Liebe ist…

Es gibt Gemeinden in Orten, da sind ständig Trauungen und die ansässigen Pfarrer*innen sind schon völlig entnervt von all den Paaren, Traugesprächen und Spezialwünschen. Manche Paare (wenn sie von außerhalb kommen) müssen die hohe Geistlichkeit dann selbst mitbringen.

Bei mir war das bisher anders. Und das obwohl in meinem Gemeindegebiet manche Kirche eine hübsche Hochzeitskirche abgeben würde. Mit langem Gang für Ein – und Auszug und Blumenkinder, mit wohlklingenden Orgeln und fotofreundlichen Lichtverhältnissen und ansprechender Architektur. Während meines Probedienstes hatte ich vielleicht sieben Hochzeiten insgesamt und noch jedes Mal war ich dabei nervös, weil immer noch keine Routine eingekehrt ist. Oder weil Hochzeiten eben einfach etwas Besonderes sind. Und Liebe eben Sachen macht.

Als Katharina und Christian Ende Juni kirchlich geheiratet haben, habe ich schon damit gerechnet, dass ich gerührt sein würde. Schließlich war ich in diesem Fall die importierte Geistlichkeit und mein Herz hängt an den beiden und ihren Kindern und überhaupt. Das kam in der Predigt natürlich auch durch und war emotional maximal aufgeladen: ich stand den beiden sowohl als langjährige Freundin, wie auch als Pfarrerin gegenüber. Also: Zuneigung/Erinnerungen/Segenswünsche/Dankbarkeit/Sentimentalität/Aufregung/Rührung/Mühe um Souveränität und liturgische Klarheit/Verkündigung/eigener Anspruch als Pfarrerin und Freundin/…/. Weil diese Kombination echt aufwühlend ist und nochmal anders mehr Arbeit als üblicher Weise bedeutet, bin ich sehr zurückhaltend, wenn mir liebe Menschen oder Verwandte mich als Pfarrerin anfragen.

Manche Paare haben sehr genaue (für manche Pfarrmenschen sehr krude) Vorstellungen davon, wie ihre Trauung auszusehen hat. Dass der Vater die Braut nach vorne zum Alter bringt z.B., auch wenn die Frau sonst eine einigermaßen emanzipierte Person und längst von zuhause ausgezogen ist, im Anschluss nicht wirklich in den Besitz des Ehemannes und seines Hauses übergeht und niemand von uns sich tatsächlich in einem amerikanischen Liebesfilm befindet. Oder dass es unbedingt dieses eine Lied aus diesem einen Film zum Einzug sein soll und dann geht die Technik (obwohl hundertmal vorher probiert) nicht und der Bräutigam hat Bluthochdruck und wird dunkelrot im Gesicht und schwitzt alles voll und die Pfarrerin streamt in ihrer Not schließlich das gewünschte Lied mit dem Diensthandy (danke für den Internetausbau auf dem Land!) und es kann endlich losgehen.

Christian und Katharina jedenfalls verhielten sich völlig unkompliziert, trotz technischer Schwierigkeiten im Vorfeld (Traugespräche über Skype bergen Risiken). Und obwohl ich glaubte, die beiden schon bestens zu kennen, kamen im Gespräch lauter kleine und große Wunderbarkeiten ans Licht, von denen ich nichts wusste und mit deren Hilfe ich dann eine schöne Ansprache schreiben konnte. Außerdem hatten sie sich auch noch einen meiner liebsten Bibelverse als Trauspruch ausgesucht, Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1 Joh 4,16). Ach, hach. Was all dem noch zusätzlich die Krone aufgesetzt hat war der Umstand, dass Katharina und Christian ein selbst verfasstes Trauversprechen vorbereitet hatten und spätestens da wurden die Taschentücher gezückt. Bei mir fing die Rührung freilich viel früher schon an: am Rechner beim Traugespräch, als ich die beiden (so schön als Braut und Bräutigam!) kurz vor der Trauung abholte und wir gemeinsam Richtung Kirche gingen, beim Glockengeläut, dem Chorgesang und bei der Predigt.

