Viva la Reformation

Ein paar Entwürfe für Blogbeiträge schlummern schon seit längerer Zeit mehr oder weniger beachtet im hiesigen Archiv. Einer handelt vom Reformationsgottesdienst im letzten Jahr. Ich weiß noch gut, wie überrascht ich an diesem Tag war. Eigentlich war bis zu diesem Gottesdienst nämlich alles maximal blöd gelaufen, der Predigttext sagte mir beunruhigend wenig, Rahel konnte aus irgendeinem Grund nicht gegenlesen (oder ich war einfach zu spät fertig), das Wetter war hässlich grau  und ich hatte insgesamt überhaupt keine rechte Lust auf Reformationstag und Paulus und Luther.

Als ich dann zum ersten Mal im wehendem Talar vor der winzigen, kleinen Backsteinkirche in Dorf H stand und nach und nach die Gemeindeglieder eintrudeln sah, da hatte ich einen besonderen Moment. Es war, als hätte sich in mir irgendetwas zurechtgeruckelt und geöffnet, plötzlich war da etwas wärmer als vorher und ich dachte verwundert zufrieden: das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin – so ist das jetzt und das ist gar nicht so schlimm. Darüber wollte ich schon letztes Jahr schreiben, denn das Gefühl war ein besonderes und denkwürdiges, aber dann passierte so viel so schnell und schwupp, wir hams 2016 und eröffnen das Lutherjahr, total crazy.

Als ich am Reformationstag in diesem Jahr in Dorf H ankomme und mit Ulf um die Ecke gurke, kann ich schon von Weitem sehen, dass irgendjemand sich kreativ mit dem Eingangsbereich der Kirchentür verausgabt hat. Große Windlichter auf weißem und fliederfarbenen Stoff, dazwischen kunstvoll drapierter Tüll. Ein Schmuck, wie man ihn sonst wohl  bei bei Hochzeiten in großen Städten findet, die Grenze zum Kitsch ist definitiv überschritten und ich in meinem Abschieds-Aufregungs-Gefühlstaumel bin tief, wirklich tief davon ergriffen (feuchte Augen).  Ich finde schnell die zwei Helferinnen („Die Sparkasse hat uns auch geholfen!“ „Äh, wie schön…“) , bedanke mich vor dem Gottesdienst, im Gottesdienst und nach dem Gottesdienst überschwänglich und bin insgesamt im Flow. In diesem Jahr kann ich die meisten Gemeindeglieder vor der Kirchentür sogar mit Namen begrüßen und bin darauf ein bisschen stolz, denn ich bin echt unfassbar schlecht mit Namen. Gesichter und Lebensgeschichten merken ok, aber Namen? Fatal.

Selbst vom Gottesdienst bin ich später angetan, obwohl es im Vorfeld  wieder kompliziert mit Luther und Paulus und mir war. Die unsäglichen Bläser blasen in der winzigen Kirche erstaunlich erträglich und nur selten schief und beim Agapemahl wird doch tatsächlich GELACHT, was könnte ich mehr wollen? Man findet es  scheinbar schön, das Fladenbrot gegenseitig zu teilen und die Weintrauben mit Segensworten herumzureichen und ich bin selig. So hatte ich mir das immer gewünscht, wow. Abendmahl feiern kann in vielerlei Hinsicht eine so deprimierende Angelegenheit sein, dabei ist es doch eigentlich etwas Wunderbares (Liebe! Gemeinschaft!…) was wir da feiern und man könnte doch wenigstens dabei lächeln, statt nur so betreten auf den Boden zu gucken (die Story hat schließlich ein fulminantes Happy End).  Aber am Reformationstag in Dorf H ist, wie gesagt, alles cool und man ist mit Freude dabei.

Nach dem Gottesdienst gibt es  Kaffee und Kuchen (keine Schnittchen, ich bin etwas traurig und kaue lange an zwei Stücken Napfkuchen). Jemand hat Luther-Luftballons in die Ecke gestellt und  verteilt Luther-Bonbons, Begeisterung auf allen Seiten. Ich muss tatsächlich auch darüber lachen, verrückt, aber das finde ich heute auch gar nicht so schlimm. So ist es dann wohl. Das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin.

Die Stühle an der Tafel reichen nicht, weil mehr gekommen und geblieben sind als erwartet. Wir sitzen lange zusammen und erzählen. Als ich viel später als gedacht endlich mit Ulf aufbreche, sehe ich draussen noch quatschende Leute in Grüppchen zusammenstehen. Die können sich wohl auch nicht gut trennen, denke ich und gehe langsam und bewegt weiter.

