Im Regen versinkt die Welt…

„Ja, es sterben immer so viele Menschen, noch bevor das erste Grün rauskommt.“ Wissend seufzte meine Kollegin Sabine am Telefon. Sie ist schon viele Jahre im Dienst und weiß, wovon sie spricht. In unserem Gespräch beklagte ich mich darüber, dass ich vor lauter Beisetzungen schon gar nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht. Im Schnitt beerdige ich nämlich gerade zwei Gemeindeglieder pro Woche, ein Ende scheint nicht absehbar (uuh, dieser Satz in diesem Zusammenhang, finster). Fragt mich bitte nicht nach der Zahl der Taufen oder Kircheneintritte in derselben Zeit (ebenso finster).

Ein anderer Kollege, der in seinem Probedienst  in der Großstadt gearbeitet hat, musste dort immer vier bis fünf Beerdigungen pro Woche machen, aber das ganze Jahr über. Für mich (scheinbar nix gewohnt) unvorstellbar viel. Hier jedenfalls fällt es auf, dass im Frühjahr und Herbst besonders viel gestorben wird. Armin, mein Bestatter, behauptet das übrigens auch.

Heute mittag komme ich zu einer (Überraschung!) Bestattung in das Dorf von Herrn Fritz. Da, wo es den langen Catwalk vom Friedhofseingang zur Trauerhalle gibt. Der Himmel ist regenverhangen, ein kalter Wind peitscht herum und ich stapfe (schon jetzt!) fröstelnd und vermutlich sichtbar missmutig  zu Herrn Tafel und dem Bestatter, der nicht Armin ist.

Ich: „Was ist denn das für ein bescheuertes Wetter, sollte es nicht irgendwann warm werden? Hallo Knut.“ Herr (Knut) Tafel nickt: „Ja, hallo, das ist richtig mies. Der Bestatter meinte vorhin, das läge an mir.“ „Hä, warum das denn?“ “ Na, er sagte, hier hätte die Sonne geschienen, bis ich hier angekommen bin. Und dann war da Regen.“ Ich gucke ihn prüfend von der Seite an.  „Echt? Du bist also Schuld an der Misere hier? Wir müssen echt mal über unsere Zusammenarbeit nachdenken..“ Knut steht in Wind und Regen in Schwarz mit seiner Schiebermütze, lacht brummend und zieht an einer Selbstgedrehten.

Wenn es um Musiker und aufkommende Regenschauer geht, fällt mir als eingefleischtem Asterix und Obelix –Fan natürlich sofort Troubadix, der Barde ein. Und ehe ich diese vermeintliche Parallele kritisch auf Sachdienlichkeit hinterfragt habe, plappere ich ungezügelt drauf los.

„Knut, kennst du Asterix und Obelix?“ (zustimmendes Knurren vom Gegenüber) „Da gab es doch auch diesen Musiker, diesen Barden, das ist ja dann wie bei dir! Der hieß Troubadix und bei dem hat es auch immer geregnet wenn er gespielt hat.“ (In einem Sekundenbruchteil wird mir klar, dass es ab jetzt kompliziert wird mit der Story, aber ich kann mich nicht mehr aufhalten)  „Das ist so lustig, weil, stell dir mal vor: In dem einem Comic, jedes Mal wenn der spielt, da regnet es! Weil es so schlecht und schief ist. Da weint der Himmel!“

Den Blick, den mir Knut Tafel durch seine runden Brillengläser zuwirft kann ich nicht deuten. Ist er amüsiert? Oder gerade tief getroffen? Knut greift manchmal gewaltig neben die passenden Tasten und ich kann mir gut vorstellen, dass es musikalische Menschen gibt, die darüber in Tränen ausbrechen könnten. Aber, ist ihm das eigentlich bewusst? Hm, der Mund lächelt immer noch leicht, Zigarette ist noch drin, immerhin. Ich habe mir eben nicht nur einen Freudschen Versprecher geleistet, das war ein ziemlich kompletter Ausfall. „Haha, sind echt richtig lustig, diese, ähh, Comics, haha.“ Knut lacht nicht mit, Überraschung, wie unangenehm. Ich verschwinde schnell zu Ulf und ziehe die vierte Schicht unter und das kleine Schwarze über und laufe ans andere Ende des Friedhofs, die Glocken läuten schon.