Predigen macht ja meistens irgendwas mit den Hörenden und auch dem oder der Verkündenden, es hat was wechselseitiges. Die Gemeinde hört, sieht und spürt meine Freude/Nachdenklichkeit/Trauer/Wut/Lust/was auch immer, genau wie ich wahrnehme, ob die Gemeinde gerade irritiert/neugierig/belustigt/verärgert/was auch immer, ist. Während der Predigt für Katharina und Christian befand ich mich quasi in einem Dauerzustand der Rührung. Und obwohl es vor lauter quietschenden und brabbelnden Kindern in der Kirche echt laut war und die hinteren Reihen quasi nix verstehen konnten, konnte ich spüren wie Katharina und Christoph vor mir ganz Ohr und ganz da waren in diesem Moment. Und das ist für mich als Freundin und Pfarrerin die vielleicht schönste Erinnerung an diesen insgesamt einfach wunderbaren Tag.

Bei der letzten Hochzeit in meiner jetzigen, ersten Gemeinde (vor zwei Wochen) ging es mir beim Predigen überraschender Weise ähnlich mit der Rührung. Dieses Paar kenne ich noch gar nicht so lange, vielleicht ein halbes Jahr. Ende Juni haben wir ihre beiden Kinder getauft, was auch schon total schön war. Während ich bei der Trauung am Pult stehe und spreche, laufen Braut und Bräutigam die Tränen, dass es eine wahre Freude ist. So viel Gefühl! Ich weine zwar nicht mit (das wärs ja noch), aber ungelogen, ich bin so gerührt, dass ich durchgängig Gänsehaut (kein Scherz) habe. Jemand meinte früher mal zu mir, es sei ein Zeichen von Schizophrenie, wenn man sich selbst kitzeln kann. Was sagt es hingegen über mich aus, wenn ich von den eigenen Worten dermaßen gerührt bin? Well…

Vielleicht sind das aber gar nicht so sehr meine Worte und Gedanken, die da Rührung machen, sondern das, worum es dabei eigentlich geht, was in dem Moment tatsächlich gefeiert wird: Die Liebe zwischen Menschen und zwischen Menschen und Gott, die auf andere überfließen kann. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Tränen und Gänsehaut und das ein oder andere Herzklopfen inklusive.

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Too much love will kill you

Die letzten sieben Tage im Dienst dieser weiten und schönen Landgemeinde haben begonnen. In meinem Flur stehen, noch völlig unberührt, verpackte Umzugskisten. Eine Freundin hat mir einen schicken Grundriss meiner neuen Wohnung erstellt und ich könnte jetzt Möbel vermessen und aufmalen und ausschneiden und auf dem Plan herumschieben, aber mir kommt es vor, als seien Umzug und Neuanfang noch Ewigkeiten hin.

Heute wird das auch sowieso nichts mehr, am Nachmittag war mein Abschiedsgottesdienst und all das Schöne und Dankbare und Traurige daher muss sich erstmal setzen. Ich bin völlig erschöpft, aber glücklich. Das hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit so viel Liebe und Wertschätzung würde verabschiedet werden. Kopf und Herz schwirren mir vor lauter Rührung. Vielleicht wird das ein Abschied, der gut gelingt. Das wäre wunderbar.

In meinem Arbeitszimmer stapeln sich Geschenke neben Präsentkörben neben Grußkarten neben neuen großen und kleinen Topfpflanzen. Ich sitze auf meiner grünen Couch im Wohnzimmer und es duftet um mich herum ziemlich betörend von diversen Blumensträußen, auf den Kommoden im Flur stehen zwei neue Orchideen, die hoffentlich bis zum Umzug noch am Leben sind. Wer mir Pflanzen schenkt hat Mut zum Risiko, oder einfach viel Gottvertrauen.

Auf dem Weg nach Hause bin ich noch einmal bei Herrn Fritz vorbei gefahren. Ich bekam Eier (von den wahrscheinlich glücklichsten Hühnern der Welt) geschenkt, eine immens riesige Zucchini (wer kommt zum Essen vorbei?) und dann sind wir nach hinten in seinen riesigen Garten gegangen, um ein paar Birnen zu ernten. Schau, wenn die so schön rot sind auf der Seite, sind sie gut. Greif zu und nimm dir! Immer nimm! Der gütige Herr Fritz mit seinen himmelblauen Augen wird mir fehlen, genau wie seine Altherrenwitze und seine einmalig ernsthafte und aufrechte Art zu lesen. Zum Abschied umarmen wir uns. Es schmerzt mich, ihn und die anderen Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, nicht weiter sehen und begleiten zu können.