Kultur, Kerzenschein und Kirche

Neben aufkommendem Abschiedsschmerz, den Gesprächen über den möglichen Abschied und Gedanken über Neuanfänge anderswo geht das Leben in der Gemeinde für mich mit allem Wahnsinn und allem Wunderbaren weiter. Es scheint in  der Natur der Sache zu liegen, dass sich Letzteres nun in einem extra schönem Licht zeigt. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Als Kirchengemeinde bekommt man immer wieder Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die in einer Kirche auftreten wollen. Viel ist auf dem Land kulturell nicht los, die Freude in den Gemeinden über ein kleines Ensemble, Orchester oder Chorgrüppchen ist meistens entsprechend groß. Die Kirchen werden bei gut angegangener Werbung besser besucht als zu den Gottesdiensten, was, nun ja, ist wie es eben ist. Hmpft. Wir als Gemeinde könnten den Künstler*innen keine Gage zahlen, meistens wird nicht einmal Eintritt genommen, doch mit den Spenden am Ausgang kommen die Musikanten meist ganz gut hin und vor allem auch wieder zurück in die Städte (wenn sie rechtzeitig die wenigen Tankstellen finden), aus denen sie kommen.

Im Dezember letzten Jahres hatte ich ein Duo zu Gast, das mir in bester, aber gleichzeitig auch schuldbewusster Erinnerung geblieben ist. An jenem Wochenende hatte ich nämlich vergessen, rechtzeitig (zwei Tage vorher!) die große Kirche bei mir im Ort zu heizen. Mit dicken Wollpullovern saßen die beiden während des Warmspielens (unpassender könnte dieses Wort in diesem Zusammenhang wirklich nicht sein) frierend im Altarraum. Der Violonist (ein kleiner Mann um die 50) hatte außerdem seine Brille vergessen und konnte seine Noten nicht lesen, er bekam also meine rote, große Lesebrille und sah damit fast ein bisschen hipstermäßig aus. Außerdem war es in der Kirche vorne zu dunkel, also holte ich mit dem Gitarristen (ungefähr so alt wie ich) meine Wohnzimmerlampe (Hector!) aus der Wohnung und stellte sie neben den beiden auf. Es war ein herrliches Bild, hätten die beiden dabei nicht so fürchterlich gefroren. Die Konzertbesucher*innen konnten später die Sitzheizung in den Bänken genießen, die Musiker spielten wunderbar und rieben sich dazwischen so oft die kalten Hände, dass ich vor Scham fast im Boden versunken wäre. Hilflos bot ich den beiden hinterher Tee und Schnaps an, der Gitarrist entschied sich für Wodka (sympathisch!) und stieß mit mir an: „Du hast eine tolle Kirche – aber in so einer kalten Kirche habe ich noch nie gespielt!“

Daran musste ich sofort denken, als jener Gitarrenspieler sich in diesem Spätsommer bei mir meldete und nach möglichen Konzertterminen fragte. Wir entschieden uns für Mitte Oktober und die Dorfkirche, die einmal zur Musikkirche werden soll (wenn die Orgel mit dem Marderschädel und dem Holzwurmbefall jemals wiederspielbar gemacht wird). Diese Kirche hat weder Licht noch Strom, aber eine schöne Akustik und einen leicht ruinösen Charme, dem ich völlig erlegen bin.  Auch, weil in diesem Dorf zwei Familien (die Konrads und die Mertins) wohnen, die mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen sind  und die sich liebevoll um die Kirche und die Gemeinde (und ja, auch um die Pfarrerin) kümmern.

Als ich am Samstag eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in Dorf C ankomme, ist es schon fast dunkel. Aus den Fenstern der Kirche flackert Kerzenlicht, ein paar leise Gitarrentöne kommen mir durch die offen stehende Eingangstür  entgegen, oh wie schön. Herr Konrad zündet in der Kirche gerade unzählige Teelichter an, auf den Fensterbänken, dem Altar und dem Taufstein. Der Gitarrist sitzt schräg neben einem Ofen mit glühenden Kohlen (Gott sei dank!) und spielt  sich warm (tatsächlich). Noten oder eine Brille braucht er nicht, er kann alles auswendig. Herr Konrad hat extra für dieses Konzert eine Bank für den Musiker gebaut („Damit er schön sitzen kann, hier für die Füße und hier zum Anlehnen.“). Herr Konrad hat auch extra einen Stehtisch gebaut, um vor dem Konzert für die Besucher*innen Tee und Glühwein auszuschenken, was er mit seiner Frau und dem ältesten Sohn dann auch macht. Ich bin begeistert (mein Onkel ist Tischler, Josef war Tischler, ich liebe Leute, die selber Dinge bauen können) , von mir aus können wir den für die Gottesdienste gleich weiter benutzen, am Besten mit Kaffee und Mate. Der Gitarrist bevorzugt zum Konzert dann doch einen klassischen Stuhl mit extra Fußbänkchen und erwärmt in 60 Minuten die Herzen des fröstelnden Publikums und auch ich sitze bewegt in der ersten Reihe, links neben mir der jüngste Spross von Familie Konrad (Karl, 6 Jahre, frisch eingeschult, der ab dem dritten Lied mit Schluckauf und Kälte zu kämpfen hat, aber tapfer durchhält), rechts von mir ein Freund des Gitarristen („Hier sieht es aus wie im Mittelalter!“) und Herr Mertin, der selbst auch Musiker (und Tischlermeister!)  ist und aufmerksam zuhört, nebst seiner Frau in dicker Winterjacke. Nach dem Konzert folgen drei Zugaben – das Publikum klatscht sich die Hände heiß, der Gitarrist reibt sich die Hände warm  (er friert doch ziemlich) und spielt bezaubernd.