Bei der Grablegung regnet es in Strömen. Zwischendurch scheint es, als wolle der Regen aufhören, aber er fängt immer wieder an. Mein Schirm liegt im Auto, der Talar trieft und tropft. Knut spielt, das Keyboard unter einer Plastikplane. Zwischen den Stücken macht er kurze Pausen und spielt dann weiter.

Das kann doch alles kein Zufall sein.

Schluss mit lustig

Es gibt Tage, an denen mein Humor überhaupt nicht ausreicht, so wie heute.  Dann sitze ich  mit wild klopfendem Herzen zwischen den Damen und Herren meiner Gemeinde und kann nicht fassen, was ich da höre.

„Hier, die Afrikaner die kommen, die können doch gar nicht richtig arbeiten. Ich hab mal mit zwei Ägyptern zusammen gearbeitet, die haben JEDE Stunde Pause gemacht, das konnten die gar nicht anders. Da in Afrika arbeiten nur die Frauen, die tragen ja auch das Wasser in Krügen auf den Köpfen. Die Männer machen da gar nichts.“ 

„Warum kommen denn nur junge Männer? Warum schicken die nicht ihre Frauen und Kinder?“ 

„Da unten in Afrika gibt es ja nur Kriege um den Glauben.“

„Warum sollten wir denen denn was abgeben? Wir haben uns unser Geld redlich selbst verdient.“

„Aber hier leben wollen die auch nicht, die wollen alle auch lieber in die Großstädte.“

Alle, die eben mit mir unten im Gemeindekreis saßen würden von sich behaupten, gläubige Christenmenschen zu sein. Ich habe an Tagen wie heute meine Schwierigkeiten, das tatsächlich glauben zu können. Auf meinem gesamten Gemeindegebiet war noch nirgendwo ein einziger Geflüchteter zu sehen, der von irgendjemandem hier hätte irgendetwas erbitten können. Und trotzdem diese Sorgen und diese kratertiefen Vorurteile. Klar, vielleicht auch gerade deswegen. Mir ist eigentlich bewusst, dass Argumente gegen diese Urängste  wenig helfen. Ich weiß, dass ich mit meinen Worten die Horizonte meiner Gemeindeglieder nicht weiten kann. Trotzdem muss ich klar Position beziehen, denn sonst macht es niemand.

Unter den Gemeindegliedern gibt es Zahlreiche, die selbst Fluchterfahrungen und Kriegserlebnisse haben erleben müssen. Und dann höre ich Sätze, wie:

„Aber denen geht es doch viel besser als uns damals! Die haben Handys und Kleidung und hungern müssen sie auch nicht. “ 

Meistens versuche ich in solchen Situationen ruhig zu bleiben, das Gespräch auf die Ursachen der Ängste zu lenken und seelsorgerlich mit den Aussagen umzugehen. Der Satz über „die Afrikaner“ vorhin und die anschließende Diskussion haben das unmöglich gemacht.

Also habe ich an den Verstand appelliert, an die Nächstenliebe, an das Gottesbild, an das Mitleid und an die Vorstellungskraft. An den ganzen, großen und umfassenden Glauben!  Die guten Argumente, die mir so einleuchten, zeigen wenig Wirkung.

„Sie erinnern mich an Frau Merkel, die auch versucht, ihre Politik gegen alle durchzusetzen.“ „Können wir nicht das Thema wechseln?“

Beim Abschied sagt einer:  „Ärgern Sie sich nicht“ .  Auch diese Worte helfen nicht, ich ärgere mich weiter. Mit Herzklopfen und kalten Fingern und Magengrummeln. Ich glaube, der Ärger ist wichtig. Dieser Ärger ist eine Glaubenssache.

 

 

Don`t panic

Nun bin ich schon über zwei Jahre im Dienst und immer noch gibt es erste Male. Und es dauert bei solchen Anlässen nie lange und ich fühle mich schlagartig in meine Anfangszeit hier zurückversetzt, quasi total Januar 2015.  Z.B. als ich völlig verfroren und laut schimpfend auf der Suche nach der Örtlichkeit für den Leichenschmaus war.

