Von einer Welt in die andere

Für fast drei Wochen hatte ich unlängst das Vergnügen, im fernen Süden durch Landschafen, Klimazonen und Kirchengemeinden zu tingelingelingeln. Auch dort gibt es Wälder und Felder und kleine Dörfer und Städtchen. Menschen in Fahrzeugen müssen sich dort wie hier vor Wildwechsel in Acht nehmen, nur begegnen einem in jenen Breitengraden statt Wildschwein und Fuchs eben Zebra oder Giraffe auf der Straße. Jemand aus unserer Gruppe will nachts Hyänen-Gelächter gehört haben, well…

Es ist nicht leicht, nach einer längeren Auszeit wieder im Dienst anzukommen. War es für mich bisher noch nie. Als würde ich mit wachsendem Abstand zur Gemeinde irgendwie Rost ansetzen, der dann das Wieder- Eingrooven bremst und bei den ersten Aktionen störende Töne verursacht. In diesen Tagen fremdele ich mehr als sonst, was auch daran liegen könnte, dass in jenem Land im Süden die Uhren so ganz anders ticken.  Eine Amtskollegin (ebenfalls in einer Gemeinde im ländlichen Raum) berichtete, seit sie die Gemeinde übernommen hat, haben sich die Gemeindegliederzahlen verdoppelt. Uff. Das würde ich von meinem Dienst hier auch gerne behaupten, doch die Zahlen sprechen gegen mich. Wie auch das Fehlen von mindestens vier großartigen Chören, diversen Bands, dem Tanz im Gottesdienst, Teamkolleginnen und Teamkollegen und Flatscreens für die Abkündigungen. Man soll ja nicht immer alles vergleichen. Und nicht von „man“ und „immer“ schreiben. Aber (…)! Menno.

Zurück in den eigenen Gefilden erwarten mich vor allem Chaos und Drama in Baudingen und Finanzen. Eine Kirche mit Schwamm, aber fast ohne Menschen wird renoviert mit viel Geld, Stiftungsdirektoren sind beleidigt („Nie hat sich die Pfarrerin gemeldet!“) und ziehen Förderungen zurück (also weniger Geld), Grundstücke und Häuser wollen gekauft/verpachtet/vermietet werden und der Bauausschuss kommt zu Besuch und erwartet Schnittchen. HERRje. Das sind gewaltig viele störende Töne gerade.  Auch Ulf macht ulkige Geräusche,  beim Lenken. Er stand wohl zu lange einsam wartend am Bahnhof.

Als ich heute beim Gemeindekreis ins Dorf von Herrn Fritz ankomme geht es mal wieder darum, wieviele Teilnehmende der Kreis früher einmal hatte und wie sehr sich alles verändert hat: Vierunddreißig! Heute sind es lediglich zwölf. Gemeinschaftliches Seufzen, betrübte Blicke – ein selten stimmungsvoller Anfang. Um das Schwelgen in der Vergangenheit zu unterbrechen, zitiere ich meinen Mentor aus dem Vikariat Die, die da sind, sind richtig (und bin gleichzeitig angeödet von dieser Aussage) und beginne zügig mit der Andacht. Mich nerven diese Vergleiche mit früher und damals. Bestenfalls taucht in diesen Beschreibungen dann noch der einstige Superpfarrer auf und spätestens dann wird mein Lächeln grimmig.  Es ist eben wie es ist und wir versuchen alle, das Beste daraus zu machen.

Daran erinnere ich mich wieder beim Abschluss: Beim Segen halten wir einander an den Händen, alle zwölf (und war zwölf nicht eine mega-bedeutende Zahl in der Bibel? Come on, peoplez!) und noch bevor die letzte Silbe verklungen ist, stimmt Frau Lerche die letzte Strophe von Der Mond ist aufgegangen an, wie jedes Mal. Während wir von Brüdern und Gottes Namen und dem Abendhauch singen, denke ich an das Land im Süden und seine Menschen zurück, an all das Wunderbare und Gute dieser Reise.  Links von mir sitzt Frau Lerche, sie hält meine Hand mit erstaunlich kräftigem Druck und bewegt beim Singen leicht den Daumen. Rechts von mir brummt Herr Taschel das Lied mit. Seit seinem Schlaganfall ist seine linke Hand gelähmt – sie ruht eigentümlich schmal in meiner rechten …und unseren kranken Nachbarn auch. Den Schluss dieses Liedes fand ich als Jugendliche ulkig unpassend, wir haben uns oft darüber lustig gemacht. Hier und heute ist dieser Schluss verbindend und tröstlich – über Zeit – und Ländergrenzen hinweg. Gut, einen weiteren Horizont gewonnen zu haben. Aber auch gut, wieder zuhause zu sein.

