Planlos im Sommerhoch

Merke: Wenn du dich in der Januarsitzung bei der Jahresplanung mit dem Presbyterium fragst, ob all das vielleicht doch ein bisschen viel ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Jahresplanung kompletter Irrsinn ist. Kein Wunder, dass (nicht nur) die  Internetgemeinde in den letzten Wochen viel zu kurz kommt  – so sorry, liebe Leute.

Ich schiebe den terminlichen Overkill auch auf das Reformationsjubiläum und all die Veranstaltungen, die dieses so mit sich bringt. Hier sind das Konzerte, Lesungen, Gesprächsreihen, auch der Ausflug der Gemeinde zum Kirchentag nach Berlin und Wittenberg und große, überregionale Gottesdienste. Offensichtlich habe ich mich Anfang Januar sehr vor Langeweile gefürchtet (-.-) – so reiht sich jetzt Open-Air-Gottesdienst an Tauffest und Fahrradtour an Sommerfestvorbereitung mit Open Stage und nebenbei der ganz normale Gemeindewahnsinn. Zum Glück, nee, Gott sei Dank (!!!) ist bisher alles gut gegangen, auch wenn hin und wieder Momente der Verwirrung auftauchen.

So wie letzte Woche, als ich mir am Freitagabend um 22.30 Uhr plötzlich nicht mehr sicher war, wo die Hochzeit (eine Vertretung für einen Kollegen) am Sonnabendvormittag eigentlich stattfinden sollte. In meinem Kalender stand Dorfkirche zu F., in meinen Notizen zur Predigt hingegen las ich Dorfkirche zu L.. Natürlich sind beide Orte 30 Minuten Ulfzeit voneinander entfernt, obwohl in einem Gemeindegebiet, überall dasselbe, tzz. Der Kollege war nicht zu erreichen, das Paar wollte ich nur ungern an meiner unprofessionellen Verwirrung teilhaben lassen und außerdem dachte ich, ich hätte keine Handynummer. Wie vercheckt kann man eigentlich sein? Waah! Schließlich fiel mir ein, dass ich mit der Braut vor einem halben Jahr ungefähr telefoniert hatte und suchte in meinem Adressbuch unter ihrem Mädchennamen und wurde fündig.  Es kostete mich viiiel Überwindung ihr so spät eine SMS zu schreiben und nach dem Ort der Trauung zu fragen. Sie antwortete nicht. Klar. Uff. Meine Nacht war entsprechend unruhig. Ich sah mich schon eine Stunde früher losfahren und ärgerlich (wie vercheckt kann man eigentlich sein?!) die richtige Kirche suchen. Vor Trauungen und Taufen bin ich immer noch ziemlich aufgeregt, so viele gibt es davon hier nämlich nicht. Zumal mir das Paar so sympathisch war! Am nächsten Morgen las ich dann erleichtert die Antwort der Braut: Wir feiern in F. und freuen uns, Sie da zu sehen 😉 Bis gleich! Es war dann das Paar, das zu spät kam, auf der Kreuzung vor der Kirche verlor ein Auto seinen Anhänger – aber auch das spielte nachher keine Rolle mehr und Worte reichen für die wunderbaren Momente in diesem Gottesdienst sowieso nicht aus.  Nur so viel:  Love rules, tatsächlich.

Verwirrt war ich auch bei einer anderen Hochzeit, zu der ich direkt von einer Trauerfeier kam. Die Kombi „Beisetzung – Hochzeit“ hatte ich bis dato auch noch nicht erleben dürfen. Muss man auch nicht öfter haben, finde ich. Zwischen den Diensten hatte ich keine Pause, kein Essen, kein Kaffee, also kam ich müde und hungrig zur Trauung an, perfekte Voraussetzungen also.