Am Sonnabend hatte ich erstmalig das zweifelhafte Vergnügen, zwei Beisetzungen direkt nacheinander zu halten. Vor Kurzem behauptete ich noch dem Kollegen Michael (dem Pfarrer mit den Hühnern und der Axt) gegenüber, dass ich mir im Leben nicht vorstellen könne, zwei oder sogar drei Beisetzungen an einem Tag zu machen. Ich sei ja schon nach einer komplett erledigt. Und was, wenn man dann alles durcheinander bringt? Die Namen, die Daten, die Familien? Am Ende noch die Friedhöfe? Ein Albtraum. Seit Sonnabend weiß ich: Das geht schon, aber tatsächlich nicht ohne Verluste.

12.05 Uhr:  Ulf und ich fahren von Dorf G zu Dorf K (Vakanzbereich). Die erste Bestattung ist geschafft, die bekannte kribbelige Müdigkeit danach kraucht mir langsam in die Knochen. Im Hintergrund läuft seit der Hinfahrt in Endlosschleife Don`t panic von Coldplay. Es tauchte in der Zufallswiedergabe auf, seitdem drücke ich jedes Mal wenn es vorbei ist, hastig auf den skipback-Knopf. Jetzt gerade kann es nur dieses Lied sein mit dieser Gitarre und diesem Anfang, der so wundervoll unscheinbar-verheißungsvoll klingt. Schrummdummdidudummdumm, fantastisch. Ich spüre meine Füße nicht, obwohl ich kältetechnisch eigentlich gut gerüstet bin: dicke Thermounterhose, ein paar dünne Socken, ein paar dicke Overknees und eine weite (passt ja sonst nicht alles drunter) Anzughose, in den Schuhen Thermosohlen. Ich bin als Letzte vom Friedhof gefahren (hab noch mit Armin und Herrn Tafel geschnackt), die Familie wird wohl schon auf mich warten und ich sehne den heißen Kaffee herbei und vielleicht gibt es ja sogar Mettbrötchen? Mir ist wirklich kalt. Bones sinkin like stones, all that we´ve fought for. Das waren gute Zeiten, als Coldplay noch so großartig  waren.

12.15 Uhr: Ich erreiche Dorf K und den K-Dorfer Hof, hier wollte sich die Familie treffen und ich wurde eben vor der Trauerhalle vom Sohn des Verstorbenen ja auch noch mal freundlich eingeladen. Chris Martin muss Pause machen (schade eigentlich), ich steige aus und wundere mich. Gar keine Autos hier, Eingangstür zu. Wo sind denn alle? Mit staksigen Schritten (diese eiskalten Füße!!) schwanke ich zum Seiteneingang. Treppe, Fliesen, Metalltische und zwei Frauen in Schürzen und mit Kopfhauben, hinten sehe ich viele geschmierte Brote, vielleicht auch welche mit Mett?  Nee, das Trauercafé ist doch erst um 14 Uhr gebucht. Keine Ahnung, wo die andere Familie feiert, nicht bei uns. Wie Scheiße ist das denn? Kälte, Hunger und Ärger über meine Verchecktheit lösen einen flashback nach 2015 aus. Waaaah! Na super.

12.17 Uhr: Armin, der Bestatter, könnte Bescheid wissen. Vielleicht hat der sich was gemerkt, er wird ja auch immer eingeladen, auch wenn er nie mitkommt (auch schade, eigentlich). Ich rufe ihn an.

12.20 Uhr: Oh, all that I know, theres nothing here to run from. Huch, das Lied ist ja schon fast vorbei (Panik! Don’t!), schnell zurückschalten. Die Gitarre setzt ein, ich atme erleichtert ein und fahre zurück nach Dorf G. Ziemlich schnell. Armin wusste es zwar nicht genau, meinte aber, die seien bestimmt in die kleine Gaststätte in Dorf G eingekehrt. Bestimmt nicht Dorf K. Warum auch?  Wahrscheinlich warten die da auch noch  alle auf mich, argh. Immerhin wird Ulf so langsam warm, doch meine Füße spüre ich immer noch nicht. Und überhaupt? Wie konnte denn das jetzt passieren? Da hatte ich doch glatt den falschen Ort für das Trauercafé im Kopf gehabt. Wiesudennbluß?