In der nächsten Woche ist (neben den letzten Übergabegeschichten) noch eine Trauerfeier, eine goldene Hochzeit und dann ein allerletzter Gottesdienst. Ich bin ganz schön busy, was mich dankbarerweise davon ablenkt, wie unglaublich lange sich dieser Abschied schon hinzieht und dass mir langsam die Puste ausgeht. Mein Herz so schwer wie ein Planet. 

Aber das Herz ist auch voll klopfender Vorfreude. Der Umzug in die neue Gemeinde bringt Nähe zu Freundinnen und Freunden mit sich, zu Rahel und ihrer Familie, zu meiner Heimatstadt und meiner Familie und zu Flüssen, an denen ich mit meinen Bandjungs von früher gedenke, Musik zu machen. Und dann wird ein ganz neues Kapitel anfangen. Auch hier. Hoffentlich mit euch.

Ich schwenke meiner Trauer jetzt noch etwas in fantastischer Musik (Sufjan Stevens!) und Kerzenschein. Every road leads to an end. Oder, um auch einmal Bruce zu Wort kommen zu lassen: Everything dies, baby that`s a fact. But maybe everything that dies someday comes back.  Ach, hach.

Das erste Mal: die letzte Konventsfahrt

Die Libellen-Andacht halte ich am ersten gemeinsamen Morgen in einer kleinen, schlichten Kapelle. Unser Tagungshaus könnte auch irgendwo in Italien sein, so schön ist es hier. Sanft geschwungene Hügel, ein glitzernder See gleich um die Ecke. Die Farben in der Gegend scheinen warm und satt, wie durch einen Sepiafilter betrachtet. Ein geschlungener Weg führt leicht bergab in die Kapelle. Vor der Andacht bin ich nervös, so viel anwesende Pfarrer*innen bin ich nicht gewöhnt. Es soll schön werden. Außerdem habe ich ein (für mich) neues Lied mitgebracht, dass ich mit dem Konvent singen will. Das Lieblingslied eines mir lieben Menschen aus meiner letzten (nun abgeschlossenen) Weiterbildung. Es ist nicht ganz leicht zu lernen, das Notenbild widerspricht der praktischen Umsetzung, ein paar Pausen werden übersprungen, aber es ist so schön! Und die Melodie! Und der Text! Du stellst meine Füße auf weiten Raum, du stellst meine Füße auf weiten Raum. Schritt ins Offene, Ort zum Atmen (…). Oh wow, dieser Konvent singt und klingt einfach fantastisch zusammen. Ich bin (wie gerade ständig) tief gerührt und blicke beim Gitarrenspiel kurz hoch in die Gesichter der Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren unterwegs war.  Eine weitere Welle der Rührung kommt und nimmt mich mit. Ich atme tief ein und wieder aus. Die werden mir sehr, sehr fehlen.

Neben dem Haus, in dem uns immer das Essen serviert wird, ist eine kleine Wiese, über der nachts Glühwürmchen schweben. Jetzt, in der Mittagspause,  sitze ich dort neben Jana und Peter, das Gras piekst, ab und an fliegt und summt etwas Beflügeltes um uns herum.  Ich genieße es, mich unter freiem Himmel aufzuhalten. Die Hitze des Tages hat das schattige Plätzchen noch nicht erreicht. In den Seminarräumen ist es drückend und stickig, ich kann mich schlecht auf das Thema konzentrieren. Eben haben wir etwas musiziert, Peter an der Cajon, Jana am Bass, zur Vorbereitung auf den bunten Abend am Donnerstag. Mir macht das Spaß, endlich wieder singen und Gitarre spielen, Stimmen ausdenken. In den letzten drei Jahren ist das gemeinsame Musizieren auf Konventsfahrten schon Tradition geworden. Jana fragt und was mache ich dann nächstes Jahr ohne dich? und ich seufze. Peter erzählt davon, dass er auch die Stelle wechseln will, von der Gemeinde in die Schule. Eigentlich waren Peter und ich Popularmusikbeauftragte des Gesamtkonventes, aber so richtig haben wir mit der Arbeit nie angefangen. Ich bin gespannt, wo es ihn hinverschlagen wird. Die Kirchenwelt ist ja erstaunlich klein und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man sich noch öfter begegnen wird. Das wär schön.