Ich stürme mit Sack und Pack in die Kirche und grüße die Gäste, die schon da sind: „Schön, dass Sie sich schon zur Trauerfei..äh, Traufeier, ähm, Trauung eingefunden haben!“. Oh no, wie unangenehm, wie Freud, wie peinlich.  Die versammelten Leute kichern, ich schwitze, super Start. Die Trauung selbst ist dann irgendwie ok, ich singe und bete allerdings fast alleine und komme mir komisch dabei vor. Das ist wohl das unangenehme Gefühl zum Erlebnis Dienstleistungskirche. Mit knurrendem Magen hoffe ich heimlich auf den Kaffee danach und – hatte man nicht von Eis gesprochen? Beim feierlichen Auszug aus der Kirche bin ich froh, nicht noch weitere Wortfindungsschwierigkeiten gehabt zu haben. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern bis zur Stärkung.

Erstmal gratulieren alle dem Paar, danach verteilt sich die Festgemeinde auf dem großen Hof, im Zelt und im Haus. Ich bin eingeladen zu bleiben, aber finde meine Platzkarte nicht. Menschen, die ihre Platzkarte gefunden haben, halten Popcake in den Händen, MENNO, ich will auch Popcake (Mettbrötchen gibt es hier ja offensichtlich nicht). Ich stelle mich unschlüssig neben eine Gruppe jüngerer Leute, man nimmt keine Notiz von mir, kein war nett oder danke, nix. Hmpft. Ziellos trabe ich über das Grundstück, suche erfolglos den Eisstand oder wenigstens eine Tasse Kaffee,  bis jemand etwas von Gruppenfoto ruft und sich die träge Masse zäh zurück  in Richtung Kirche bewegt. Bis sich alle an der Seite der Kirche positioniert haben, dauert es, die Kleinen nach Vorne, die Großen nach hinten und ich stelle mich irgendwo links neben die Meute und hoffe, dass es bald vorbei ist. „Wenn sich die Pfarrerin noch etwas näher zur Festgesellschaft stellen könnte? Sie stehen da ja so, als würden Sie überhaupt nicht dazu gehören!“ Ähm ja, genau. Ich rücke auf, viele Fotos werden aufgenommen, erst alle zusammen, nur die Familie, nur die Freundinnen und Freunde, nur das Brautpaar, unendliche Kombinationen. Ich beobachte das Prozedere aus einiger Entfernung mit wachsender Ungeduld, als mich der Trauzeuge von der Seite anspricht. „Ey, hast du das hier gelernt oder so?“ „Hö?“ „Na, ne Ausbildung oder so?“  Ich hole tief Luft.  Was denken manche Leute eigentlich? Dass man das einfach so kann?? Ich entgegne: „Zehn Jahre Studium und Ausbildung! Hast du da auch Lust drauf, oder was?“ Die rhetorische Frage zum Schluss klingt wenig pastoral-souverän, wohl eher wie ein Peitschenschlag. Ich will nicht reden, ich hab Durst und Hunger! Aber es muss noch ein weiteres Bild aufgenommen werden, im Dorfanger. Das kann doch alles nicht wahr sein. Zunehmend lethargisch reihe ich mich auch in das Riesenherz aus Menschen ein und lächle mit letzter Kraft in die Kamera, dann habe ich endgültig genug vom Suchen und ratlos Herumstehen. Ich beginne, mich zu verabschieden. Die Brautmutter fragt, ob ich denn schon Eis hatte. „Nein, nicht gefunden.“ Vielleicht klinge ich dabei etwas weinerlich. Sie zieht mich entschlossen zurück auf den Hof, ach da ist das Eis!, verhilft mir zu einer halb geschmolzenen Vanillekugel und dann darf ich gehen. Das Eis in der einen Hand lasse ich das Dorf und das Hochzeitsfest eilig hinter mir. Ich war dort auch zum Abendessen eingeladen, aber man muss ja nun wirklich nicht auf allen Hochzeiten tanzen.  Überhaupt rein gar nicht.

 

 

 

Ulf forever

Zwischen dem alltäglichen und speziellen Wahnsinn dieser Gemeinde und meiner naturgemäßen Verchecktheit fallen doch so manche Dinge unter den Tisch. Oder fahren irgendwo gegen – so wie es Ulf während eines hektischen Ausparkmanövers (Keine Zeit! Keine Zeit!) schon letzten November passiert ist. Es regnete, der hintere Scheibenwischer ging nicht (kaputt oder so), folglich fuhr ich mit Schwung gegen eine Ecke des Carports. Seitdem hat Ulf eine kleine, knautschige Beule über dem rechten Hinterreifen. Für mich eine weitere liebenswerte Macke, für andere ein Grund skeptisch die Augenbrauen zusammenzuziehen und mit dem Kopf zu schütteln.