 

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Herbstzeitlose

2,5 Jahre bin ich jetzt hier im Pfarrdienst auf dem Land. In der Pfarrer*innen-Welt ist das vergleichsweise nur ein winzig kleiner Pups. Manche meiner Kollegen aus der Region sind schon 20 Jahre auf ihrer Stelle. In meiner Vorstellung ist das eine unglaublich lange Zeit. Andererseits ist es mit dem Zeitempfinden im Amt irgendwie schräg: Um etwas Neues in der Gemeinde (oder überhaupt bei Kirchens) zu starten und etwas zu verändern braucht es schon ein paar Jahre (mindestens fünf meinte mein Mentor), viel länger als anderswo. Gleichzeitig rasen die Wochen und Monate als Pfarrer*in  nur so an einem vorbei. Ich wette, die 20 Jahre fühlen sich für die Kollegen höchstens an wie sieben Jahre, die allerdings mit Erlebnissen aus 50 Jahren gefüllt sind.

Manchmal ist schon ein einziger Tag so bunt und voll und  irre, dass man darüber einen Roman schreiben könnte. Oder einen Blogeintrag.

Für gestern hatte ich mir viel vorgenommen: erst ein Besuch im Krankenhaus,  dann ein Kasualgespräch für eine Jubelhochzeit, danach eine Traueransprache schreiben (der Herbst greift um sich) und abends dann auf den Ball des Fördervereins zu gehen.

Ich fahre etwas zu spät los in Richtung Krankenhaus, weil ich für Knut Tafel noch die Lieder für den Sonntagsgottesdienst rausgesucht habe. Und weil ich noch Oblaten im Archiv für den Abendmahlskoffer finden (und passend in ihm unterbringen) musste. Die Krankenschwester erwartet mich gegen halb elf, wir haben morgens noch telefoniert. Es ist mein erster Besuch dort und für mich fast eine halbe Stunde Ulffahrt – da wollte ich mich besser vorher anmelden.

Auf der Fahrt merke ich, dass ich emotionaler als sonst bin. Nervös und aufgeregt und auch besorgt. Ich mag diesen Mann, dem es seit ein paar Wochen zunehmend schlechter geht. Ein paar Mal habe ich ihn in seinem Häuschen besucht, er hat einen traumhaften Garten in dem alles grünt und blüht, direkt neben dem Pfarrgarten. Ich finde ihn sehr tapfer, seit Jahren kämpft diese kleine Person mit den wachen brauen Augen gegen den Krebs. Als ich ihn zuletzt gesehen habe (vor einer Woche), lag er im Wohnzimmer auf der Couch und war kaum wieder zu erkennen, so schmal war er geworden. Während unseres Gespräches hielt ich die ganze Zeit seine Hand, oder er meine. So viel Stärke in so dünnen Fingern, oh man. Ich schlug Herrn B. vor, bald wiederzukommen und gemeinsam Abendmahl zu feiern. Seine Augen leuchteten auf  Ja, vielleicht gibt mir das noch die Kraft, bis Weihnachten durchzuhalten.  

Ich finde am Krankenhaus keinen Parkplatz, alles rappelvoll. Was ist hier denn los? Wieder denke ich, dass Seelsorgende doch einen extra Spot für ihre PKWs haben sollten.  But no, Ulf und ich müssen uns in der Nebenstraße platzieren, doof. Mit dem eleganten Abendmahlskoffer in der rechten Hand fühle ich mich optisch seriös, der neue hipsteresce Rucksack jedoch könnte diesen Eindruck wieder schmälern, aber egal. Ich eile zum Eingang zu „Every breathe you take“ von The Police (ungelogen, just in diesem Moment fällt mir auf, wie strange dieser Song in diesem Zusammenhang ist). Die Musik schallt von der immens großen Bühne auf dem Platz vor dem Eingang, daneben Bude an Bude, Bänke, eine Springburg inklusive quietschender Kinder und alles voll mit Leuten. Krass, voll die Action hier, Tag der offenen Tür oder so. Vielleicht ist das ganz schön für die Patienten, dass hier auch mal was los ist. Oder es nervt einfach nur gewaltig. Wie es wohl Herrn B. damit geht? Nachdem ich erst auf der falschen Station (alles voll mit Leuten!!) nach Herrn B. gesucht habe, finde ich das richtige Stockwerk und den Flur zu seiner Station. Endlich!

