er sich dann für die schöne Liturgie und zeigt besorgt auf meinen Kopf: Aber Sie brauchen für das nächste Mal auf jeden Fall eine Kopfbedeckung.

[in der Trauerhalle, nach der Beisetzung]

Fröstelnd wechsele ich Talar gegen Wintermantel. Ich bin alleine in der Trauerhalle und schaue mich etwas um. Die rosafarbenen Fresien, die auf den Stufen stehen sehen echt aus, sind es aber nicht. Die Friedhofsmitarbeiterin (=Schnuckelchen) kommt rein und dreht die Heizung aus. Sie erzählt mir, dass sie hier alles macht, von Dekoration der Trauerhalle über Urnentragen und Gartenarbeit. Als wir uns nach einer Weile verabschieden bin ich schon ihre Gute. Das finde ich in Ordnung, vielleicht bin ich jetzt ja öfter hier.

Eben fällt mir auf, dass ich weder von Schatzi noch von Schnuckelchen den echten Namen weiß. Verstanden haben wir uns auch so.

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Aus gegebenem Anlass V

– Zu einer Gedenkveranstaltung heute Abend –

80 Jahre ist es her, dass in diesem, unserem Land, auf diesem Grund und Boden ein zum Himmel schreiendes Unrecht neue Gestalt annahm. 

Die Novemberpogrome vom 9. bis zum 13. November 1938 markieren den Beginn der offenen, systematischen Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Die jahrelangen Feinbildinszenierungen der nationalsozialistischen Propaganda entladen sich entfesselt und ungebremst im von SA und NSDAP angeordneten „Volkszorn“.

Auf dem Land und in den Städten brennen deutschlandweit 1400 Synagogen, 7000 jüdische Geschäfte werden geplündert und zerstört, 1500 Menschen ermordet, weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. 

Es ficht mich an, diese nüchtern verfassten Zahlen zu gebrauchen, um das Unglück irgendwie begreifen zu können. Jemand muss sie gesehen und gezählt und aufgeschrieben haben. Hinter jeder Zahl ein Mensch, ein Schicksal, ein Name, mit Eltern, vielleicht Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden, Bekannten, Nachbarn, Mitarbeitenden. Ein ganzes, bewegtes und pulsierendes Leben. 

Diese Zahlen bestürzen mich. Umso mehr, weil ich weiß, dass die Opferzahlen in den Jahren bis 1945 das Vorstellbare noch viel weiter übersteigen werden. Die Shoa wird über sechs Millionen Jüdinnen und Juden das Leben kosten. Sechs Millionen. 

Der Novemberterror vor 80 Jahren ist ein Auftakt, die Marschrichtung offenbart sich in aller Brutalität und Gleichgültigkeit. 

Ich kann nicht umhin, immer wieder zu versuchen mir vorzustellen, wie es war. Auf Straßen und Wegen vor in Flammen lodernden Gotteshäusern zu stehen, den Rauch nach oben aufsteigen zu sehen, inmitten von Qualm und Gestank. Fensterscheiben zerspringen zu hören, über Scherben zu gehen, das Geräusch von Stiefeln auf Pflastern, in Hausfluren und Wohnungen, berstendes Holz, einfallende Häuser. Dazu  laute Stimmen von Menschen, Tätern und Opfern, gebellte Befehle der Soldaten, Schreie voller Angst und Entsetzen, Schüsse, Schläge. Es muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein, zum Himmel schreiendes Unrecht. 

Mich bedrückt schwer, dass ich nicht sagen kann, wo ich vor 80 Jahren in alledem gestanden hätte. Wer weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ist`s Sünde, schreibt Jakobus. Die Pogrome fanden vor den Augen unzähliger Bürgerinnen und Bürger statt, die nichts dagegen unternommen haben. Die die Täter noch angefeuert haben oder selbst gezündelt und geplündert haben. Ein Volksfest. Hätte ich mitgefeiert und lachend neben zerstörten Geschäften für ein Foto posiert? Hätte ich dabei auch geglaubt, dass es diesen Männern, Frauen und Kindern schon recht geschieht? Wäre ich erbarmungslos gewesen und ohne Mitleid? Hätte ich mich schuldig gemacht, wäre der Sünde anheim gefallen? 