So geschehen bei meiner vorletzten Bestattung (der Marathon geht zumindest diese Woche noch weiter). Auf jenem Friedhof habe ich tatsächlich einen Stammparkplatz (yeah!) neben dem kleinen Transporter des Bestattungsunternehmens. Bzw. rechts vom Transporter ist immer noch Platz für Ulf, wobei er sich diesen Platz mit einem riesigem Laubhaufen teilen muss, der dort seltsamer Weise niemals weggeräumt wird. Letzte Woche also komme ich dort an und parke neben dem Transporter und vor dem Laubhaufen und steige aus. Kurt Tafel ist auch schon da und dreht sich gerade eine Zigarette. Amüsiert schaut er mir dabei zu, wie ich die Fahrertür schließe. Phase 1: locker zuwerfen. Phase 2: mit der Hüfte noch einmal lässig (!) nachhelfen, sonst ist Ulf nämlich nicht wirklich zu. Während dieser Prozedur schleicht ein blonder Sargträger um Ulfs Hinterteil und schüttelt lautlos den Kopf. Er beugt sich etwas nach unten, schaut er jetzt auf die Beule oder diese schwarze Schramme? Er sagt nichts, aber sein Gesichtsausdruck lässt auf eine Mischung aus Unverständlichkeit und tiefem Bedauern schließen.

Als ich den Kofferraum öffne ertönt ein lautes, hohes Quietschen, das über den Friedhof schallt. Kurt will die Liederhefte verteilen, ich greife in den Kofferraum, stütze mich kurz ab und irgendwo aus Ulfs Innereien  dringt ein Laut, so tief und unheimlich-knurrend, dass er aus der Unterwelt stammen könnte.  Rrrrroooar. Ich gebe Kurt die Hefte und hole dann meinen Talar aus der bunt gestreiften Strandtasche (angeblich soll es auch elegante Talartaschen geben, aber pfft). Rrrrrrooooar. „Das klingt ja gar nicht gut!“ Kurt wirft einen besorgten Blick auf Ulf. „Klingt fast so, als würde dein Auto leben!“ Dann erhellt sich sein Blick: „Kennst du den Film Christine?“ „Nee.“ Kurt nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Da geht es auch um so ein Auto, so eine richtige Klapperkiste, total kaputt, so wie deins (hier zucke ich etwas zusammen). Das Auto heißt Christine und das lebt! Und ist gefährlich!“ „Hm, aha“ „Am Ende, da lassen die das Auto dann verschrotten, wird richtig platt gemacht. Und dann denken die, das wäre jetzt tot.“ „Aha.“ “ Aber ist es dann gar nicht, Christine lebt nämlich immer noch! Da leuchten dann am Schluss die Scheinwerfer auf und das ganze geht wieder von vorne los!“ Kurt lacht brummend. Mein Amüsement hält sich in Grenzen, Ulf und ein Horrorauto? Auf dem Schrottplatz?? Niemals! Dann sage ich: „Touché“. Vielleicht hat Kurt mein Troubadix-Vergleich doch mehr getroffen, als ich dachte.

Während Kurt noch steht und weiter raucht muss ich zwei weitere Male die Fahrertür öffnen und wieder schließen (erst das Handy und dann die Mate vergessen). Schließlich brauche ich noch mein schwarzes Mäppchen mit den Texten aus der Strandtasche.

Die Kofferraumtür quietscht kurz auf. Stille.  Rrrrrrooooar. Ulf und ich, wir verstehen uns.

Hoffentlich noch lange, er muss nämlich zum TÜV. Seit Februar.

Im Regen versinkt die Welt…

„Ja, es sterben immer so viele Menschen, noch bevor das erste Grün rauskommt.“ Wissend seufzte meine Kollegin Sabine am Telefon. Sie ist schon viele Jahre im Dienst und weiß, wovon sie spricht. In unserem Gespräch beklagte ich mich darüber, dass ich vor lauter Beisetzungen schon gar nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht. Im Schnitt beerdige ich nämlich gerade zwei Gemeindeglieder pro Woche, ein Ende scheint nicht absehbar (uuh, dieser Satz in diesem Zusammenhang, finster). Fragt mich bitte nicht nach der Zahl der Taufen oder Kircheneintritte in derselben Zeit (ebenso finster).