12.30 Uhr: Coldplay muss ich deutlich leiser stellen, als ich den Sohn auf der Dorfstraße in Dorf G sehe und anhalte. Er guckt  besorgt und öffnet meine Beifahrertür (gut so, denn das rechte Fenster geht seit Sommer nicht mehr auf): Ich wollte gerade zum Friedhof fahren und schauen, ob es gut geht und Sie vielleicht Starthilfe brauchen. Alles klar? Seufz. Super klar hier alles.

12:34 Uhr: Awesome, mein freier Platz ist direkt am Kopfende. Neugierige Blicke, als ich Mantel und Schal ablege. Ich friere immer noch, aber es ist angenehm warm hier. Der Kaffee kommt sofort, vor mir ein Tablett u.a. mit Mettbrötchen, ich seufze zufrieden. Haben Sie sich in Dorf G verfahren? Die Tochter des Verstorbenen blickt mich aus geröteten Augen leicht amüsiert an. Dorf G hat drei Straßen. Selbst für mich wäre das ein Kunststück.

14:03 Uhr: Wir sind zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von Friedrich Müller. Äh, FRIEDHELM Müller… Oh Gott, jetzt hab ich den Namen falsch gesagt. Oh no. Oh je.  Nicht mal verwechselt mit dem Namen des Beigesetzten von davor (nicht, dass das viel besser gewesen wäre), sondern einfach einen ganz anderen Namen. Bescheuert.  Zum Glück wird mir dieser Fauxpax kein zweites Mal passieren, der Schreck darüber hat immerhin die kribbelige Müdigkeit vertrieben, ich bin jetzt da. Bei der Beiseitzung von Friedhelm. Friedhelm!!!. FRIEDHELM!

14.50 Uhr: Der alte Mann, dem ich eben bei den Erdwürfen an Friedhelms (!) Grab  erfolglos mahnende Blicke zugeworfen habe (er hat echt laut gequatscht), kommt auf mich zu, lächelnd. Wenn Sie mal keine Lust mehr auf Ihre Gemeinde haben, dann können Sie gerne zu uns kommen. Wir mögen Sie hier gern. Früher war ich mal im Presbyterium. Wissen Sie, dass diese Stelle hier frei ist?  Ich schwanke zwischen Belustigung und leichter Verärgerung. Warum sonst hätte ich hier wohl sonst Vertretung? Und so viel zu tun?  Also, wir würden uns wirklich sehr freuen und das Pfarrhaus ist wunderschön.  Ich bedanke mich und schleppe mich staksend zu Ulf. Hier waren es mehr Trauergäste, am Grab von Friedhelm (nämlich) hat es lange gedauert. Ich ziehe den Talar aus und die Winterjacke wieder an. Der Alte kommt nochmal auf mich zu: Überlegen Sie es sich. Sie wären herzlich willkommen. Und wenn Sie alleine sind und einen Partner suchen, mein Enkel ist 28 und ganz anders als ich. Redet nicht so viel, vielleicht wäre das ja was für Sie?“

15:04 Uhr:  And homes, places we’ve grown, all of us are done for.  And we live in a beautiful world, yeah we do, yeah we do. We live in a beautiful world…

Skipforward.

Flow oder Nicht-Flow

Es gibt Tage, an denen bin ich im Flow mit dieser Gemeinde und ihren Menschen. Jüngst geschehen beim letzten Taizégebet, wo endlich einmal mehr Menschen da waren als nur Martha und ich. Vier Jugendliche und drei Erwachsene, keine Martha, aber ich und ich war verzückt. Zwei Mädels aus der aktuellen Konfigruppe sind mit zwei Freundinnen gekommen. Jemand aus der Konfi-Whatsapp-Gruppe fragte hinterher, wie das Gebet denn nun war und sie schrieben „voll schön“ und „toll“. Sie kannten kein einziges Lied, sangen aber trotzdem sofort mit (schüchterner 13jährigen-Gesang hat etwas äußerst Herzergreifendes). Hach.