Ralf hat mich auf die Glühwürmchen aufmerksam gemacht. Ralf und ich hatten bisher nicht so viel miteinander zu tun, aber dieses Mal ist es anders. Wenn er abends in gemütlicher Runde seine Zigarillos raucht, sitze ich neben ihm und konsumiere auf alte Zeiten etwas Tabakluft mit. Er erzählt von seinem Dienst, der Familie, vom Loslassen und Grenzen setzen. Wir entdecken Gemeinsamkeiten. Obwohl er extrem sportlich ist und eine starken charismatischen Einschlag hat! Ich erinnere mich daran, wie fremd ich mich zu Beginn in diesem Konvent gefühlt habe. Und ich bin dankbar, dass sich das so gewandelt hat, über alle möglichen Grenzen hinweg. Holy spirit says hi.

Die Nächte sind kurz und unruhig, die Bettdecke ist zu schwer und zu warm und überhaupt sind Abschiede (Überraschung!) nicht meine Sache. Beim Abschlussgottesdienst bin ich mit beteiligt, ein Glück, das hält den Abschiedsschmerz vielleicht noch etwas im Zaum. Und wieder singen sie so schön, diese Pfarrer*innen in dieser bezaubernden kleinen Kapelle.  Eigentlich finde ich Formulierungen wie „Geistliche Gemeinschaft“ und „Brüder und Schwestern und Glaubensgeschwister“ altbacken und doof. Aber das hier sind auch mehr als nur Kolleginnen und Kollegen, uns verbindet mehr. Wir feiern Abendmahl. Ich liebe den Friedensgruß, Schalom, Friede sei mit dir. Es dauert lange, bis alle sich einmal umarmt haben, wir sind eben ein großer Konvent. Nach den Fürbitten werde ich verabschiedet.

Schon als ich nach vorne gehe, fließen die ersten Tränen. Svenja, die mich in meinen Bewerbungsdingen begleitet und unterstützt hat,  spricht und findet die richtigen Worte und sie sagt auch, dass ich wiederkommen kann, wenn es mir an der neuen Stelle nicht gefallen sollte. Das erleichtert mich sehr, schließlich habe ich insgesamt das Gefühl, als würde ich ein zweites Mal von zuhause ausziehen. Begleitet von dieser Gemeinschaft bin ich in den Pfarrdienst hineingewachsen, seit dem Vikariat, Schritt für Schritt. Ich gehe reich beschenkt weiter, mit dem Segen dieser wundervollen Gemeinschaft. Und mit einer schönen Abschiedsgabe: Einer handgefertigte Öllampe mit blauen Libellen drauf. ❤

 

 

 

 

Aus gegebenem Anlass IV

Es ist heiß in der nicht ganz großen Stadt am Fluss. Der Weg zum Eisladen schlängelt sich durch den Park, hellbraun mit kleinen Steinen, links und rechts davon sattes grün. Die Sonne steht hoch am Himmel, lässt mich blinzeln – ist es noch weit? Ich habe Durst. 

Weit ist es nicht mehr, sagt die Freundin, nur noch über die Brücke und dann rechts halten.

Endlich kommen wir an,  Eis in der Waffel, zwei Kugeln Wonne: Zitrone und Vanille. Hmm. Am Stammplatz unten am Fluss sind vor uns schon andere angekommen: der Steg, auf dem man gut sitzen und die Füße ins Wasser baumeln lassen kann, ist klitschnass. Doof, aber was soll’s, wird schon wieder trocknen, Marie und ich setzen uns, kühlen die Füße in der Strömung und den Hosenboden auf dem Holz. 