Die Zahlen verraten es mir nicht und auch nicht die Vorstellungen, die ich mir in meinem begrenzten Horizont von jenem Grauen mache. 

Die Zahlen und Bilder und Klänge in meinem Kopf hinterfragen stattdessen schmerzlich meine tiefsten Überzeugungen. Wie konnte das geschehen? Zu was ist ein Mensch fähig? Und wo, um Himmels Willen, war Gott in dieser Zeit? 

Die Leiden der Tausenden und Abertausenden, der Millionen von Menschen erfüllen mich mit einer fassungslosen Ohnmacht. 

Heute, an diesem Tag gibt es keine frohe Botschaft. Die Worte wollen nicht kommen, denn hier ist nicht ihr Platz. Das Leid ist zu groß für jeden Trost. Unsagbar, übermächtig. 

Einzig das Gedenken möge Raum haben. Das Gedenken eines zum Himmel schreienden Unrechts, das in Tod und Vernichtung geführt hat. Von Zerstörung und Lärm und Schreien und Schlägen und Schüssen, dem Rattern von Waggons und dem lauten Zuschlagen von Türen,  hin zu Totenstille. 

— Stille —-

Two truths, one lie

Letztes Jahr um diese Zeit, als ich gerade im fernen Süden unterwegs war, lernte ich dieses schöne Spiel kennen. Es eignet sich gut für kleine Gruppen zum ersten Kennenlernen, aber auch wenn man schon länger miteinander zu tun hat. Weil ich es auf Reisen so vergnüglich fand, hab ich es zurück in der Gemeinde sofort mit den Konfis und dann auch mit den Religions-Schüler*innen gespielt.

Meine Katze kotzt, wenn sie sich einsam fühlt.

Ich mag Basteln.

Mein Onkel ist ein Hippie.

Die Kinder sind echt nicht drauf gekommen. Sie tippten mehrheitlich darauf, dass es den Hippie-Onkel in meinem Leben nicht wirklich gibt. Als ich dann erzählte, dass ich tatsächlich nicht gerne bastele, reagierten sie fassungslos. Dabei hätten sie es durchaus früher bemerken können, vor allem das eine Mal, als ich mit ihnen in der Adventszeit versucht habe, Sterne zu basteln.

Vor ein paar Jahren (als ich zu Weihnachten noch zuhause bei der Familie mit Hippie-Onkel war) habe ich mir die Festtage mal damit versaut, unbedingt einen Fröbelstern basteln zu wollen. Das ulkige Rumgeknicke und Durchgeschiebe und Gefalze – stun-den-lang, ätzend. Das bunte Papier sah nach einer Weile ähnlich mitgenommen aus wie mein vor Anstrengung und Konzentration verzerrtes Gesicht. Dann fiel mir wieder ein, dass ich Basteln schon im Kindergarten richtig furchtbar fand und dass es Gründe hat, warum ich sonst nie zu Schere, Kleber und Co. greife. Ich mag es einfach nicht, weil es mir keinen Spaß macht, weil ich es überhaupt nicht kann. Meine Mutter konnte mich an jenem Weihnachtsfest auch nicht trösten. Dem Hippie-Onkel erzählte ich nichts. Wenn es wenigstens ein vorzeigbares Ergebnis meiner Bemühungen gegeben hätte, aber nein. Es war ein Trauerspiel mit Nicht-Stern. Zum Glück musste der niemandem den Weg irgendwohin zeigen, sonst wäre Weihnachten in einem noch viel größerem Umfang deprimierend gewesen.