Es gibt Tage, an denen bin ich mehr im Flow mit anderen Menschen, als denen aus der Gemeinde. Letzte Woche z.B. habe ich gemeinsam mit Rahel höchst motiviert einen Gottesdienst ausgeheckt, mit allem drum und dran. Ab morgen habe ich über das Wochenende Urlaub (ENDLICH!), besuche sie (ENDLICH!) und feiere mit ihr dann neben unserem Wiedersehen  diesen Gottesdienst. Damit sich der Aufwand auch gelohnt hat, habe ich das ganze Paket letzten Sonntag hier in der Gemeinde an die Leute gebracht, was in meiner Hauptpredigtstätte fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Es waren nämlich kaum Leute da. Nur drei treue Seelen versammelten sich letzten Sonntag im Gemeinderaum. Vermutlich, weil dieser fälschlicherweise als Lektorengottesdienst ausgeschrieben war. Aber come on, der gute Herr Fritz hätte hier durchaus mehr als drei Leute verdient. Und man soll mir bitte nicht kommen mit „wo zwei, oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Wenig Leute im Gottesdienst machen neben aller Geistesgegenwart (sorry, Chef) meistens viel Frust, für alle Beteiligten.

Es war Rahels schöne Idee, in der Predigt ein Lied von Wir sind Helden zu spielen, Bring mich nach Hause. Immerhin, die drei Leute hier freuten sich hinterher sehr darüber („So ein schöner Gottesdienst!“) und ich war während der Predigt sowas von extrem im Flow. Predigen ist an sich schon intensiv, während des Predigens selbst zu musizieren (Gitarre und Gesang) steigert diese Intensität für mich nochmal deutlich. Als säße da das größte Publikum der Welt und nicht nur drei Menschen. Oder es ist am Ende doch die Geistesgegenwart (in dem Fall: erwischt! Danke, Chef).

Trotzdem schimpfe ich im Gemeindebüro gestern über den so mau besuchten Gottesdienst und drohe erbost und völlig ungeflowt damit, die Gottesdienste hier nur noch alle sechs bis acht Wochen zu feiern (dann könnte ich schließlich auch mehr Urlaub machen). Zufällig ist gerade eine Frau aus der Gemeinde da, die ihr Fehlen (alle haben dann immer so Erklärungen von wegen: krank, draußen glatt, verschlafen, Gäste zum Essen,  Hund krank, Mutter krank, Pferd krank, pffff)  mit den Worten zu rechtfertigen versucht: „Ich wollte ja wirklich zum Gottesdienst kommen, aber (hier kam eine kleine, dramatische Pause) ich saß auf der Toilette.“ Huh. Moment mal – hat sie das gerade wirklich gesagt? Auf der Toilette? So völlig ungeniert im Gemeindebüro? Zu mir? Ich kenne die Dame und ihr Redeverhalten (sintflutartig!) und plötzlich sehe ich sie sitzen, auf der Toilette und schlagartig wird es mir zu viel.  Ich mache „Hmhm, aha, ja…ich muss eben noch oben..“ und verlasse fluchtartig den Raum. Nicht sonderlich professionell, aber wenigstens effektiv.

Was manche Leute so von sich geben und teilen, ist doch wirklich erstaunlich. Heute nachmittag ging es im Gemeindekreis um das Thema Freiheit. Es war eine verhältnismäßig schöne Runde, man kam angeregt ins Gespräch, Erfahrungen wurden geteilt – alles super. Bis auf Herrn M., der leicht zwanghaft immer dazwischen quatschen musste. Herr M. ist sehr von sich überzeugt und glaubt, die Welt verstanden zu haben, daran will er alle teilhaben lassen, immer. Er wähnt sich mit der Welt im flow, eckt aber tatsächlich überall fürchterlich an. Mit ihm fand gerade eben folgender Wortwechsel statt:

Er: „Sie sollten das nächste Mal mal über UNfreiheit reden! DAS wär mal was.“ Ich: „Vielleicht mögen Sie ja etwas über Unfreiheit erzählen? Da könnten Sie bestimmt viel zu beitragen.“ Er: „Ich kann über ALLES reden.“ Okok...An Selbstvertrauen mangelt es Herrn M. offensichtlich nicht. Ich reagiere geübt souverän mit „Hmhm, aha, ja.. ich muss oben noch…“ und steige flugs die Treppen hoch in die Wohnung.