Ein anderer Kollege, der in seinem Probedienst  in der Großstadt gearbeitet hat, musste dort immer vier bis fünf Beerdigungen pro Woche machen, aber das ganze Jahr über. Für mich (scheinbar nix gewohnt) unvorstellbar viel. Hier jedenfalls fällt es auf, dass im Frühjahr und Herbst besonders viel gestorben wird. Armin, mein Bestatter, behauptet das übrigens auch.

Heute mittag komme ich zu einer (Überraschung!) Bestattung in das Dorf von Herrn Fritz. Da, wo es den langen Catwalk vom Friedhofseingang zur Trauerhalle gibt. Der Himmel ist regenverhangen, ein kalter Wind peitscht herum und ich stapfe (schon jetzt!) fröstelnd und vermutlich sichtbar missmutig  zu Herrn Tafel und dem Bestatter, der nicht Armin ist.

Ich: „Was ist denn das für ein bescheuertes Wetter, sollte es nicht irgendwann warm werden? Hallo Knut.“ Herr (Knut) Tafel nickt: „Ja, hallo, das ist richtig mies. Der Bestatter meinte vorhin, das läge an mir.“ „Hä, warum das denn?“ “ Na, er sagte, hier hätte die Sonne geschienen, bis ich hier angekommen bin. Und dann war da Regen.“ Ich gucke ihn prüfend von der Seite an.  „Echt? Du bist also Schuld an der Misere hier? Wir müssen echt mal über unsere Zusammenarbeit nachdenken..“ Knut steht in Wind und Regen in Schwarz mit seiner Schiebermütze, lacht brummend und zieht an einer Selbstgedrehten.

Wenn es um Musiker und aufkommende Regenschauer geht, fällt mir als eingefleischtem Asterix und Obelix –Fan natürlich sofort Troubadix, der Barde ein. Und ehe ich diese vermeintliche Parallele kritisch auf Sachdienlichkeit hinterfragt habe, plappere ich ungezügelt drauf los.

„Knut, kennst du Asterix und Obelix?“ (zustimmendes Knurren vom Gegenüber) „Da gab es doch auch diesen Musiker, diesen Barden, das ist ja dann wie bei dir! Der hieß Troubadix und bei dem hat es auch immer geregnet wenn er gespielt hat.“ (In einem Sekundenbruchteil wird mir klar, dass es ab jetzt kompliziert wird mit der Story, aber ich kann mich nicht mehr aufhalten)  „Das ist so lustig, weil, stell dir mal vor: In dem einem Comic, jedes Mal wenn der spielt, da regnet es! Weil es so schlecht und schief ist. Da weint der Himmel!“

Den Blick, den mir Knut Tafel durch seine runden Brillengläser zuwirft kann ich nicht deuten. Ist er amüsiert? Oder gerade tief getroffen? Knut greift manchmal gewaltig neben die passenden Tasten und ich kann mir gut vorstellen, dass es musikalische Menschen gibt, die darüber in Tränen ausbrechen könnten. Aber, ist ihm das eigentlich bewusst? Hm, der Mund lächelt immer noch leicht, Zigarette ist noch drin, immerhin. Ich habe mir eben nicht nur einen Freudschen Versprecher geleistet, das war ein ziemlich kompletter Ausfall. „Haha, sind echt richtig lustig, diese, ähh, Comics, haha.“ Knut lacht nicht mit, Überraschung, wie unangenehm. Ich verschwinde schnell zu Ulf und ziehe die vierte Schicht unter und das kleine Schwarze über und laufe ans andere Ende des Friedhofs, die Glocken läuten schon.

Bei der Grablegung regnet es in Strömen. Zwischendurch scheint es, als wolle der Regen aufhören, aber er fängt immer wieder an. Mein Schirm liegt im Auto, der Talar trieft und tropft. Knut spielt, das Keyboard unter einer Plastikplane. Zwischen den Stücken macht er kurze Pausen und spielt dann weiter.