Plötzlich sind da zwei bunt-schrille Krankenhaus-Clowns direkt vor mir und fragen, was in dem Koffer ist. Sie duzen mich. Ich überlege kurz, ob ich das jetzt unhöflich oder übergriffig finden soll und ob ich überhaupt noch Zeit für so einen Quatsch habe (Herr B. wartet sicherlich schon) und lasse mich widerwillig auf die beiden ein. Mir sind Clowns immer schon unheimlich. Die Mischung aus Mitleid, Irritation und  leichter Furcht, die Clowns bei mir auslösen, überfordert mich. Vielleicht bleibe ich deshalb stehen und zeige, was sich in meinem Koffer verbirgt: der kleine Kelch, das Kreuz aus Holz, Kerzenständer, Kerzen, ein Feuerzeug,  die Patene und die Oblaten von vorhin. Aufgerissene Augen, großes Staunen, Theatralik auf dem Krankenhausflur, Ohhhh, Ahhhh, toll.

Ich frage nach, wen sie schon besucht haben und ob sie wohl auch schon bei Herrn B. waren. Die Clowns tauschen einen bedeutungsvollen Blick aus, eine zückt einen Zettel, tippt auf etwas Unlesbares, zeigt mir den Zettel und meint, dass sie nicht bei Herrn B. gewesen wären, weil Herr B. laut diesem Zettel schon verstorben sei.  Ähhh, wie bitte? Aber das wüsste ich doch. Ich hab doch noch die Schwester angerufen heute morgen und die meinte, ich könnte gut heut vormittag… Das kann doch gar nicht sein!  Obwohl ich den beiden keine bösen Clownsabsichten unterstelle, glaube ich ihnen reflexartig kein Wort. Das ist bestimmt ein Missverständnis, ein Irrtum. Herr B. ist da sicher in irgendeinem Zimmer und freut sich schon auf meinen Besuch und das Abendmahl. Eine der Clowns schenkt mir zum Abschied einen rot glitzernden Stern, der mir Mut machen soll oder so. Ich klebe ihn auf den Koffer, finde eine Schwester und frage, wo Herr B. liegt.

Sie: Gleich vorne rechts, können Sie gerne reingehen. Ich: Und wie geht es ihm? Ist alles in Ordnung? Diese Clowns da meinten, irgendjemand sei gestorben, aber Herrn B. geht es doch gut oder? Ich hab doch noch angerufen heute früh.  Sie:  Ja, ja ich weiß, Wir haben telefoniert. Heute Nacht ist er gestorben. Eben war sein Sohn da und hat die Sachen abgeholt.

Zack. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Ich realisiere, dass ich zu spät gekommen bin, viel zu spät. Die Clowns hatten wirklich Recht. Scheiße. Der arme Herr B., die arme Frau B., das wird schlimm werden alles. Oh je. Oh je. Ich war noch nie mit einem verstorbenen Menschen alleine in einem Raum. Überhaupt habe ich bis jetzt erst einen einzigen Toten gesehen. Mir wird mulmig. Gleich vorne rechts liegt er also. Ich nehme den nutzlosen Koffer, gehe  ein paar Schritte, hole tief Luft und öffne die Tür.

Eine LED-Kerze flackert, Herr B. liegt in seinem Bett, eine rote Blume auf der grün gestreiften Bettdecke, Fotos der Enkelkinder in Sichtweite. Tatsächlich, als würde er schlafen. Ich stelle Rucksack und Koffer auf den Boden und setze mich links neben ihn. Bis auf das leise Ticken einer Uhr ist es ganz still im Zimmer. Man sieht Herrn B. nicht an, ob er sich hat quälen müssen, aber ich weiß von der Schwester, dass es nicht leicht für ihn war. Oder er hat es dem Tod nicht leicht gemacht, was ich für wahrscheinlicher halte. Ich bleibe eine ganze Weile bei ihm und bete, halte Stille, singe ein paar Zeilen, segne ihn ein letztes Mal und ein allerletztes Mal, dann wieder Stille. Fast wundert es mich, dass er nicht doch zwischendurch atmet. Gut, dass ich erst im Krankenhaus von seinem Tod erfahren habe. Wahrscheinlich wäre ich sonst nicht hingefahren.