Mit den Jungs und Mädels in der Schule bin ich deshalb auf Nummer sicher gegangen und habe dort Butterbrottütensterne (das ist mal ein Wort!) gebastelt und die sind selbst für mich ein realistisch erreichbares Ziel. Brauchst du Tüten und Kleber und dann schnippelst du mit der Schere ein bisschen hier und da und entfaltest die zusammengeklebten Teile und voilà: ein bezaubernder Stern in 3D zum irgendwo Aufhängen. Ein paar Mädchen wollten an jenem Tag aber unbedingt Fröbelsterne machen. Ich ahnte Böses und fragte nach: Und ihr sagt, ihr kriegt das alleine hin? – Ja. Wir haben das letzte Woche mit Frau F. gemacht. – Na gut, aber ich kann euch nicht helfen, wenn etwas nicht klappt. Wisst ihr Bescheid.. – Ok, Frau Hitchschmock – Natürlich haben sie es nicht hinbekommen, an die langen Gesichter kann ich mich noch gut erinnern. Ihr Frust mit den fiesen Fröbelsternen kam mir selbst nur zu bekannt vor, meine Trostversuche liefen ins Leere.

Rahel bastelt im Gegensatz zu mir richtig gerne. Vor allem mit Pappe. Aber sie kann auch Stempel selber machen und Nähen und neuerdings auch noch Origami. Übermütig versuchte ich, es ihr bei einem Besuch gleichzutun. Mit so hübschem, buntem, wahrscheinlich super teurem Papier, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Mir ist immer noch peinlich, dass ich selbst bei der für Kinder konzipierten Riesenorigamischwalbe bei quasi jedem Handgriff auf Rahels Hilfe angewiesen war. Gnah.

Rahel jedenfalls war nicht da, als ich selbstständig und also ganz ohne ihre Hilfe zum Basteln genötigt wurde. Hier gibt es eine Kita in der Gemeinde und dort halte ich ab sofort regelmäßig Andachten. Der erste Termin war ausgerechnet der 31. Oktober, Reformationstag also. Irgendwas mit Luther musste also her und ich entschied mich für ein bisschen nett aufgemachte Geschichte (zum Glück hab ich den Playmobil-Luther hier wiedergefunden) und Gedanken zur Lutherrose. Dazu habe ich mich selbst übertroffen und eine einzeln zusammensetzbare, große Lutherrose gebastelt. Mit bunten Tüchern (gelb und blau) und Pappe und Klebestreifen und einem rot angemalten Pappherz und einem schwarz angemalten Pappkreuz und einem weißen Tuch, dass dann live zur Rose mit fünf Blättern gelegt kann.

Die Kinder in der Kita sind schlau. Sie wussten, dass am 31. Oktober Reformation gefeiert wird und die kleine schwarze Playmobilfigur kannten sie auch schon mit Namen. Gespannt verfolgten sie, wie ich erst den gelben Kreis in die (natürlich) gestaltete Mitte legte, dann darauf einen kleineren blauen legte und dann mit dem weißen Tuch etwas formte.

Ich: So, und das Weiße ist jetzt eine Rose mit fünf Blättern. Kind neben mir: – Sieht aber aus wie ein Stern, mit fünf Zacken. – Ehm, hm, ja, aber es soll eigentlich eine Rose sein. Es heißt ja auch Lutherrose. Stellt euch das einfach als Rose vor. Für was steht denn das Weiß der Rose, was glaubt ihr?

Manchmal hilft auch Ablenkung. Haben sie zum Glück mit sich machen lassen. Trotzdem: das sind clevere Kinder da. Bestimmt sind die auch alle richtig gut im Basteln. Beim Ausmalen der mitgebrachten Lutherrosen waren sie jedenfalls entzückend kreativ. Ein Kind hat seine Rose ganz freimütig in kunterbunten Regenbogenfarben ausgemalt. Hätte dem Reformator bestimmt auch gefallen.