Nur ein paar Meter weiter rechts springen lärmend Kinder in Unterhosen und Hemden ins Wasser. Nasse Jungen klopfen Sprüche, es klingt nach Stolz und Slang.

Ich hätte es gerne ruhiger gehabt. Eine Frau von hinten erklärt ihrem Sohn, dass hier keine Badestelle sei und keine Aufsicht und man das eigentlich nicht dürfe. Platsch, ein blondes Mädchen ist jetzt auch im Wasser, einfach reingesprungen. 

Ich bin froh, als die Gruppe sich etwas flussaufwärts verlagert. Ab und an hört man Gelächter. Erleichtert bemerke ich, dass das Wasser nicht allzu tief zu sein scheint, keine Gefahr für die lautstarken Kinder.

Ein anderes Mädchen setzt sich auf den Steg neben mich und streckt ihre Beine Richtung Wasser, mit ihrer Mutter im Rücken. Sie plätschert mit den Füßen im Wasser, es spritzt nach allen Seiten, auch zu mir und ich frage mich schon, ob ich etwas sagen sollte oder nicht und dann

kommt sie angeschwebt wie ein Wesen aus einer anderen Welt. In schimmernden Blautönen – sowas Schönes hab ich lange nicht gesehen. 

Als die Libelle sich  zum ersten Mal auf dem Fuß des Kindes rechts von niederlässt, bemerkt es das Mädchen zunächst gar nicht. Aber ihre Mutter: halt mal still, ich mach ein Foto!

Dann fliegt sie weiter, an uns vorbei zu dem Jungen mit seiner Mutter wow, die ist ja toll und ein paar Momente später landet sie auf Maries Knie – blaue Libelle auf weißer Leggins, wir zählen vier Flügel und mindestens drei Blautöne. Tiefes Nachtblau, Königsblau, und etwas Schimmerndes dazwischen. 

Die Libelle scheint die Aufmerksamkeit zu genießen und keine Angst vor Menschen zu haben, sie fliegt weiter von einem zur anderen, hin und her, immer mal wieder hört man ein “Oh” oder “Libelle” und “schön”. Als sie auf meinem Fuß sitzt widerstehe ich dem Impuls, den Moment festzuhalten. Zwischen den im Sommerlicht glitzernden Wassertropfen auf der Haut sieht sie aus wie ein Schmuckstück. Allerdings ein Unverfügbares, ein paar Augenblicke, dann ist sie wieder woanders.

Vor ein paar Jahren, an einem anderen Ort fragte jemand: Wie ist die Farbe Gottes? Ich überlegte, rot vielleicht – wie die Liebe? Die Antwort des Mannes war: blau. Die Farbe Gottes sei blau. So wie damals bei Mose, als er nach dem Bundesschluss am Sinai mit den Ältesten hinaufstieg und sie den Gott Israels sahen. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist (Ex 24, 10).  

Ich weiß nicht, ob der Mann Recht hat mit seiner Annahme. Vielleicht hat Gott auch noch andere Farben, alle Farben, andere, noch unbekannte Farben. Aber mit blau könnte ich auch ganz gut leben, 

Blau wie der Himmel und das Meer scheinen, wie das Wasser in den großen und kleinen Flüssen, wie deine Augen und wie die Seen, die sich in die Landschaft schmiegen.

Frisch und bewegt und lebendig, wie eine Quelle, die den tiefsten Durst zu stillen vermag. 

Amen.

Plötzlich in der Vergangenheit

Anfang April wusste ich, dass ich zum Sommer hin die Stelle wechseln würde. Ich dachte optimistisch, mit dem ganzen Bewerbungsgedöns und all der Aufregung und Hektik sei es nun vorbei und ich könne mich entspannt auf den Abschied und die neue Stelle vorbereiten. Allen Ernstes hoffte und glaubte ich, es würde ruhiger werden. Eine erfahrenere Kollegin (deren kluge Erkenntnisse ich hier schon einmal geteilt habe) versuchte, mir das schnell auszureden: Stell dich drauf ein, jetzt wird es RICHTIG anstrengend, die Übergabe ist unfassbar viel Arbeit. Recht hat sie. Allerdings ist es weniger die Übergabe, sondern mehr der Übergang.