Es ist gut, dass morgen der Urlaub anfängt. YOFlO.

 

 

 

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Aus den Augen und überhaupt nicht aus dem Sinn

Die Weihnachtstage gehen wohl für alle Pfarrer*innen wie im Rausch vorüber. Ich weiß von Kollegen, die im Januar Urlaub nehmen, wegfahren und Weihnachten mit ihrer Familie dann in Ruhe nachfeiern. Im letzten Jahr habe ich es versäumt, meine Urlaubsplanung aktiv voranzutreiben (mööp!) mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass ich jetzt keinen Urlaub habe, bis ins Frühjahr hinein nicht.  Zum Glück ergab sich erfreulicher Besuch zwischen den Jahren, der doch ein wenig Urlaubsglücksgefühl und Entspannung mit sich brachte.

Da mein Umgang mit Zahlen nach wie vor ein ziemlich krautiger ist (ich schreibe hier nicht, in welche Gewissensnöte mich die galaktisch hohen Kollekten von Heiligabend gebracht haben), bin ich mir bei folgender Angabe nicht ganz sicher: vor vermutlich 12 Jahren (oh Gott, ist das lange her!) traf ich während des Hebräischkurses, bzw. während der Kaffeepausen danach auf Frederike. Es folgten Monate der Glückseligkeit. Irgendwo las ich letztens, Freundschaft sei Liebe ohne Sex. Frederike und ich klebten tatsächlich wie Frischverliebte aufeinander und genossen das Studentenleben mit allem was dazugehörte: durchtanzte Nächte, Radtouren zum Baggersee (mit Melonen-Picknick!), über u.a. Hebräisch ächzen, manchmal Gottesdienste besuchen (und währenddessen auswerten)  und sogar regelmäßige gemeinsame Schwimm-Dates (so sportlich wurde ich bisher nie wieder). Frederike half mir bei sämtlichem (vielen) Umzügen in und aus meiner Universitätsstadt und ich schleppte auch für sie Kisten, Regale und Kunst. Leider wohnt sie heute viel zu weit weg, aber der Grund dafür ist einer, den ich akzeptieren kann (die Liebe).

Als ich meine erste Universitätsstadt und mit ihr auch Frederike (wohnlich) hinter mir gelassen hatte, war der Neustart in der anderen Stadt mit viel Herzschmerz und Trauer verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dort jemals glücklich werden könnte (alles neu! Alles grausig!) und war felsenfest davon überzeugt, dieser Umzug vor wahrscheinlich 8 Jahren (?) sei der größte Fehler meines Lebens gewesen. Ich saß  also  am Schreibtisch und beschniefte mein Unglück. Dann klopfte es an meiner Zimmertür und jemand fragte: „Hey, magst du mit uns Abendessen?“ Mit Essen konnte man mich schon damals aus der Reserve locken. Wie gut, dass Julia mich damals eingeladen hat! Mit ihr verbinde ich die schönsten Straßenmusik-Erinnerungen, durchfeierte Nächte (die Theo-Partys sind zu Recht berüchtigt), Taizéandachten in der Bibliothek,  die ersten Aufnahmen im Tonstudio und eine etwas zeitversetzte, aber dennoch gemeinsam überstandene Examenszeit. Höchstselten gibt es seitdem Wochen, in denen wir nicht voneinander lesen oder hören, obwohl auch Julia schon einige Jahre woanders wohnt und arbeitet.