Autumn leaves

Vor kurzem erzählte mir ein befreundeter Kollege, dass er an der Wand neben seinem Schreibtisch Fotos von „seinen Paaren“ angebracht hat. Glückliche Menschen nach Trauungen mit lauter love in the air. Ich frage mich, warum ich bisher nie auf diese Idee gekommen bin. Fotos habe ich nach Trauungen als Dankeschön und Erinnerung auch oft genug geschenkt bekommen. Bisher sind sie alle in einem edel bestickten Hefter gelandet, den Anna mir noch zu Schulzeiten geschenkt hat. Mit den meisten Trauungen die ich bisher feiern durfte, verbinde ich schöne und fröhliche Erinnerungen – bestimmt tut es gut (auch so ressourenorientierungsmäßig), öfter mal an sie zu denken und love in the air kann ja wohl mal überhaupt nicht schaden.

Thema Erinnern und Kasualien: was mich immer wieder tief erschreckt ist, wenn bei Trauergesprächen Verwandte meinen, so überhaupt nichts über ihre Verstorbenen sagen zu können. Manche kündigen das schon am Telefon an, wenn der Termin für das Gespräch ausgemacht wird –Wird nicht so lange dauern, wir wissen eigentlich kaum was. Schon diese Ansage finde ich total hart.

Wie war Ihre Mutter denn so? Vielleicht können Sie sie mir etwas beschreiben, ich habe sie ja leider nicht mehr kennengelernt.. – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischlplatten] ganz normal.

Hat Ihr Onkel denn mal erzählt, wie er aufgewachsen ist? – Nein, der war ein ganz ruhiger und hat eigentlich kaum gesprochen (es gibt erstaunlich viele solcher sehr ruhigen Menschen, scheint mir).

Wie ging es ihr nach dem Tod ihres Mannes? – Pfff, keine Ahnung [Stille], hat sie mit sich alleine ausgemacht…

Was glauben Sie, hatte er Angst vor dem Sterben oder konnte er gut loslassen? – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischplatten] – Hm, also, nee, oder? [ratloses Austauschen von Blicken] Darüber haben wir nie gesprochen.

Hatte sie eine Hoffnung für das, was nach dem Tod kommt? – [Schweigen] Wissen wir nicht.

Es ist mühsam, so ein Gespür für den Verstorbenen oder die Verstorbene zu bekommen. Manchmal trifft die Hinterbliebenen im Laufe des Trauergespräches dann der schmerzliche Wunsch, es zu Lebzeiten anders gemacht zu haben und dann ist es zu spät. Will sagen, Leute, passt auf euch und eure Lieben auf und redet miteinander. Auch über das, was fies ist. Ob Urne oder Sarg, ob Friedhof oder Wiese oder Meer, ob weltlich oder kirchlich – was auch immer, das Leben kann einem dermaßen eine reinhauen, ich weiß wovon ich schreibe. Übrigens (kleiner Werbeblock in eigener Sache): mir ist bekannt, dass es gute weltliche Redner gibt. Aber man, ohne die Hoffnung auf Auferstehung und Erlösung ist für mich die schönste Ansprache einfach nur trostlos. Ich glaube, wir alle brauchen Zukunft, auch unsere Toten.

Hier in der neuen Gemeinde habe ich die Bekanntschaft mit einer im Endstadium an Krebs erkrankten Frau gemacht. Sie kann nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen und befühlt vor dem Einschlafen die sieben oder acht Metastasen an ihrem Körper und spricht mit ihnen als wären es alte Bekannte. Das Krankenhaus hat sie heimgeschickt, es können noch Tage oder Wochen werden. Diese sterbenskranke Frau hat mit mir in den letzten Wochen ihre eigene Beisetzung vorbereitet und das war wirklich [Schweigen, Starren an die Wand über dem Klavier] eigentümlich.