Ich nehme meinen Koffer und den Rucksack und gehe über das Treppenhaus ins Erdgeschoss. Uff. Auf dem Weg werfe ich einen Blick aus einem Fenster nach unten auf das wilde Treiben und  erkenne den hünenhaften Vater von Flo, meinem Konfirmanden aus dem letzten Jahr an einem Stehtisch vor der Bühne. Flo sitzt mit seiner Posaune inmitten eines großen Blasorchesters auf der Bühne. Ich beschließe, noch kurz bei den beiden vorbei zu schauen.

Als ich den Koffer und den Rucksack unter den Stehtisch stelle, ist es halb zwölf. Das Orchester spielt Filmmusik (die Trommeln! Das Xylophon! So viel Action!), Flos Vater bringt heißen Kaffee, mich durchströmt tiefe Dankbarkeit. Die Krankenhaus-Clowns tragen eine unfassbar bunte Torte vorbei und bieten mir ein Stück an, aber ich mag jetzt nicht. Ich könnte schwören, in ihren Blicken war auch eine Spur Traurigkeit.

Fortsetzung folgt.

Flucht und/oder Wachstum

Bis zum Sommerurlaub sind es nur noch ein paar Tage. Die Stimmung im Pfarramt ist ungefähr so, wie noch zu Schulzeiten in der letzten Woche vor Ferienbeginn: ich hänge schief und außerordentlich angeödet am Schreibtisch und wünsche mich innig woanders hin.

Deshalb schreibe ich jetzt auch Blog (auf der Couch, nicht am Schreibtisch, immerhin ein kleiner Ortswechsel) und nicht die Andacht für den nächsten Gemeindebrief. Ezechiel und die Gedanken an Herbst/Winter 2017 müssen warten.  Ich stelle mir in diesen Tagen entweder vor, schon Urlaub zu haben und höre dazu dann  sehr laut „Arbeit“ von Sido und Helge Schneider und denke versonnen an die Ordination meiner lieben Frederike  (Alle gehen arbeiten, NUR ICH NICHT!) oder ich begebe mich in eine frühkindliche Verweigerungshaltung und  stimme lauthals Gisbert zu: IMMER MUSS ICH ALLES SOLLEN! Wie so oft hat Gisbert einfach Recht.

Um mit den Worten einer klugen Freundin zu reden: Gisbert singt mein Tagebuch, in so vieler Hinsicht und seit so langer Zeit, dass es mich nicht mehr wundert, ab und an vom ihm zu träumen. Im Traum schaffe ich es dann auch, mit ihm zu reden – im wahren Leben gelang mir das vor lauter Nervosität und Anhimmelei (plötzlichschüchtern@bekloppt.de) bisher nicht, obwohl es sogar Gelegenheiten gegeben hätte. Wahrscheinlich käme sowieso nur Quatsch dabei heraus und er kann das mit den Worten eindeutig besser als ich, also lasse ich einfach ihn sprechen, bzw. singen.

So getan als Impuls nach der Predigt für den vorletzten Sonntag. Wie es nicht anders zu erwarten war (siehe oben, der matschige Zustand ist nicht neu), ging mir bei der Vorbereitung derselben Predigt schnell die Puste aus. Dabei hab ich es sogar das erste Mal mit einer Bildbetrachtung versucht. Davon erzählte ich gestern am Telefon Julia, die wie ich gerade mit dem Sommerloch ringt, obwohl sie ihren Urlaub schon hatte. Die Idee mit dem Bild fand sie gut, merkte aber an, dass ja nicht in jeder Kirche ein Beamer mit Leinwand sei und dass man das besser vorher checken solle. Mir entwich ein verzweifeltes Lachen beim Gedanken an die Kirchen dieser großen, waldigen Gemeinde. Hier fehlen nicht nur Beamer und Leinwände, es gibt ja teilweise nicht einmal elektrisches Geläut, genügend (auch moderne) Gesangsbücher oder standardmäßige Sicherheitsmaßnahmen. Erst jetzt werden die vor zwei Jahren gefassten Pläne für Feuerlöscher und Rauchmelder endlich in die Tat umgesetzt. Besser spät als nie, aber oh my – die Zeit läuft hier wirklich langsamer als anderswo. Inklusive der Kirchenuhr, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder stehen bleibt, obwohl sie ständig repariert wird.