Das kann doch alles kein Zufall sein.

Schluss mit lustig

Es gibt Tage, an denen mein Humor überhaupt nicht ausreicht, so wie heute.  Dann sitze ich  mit wild klopfendem Herzen zwischen den Damen und Herren meiner Gemeinde und kann nicht fassen, was ich da höre.

„Hier, die Afrikaner die kommen, die können doch gar nicht richtig arbeiten. Ich hab mal mit zwei Ägyptern zusammen gearbeitet, die haben JEDE Stunde Pause gemacht, das konnten die gar nicht anders. Da in Afrika arbeiten nur die Frauen, die tragen ja auch das Wasser in Krügen auf den Köpfen. Die Männer machen da gar nichts.“ 

„Warum kommen denn nur junge Männer? Warum schicken die nicht ihre Frauen und Kinder?“ 

„Da unten in Afrika gibt es ja nur Kriege um den Glauben.“

„Warum sollten wir denen denn was abgeben? Wir haben uns unser Geld redlich selbst verdient.“

„Aber hier leben wollen die auch nicht, die wollen alle auch lieber in die Großstädte.“

Alle, die eben mit mir unten im Gemeindekreis saßen würden von sich behaupten, gläubige Christenmenschen zu sein. Ich habe an Tagen wie heute meine Schwierigkeiten, das tatsächlich glauben zu können. Auf meinem gesamten Gemeindegebiet war noch nirgendwo ein einziger Geflüchteter zu sehen, der von irgendjemandem hier hätte irgendetwas erbitten können. Und trotzdem diese Sorgen und diese kratertiefen Vorurteile. Klar, vielleicht auch gerade deswegen. Mir ist eigentlich bewusst, dass Argumente gegen diese Urängste  wenig helfen. Ich weiß, dass ich mit meinen Worten die Horizonte meiner Gemeindeglieder nicht weiten kann. Trotzdem muss ich klar Position beziehen, denn sonst macht es niemand.

Unter den Gemeindegliedern gibt es Zahlreiche, die selbst Fluchterfahrungen und Kriegserlebnisse haben erleben müssen. Und dann höre ich Sätze, wie:

„Aber denen geht es doch viel besser als uns damals! Die haben Handys und Kleidung und hungern müssen sie auch nicht. “ 

Meistens versuche ich in solchen Situationen ruhig zu bleiben, das Gespräch auf die Ursachen der Ängste zu lenken und seelsorgerlich mit den Aussagen umzugehen. Der Satz über „die Afrikaner“ vorhin und die anschließende Diskussion haben das unmöglich gemacht.

Also habe ich an den Verstand appelliert, an die Nächstenliebe, an das Gottesbild, an das Mitleid und an die Vorstellungskraft. An den ganzen, großen und umfassenden Glauben!  Die guten Argumente, die mir so einleuchten, zeigen wenig Wirkung.

„Sie erinnern mich an Frau Merkel, die auch versucht, ihre Politik gegen alle durchzusetzen.“ „Können wir nicht das Thema wechseln?“

Beim Abschied sagt einer:  „Ärgern Sie sich nicht“ .  Auch diese Worte helfen nicht, ich ärgere mich weiter. Mit Herzklopfen und kalten Fingern und Magengrummeln. Ich glaube, der Ärger ist wichtig. Dieser Ärger ist eine Glaubenssache.

 

 

Don`t panic

Nun bin ich schon über zwei Jahre im Dienst und immer noch gibt es erste Male. Und es dauert bei solchen Anlässen nie lange und ich fühle mich schlagartig in meine Anfangszeit hier zurückversetzt, quasi total Januar 2015.  Z.B. als ich völlig verfroren und laut schimpfend auf der Suche nach der Örtlichkeit für den Leichenschmaus war.