Hinterher stehen wir zusammen und überlegen, wo man noch einkehren könnte (das nächste Restaurant ist mindestens 20 min entfernt, seufz), auch ich hatte es vor dem Konzert nicht geschafft, noch etwas zu essen und mir knurrte gehörig der Magen. In unsere Überlegungen hinein bittet uns Herr Mertin zu sich nach Hause. Seine Frau feiere Geburtstag, Gäste seien kurzfristig abgesprungen – es sei Platz für den Musiker, seinen Freund und mich und es gäbe viel zu essen – ob wir mit rüber kommen wollten? Ich denke an sein schönes altes Haus, das er seit zwei Jahren liebevoll selbst renoviert  und das er mit seiner Frau so stilvoll und schön eingerichtet hat, dass ich mich immer etwas fehl am Platz (es ist so schön!) und verlegen (so könnte ich mich nie einrichten!) fühle.

Die Entscheidung zu den Mertins zu gehen ist schnell gefällt, wenig später machen wir uns auf den kurzen Weg und finden uns bald darauf im wohlig warmen Esszimmer an einer reich gedeckten Tafel mit edlem Geschirr wieder. Ich genieße die Gastfreundschaft von Robert und Sabine  (die Mertins und ich duzen uns jetzt) , die leckere Suppe und den Hauptgang mit viel Fleisch und Pasta (hmmmm) und auch den Wein, der dazu gereicht wird. Die anderen Geburtstagsgäste und wir Neuzugänge verstehen uns gut – wir unterhalten uns angeregt und mit viel Gelächter über die Vorteile des Stadt – und Landlebens, die Gemeinde, den schönsten See der Welt (liegt zwischen Dorf C und D), die Musik und Gott und das Leben. Erst nach Mitternacht (huh! so spät schon!) fahre ich mit Ulf zurück ins Pfarrhaus, der Musiker und sein Freund zurück in die große Stadt, aus der sie gekommen sind. In der Predigt am nächsten Morgen (ich hatte Dienst auch in Dorf C, mit viel Mate im Gepäck und einem erstaunlich wachen Robert Mertin in der zweiten Reihe) geht es um Tischgemeinschaft und das Reich Gottes und Jesus als Genießer. Cheers, Bruder. Amen. 

Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.

 

Pfad-Finderei

Letzte Woche stolperte ich bei Facebook über das Foto eines Kleinwagens (nichts Ulfiges, sondern glänzend und neu), der gerade eine ziemlich steile Treppe hinunterbretterte. Unterschrift war: „Sie folgte dem Navi“. Natürlich störte mich sofort das Sie. Als ob nur weibliche Fahrerinnen einen schlechten Orientierungssinn hätten! Perfide, in Humor verpackte Diskriminierung, zum Kotzen.

Dieses Bild würden viele meiner Gemeindeglieder total witzig finden, Männer und Frauen. Seufz. Eine Dame aus dem Presbyterium behauptet hier auch  allen Ernstes, sie würde als „Lehrer“ arbeiten. Eine andere, nur wenig älter als ich, kauft für ihre Nichte ausschließlich rosa Kleidung und Spielzeug – weil sie so eine kleine Prinzessin ist. Die Gender-Debatte findet man an diesem vergessenen Fleckchen Erde absonderlich, wenn man sie überhaupt irgendwo findet – es wird nämlich nicht gegendert. Außer natürlich, ich kann mitmischen: die für den Gemeindebrief  beigesteuerten Artikel werden ausnahmslos korrigiert (*innen!) und an das Wort Jüngerinnen in meinen Andachten und Predigten, sowie den inklusiven Segen  haben sich scheinbar alle gewöhnt. Doch, ich versuche auch meinen Bildungsauftrag irgendwie ernst zu nehmen. Zu Beginn meiner Zeit hier meinte auch jemand zu mir: „In dieser Gemeinde sind die Frauen die Starken“ – so lebensfern ist das alles also gar nicht.