Da es hier also weder Beamer noch Leinwände gibt, habe ich das Bild für die Predigt  kurzerhand ausgedruckt und kopiert und den Leuten ganz analog an die Hand gegeben. So viele sind es ja nicht, die sich Sonntags zu mir  in die Gottesdienste verirren (mööp). Selbstverständlich gibt es nirgendwo Musikanlagen oder Lautsprecher, also nahm ich mein kleines Bluetooth-Würfelchen mit und positionierte es in Dorf F auf dem Altar neben der linken Altarkerze. In Dorf J war die Ortsfindung im zweiten Gottesdienst etwas komplizierter. Hier wird Gottesdienst im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert, das früher einmal die Schule war. Der Raum  (gegenüber dem ehemaligen Tante-Emma-Laden) ist wahlweise Sporthalle, Festsaal oder eben Kirchraum und strahlt einen entsprechenden Pragmatismus aus, inklusive einer Tischtennisplatte, herbstfarbenden Turnmatten im Schrank und von Zeit zu Zeit ein paar hilflosen Girlanden an der Decke. Der Altar ist ein ovaler Plastiktisch in schwarz, der für den Gottesdienst mit einer weißen Tischdecke, Kerzen, einem kleinen Kruzifix und Blumen versehen wird. Ich hätte den Würfel auch auf den Schrank mit den Turmatten stellen können, stellte ihn dann aber doch unauffällig auf den Tisch zwischen die Blumen.

Der Gottesdienst ist erfreulicherweise gut besucht – der Vorsitzende des Presbyteriums wohnt hier und schafft es auf rätselhafte Weise, den Mehrzweckraum mit Menschen zu füllen. Man singt, betet, hört aufmerksam zu und betrachtet das Bild des tastenden Engels- halb im Hellen, halb im Dunkeln, träumt sich weg, findet wieder Anschluss, befragt die eigene Sehnsucht nach Gott, denkt an das Mittagessen und die Kartoffeln auf dem Herd, an die Enkel, die kommen und dann spielt da plötzlich leicht und sanft eine Gitarre und jemand singt:  Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt, dann fängst du an zu schreien, es kommt ein Mensch der dich hält. Und die Liiiebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlieren. Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt. Gisbert zu Knyphausen klingt und singt sich zwischen den Stuhlreihen hindurch von Ohr zu Ohr und trifft mich wie immer mitten ins Herz. Ich höre zu und gucke mal auf den Boden, mal aus dem Fenster, einmal in die Gemeinde. Eine Frau hat den Kopf hoch erhoben und blickt wachsam nach vorne. Bewegen sie die Worte etwa wie mich?  Hach, ich bin gerührt.

Am Ausgang spricht die Frau mich auf die Musik an: Danke, danke,  aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo die Musik herkommt. Wirklich, ich war ganz unruhig und hab überall so geschaut und gesucht. (…) Ach! Aus diesem kleinen Würfel hier? Das ist ja doll.. Auch der Vorsitzende bewunderte die neue Technik und freute sich über ihren Einsatz.

Immerhin bewegt etwas die Gemüter, wenn auch nicht unbedingt Gisberts weise Worte. Die Gemeinde muss mir ja auch nicht alles nachmachen. Denn auch die muss nicht immer alles sollen. Ich versuche jetzt noch, etwas an meinen Aufgaben zu wachsen und fahre zu einem hochzeitswilligen Paar. Das ist ja auch eine Form von Flucht, Flucht vor zu viel Ablenkung. Uff.

Liebe Internet-Gemeinde, lasst es euch gut gehen, genießt den Sommer, das Baden, die Sonnenblumen und: auch wenn das Unglück dieser Welt, mal auf deine Schultern fällt, ein neuer Tag wartet schon auf dich am Ende jeder noch so langen Nacht. 