Es ist das Schicksal von Theologiestudierenden, dass wir nach dem 1. Examen in alle Himmelsrichtungen (=Landeskirchen, blöde Erfindung!) zerstreut werden und dann mit viel Aufwand (Urlaubsplanung bestenfalls ein Jahr im voraus -> mööp!) schauen müssen, wie man es schafft in Kontakt zu bleiben. Vor 11 bzw. 8 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich einmal mit Frederike oder Julia gemeinsam einen Gottesdienst in der Hauptpredigtstätte meiner ersten Pfarrstelle auf dem platten Land feiern würde, am Silvesterabend 2016. Doch Wunder geschehen ja bekanntlich immer wieder und ich schätze, meine Gemeinde wird sich auch gewundert haben: Plötzlich waren aus einer jungen Pfarrerin drei junge Pfarrerinnen geworden. Ja, liebe Leute, es gibt nämlich noch mehr davon! Hurray! Wir drei wechselten uns ab mit den Lesungen und Gebeten und schnell wurde mir klar, dass hier etwas Besonderes passierte. Ich lernte Frederike und Julia in ihren Rollen als Pfarrerinnen kennen und bin bis heute geflasht davon. Zu unserer Freundschaft gesellte sich während dieser knappen Stunde  Dienst nämlich auch noch eine spirituelle Ebene dazu – echt krass und schön. Es bleibt für mich äußerst betrüblich, dass weder Julia noch Frederike hier in meiner Ecke wirken, aber ihre Gemeinden können sich glücklich schätzen und ich freue mich für sie. Und auf den nächsten Urlaub, der mich dann vielleicht in die Gemeinden von Frederike oder Julia führen wird. Und dann werden wir bestimmt wieder mehr als Gottesdienste feiern, so wie schon Silvester 2016. Cheers!

Liebe Internetgemeinde, etwas spät (so busy gewesen) aber von Herzen jetzt: Frohes Neues euch allen und in allem was so geht und kommt, let love rule!  Man liest sich 🙂

 

Weihnachtsgrüße aus gegebenem Anlass

Frohe und gesegnete Weihnachten, liebe Internetgemeinde! Noch vor der ersten Christvesper in den Dörfern (insgesamt drei Gottesdienste, drei verschiedene Krippenspiele, viel Potential für Wahnsinn) und der Christmette  hier für euch mein  Impuls zum Tag. Keep on lovin!