Sie hat mir ihr ganzes Leben erzählt, alles, was ihr wichtig erschien und gesagt werden musste. Und ich konnte mitschreiben und mich einfühlen und versuchen zu verstehen und die großen Fragen stellen, ganz direkt und echt. Die Frau hat sich schon eine Stelle auf dem Friedhof ausgesucht, der Bestatter ist informiert und bezahlt, der Chor wird singen.

Bei unserem letzten Treffen haben wir nach passenden Liedern für die Trauerfeier gesucht und saßen eng nebeneinander über mein rotes Gesangsbuch gebeugt, mal Texte lesend oder Melodien summend – ein Bild für die Ewigkeit. Am Ende haben wir gemeinsam gesungen, beide mit feuchten Augen, ihre Stimme rutschte in den Tönen leicht auf und ab, meine Stimme klang viel rauer als sonst:

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘,
Schließe beide Augen zu:
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein!

Wir sangen alle Strophen, die sechste und letzte kannte sie noch nicht:

Kranken Herzen sende Ruh’,
Nasse Augen schließe zu!
Laß den Mond am Himmel stehn
Und die stille Welt besehn!

Alles auf Anfang

„Und wie geht es Ihnen bei uns? Sind Sie schon angekommen?“ Diese hoffnungsvoll-neugierige Frage bekomme ich im Moment fast täglich gestellt. Dann denke ich: Angekommen sein, was glaubt ihr denn? Nach zwei Monaten? Dafür braucht man doch mindestens ein Jahr, wenn nicht mehr! Und dann sage ich: „Danke, bisher geht es mir ganz gut. In der Gemeinde fühle ich mich wohl, in der neuen Wohnung auch…“ Und das stimmt auch. Aber ich verschweige das von Zeit zu Zeit aufpoppende Heimweh und das Fremdeln mit dem neuen Konvent. Geht ja auch niemanden was an. Auch nicht, dass das Ankommen am neuen Ort sich ähnlich anfühlt, wie das erste Ankommen im Dienst. Inklusive manch kurzer Nächte und dieser eigentümlichen, nur selten abklingenden Grundanspannung: Hab ich was Wichtiges vergessen? Findet der Termin wirklich morgen oder vielleicht doch heute statt? Hab ich allen Bescheid gesagt, dass die Uhrzeit sich verschiebt? Ob meine Predigt ankommt? Kann es sein, dass gleich noch jemand anruft und was will? Passen die Lieder so oder besser anders? Hab ich wirklich nichts Wichtiges vergessen? Und wo hat sich mein Schlüssel/das Telefon/das blaue Buch für Notizen/die Graceland-CD/der Lieblingsrock/die Liste der Konfi-Eltern/die Katze versteckt? Waah!

Pff, von wegen Zauber. Anfänge sind Wahnsinn. Aber Wahnsinn kann ja auch vergnüglich sein. Ich verbringe (so wie es empfohlen wird) diese Tage und Wochen also mit viel Gucken und Zuhören und sich vertraut machen mit den neuen Umständen. Dazu gehört auch, dass ich alle Mitglieder des Presbyteriums zuhause besuche. Wenn es passt mit dem Rad, das zwar gut aussieht, aber bekannter Weise ständig irgendwelche Probleme macht. Mal mag es keine Luft haben, dann hält der Sattel nicht oder es schmeißt widerwillig die Vorderlampe von sich. So geschehen beim Besuch bei Herrn Meinhardt und seiner Familie. Die Meinhardts sind komplett dem Radrennsport verfallen. Mein Tempo ist ja eher gemütlich und von Sport kann bei mir nicht die Rede sein. Immerhin hat der Weg dorthin nur knappe zehn Minuten gedauert (neue App, neues Glück), aber die 500 Meter Kopfsteinpflaster waren zu viel für die Lampe. Bei der Begrüßung an der Tür, mit der gefallenen Lampe in der Hand, meinte ich dann auch etwas kollektives  Mitleid für mein unpraktikables Rad wahrzunehmen.