Was sonst noch nervt,  ist mein Orientierungssinn. Ich würde dem dämlichen  Klischee so gerne widersprechen, aber verdammt noch mal,  wenn mein Weg sich  gabelt und ich mich für eine Richtung entscheiden muss, dann geh ich mit trauriger Gewissheit in die falsche (auch wenn ich das weiß und extra versuche, anders zu laufen). Also lebe ich in ungesunder Abhängigkeit vom Navi in meinem Telefon und vom Netzempfang. Ist es übrigens zu fassen, dass ein Netzanbieter in meinem Ort seit einem halben Jahr den defekten Sendemast nicht repariert? Man lebt so abgehängt in der Pampa! Jedenfalls,  kurz nachdem ich den blöden Facebook-Post gesehen und beärgert hatte, war ich auf dem Rückweg von einer Beisetzung hin zu einem Gemeindecafé. Die Zeit war knapp, weil die Familie zum Kaffeetrinken danach wirklich spät dran war, 15 Minuten habe ich vor der Gaststätte gewartet. Die belegten Brote auf den Tischen wurden später wohl von anderen gegessen (man ließ sich auch Zeit damit, die Tafel zu eröffnen), ich raste zu diesem Zeitpunkt schon  an Feldern und Wäldern vorbei Richtung Dorf G.

Über die große Landstraße kenne ich den Weg dorthin. Fahrzeit ca. 20 Minuten, ich würde also mindestens 10 Minuten zu spät kommen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, zu spät zu kommen, zur Sicherheit befrage ich das Telefon und siehe da:  es zeigt mir eine unbekannte Strecke hinten über Dorf F, die mich noch pünktlich ankommen lässt. Schon hier hätten bei mir alle Alarmglocken angehen sollen,  aber stattdessen denke ich: yeah, dann los! Das denke ich auch noch, als das Navi mich auf den breiten Sandweg am Feld entlang schickt – irgendwo wird ja wohl wieder eine befestigte Straße kommen. Auch als ich minutenlang Waldwege mit kratertiefen Schlaglöchern entlangholpere (der arme Ulf!)  lasse ich mich nicht entmutigen, das Navi wird es schon wissen. Das Ziel nähert sich auf dem Display unaufhaltsam (komme immer noch pünktlich!), ich fahre mitten im Wald an Teichen und Wanderwegen vorbei (ganz nett eigentlich) und stelle mich darauf ein, bald die ersten Häuser in der Ferne zu sichten. Als das Navi dann behauptet, ich sei am Ankunftsort angekommen, steht rechts von mir ein kleiner Nadelwald und links von mir ein großer Nadelwald, dazwischen Farne, viele Farne. Von Dorf G keine Spur – laut Navi bin ich im Dorfkern, pünktlich um 15 Uhr. Irgendetwas ist offensichtlich  fatal schief gelaufen (gefahren?),  liegt es am Netz? An der Karten-App? Etwa an mir? Ulf und ich wenden, ohne einen Baum umzunieten und darüber bin froh, ich weiß nicht wie ich irgendjemandem hätte den Weg erklären sollen. Dann erinnere ich mich an eine Weggabelung mit Schildern  und rumpele eilig zu ihr zurück. Ich könnte nun zurückfahren, wie ich gekommen bin, aber dann würde ich mindestens 15 Minuten verlieren. Oder ich folge ganz altmodisch analog  dem Schild, das nach Dorf G zeigt. Risiko! denke ich und los gehts. Das Navi behauptet derweil, dass ich noch 25 Minuten bis zum Zielort bräuchte, aber ich fahre unbeirrt weiter. Ulf macht zwischendurch komische Geräusche (bis heute, er nimmt mir die Fahrt noch übel, glaube ich), ich schwitze und versuche, Ulf wenigstens die tiefsten Löcher zu ersparen. Am Ende des Weges tauchen nun tatsächlich Häuser auf! Aus dem Weg wird endlich eine Straße, nur welches Dorf ist das hier? Kurz stelle ich mir vor, ich hätte ein noch unbekanntes Dorf fernab der menschlichen Zivilisation entdeckt, doch kurz darauf sehe ich das schon ziemlich verfallene Gemeindehaus und stelle fest, dass das Dorf fernab der Zivilisation zu meinem Gemeindegebiet gehört. Gott sei Dank! So sehr habe ich mich noch nie gefreut, in Dorf G angekommen zu sein. Kaffee, Kuchen und die  vier alten Damen erfüllen das Klischee, aber das ist ok. Echt ok.

 

 

Eins, zwei, drei, vier – es ist so schön bei…

Zahlen sind wirklich nicht meins und waren es noch nie. Ich kann mich gut an meine Enttäuschung in den ersten Schulwochen erinnern: zuvor dachte ich, dass man in der Schule vor allem Geschichten erzählt bekommt, von Menschen und der Welt – Zahlen passten für mich demzufolge überhaupt nicht ins Konzept und sagten mir zu meinem großen Bedauern überhaupt rein gar nichts.  Unvergessen bleibt mir  deshalb eine Andacht von Rahel, in der sie über ihre Leidenschaft für Zahlen sprach. Als Grundschülerin erweckte ihre Phantasie die Zahlen in den Kästchen zum Leben, Rahel konnte die Sprache der Zahlen verstehen! Ich war verzückt und bedauerte einmal mehr, Rahel nicht früher in meinem Leben getroffen zu haben.