Impuls Christvesper

Weihnachten passt dieses Jahr eigentlich nicht, finde ich. Die Bilder aus aus Syrien, besonders aus Aleppo, die Erinnerungen an Nizza und die Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt in Berlin – sie legen sich wie ein dunkler Schleier über die Lichter, die seit Wochen in meiner Wohnung gegen die langen Nächte leuchten: sie verdunkeln die Kerzen des Adventskranzes, den geschmückten Weihnachtsbaum und selbst den kleinen roten Stern an meinem Wohnzimmerfenster.
Es ist in diesen Tagen für mich und viele andere schwierig mit besinnlicher Stimmung, mit weihnachtlicher Wohligkeit. Die Welt und ihre Geschehnisse werfen ihre langen Schatten hinein in die Zeit, in der es doch eigentlich heller in uns und um uns herum werden sollte. Weihnachten, ich gebe es frei heraus zu, stört mich in diesem Jahr.
Wie können wir in diesen Tagen Weihnachtsfreude empfinden? Wie passen das festlich geschmückte Haus, der Gänsebraten und die Geschenke unterm Baum in diese Welt, die gerade vielen so finster und erlösungsbedürftig erscheint?
In der Geschichte von Jesu Geburt, die wir gerade so schön als Krippenspiel gesehen haben, passte damals auch so einiges nicht: Es gab Störungen und Unvorhergesehnes und ja.. Es gab damals wie heute Unrecht und Gewalt. Die Geschichte von Jesu Geburt war eigentlich nicht wohlig und gemütlich:
So vermute ich, dass Maria eine ganze Weile gebraucht haben wird, um Freude über ihre überraschende Schwangerschaft zu empfinden. Der Engel, der ihr die Botschaft überbrachte jagte ihr mit seinem Erscheinen und seiner Ankündigung zunächst einen gehörigen Schrecken ein. Und neun Monate später hat sich Maria die Geburt ihres Kindes sicherlich anders vorgestellt. So wie jede Mutter wird sie sich viele Gedanken gemacht haben, wie ihr Kind gut in dieser Welt ankommen kann. Ein langer Fußmarsch ohne Unterkunft war vermutlich nicht Teil des Plans.
Ihren Mann Josef kostete es zunächst Überwindung, das ungeborene Kind anzunehmen und bei Maria zu bleiben. Ein Engel musste kommen und ihn zum Bleiben überreden.
Außerdem waren die Zeiten damals alles andere als sicher und ruhig. Die Römer hatten das Land besetzt, immer wieder gab es gewaltvolle Aufstände. König Herodes war ein Herrscher, der mit Schrecken in Jerusalem regierte und mit Gewalt seine Macht ausübte.
Das Kind wird schließlich in Bethlehem geboren, – in einem Stall, zwischen Tieren, es liegt in einer Futterkrippe – keine Hebamme ist da, kein Arzt, niemand der den werdenden Eltern hilft. Hirten vom Felde sind die ersten, die das besondere Kind besuchen. Leute, die mit ihren Herden unstet umher ziehen, die unter freiem Himmel schlafen und ärmlich leben. Bald nach der Geburt kann die Familie nicht gleich nach Hause, sondern muss über Ägypten fliehen, weil König Herodes nach dem besonderem Kind sucht und ihm Gefahr droht. Das waren keine besinnlichen Zeiten damals, es war nicht alles friedlich oder gut – im Gegenteil.
Und doch: Gott kam genau in diese Welt. Er kam, um diese Welt zu erlösen von all dem, was sie dunkel machte. Seine Geburt in jenem Stall passt nicht – sie stört in ihrer Armseligkeit den Gedanken an einen mächtigen Gott, der doch das Geschick der Welt in den Händen hält. Der Schöpfer selbst wird in Bethlehem zum hilfsbedürftigen, schutzlosem Geschöpf, das den Wirren der Welt und des Lebens ausgesetzt ist. Die Antwort Gottes auf die Gewalt in der Welt war gerade keine Machtdemonstration, keine Gegengewalt – nein, seine Antwort war eine Friedensbotschaft in Gestalt eines gewickelten Kindes in einer Futterkrippe. Auf den Hass der Welt reagierte Gott so mit entwaffnenden Vertrauen, mit unbedingter Liebe.
Gott hat auch nicht versäumt der Welt mitzuteilen, was man braucht, um diese Antwort, diese Liebesbotschaft empfangen zu können. Oder besser gesagt: was man nicht braucht: Bevor die Engel den Hirten die Freudenbotschaft von der Geburt des Kindes verkünden, sagen sie:
Fürchtet euch nicht!
Mit diesen Worten beginnt die Weihnachtsbotschaft in der Welt: Fürchtet euch nicht! Wenn das Herz von Angst beherrscht ist, kann es die göttliche Botschaft der Liebe nicht aufnehmen, nicht spüren. Angst macht Herzen eng und hart.
Weihnachten feiern bedeutet deshalb nicht in erster Linie Gemütlichkeit oder Besinnlichkeit., die kommen für mich an zweiter Stelle. Weihnachten feiern bedeutet für mich in erster Linie eine echte Mutprobe: Fürchtet euch nicht!
Besonders in diesem Jahr lädt uns das Fest von Jesu Geburt ein, Angst zu überwinden und Platz für Vertrauen und Liebe machen. Denn ich glaube daran, dass Liebe den Hass stört und überwindet. Liebe ist stärker als Hass. Wer in diesen Tagen Stärke beweisen will, der hält sein oder ihr Herz offen: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht.
Weihnachten stellt den dramatischen Schreckensbotschaften diesen Jahres eine jubilierende Liebesbotschaft entgegen. Ehre sei Gott in der Höhe und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet“ Mit diesen Worten endet die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld. Zuerst wird den Hirten also die Angst genommen und zum Schluss wird ihnen Frieden zugesprochen. Wunderbar.
Nein, Weihnachten passt gerade nicht in diese Welt, seine Botschaft stammt ja auch nicht aus dieser Welt und ich glaube, das ist im besten Sinne gut so. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Weihnachten hier und zuhause und vor allem auch in diesem Jahr besonders strahlen lassen. Hier in der Kirche, an der Festtagstafel oder unter dem Weihnachtsbaum: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht. Frieden kommt auf die Erde.
Weihnachten stört mich immer noch, aber es stört mich auf wunderbare Weise.
Hoffentlich noch lange über die Festtage hinaus.
Amen.