Es liegt in der Natur der Übergänge, dass sie nichts Halbes und nichts Ganzes sind, irgendwie immer kacke aussehen und sich (zumindest in meinem Fall) kacke anfühlen. Einerseits bin ich (neben dem normalen Dienst und der Weiterbildung) mitten in der Abschieds – und Trauerarbeit (Wer sich bindet, ist gebunden, jaja) , anderseits ist der beginnende Start am neuen Ort holpriger als ich erwartet hatte (um ALLES muss man sich selbst kümmern). Und außerdem: der Pfarrdienst mag der tollste Beruf (oder doch Berufung?) der Welt sein, dennoch hat er höchstens in homöopathischen Dosierungen etwas mit Ruhe und Entspannung zu tun, schon gar nicht in Übergangssituationen. Viel zu lernen ich habe noch.

Aber nicht mehr so viel wie die kleinen Studentinnen und Studenten, ha! Zur Zeit bin ich mit Frederike auf Kurzurlaub in der Studierendenstadt, in der wir uns einst kennenlernten. Es ist ein Fest der Sentimentalitäten. Weißt du noch, hier hat Dingens gewohnt!/War hier nicht mal diese coole Bar im Keller?/Hier mussten wir doch Ewigkeiten für diese Studentenausweise mit den immer unvorteilhaften Fotos anstehen!/Erinnerst du dich an diese Party, als wir den anderen Dingens betrunken von der Toilette und dann mit dem Auto von Ihmchen nach Hause…?

Die Studierendenschaft (oder sind das Schüler*innen??) die uns begegnet, erscheint mir frisch, faltenfrei und lebensfroh. Ja, DAS waren noch Zeiten. Gedanken dieser (und anderer) Art sind wohl ein unleugbares Zeichen einsetzenden Alters -.- . Ich bin erleichtert, dass ich mich bisher nicht an eine Ecke der Theologischen Fakultät gestellt habe und mit ernstem Gesicht und erhobenem Zeigefinger Wartets nur ab! oder Ähnliches proklamiert habe. Stattdessen seufze ich ab und an leise und genieße das wohlige Gefühl, diverse Hausarbeiten, Prüfungen und Examina GOTT SEI DANK hinter mir zu haben.

Als dem noch nicht so war, war ich nicht ganz unbeteiligt daran, dass Katharina und Christian (aus der Kurzzeit-Pfarrfamilie) in diesen schönen Gefilden ein Paar wurden. Nun werden die beiden in ein paar Wochen kirchlich heiraten und weil ich zum Glück nicht mehr studiere, sondern im tollsten Beruf der Welt arbeite, darf ich den Gottesdienst feiern, was echt aufregend ist. Soll ja schließlich schön werden. Hui hui.

Christian jedenfalls ist einer der wenigen aus meinen alten Kreisen, der noch an dieser Uni arbeitet. Mittlerweile gibt er selbst Seminare und Übungen, nimmt Prüfungen ab und korrigiert Arbeiten. Frederike und ich haben ihn besucht, in seinem Büro mit Regalen voller Bücher und Ordner und einem vollen Schreibtisch. Ihm macht das Spaß, an der Uni forschen und lehren, ich bin voll staunender Bewunderung. Christian meint, die Stadt habe sich sehr verändert, das Studierendenleben auch. Die Meisten führen am Wochenende nach Hause, zurück zu ihren Freundeskreisen und Feuerwehrvereinen und Eltern. Tja, die Jugend…

Frederike und ich stellen mit der Zeit ebenfalls fest, dass viel von dem studentischen Charme heute fehlt. Die Stadt wirkt aufgeräumt und gut bürgerlich. Mit zotteligen Dreads und Cordrock würde ich mich hier wahrscheinlich nicht mehr so richtig wohlfühlen. Und die teuren Restaurants hätte sich mein studentischen Ich auch nicht leisten können. Dafür geht das heute (immer noch ungewohnt!). Und so flanieren wir durch Parks und Straßen und Gassen, pausieren hier und dort und genießen das nicht-studentische-Urlaubsleben von Pfarrerinnen.