Ein paar Stunden später wird Herr Meinhardt die Lampe flugs wieder anschrauben. Und ich werde dann satt (Suppe! Salat! Brot!) und leicht bierselig nach Hause fahren und mich über den gelungenen Abend freuen. Und noch ein paar Stunden später wird er mir erzählen, dass ich bei seinen beiden Jungs eine Menge Eindruck mit meiner Medienkompetenz (das Wort hat er genutzt) gemacht habe. Lustig! Die konnten es gar nicht fassen, dass ich Game of thrones kenne und ??? und „Ja klar kenne ich das Känguru, das finde ich großartig!“ Wenn meine Radkünste mir schon nicht helfen können, dann wenigstens mein Netflix-Account. Der Lebensweltbezug kann ja auch gar nicht unterschätzt werden. Dem Volk aufs Maul schauen, war das nicht so? Ansonsten ging es bei dem Besuch (neben dem Persönlichen) auch viel um Politik und gesellschaftliches Engagement der/des Einzelnen und der Kirche. Ich bin in einer bewussten und auch sehr selbstbewussten Gemeinde gelandet. Das ist schon anders als vorher und in der Form neu und ziemlich aufregend (siehe oben).

Heute Abend ist das nächste Gemeinde-Date. Ich bin optimistisch und will mit dem Rad fahren. Mal sehen, ob und wie ich dieses Mal ankomme. Bis dahin ist auch noch genug Zeit alles Nötige zu finden. Die Katze liegt derweil neben mir auf der grünen Couch und putzt sich. Wenigstens eine in diesem Haushalt scheint tiefenentspannt.

Und außerdem: I´ll tell you one thing, it´s always better when we´re together. In diesem Sinne euch allen einen schönen Tag der Deutschen Einheit!

 

 

Abgefahren

Seit ich in der Stadt bin bewege ich mich viel mehr. Ich hatte echt schon Muskelkater, bin ja nix mehr gewöhnt. Hier plötzlich so Treppensteigen, ins Gemeindebüro/zur Kirche/auf den Friedhof/zum ÖPNV/Einkaufen/Besuch/ Gemeindekreis/… laufen. Zu Fuß und so. Das alles geht (…), weil hier nichts wirklich weit weg ist. Ulf hingegen hat seit August bedeutend weniger zu tun. Er dankte es mir damit, dass er sich letzten Montag gar nicht mehr rühren wollte und stehen blieb, bis ein gelber Mann sich schließlich unter ihn legte, einmal kräftig gegen irgendetwas schlug während ich Ulf startete und dann fuhr er wieder.

Passenderweise spielte sich diese kleine Episode ab, als ich nach der finalen Wohnungsübergabe gerade meine Schlüssel im alten Pfarrhaus abgegeben hatte. Vielleicht ist Ulf noch im Abschied und hat deshalb Anfangs- bzw. Anfahrtschwierigkeiten, wer weiß. Im duftenden Pfarrgarten hatten sich derweil Einige zur Apfelernte eingefunden, erfreutes Wiedersehen und Herzen. Na, hast du schon genug von der Stadt und kommst zurück? Ich habe Quitten mitgenommen und einen Apfel. Es ist eigentümlich. Wenn ich dort bin, umgibt mich sofort ein ganz heimeliges Gefühl, als würde ich eine kuschelwarme Decke um die Schultern gelegt bekommen.

Heute war Ulf am neuen Ort dann wieder ziemlich mobil, nämlich auf der Suche nach der Werkstatt, die wir laut gelbem Mann dringend aufsuchen mussten. Stadtverkehr morgens früh, es war kein Vergnügen. Meine Orientierung ist schlecht, manche Dinge ändern sich wohl nie. Mein Ärger darüber ebenso wenig, aber der hilft dann ja auch nicht weiter. Ich kam jedenfalls eine halbe Stunde später in der Werkstatt an als geplant (ständig verfahren), um dann 10 Minuten später wieder unverrichteter Dinge vom Hof zu rollen. Solange er jetzt startet…? – Hmja.. – …können Sie doch mit ihm fahren und noch den TÜV abwarten dann vielleicht reparieren lassen. Jeder Start birgt ab sofort ein Risiko, aber auch eine Chance zur positiven Überraschung. Ulf ist echt lebensnah unterwegs jetzt.