Am Sonnabend hatte ich erstmalig das zweifelhafte Vergnügen, zwei Beisetzungen direkt nacheinander zu halten. Vor Kurzem behauptete ich noch dem Kollegen Michael (dem Pfarrer mit den Hühnern und der Axt) gegenüber, dass ich mir im Leben nicht vorstellen könne, zwei oder sogar drei Beisetzungen an einem Tag zu machen. Ich sei ja schon nach einer komplett erledigt. Und was, wenn man dann alles durcheinander bringt? Die Namen, die Daten, die Familien? Am Ende noch die Friedhöfe? Ein Albtraum. Seit Sonnabend weiß ich: Das geht schon, aber tatsächlich nicht ohne Verluste.

12.05 Uhr:  Ulf und ich fahren von Dorf G zu Dorf K (Vakanzbereich). Die erste Bestattung ist geschafft, die bekannte kribbelige Müdigkeit danach kraucht mir langsam in die Knochen. Im Hintergrund läuft seit der Hinfahrt in Endlosschleife Don`t panic von Coldplay. Es tauchte in der Zufallswiedergabe auf, seitdem drücke ich jedes Mal wenn es vorbei ist, hastig auf den skipback-Knopf. Jetzt gerade kann es nur dieses Lied sein mit dieser Gitarre und diesem Anfang, der so wundervoll unscheinbar-verheißungsvoll klingt. Schrummdummdidudummdumm, fantastisch. Ich spüre meine Füße nicht, obwohl ich kältetechnisch eigentlich gut gerüstet bin: dicke Thermounterhose, ein paar dünne Socken, ein paar dicke Overknees und eine weite (passt ja sonst nicht alles drunter) Anzughose, in den Schuhen Thermosohlen. Ich bin als Letzte vom Friedhof gefahren (hab noch mit Armin und Herrn Tafel geschnackt), die Familie wird wohl schon auf mich warten und ich sehne den heißen Kaffee herbei und vielleicht gibt es ja sogar Mettbrötchen? Mir ist wirklich kalt. Bones sinkin like stones, all that we´ve fought for. Das waren gute Zeiten, als Coldplay noch so großartig  waren.

12.15 Uhr: Ich erreiche Dorf K und den K-Dorfer Hof, hier wollte sich die Familie treffen und ich wurde eben vor der Trauerhalle vom Sohn des Verstorbenen ja auch noch mal freundlich eingeladen. Chris Martin muss Pause machen (schade eigentlich), ich steige aus und wundere mich. Gar keine Autos hier, Eingangstür zu. Wo sind denn alle? Mit staksigen Schritten (diese eiskalten Füße!!) schwanke ich zum Seiteneingang. Treppe, Fliesen, Metalltische und zwei Frauen in Schürzen und mit Kopfhauben, hinten sehe ich viele geschmierte Brote, vielleicht auch welche mit Mett?  Nee, das Trauercafé ist doch erst um 14 Uhr gebucht. Keine Ahnung, wo die andere Familie feiert, nicht bei uns. Wie Scheiße ist das denn? Kälte, Hunger und Ärger über meine Verchecktheit lösen einen flashback nach 2015 aus. Waaaah! Na super.

12.17 Uhr: Armin, der Bestatter, könnte Bescheid wissen. Vielleicht hat der sich was gemerkt, er wird ja auch immer eingeladen, auch wenn er nie mitkommt (auch schade, eigentlich). Ich rufe ihn an.

12.20 Uhr: Oh, all that I know, theres nothing here to run from. Huch, das Lied ist ja schon fast vorbei (Panik! Don’t!), schnell zurückschalten. Die Gitarre setzt ein, ich atme erleichtert ein und fahre zurück nach Dorf G. Ziemlich schnell. Armin wusste es zwar nicht genau, meinte aber, die seien bestimmt in die kleine Gaststätte in Dorf G eingekehrt. Bestimmt nicht Dorf K. Warum auch?  Wahrscheinlich warten die da auch noch  alle auf mich, argh. Immerhin wird Ulf so langsam warm, doch meine Füße spüre ich immer noch nicht. Und überhaupt? Wie konnte denn das jetzt passieren? Da hatte ich doch glatt den falschen Ort für das Trauercafé im Kopf gehabt. Wiesudennbluß?