Im Pfarramt hat man unweigerlich doch mit Zahlen (und was für welchen!) zu tun: Haushaltspläne, Erbbaurechtsverträge (uiuiui), Gehälter, Mieteinnahmen und ständig eintrudelnde Rechnungen für Strom, Telefon, Organistendienste, Fahrtkosten, Architekten und und und… Zum Glück gibt es hier in der Nähe einen Kollegen, der gut und gerne (verrückt!) mit Zahlen kann und mir bei Verwirrung im Zahlendschungel  hilft.                                           Darüber hinaus machen Kirchengemeinden alle paar Jahre Inventur und nehmen alles auf, was sie so haben. Alles? Alles.  Bei uns ist es jetzt wieder soweit, und so kam Anfang der Woche eine blondgelockte Dame in die Gemeinde, bewaffnet u.a.  mit Laptop, diversen  Listen und einem Laser-Gerät, das die Größe eines Raumes messen kann. Strahlend begrüßte sie mich: “ Wie schön, hier zu sein und dass Sie sich den ganzen Tag Zeit genommen haben“! (Schockpause, Schlucken) „Den ganzen Tag?“ „Ja, den ganzen Tag, wie besprochen“ Tatsächlich habe ich dann (äußerst widerwillig) den gesamten Montag damit verbracht, mit Frau T. durch das Gemeindegebiet zu fahren, Kirchen und Häuser aufzuschließen und Dinge zu zählen.

Bevor wir losfahren konnten, mussten wir aber zählen, was sich in der Hauptpredigtstätte so befindet. In der Kirche, der Teeküche (sogar das Geschirr!), der Winterkirche, den Gemeinderäumen, Garagen und Schuppen (Aha! Eine Kettensäge!)und auch im Archiv (denkt euch an dieser Stelle bitte einen Takt dramatische Streichermusik mit Trommelwirbel). Schon nach zehn Minuten wollte ich dort vor Scham im Boden versinken. In 1,5 Jahren habe ich es nicht geschafft, das Archiv auf Vordermann zu bringen (kein Platz, keine Zeit und ein engagierter Archivprofi, der auch keine Zeit hat).  In einem 12 qm Raum, der nach 70 Jahren Einsamkeit riecht und seitdem nicht mehr grundlegend aufgeräumt wurde, liegen Aktenordner  neben Kerzenständern und Kruzifixe auf Amtsblättern, dazwischen bäuchlings ein Taufengel und diverse kleine Statuen von irgendwelchen Grafen. An antiken Stühlen und den verstaubten Regalen lehnen sperrige Gemälde mit finster dreinblickenden Unbekannten und kitschige Jesusdrucke, sowie verstaubte Kulissen, vermutlich  für ein Krippenspiel aus längt vergangenen Zeiten.  Die Mitte des Raumes bildet ein großer Holztisch, auf dem sich kostbare alte Bibeln, alte Agenden und Oblaten stapeln. Außerdem gibt es hier zwei Tresore, zwei riesige Holzschränke (auf einem verstaubt eine Zither mit rostigen Saiten)  und eine Kommode. Wer mitgezählt hat, kann sich vorstellen, dass man sich in diesem Räumchen eigentlich gar nicht bewegen kann. Frau T. begann aufzunehmen: Bibeln (nahm sie später in Metern auf, es waren einfach zu viele), Kruzifixe, Gemälde, Taufschalen, Taufkannen, Hostienbehälter, Abendmahlskelche und Patenen. Sie  machte Fotos von jedem Gegenstand, schrieb das (teilweise nur zu vermutende) Alter auf und wunderte sich: „So ein Archiv habe ich ja noch nie gesehen.“ Ich hatte viele der Kelche und Patenen noch nie gesehen: in den Schränken und Tresoren tauchten immer mehr davon auf, als hätte ich einen unheimlichen Zauber ausgelöst, Bellatrix Lestrange ließ grüßen. Zwischen all dem Zinn, Gold und Brillanten hatte ich schnell völlig den Überblick verloren und schnappte nach Luft.

Frau T. kämpfte sich abenteuerlustig weiter durch und bestaunte gebührend die alten Kostbarkeiten, deren tatsächlicher Wert wahrscheinlich alles übersteigt, was ich mir zahlenmäßig überhaupt vorstellen kann. Aber das macht zum Glück Frau T., die kann offensichtlich auch mit Zahlen. Ich höre solange Wanda und bleib die ganze Nacht.

Schall und Rauch

Sommerpause – ich liebe es. Zwar bin ich seit zwei Wochen wieder im Dienst, doch in den Ferien fühlt sich das alles sehr viel entspannter an: weder Religionsunterricht noch Konfirmandenzeit, weniger Gemeindekreise und kaum Termine auf Kirchenkreisebene. Eigentlich wäre ich in dieser Woche mit Jugendlichen in Taizé, doch da aus meiner Gemeinde (und der gesamten Region!)  nur eine Jugendliche mitwollte, habe ich ihr und mir die eins zu eins Betreuung erspart und bin hier geblieben.  So kam es, dass ich luxuriöser Weise an zwei Wochenenden nacheinander predigtfrei hatte, laut Plan war ich ja gar nicht hier, sondern im schönen Südburgund. Ein softerer Restart nach meinem Urlaub wäre kaum möglich gewesen.