Planlos im Sommerhoch

Merke: Wenn du dich in der Januarsitzung bei der Jahresplanung mit dem Presbyterium fragst, ob all das vielleicht doch ein bisschen viel ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Jahresplanung kompletter Irrsinn ist. Kein Wunder, dass (nicht nur) die  Internetgemeinde in den letzten Wochen viel zu kurz kommt  – so sorry, liebe Leute.

Ich schiebe den terminlichen Overkill auch auf das Reformationsjubiläum und all die Veranstaltungen, die dieses so mit sich bringt. Hier sind das Konzerte, Lesungen, Gesprächsreihen, auch der Ausflug der Gemeinde zum Kirchentag nach Berlin und Wittenberg und große, überregionale Gottesdienste. Offensichtlich habe ich mich Anfang Januar sehr vor Langeweile gefürchtet (-.-) – so reiht sich jetzt Open-Air-Gottesdienst an Tauffest und Fahrradtour an Sommerfestvorbereitung mit Open Stage und nebenbei der ganz normale Gemeindewahnsinn. Zum Glück, nee, Gott sei Dank (!!!) ist bisher alles gut gegangen, auch wenn hin und wieder Momente der Verwirrung auftauchen.

So wie letzte Woche, als ich mir am Freitagabend um 22.30 Uhr plötzlich nicht mehr sicher war, wo die Hochzeit (eine Vertretung für einen Kollegen) am Sonnabendvormittag eigentlich stattfinden sollte. In meinem Kalender stand Dorfkirche zu F., in meinen Notizen zur Predigt hingegen las ich Dorfkirche zu L.. Natürlich sind beide Orte 30 Minuten Ulfzeit voneinander entfernt, obwohl in einem Gemeindegebiet, überall dasselbe, tzz. Der Kollege war nicht zu erreichen, das Paar wollte ich nur ungern an meiner unprofessionellen Verwirrung teilhaben lassen und außerdem dachte ich, ich hätte keine Handynummer. Wie vercheckt kann man eigentlich sein? Waah! Schließlich fiel mir ein, dass ich mit der Braut vor einem halben Jahr ungefähr telefoniert hatte und suchte in meinem Adressbuch unter ihrem Mädchennamen und wurde fündig.  Es kostete mich viiiel Überwindung ihr so spät eine SMS zu schreiben und nach dem Ort der Trauung zu fragen. Sie antwortete nicht. Klar. Uff. Meine Nacht war entsprechend unruhig. Ich sah mich schon eine Stunde früher losfahren und ärgerlich (wie vercheckt kann man eigentlich sein?!) die richtige Kirche suchen. Vor Trauungen und Taufen bin ich immer noch ziemlich aufgeregt, so viele gibt es davon hier nämlich nicht. Zumal mir das Paar so sympathisch war! Am nächsten Morgen las ich dann erleichtert die Antwort der Braut: Wir feiern in F. und freuen uns, Sie da zu sehen 😉 Bis gleich! Es war dann das Paar, das zu spät kam, auf der Kreuzung vor der Kirche verlor ein Auto seinen Anhänger – aber auch das spielte nachher keine Rolle mehr und Worte reichen für die wunderbaren Momente in diesem Gottesdienst sowieso nicht aus.  Nur so viel:  Love rules, tatsächlich.

Verwirrt war ich auch bei einer anderen Hochzeit, zu der ich direkt von einer Trauerfeier kam. Die Kombi „Beisetzung – Hochzeit“ hatte ich bis dato auch noch nicht erleben dürfen. Muss man auch nicht öfter haben, finde ich. Zwischen den Diensten hatte ich keine Pause, kein Essen, kein Kaffee, also kam ich müde und hungrig zur Trauung an, perfekte Voraussetzungen also.

Ich stürme mit Sack und Pack in die Kirche und grüße die Gäste, die schon da sind: „Schön, dass Sie sich schon zur Trauerfei..äh, Traufeier, ähm, Trauung eingefunden haben!“. Oh no, wie unangenehm, wie Freud, wie peinlich.  Die versammelten Leute kichern, ich schwitze, super Start. Die Trauung selbst ist dann irgendwie ok, ich singe und bete allerdings fast alleine und komme mir komisch dabei vor. Das ist wohl das unangenehme Gefühl zum Erlebnis Dienstleistungskirche. Mit knurrendem Magen hoffe ich heimlich auf den Kaffee danach und – hatte man nicht von Eis gesprochen? Beim feierlichen Auszug aus der Kirche bin ich froh, nicht noch weitere Wortfindungsschwierigkeiten gehabt zu haben. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern bis zur Stärkung.