Ich versuche derweil, sportlich unterwegs zu sein und längere Strecken mit dem Rad zu fahren. Weil ich orientierungslos bin und der Technik zu leichtfertig vertraue entwickeln sich diese Fahrten bisher regelmäßig zu dramatischen Grenzerfahrungen. Bisher brauche ich immer mindestens doppelt solang wie die Vorhersage der Kartenapp. Entweder, weil ich Entfernungen falsch einschätze (In 200 Metern rechts abbiegen – ich biege sofort rechts ab), die App Wege vorschlägt, die wirklich nicht da sind (man kann ja schlecht durch Tunnelwände oder Teiche), oder weil die App unrealistische Vorstellungen über das durchschnittliche Tempo von Radfahrenden hat. Dass ich der App tatsächlich nicht trauen kann war in meinem Bewusstsein trotzdem noch nicht angekommen. Bis heute aus 31 Minuten entspanntem Radeln eine Stunde quasi Hochleistungssport (ständig Anhalten, App checken, Wenden, Wege suchen, nervös Uhrzeit checken, an Ampeln anhalten, Straßen überqueren ) wurde und im Anschluss ein Taufgespräch stattfand.

Zum Glück hatte ich mir die Zeit falsch gemerkt und war zu früh losgefahren. Aber trotzdem, Kackapp! Und was dachte ich mir eigentlich dabei, eben mal eine Strecke 9km Rad zu fahren (und dann später, nach getaner Arbeit also, auch noch alles wieder zurück)? Himmel! Erst nach einer Dreiviertel Stunde Fahrt durch vier Stadtteile fiel mir die gute Frage ein, warum die ihr Kind überhaupt von mir an meinem Ort taufen lassen wollen und nicht in ihrer Ortsgemeinde. Das hätte so viel einfacher sein können. Meh. Dann wäre mir auch das Treppensteigen und der Gang zum Elternabend in die Kita (fußläufig, natürlich) heut Abend leichter gefallen. Dafür waren da heut Nachmittag unterwegs lauter gelbe Blumen, herrliche Septembersonne, ein glitzernder kleiner Fluss neben dem Radweg und Wiesen, Bäume und Felder – so schön! Und mindestens fünf windschnittige Radrasende in Funktionskleidung, denen ich meistens im Weg stand, suchend und verwirrt, schwer atmend und je nach Lichtverhältnissen schwitzend oder frierend. Ich habe erst beim Ankommen bei der Tauffamilie (und dem freien Blick auf einen sehr großen Acker mit nur Weite dahinter) kapiert, dass die nicht einmal mehr in der Stadt wohnen, sondern schon außerhalb. Also, hier macht man was mit. Stellt sich nur die Frage: alle Wege führen aufs Land, oder was?

15 Jahre später

…sitzen 64 Frauen und Männer in einer mittelgroßen Stadt in einem Restaurant, dessen zwei Servicekräfte ob des anhaltenden Hungers und Durstes der Gäste bald an die Grenzen ihrer Freundlichkeit geraten „Erst das Essen, dann die Getränke, gedulden Sie sich noch einem Moment!“. Ich habe beschlossen, mein erstes Klassentreffen ohne übertriebenen Rausch zu begehen, trinke einen Schluck Weißweinschorle und blicke mich gespannt um.