Jetzt ist die Zeit, richtig viel Schreibtischkram zu erledigen. Den neuen Gemeindebrief, Überlegungen für den ersehnten ehrenamtlichen Besuchsdienst, die Kolumne für die Regionalzeitung schreiben (pffffffft)  und dann ist da auch noch dieser nervige Rechtsstreit, in den ich mich einarbeiten müsste. Ich könnte wenigstens die letzte Mail vom untreuen Vertragspartner lesen.

Oooooder ich entfliehe dem tristen Leben im Gemeindebüro und komme endlich wieder unter Menschen. Meine Verzweiflung muss ziemlich groß sein, ich fahre freiwillig zu einem Orgelkonzert in die nächste Stadt. Ich habe nämlich kein gutes Verhältnis zu Orgeln. Die Kantorin meiner Heimatstadt verspielte sich schmerzhaft oft und außerdem fand sie Taizé blöd. Deshalb fand ich sie blöd und ihr Orgelspiel sowieso und dann konsequenterweise auch gleich das ganze Instrument. Heute orgelt in Stadt B aber nicht jene Dame, sondern Stefan, der auch unseren Gemeindechor leitet. Stefan kenne ich seit dem Vikariat, wir feierten dort ein paar Gottesdienste gemeinsam und der Mann kann orgeln, dass einem die Ohren flattern. Wenn es die Zeit erlaubt, gehen wir auch mal einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen. Essen ist ja immer eine tolle Sache für mich und in guter Gesellschaft noch viel mehr. Stadt B gehört seit jüngster Zeit zu meinem Vakanzbereich, als zuständige Pfarrerin kann es gar nicht schaden, sich dort auch mal bei kulturellen Veranstaltungen blicken zu lassen, den Künstler und das Publikum begrüßen und hinterher verabschieden und so. Außerdem habe mich geschickter Weise mit Stefan nach dem Konzert zum Essen verabredet. Ich bin voller Vorfreude.

Kurz vor Konzertbeginn fragt mich Stefan, ob ich ihm beim Orgeln nicht assistieren könne. Das heißt, daneben stehen und die Noten umblättern, an der richtigen Stelle. Mit der richtigen Seite und in die richtige Richtung. Ohne irgendwas kaputt zu machen. Huch, ich bin ja nervös! Ob das noch Spätwirkungen meiner ebenso stolzen wie grausamen Klavierlehrerin aus Moskau sein könnten? Während ich wenig später rechts hinter der  Orgelbank stehe und überfordert versuche, die kleinen schwarzen Punkte auf dem zergriffenen Papier mit dem was Stefan mit seinen Fingern macht und dem, was aus den Orgelpfeifen (wie groß sind die eigentlich??) herauskommt, abzugleichen, erscheint neben mir Irina L. aus Moskau mitsamt dem ihr typischen Geruch aus kaltem Zigarettenrauch und schwerem Parfum. Ich höre sie neben mir brummen und schnaufen. Manchmal schlägt sie den Takt auf meine Stuhllehne, es geht mir durch Mark und Bein – ganz ohne Stuhl und Klavier und Irinas leibhaftige Anwesenheit. Stefan bleibt auch ohne Schläge im Takt (da ist ja auch gar keine Lehne, auf die man hauen könnte), natürlich. Nur in welchem Takt ist er jetzt? Waah! Schon die letzte Zeile, ja, Stefan nickt, ich blättere um. Es scheint geklappt zu haben, Stefan spielt ohne Schnaufen oder Brummen weiter. Wenn die Melodieführung einfach ist, kann ich ihm einigermaßen folgen, doch wenn Stefan schneller spielt als ich gucken und denken kann wird mein Blick unruhig und kreist auf den Noten herum wie ein hungriger Geier – wo ist er denn? WO IST ER DENN BLOß? Die ersten drei Stücke überstehen wir ohne größeren Schaden. Ich staune, was Stefan alles gleichzeitig kann und dass dafür zwei Arme und Beine ausreichen: in den kürzesten Pausen zerrt er wild an irgendwelchen Registern, drückt mit den Füßen neben der Tastatur auch noch kleine Pedalen und flitzt nur so über die Tasten, mit Fingern wie Füßen. Ich dachte nicht, dass das rein körperlich möglich ist. Das Umblättern klappt trotz Staunen. Strike.