Erstmal gratulieren alle dem Paar, danach verteilt sich die Festgemeinde auf dem großen Hof, im Zelt und im Haus. Ich bin eingeladen zu bleiben, aber finde meine Platzkarte nicht. Menschen, die ihre Platzkarte gefunden haben, halten Popcake in den Händen, MENNO, ich will auch Popcake (Mettbrötchen gibt es hier ja offensichtlich nicht). Ich stelle mich unschlüssig neben eine Gruppe jüngerer Leute, man nimmt keine Notiz von mir, kein war nett oder danke, nix. Hmpft. Ziellos trabe ich über das Grundstück, suche erfolglos den Eisstand oder wenigstens eine Tasse Kaffee,  bis jemand etwas von Gruppenfoto ruft und sich die träge Masse zäh zurück  in Richtung Kirche bewegt. Bis sich alle an der Seite der Kirche positioniert haben, dauert es, die Kleinen nach Vorne, die Großen nach hinten und ich stelle mich irgendwo links neben die Meute und hoffe, dass es bald vorbei ist. „Wenn sich die Pfarrerin noch etwas näher zur Festgesellschaft stellen könnte? Sie stehen da ja so, als würden Sie überhaupt nicht dazu gehören!“ Ähm ja, genau. Ich rücke auf, viele Fotos werden aufgenommen, erst alle zusammen, nur die Familie, nur die Freundinnen und Freunde, nur das Brautpaar, unendliche Kombinationen. Ich beobachte das Prozedere aus einiger Entfernung mit wachsender Ungeduld, als mich der Trauzeuge von der Seite anspricht. „Ey, hast du das hier gelernt oder so?“ „Hö?“ „Na, ne Ausbildung oder so?“  Ich hole tief Luft.  Was denken manche Leute eigentlich? Dass man das einfach so kann?? Ich entgegne: „Zehn Jahre Studium und Ausbildung! Hast du da auch Lust drauf, oder was?“ Die rhetorische Frage zum Schluss klingt wenig pastoral-souverän, wohl eher wie ein Peitschenschlag. Ich will nicht reden, ich hab Durst und Hunger! Aber es muss noch ein weiteres Bild aufgenommen werden, im Dorfanger. Das kann doch alles nicht wahr sein. Zunehmend lethargisch reihe ich mich auch in das Riesenherz aus Menschen ein und lächle mit letzter Kraft in die Kamera, dann habe ich endgültig genug vom Suchen und ratlos Herumstehen. Ich beginne, mich zu verabschieden. Die Brautmutter fragt, ob ich denn schon Eis hatte. „Nein, nicht gefunden.“ Vielleicht klinge ich dabei etwas weinerlich. Sie zieht mich entschlossen zurück auf den Hof, ach da ist das Eis!, verhilft mir zu einer halb geschmolzenen Vanillekugel und dann darf ich gehen. Das Eis in der einen Hand lasse ich das Dorf und das Hochzeitsfest eilig hinter mir. Ich war dort auch zum Abendessen eingeladen, aber man muss ja nun wirklich nicht auf allen Hochzeiten tanzen.  Überhaupt rein gar nicht.

 

 

 

Ulf forever

Zwischen dem alltäglichen und speziellen Wahnsinn dieser Gemeinde und meiner naturgemäßen Verchecktheit fallen doch so manche Dinge unter den Tisch. Oder fahren irgendwo gegen – so wie es Ulf während eines hektischen Ausparkmanövers (Keine Zeit! Keine Zeit!) schon letzten November passiert ist. Es regnete, der hintere Scheibenwischer ging nicht (kaputt oder so), folglich fuhr ich mit Schwung gegen eine Ecke des Carports. Seitdem hat Ulf eine kleine, knautschige Beule über dem rechten Hinterreifen. Für mich eine weitere liebenswerte Macke, für andere ein Grund skeptisch die Augenbrauen zusammenzuziehen und mit dem Kopf zu schütteln.