12.30 Uhr: Coldplay muss ich deutlich leiser stellen, als ich den Sohn auf der Dorfstraße in Dorf G sehe und anhalte. Er guckt  besorgt und öffnet meine Beifahrertür (gut so, denn das rechte Fenster geht seit Sommer nicht mehr auf): Ich wollte gerade zum Friedhof fahren und schauen, ob es gut geht und Sie vielleicht Starthilfe brauchen. Alles klar? Seufz. Super klar hier alles.

12:34 Uhr: Awesome, mein freier Platz ist direkt am Kopfende. Neugierige Blicke, als ich Mantel und Schal ablege. Ich friere immer noch, aber es ist angenehm warm hier. Der Kaffee kommt sofort, vor mir ein Tablett u.a. mit Mettbrötchen, ich seufze zufrieden. Haben Sie sich in Dorf G verfahren? Die Tochter des Verstorbenen blickt mich aus geröteten Augen leicht amüsiert an. Dorf G hat drei Straßen. Selbst für mich wäre das ein Kunststück.

14:03 Uhr: Wir sind zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von Friedrich Müller. Äh, FRIEDHELM Müller… Oh Gott, jetzt hab ich den Namen falsch gesagt. Oh no. Oh je.  Nicht mal verwechselt mit dem Namen des Beigesetzten von davor (nicht, dass das viel besser gewesen wäre), sondern einfach einen ganz anderen Namen. Bescheuert.  Zum Glück wird mir dieser Fauxpax kein zweites Mal passieren, der Schreck darüber hat immerhin die kribbelige Müdigkeit vertrieben, ich bin jetzt da. Bei der Beiseitzung von Friedhelm. Friedhelm!!!. FRIEDHELM!

14.50 Uhr: Der alte Mann, dem ich eben bei den Erdwürfen an Friedhelms (!) Grab  erfolglos mahnende Blicke zugeworfen habe (er hat echt laut gequatscht), kommt auf mich zu, lächelnd. Wenn Sie mal keine Lust mehr auf Ihre Gemeinde haben, dann können Sie gerne zu uns kommen. Wir mögen Sie hier gern. Früher war ich mal im Presbyterium. Wissen Sie, dass diese Stelle hier frei ist?  Ich schwanke zwischen Belustigung und leichter Verärgerung. Warum sonst hätte ich hier wohl sonst Vertretung? Und so viel zu tun?  Also, wir würden uns wirklich sehr freuen und das Pfarrhaus ist wunderschön.  Ich bedanke mich und schleppe mich staksend zu Ulf. Hier waren es mehr Trauergäste, am Grab von Friedhelm (nämlich) hat es lange gedauert. Ich ziehe den Talar aus und die Winterjacke wieder an. Der Alte kommt nochmal auf mich zu: Überlegen Sie es sich. Sie wären herzlich willkommen. Und wenn Sie alleine sind und einen Partner suchen, mein Enkel ist 28 und ganz anders als ich. Redet nicht so viel, vielleicht wäre das ja was für Sie?“

15:04 Uhr:  And homes, places we’ve grown, all of us are done for.  And we live in a beautiful world, yeah we do, yeah we do. We live in a beautiful world…

Skipforward.

Flow oder Nicht-Flow

Es gibt Tage, an denen bin ich im Flow mit dieser Gemeinde und ihren Menschen. Jüngst geschehen beim letzten Taizégebet, wo endlich einmal mehr Menschen da waren als nur Martha und ich. Vier Jugendliche und drei Erwachsene, keine Martha, aber ich und ich war verzückt. Zwei Mädels aus der aktuellen Konfigruppe sind mit zwei Freundinnen gekommen. Jemand aus der Konfi-Whatsapp-Gruppe fragte hinterher, wie das Gebet denn nun war und sie schrieben „voll schön“ und „toll“. Sie kannten kein einziges Lied, sangen aber trotzdem sofort mit (schüchterner 13jährigen-Gesang hat etwas äußerst Herzergreifendes). Hach.