Jetzt, ein ruhigeres Stück. Irgendwelche polnischen Tänze, aber das Tempo ist nahezu behäbig. Halbe Noten – easypeasy, ab jetzt wird es ein Spaziergang. Nanu? Brummt und schnauft Stefan etwa? Ich muss zweimal nachfragen um ihn zu verstehen: „Gehen wir gleich zum Italiener?“ Wtf?? Er kann diesen ganzen Wahnsinn am Instrument und dabei auch noch sprechen?! „Ja klar, können wir machen. Ich weiß nur nicht, ob der heute auf hat.“ “ Doch doch, hat er – ich hab vorhin gesehen, dass offen ist.“ Smalltalk während des polnischen Tanzes, ist ja nicht zu fassen.  Der Gedanke an Pasta und Pizza erinnert mich nebenbei daran, dass ich doch langsam Hunger bekomme. Was könnte ich nachher denn Schönes essen (Stefan nickt)? Pizza oder doch lieber Pasta (Stefan nickt nochmal). Und ob es alkoholfreies Bier gibt,  Ulf und ich müssen ja heil nach Hause kommen (Stefan blättert selbst um). VERDAMMT! „Kein Problem..“ sagt Stefan und tänzelt polnisch weiter. Wie taktlos von mir, dass mich ausgerechnet der Gedanke an das Abendessen aus dem Takt bringt. Typisch.

Beim übernächsten Stück (Fuge? Fantasie? Buxtehude? Bach?) schnauft Stefan schon wieder, ach nein, er lacht! Oh nein,  hat er bemerkt, dass ich beim Umblättern kurz (ganz kurz!) aus Versehen an das eine Register gekommen bin und dass es nun für alle Ewigkeit unweigerlich..Nein, puh,  das ist es zum Glück nicht. In der nächsten Pause  erzählt er mir von einem anderen seiner Konzerte. Wieder fragte er dort jemanden um Hilfe und fand eine Dame älteren Semesters, die sich hinter die Orgelbank stellte und wie ich heute, die Seiten umblätterte. Diese Frau war nach seinen Aussagen allerdings „ziemlich korpulent“ und während Stefan spielte, stieß sie permanent mit ihrem riesigen Busen gegen seinen Rücken und  gegen den Takt. „Und dann konzentrier dich mal auf die Musik!“Die Vorstellung ist so schräg, auch ich muss jetzt lachen. Und ein bisschen schnaufen und brummen. Stefan spielt weiter und ich tippe den Takt mit der linken Hand auf meinen Oberschenkel, man weiß ja nie. Ich blättere rechtzeitig um.

Beim Italiener erfahre ich, dass Stefan vor einigen Jahren mehrmals in meiner Heimatstadt Konzerte an der Orgel gegeben hat. An DER Orgel. Wäre das mal ein paar Jahr früher passiert, vielleicht hätte ich dann statt Klavier Orgel gelernt und wäre jetzt heißbegehrte Kirchenmusikerin statt Pfarrerin in der Pampa. Aber ob ich dann auch meinen fantastischen Musikgeschmack hätte? Ulf spielt auf der Rückfahrt nach Hause die Playlist „Schön gerade“ deren jüngstes Mitglied die Stones und „You can´t always get what you want“ bilden. Ich lausche dem etwas nervigen Chor im Intro  und der Schrummelgitarre  und Mick Jagger und dann setzt nach dem ersten Refrain das  KLAVIER ein und macht diesen schönsten Lauf von oben nach unten und wieder hoch und schon kommt dieses großartige „You get what you neeeed“ mit dem Gospelchor (ich mag doch gar keine Gospelchöre!) und obwohl es eigentlich viel zu kitschig ist, dieses Klavier, die Chöre, das wilde Getrommel des Schlagzeugs später, mein Gott, ich bin zu Tränen gerührt.

 

 

 

Momente für die Ewigkeit II

Für mich ist es wichtig, in Ruhe bei einer Trauerfeier anzukommen. Ich versuche meistens 20 Minuten vor Beginn da zu sein, dann ist Zeit zum Quatschen mit Herrn Tafel (Liedauswahl, allgemeines Befinden)  oder den Bläsern oder wer sonst Musik macht, die Familie kann begrüßt werden und  Armin und ich haben auch noch einen Moment um Absprachen zu machen („Wie lange brauchst du?“ „“20 Minuten, schätze ich.“ „Machst du das Mikro aus, wenn du fertig bist?“ „Na klar.“). Außerdem brauch ich immer etwas Zeit für mich und gehe Ansprache und Liturgie nochmal durch. Wenn die Beisetzung in meiner Hauptpredigtstätte stattfindet, muss ich nur 2 Minuten Fahrzeit zum Friedhof einplanen – purer Luxus. Es ist eigentlich nie problematisch, einen Parkplatz dort zu finden, ein breiter Weg führt links, ein anderer rechts am Friedhof vorbei. Bei der letzten Bestattung vor dem Urlaub sah die Lage anders aus und ich hätte es wissen können (ein bekannter und beliebter Mann war mit Anfang 80 verstorben).