Links von mir sitzt in Teilen der Freundeskreis meiner Gymnasialzeit, am Tisch neben uns und neben der Bar hat sich ein buntes Durcheinander der ehemaligen Klassen a bis c versammelt. Gelächter und rumoriges Stimmgewirr schallen durch den kleinen Raum. Ich sehe, dass die anderen genauso neugierig ihre Blicke schweifen lassen. Wer ist denn das? Der sieht mit Glatze ja total anders aus…Waren die beiden nicht mal ein Paar? XY hat sich ja überhaupt nicht verändert! War der immer schon so groß oder ist er nochmal gewachsen? War Dingens nicht beim Film gelandet? Wollte sie nicht auch kommen oder hab ich sie nur noch nicht erkannt? Ist sie schwanger oder nicht?

Die entspannte und fröhliche Atmosphäre erstaunt und erleichtert mich. Zu Schulzeiten hat sich das mitunter anders angefühlt. Eine meiner Freundinnen hat Fotos mitgebracht, die bis auf den Kindergarten zurückgehen und von Tisch zu Tisch wandern. Unglaublich, wenn man sich die Knirpse von damals anschaut und mit den Erwachsenen von heute vergleicht. Jetzt haben viele selbst Familie und Kinder, sogar schon im Grundschulalter.

Und ich bin, auch in dieser illustren Runde, jetzt irgendwie die Pfarrerin. „Für eine Pfarrerin siehst du so lässig aus!“ (hier freue ich mich kurz sehr) „Oha, der Klerus kommt an die Bar!“ (und trinkt ganz ungeistlich Cola) „Ich überlege seit einiger Zeit, aus der Kirche auszutreten.“ „Die Pfarrerin aus unserer Gemeinde ist..“ „Der Tod von XY hat mich in eine tiefe Krise gestürzt damals…“ “ Wenn ich mal heirate, frage ich dich“ „Nach der Konfirmation habe ich irgendwie den Draht zur Kirche verloren“ „Bist du eigentlich…Katholisch oder evangelisch? „Du darfst doch aber heiraten, oder?“(ehm, seriously?!)

Nach einem längeren Gesprächsgang mit Tino, der früher mit langen Haaren Gitarre spielte und an diesem Abend mit bunten Ringelsocken, Knickerbockerhosen und Hipsterbrille auf einem Longboard (woher eigentlich?) angerollt kam, schüttele ich verwirrt den Kopf. Er macht irgendwas mit Gütern, Zahlen und Zügen und Computern, noch nie habe ich diese Berufsbezeichnung gehört und sie als Konsequenz auch sofort wieder vergessen. „Eine ganz andere Welt!“ sage ich zu Anna, meiner längsten Schulfreundin, die gerade Wein trinkt. Anna fängt an zu prusten: „DU hast doch den Job aus der anderen Welt!“

Es gibt auch jemanden aus meiner Klasse, der als Kameramann u.a. bei Festivals und Fußballspielen dabei ist. Jan will nun nochmal studieren, Archäologie soll es werden, ausgerechnet in meiner ehemaligem Studierendenstadt. Er erzählt mir, dass er Menschengruppen und größere Versammlungen immer sofort nach Licht und Ton abscanne. Jan. kann gar nicht mehr anders als die Welt mit den Augen eines Kameramannes zu sehen.

Den harten Kern verschlägt es gegen zwei Uhr nachts noch ins Tanzlokal nebenan. „Grauenvoll ist es immer!“ Melanie aus der A-Klasse hat Recht mit ihrer Behauptung. Der Ort, die fremden Menschen, der DJ und seine fiese Musik sind eine echte Anfechtung. Ich bin müde und übervoll an Eindrücken und Gefühlen. Der schlechte Discobeat hämmert mir schmerzhaft aufs Gemüt. Entweder ich bin zu alt für diesen Scheiß, zu sehr Pfarrerin oder mit zu gutem Geschmack gesegnet oder (was wohl am Wahrscheinlichsten ist), ich bin einfach zu nüchtern. Wir brechen bald auf, Anna und ich teilen ein Taxi. Früher sind wir diese Strecke immer mit dem Rad gefahren, nach dem ausgiebigen Tanzen in einem Club, den es heute nicht mehr gibt. Na, das waren noch Zeiten. Ach ja.