Es gibt Tage, an denen bin ich mehr im Flow mit anderen Menschen, als denen aus der Gemeinde. Letzte Woche z.B. habe ich gemeinsam mit Rahel höchst motiviert einen Gottesdienst ausgeheckt, mit allem drum und dran. Ab morgen habe ich über das Wochenende Urlaub (ENDLICH!), besuche sie (ENDLICH!) und feiere mit ihr dann neben unserem Wiedersehen  diesen Gottesdienst. Damit sich der Aufwand auch gelohnt hat, habe ich das ganze Paket letzten Sonntag hier in der Gemeinde an die Leute gebracht, was in meiner Hauptpredigtstätte fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Es waren nämlich kaum Leute da. Nur drei treue Seelen versammelten sich letzten Sonntag im Gemeinderaum. Vermutlich, weil dieser fälschlicherweise als Lektorengottesdienst ausgeschrieben war. Aber come on, der gute Herr Fritz hätte hier durchaus mehr als drei Leute verdient. Und man soll mir bitte nicht kommen mit „wo zwei, oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Wenig Leute im Gottesdienst machen neben aller Geistesgegenwart (sorry, Chef) meistens viel Frust, für alle Beteiligten.

Es war Rahels schöne Idee, in der Predigt ein Lied von Wir sind Helden zu spielen, Bring mich nach Hause. Immerhin, die drei Leute hier freuten sich hinterher sehr darüber („So ein schöner Gottesdienst!“) und ich war während der Predigt sowas von extrem im Flow. Predigen ist an sich schon intensiv, während des Predigens selbst zu musizieren (Gitarre und Gesang) steigert diese Intensität für mich nochmal deutlich. Als säße da das größte Publikum der Welt und nicht nur drei Menschen. Oder es ist am Ende doch die Geistesgegenwart (in dem Fall: erwischt! Danke, Chef).

Trotzdem schimpfe ich im Gemeindebüro gestern über den so mau besuchten Gottesdienst und drohe erbost und völlig ungeflowt damit, die Gottesdienste hier nur noch alle sechs bis acht Wochen zu feiern (dann könnte ich schließlich auch mehr Urlaub machen). Zufällig ist gerade eine Frau aus der Gemeinde da, die ihr Fehlen (alle haben dann immer so Erklärungen von wegen: krank, draußen glatt, verschlafen, Gäste zum Essen,  Hund krank, Mutter krank, Pferd krank, pffff)  mit den Worten zu rechtfertigen versucht: „Ich wollte ja wirklich zum Gottesdienst kommen, aber (hier kam eine kleine, dramatische Pause) ich saß auf der Toilette.“ Huh. Moment mal – hat sie das gerade wirklich gesagt? Auf der Toilette? So völlig ungeniert im Gemeindebüro? Zu mir? Ich kenne die Dame und ihr Redeverhalten (sintflutartig!) und plötzlich sehe ich sie sitzen, auf der Toilette und schlagartig wird es mir zu viel.  Ich mache „Hmhm, aha, ja…ich muss eben noch oben..“ und verlasse fluchtartig den Raum. Nicht sonderlich professionell, aber wenigstens effektiv.

Was manche Leute so von sich geben und teilen, ist doch wirklich erstaunlich. Heute nachmittag ging es im Gemeindekreis um das Thema Freiheit. Es war eine verhältnismäßig schöne Runde, man kam angeregt ins Gespräch, Erfahrungen wurden geteilt – alles super. Bis auf Herrn M., der leicht zwanghaft immer dazwischen quatschen musste. Herr M. ist sehr von sich überzeugt und glaubt, die Welt verstanden zu haben, daran will er alle teilhaben lassen, immer. Er wähnt sich mit der Welt im flow, eckt aber tatsächlich überall fürchterlich an. Mit ihm fand gerade eben folgender Wortwechsel statt:

Er: „Sie sollten das nächste Mal mal über UNfreiheit reden! DAS wär mal was.“ Ich: „Vielleicht mögen Sie ja etwas über Unfreiheit erzählen? Da könnten Sie bestimmt viel zu beitragen.“ Er: „Ich kann über ALLES reden.“ Okok...An Selbstvertrauen mangelt es Herrn M. offensichtlich nicht. Ich reagiere geübt souverän mit „Hmhm, aha, ja.. ich muss oben noch…“ und steige flugs die Treppen hoch in die Wohnung.

Es ist gut, dass morgen der Urlaub anfängt. YOFlO.

 

 

 

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.