Als gestern Abend um sechs alle Glocken der Stadt läuten sind wir in unserem Lieblingscafé von früher. Das ist noch da, sogar mit der gleichen Bedienung. Frederike liest gerade ein Buch, ich hebe den Blick von der Zeitung und blicke mich um und genieße Klang, der tief und warm durch die Stadt schwingt, mal lauter und leiser. Ja, hier war ich einmal genau richtig. Gut zu wissen, wo man herkommt. Ich trinke einen Schluck vom kalten Bier (Urlaub!) und wende mich der Gegenwart zu.

Jack, Stan, Roy und die anderen

Meinen Soundtrack für diese Wochen verdanke ich dem Rastplatz Krachgarten, einer erfolgreichen Gemeindewahl und dem Wissen, dass dieser Frühling in all seiner Pracht der letzte in dieser Gemeinde für mich sein wird. Vielleicht und sehr wahrscheinlich wird Gisbert niemals erfahren, dass seine Liedauswahl mir dabei hilft, mich selbst zwischen Abschied und Neuanfang zu verorten, in aller Widersprüchlichkeit die im Moment eben dazu gehört. Genau genommen geht es hier weniger um Gisbert als um Paul.

Wer ist eigentlich Paul? Als diese Werbung im Fernsehen lief, ging ich noch zur Schule. DAS waren noch Zeiten. Ich erinnere mich an laue Sommernächte an Seen, den Kassettenspieler im silbergrauen Auto meiner Freundin und, nach dem Abi, an den Duft von Freiheit, den ich überall meinte riechen zu können. Raus in die Welt, ins eigene Leben, in eine Stadt weit, weit weg. Eine sanfte Melancholie ergriff uns, wenn wir Melonen und Bier und Zigaretten teilten. Wohin gehen wir, wohin gehen wir, werden wir uns wieder sehen? Damals bildete Rio den Soundtrack, schön war das.

Paul fand nun seinen Weg zu mir, als ich gerade erschöpft und gierig die ersten Sonnenstrahlen in der Hängematte unterm Apfelbaum inhalierte. Zunächst irritierte mich der Gegensatz zwischen Strophen und Refrain. Einerseits so schwermütig, andererseits voll überschwänglicher, verspielter Freude. Ich dachte schon, ich würde das Lied nicht mögen. Dann begriff ich: Hier singt einer, der es auch schwer hat zu gehen. Dabei gibt es 50 ways to leave your lover. Vor lauter Begeisterung konnte ich die Hängematte in der folgenden Stunde nicht mehr verlassen, natürlich nicht. Ich schaukelte also hin und her zwischen Abschiedsschmerz und Fernweh, Traurigkeit und Jubel, Verbundenheit und Lust auf Neues und Unbekanntes und ich fand in aller Bewegung Ruhe in den Worten und Melodien von Paul Simon. Diese Gitarrenläufe, das fantastische Schlagzeug, ich bin immer noch entzückt und freue mich jedes Mal besonders auf die Stelle I appreciate that and would you please explain about the 50 ways? Ich glaube ihm sein Zaudern und Fragen, ich kenne das. Doch auch das Ende des Refrains ist ein Kracher: just set yourself free! Plötzlich singt er so lässig als wäre nix gewesen. Wie passt denn das alles zusammen?!

In meinem Fall weiß ich das noch nicht. Der Geruch von blühenden Obstbäumen lenkt mich vom Duft der weiten Welt  immer wieder ab und holt mich zurück. Bis der Sommer kommt.

Fast Gehacktes aus dem Supermarkt

Von Zeit zu Zeit kommt es vor, dass mich ein gewaltiger Anfall von Menschenhass überkommt. Ich schätze, das klingt für Außenstehende ziemlich anstößig: eine temporär misanthropische Pfarrerin.  Doch ich glaube, diese Gefühlslage ist unter Menschen (u.a.) im Pfarrdienst eine wohlbekannte, man spricht nur nicht so offen darüber, außer vielleicht in anonymen blogs. Wozu auch?  Vielleicht sind diese finsteren Momente eine natürliche Gegenreaktion zu all dem Verstehen und Annehmen, Kommunizieren und Mittragen und Aushalten und Diskutieren und Leiten und Erklären mit dem man tagtäglich so zu tun hat. Meistens bin ich eine recht freundliche und offene Person. Leute, die mir nahe stehen, können das bestätigen. Je nach Arbeitspensum und Problemlage(n) kann sich das eben aber auch ändern. Dr. Jekyll und Mr. Hyde grüßen freundlich und mit einem Funken Wahnsinn im Blick. Ich finde ja, wer diesen Beruf ausübt, braucht auch etwas Wahnsinn, sonst hält man das alles auch gar nicht aus und wird am Ende noch verrückt darüber. Ja-haha, huah.