Der Vormittag war schon unangenehm unruhig mit tausend Telefonaten und nervigem Orgakram – ich verzettelte mich mit meiner To-Do-Liste und der Uhrzeit und setzte mich 15 Minuten vor Beginn der Trauerfeier in Ulf und brauste zum Friedhof. Auf meinen gewohnten Plätzen war alles schon voll und ich begann leicht zu schwitzen. Da! Hinter dem schwarzen Kleinbus auf der rechten Seite  war noch ein Platz, vorwärts irgendwie rein und dann stand ich etwas ungünstig auf dem Weg, der in den Wald führte und hoffte, dass niemand hier in der nächsten Stunde würde durchfahren müssen. Ein PKW würde wohl schon durchkommen, aber wer sollte hier auch aus diesem Wald…Just in diesem Moment fuhr aus dem Wald ein großer, weißer Umzugslaster und kam nicht durch, weil Ulf und ich eben etwas ungünstig geparkt hatten. Ich blickte auf die Uhr (verdammt! Nur noch 12 Minuten!), auf den Kleinbus und fluchte. Warum habe ich keinen Privatparkplatz? Muss ich jetzt diesen Leuten Platz machen? Ich habe doch gar keine Zeit! Was, wenn gleich die Glocken läuten und ich diesen blöden Zaun hier plattmache statt Herrn Meier beizusetzen? F***!!  Mit diesen Gedanken näherte ich mich dem Bus, der trotz Fluchens und meiner dringenden Mission immer noch da stand. Der Fahrer war wenig verständnisvoll: „Ich muss zur Bestattung!!“ „Wir müssen den Wagen abgeben!“ „Aber, ich muss zur Bestattung!“ Das letzte hektische Ausparken mit Ulf ganz am Anfang meines Probedienstes (ihr erinnert euch sicher) hatte offenbar ein stärkeres Trauma ausgelöst, als mir bewusst war. „Wenn Sie nicht zurückfahren, holen wir die Polizei!“ „Grumpf!“ Geladen stapfte ich zu Ulf zurück – blickte in das erstaunte Gesicht eines Mannes aus dem schwarzen Kleinbus vor Ulf (Wo kommt der denn jetzt her?), stieg ein, fluchte weiterhin kräftig und fuhr langsam rückwärts wieder auf die Hauptstraße (f***f****f***!) und fand zu meiner großen Erleichterung einen kleinen Rasenstreifen, der für Ulf ausreichte, direkt an der Hauptstraße. Wieviele Minuten hatte mich das jetzt gekostet? Und wieviel Schweiß, oh Gott, die Trauerfeier hatte doch noch nicht mal angefangen! Ich warf mich in den Talar, schnappte mir das schwarze Mäppchen und eilte los Richtung Trauerhalle. Aus dem schwarzen Kleinbus war in der Zwischenzeit der Bläserchor gestiegen (man hatte mich tatsächlich die ganze Zeit beobachtet, wie bodenlos grauenvoll!), der Mann von eben klopfte mir auf die Schulter, er hielt eine Posaune in der anderen Hand: „Immer mit der Ruhe.“ Irgendwie hatte zu allem Überfluss in den Tagen zuvor die Kommunikation zwischen Bläserchef und Armin nicht funktioniert, jedenfalls wussten die Herren nicht, was sie zu spielen hatten (welche verdammte  Ruhe bitteschön?). Das, was ich (bewusst und passend) ausgesucht hatte, konnten sie nicht. Also Notimprovisation (waaaah, noch 4 Minuten!!), Texte gucken, Singbarkeit prüfen (mehr Schweiß) und endlich den Hügel zur Trauerhalle rauf und da läuteten auch schon die Glocken. Armin wartete bereits ungeduldig, die Bläser bezogen Stellung und ich war fix und fertig. So viele Leute! Die Trauerhalle war voll, davor standen bestimmt um die fünfzig Leute.

Diese Episode war das Furchtbarste, was ich seit Langem erlebt habe. Auch, weil die Bläser sich, aus welchen Gründen auch immer (die Meinungen darüber gingen hinterher auseinander), nicht an die Absprache gehalten haben. Nach der Predigt spielten die Herren vier Strophen eines Liedes, dessen Melodie ich kannte, aber in der Schnelle nicht zuordnen konnte (ich hatte zuvor etwas anderes angekündigt).  Sie bliesen, ich summte leise mit und wünschte mich woanders hin.                                                                                                                                             Eine Woche später bescherte eben diese Episode mir das Schönste, was einer Pfarrerin oder einem Pfarrer nur passieren kann. Nach dem Gottesdienst (der Verstorbenen wird immer im nächsten Gottesdienst gedacht) kam die älteste Tochter des Beigesetzten zu mir und nahm mich beiseite: „Wissen Sie, ich wollte mich nochmal für die Trauerfeier und ihre Ansprache bedanken. Am Anfang, als sie begonnen haben zu reden, da war ich so traurig – ich musste so weinen. Und dann, je länger sie gesprochen haben, desto besser wurde es. Es wurde irgendwie immer leichter. Und dann dachte ich: Ja, genau so war mein Vater. Also, ganz herzlichen Dank, das haben sie wunderbar gemacht.“ Baff und dankbar  blicke ich der Frau hinterher. Das war dann ja doch noch einmal gut gegangen, sogar sehr gut. Wunderbar. Halleluja.