Mir ist klar, dass ich in Menschenhasser-Stimmung keine gute Gesellschaft bin, nicht mal aus der Ferne. In meiner Vorstellung schwebt über meinem Kopf dann eine schwarzgekritzelte Wolke, die mich überall hin begleitet und darin steht dann wahlweise *hmpft*, *grummel*, oder schlicht *hass*. Jemand meinte mal zu mir, dass ich bei richtig schlechter Laune wie ein schwarzes Loch wirken würde, das alles Positive in sich aufsaugt. Dieser jemand hat schon lange nichts mehr zu melden (aus Gründen). Das Bild von der Wolke gefällt mir sowieso besser, so eine Wolke verzieht sich ja auch eher und lässt wieder die Sonne durch als ein schwarzes Loch irgendwo im All.

Letztens war ich  jedoch mit dieser Wolke in der irdischen Draußenwelt unterwegs, weil ich einkaufen musste. Hass schützt vor Hunger nicht. Ich fuhr extra zwei Gemeinden weiter, um nicht meinen Gemeindegliedern über den Weg laufen zu müssen.

Grimmig mustere ich vor Ort die anderen Gestalten mit ihren Einkaufswagen und Gesichtern. Schlimm, alles ganz, ganz schlimm. Hinter den Kartoffeln will ich abbiegen und mein Wagen stößt mit einem anderen zusammen. Rechts vor links, VERDAMMT! Segen und Fluch liegen nahe beieinander. Zwei Regale weiter passiert das Gleiche, auch noch mit demselben Typen, der mich daraufhin groß anschaut. Ich starre kurz entgeistert zurück und will  mich rechtzeitig abwenden, um ein Gemetzel im Konsumtempel zu vermeiden.

Er: „Guten Tag!“  „Hmmtag“ brubbele ich in seine Richtung. Wer wagt es, mich anzusprechen? Ist der lebensmüde? Ach, erinnere ich mich,  das interessiert mich heute alles ja gar nicht! Ich setze den Wagen wieder in Bewegung, er daraufhin ganz munter: „Nun weiß sie wieder nicht, wer ich bin.“ Er weiß nicht, was er tut. Als ich unter großer Anstrengung meinen Kopf hebe und den Mann skeptisch mustere, bemerke ich ein leichtes Zucken in meinem linken Auge. Oh-oh. Sein Gesicht kommt mir in der Tat bekannt vor.  „Nee, echt nicht“ bringe ich hervor, für Förmlichkeiten reicht es nicht. „N.N., Bestattungshaus Meier.“ Klar, dass ich in mörderischer Stimmung in der Obstabteilung  ausgerechnet auf einen Sargträger treffe,  „Ach so, na dann, ehm, so ohne Berufsbekleidung hab ich Sie gar nicht erkannt. Also dann…“ Ich lache gezwungen und ohne jede Freude und will nun endlich weiter, er lässt mich aber nicht: „Aber Sie habe ich erkannt ohne den Talar! Das Gesicht hab ich mir gemerkt!“

Seine Hartnäckigkeit erstaunt mich, seine Risikobereitschaft ebenso.  „Ja, das ist ja..“ vollkommen wahnsinnig, grauenvoll, suizidal, abgrundtief verstörend, bescheuert, anmaßend, verrückt, unangenehm, völlig fehl am Platz, beschissen, fatal, hoffnungslos bekloppt, brüskierend, herausfordernd, in den Grundfesten erschütternd, null emphatisch,  zum Himmel schreiend unvernünftig, selten dämlich, 

„Schön“  sage ich und ziehe meine Mundwinkel nach oben und anschließend den Wagen weit, weit weg.