So geschehen bei meiner vorletzten Bestattung (der Marathon geht zumindest diese Woche noch weiter). Auf jenem Friedhof habe ich tatsächlich einen Stammparkplatz (yeah!) neben dem kleinen Transporter des Bestattungsunternehmens. Bzw. rechts vom Transporter ist immer noch Platz für Ulf, wobei er sich diesen Platz mit einem riesigem Laubhaufen teilen muss, der dort seltsamer Weise niemals weggeräumt wird. Letzte Woche also komme ich dort an und parke neben dem Transporter und vor dem Laubhaufen und steige aus. Kurt Tafel ist auch schon da und dreht sich gerade eine Zigarette. Amüsiert schaut er mir dabei zu, wie ich die Fahrertür schließe. Phase 1: locker zuwerfen. Phase 2: mit der Hüfte noch einmal lässig (!) nachhelfen, sonst ist Ulf nämlich nicht wirklich zu. Während dieser Prozedur schleicht ein blonder Sargträger um Ulfs Hinterteil und schüttelt lautlos den Kopf. Er beugt sich etwas nach unten, schaut er jetzt auf die Beule oder diese schwarze Schramme? Er sagt nichts, aber sein Gesichtsausdruck lässt auf eine Mischung aus Unverständlichkeit und tiefem Bedauern schließen.

Als ich den Kofferraum öffne ertönt ein lautes, hohes Quietschen, das über den Friedhof schallt. Knut will die Liederhefte verteilen, ich greife in den Kofferraum, stütze mich kurz ab und irgendwo aus Ulfs Innereien  dringt ein Laut, so tief und unheimlich-knurrend, dass er aus der Unterwelt stammen könnte.  Rrrrroooar. Ich gebe Knut die Hefte und hole dann meinen Talar aus der bunt gestreiften Strandtasche (angeblich soll es auch elegante Talartaschen geben, aber pfft). Rrrrrrooooar. „Das klingt ja gar nicht gut!“ Knut wirft einen besorgten Blick auf Ulf. „Klingt fast so, als würde dein Auto leben!“ Dann erhellt sich sein Blick: „Kennst du den Film Christine?“ „Nee.“ Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Da geht es auch um so ein Auto, so eine richtige Klapperkiste, total kaputt, so wie deins (hier zucke ich etwas zusammen). Das Auto heißt Christine und das lebt! Und ist gefährlich!“ „Hm, aha“ „Am Ende, da lassen die das Auto dann verschrotten, wird richtig platt gemacht. Und dann denken die, das wäre jetzt tot.“ „Aha.“ “ Aber ist es dann gar nicht, Christine lebt nämlich immer noch! Da leuchten dann am Schluss die Scheinwerfer auf und das ganze geht wieder von vorne los!“ Kurt lacht brummend. Mein Amüsement hält sich in Grenzen, Ulf und ein Horrorauto? Auf dem Schrottplatz?? Niemals! Dann sage ich: „Touché“. Vielleicht hat Knut mein Troubadix-Vergleich doch mehr getroffen, als ich dachte.

Während Knut noch steht und weiter raucht muss ich zwei weitere Male die Fahrertür öffnen und wieder schließen (erst das Handy und dann die Mate vergessen). Schließlich brauche ich noch mein schwarzes Mäppchen mit den Texten aus der Strandtasche.

Die Kofferraumtür quietscht kurz auf. Stille.  Rrrrrrooooar. Ulf und ich, wir verstehen uns.

Hoffentlich noch lange, er muss nämlich zum TÜV. Seit Februar.

Im Regen versinkt die Welt…

„Ja, es sterben immer so viele Menschen, noch bevor das erste Grün rauskommt.“ Wissend seufzte meine Kollegin Sabine am Telefon. Sie ist schon viele Jahre im Dienst und weiß, wovon sie spricht. In unserem Gespräch beklagte ich mich darüber, dass ich vor lauter Beisetzungen schon gar nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht. Im Schnitt beerdige ich nämlich gerade zwei Gemeindeglieder pro Woche, ein Ende scheint nicht absehbar (uuh, dieser Satz in diesem Zusammenhang, finster). Fragt mich bitte nicht nach der Zahl der Taufen oder Kircheneintritte in derselben Zeit (ebenso finster).

Ein anderer Kollege, der in seinem Probedienst  in der Großstadt gearbeitet hat, musste dort immer vier bis fünf Beerdigungen pro Woche machen, aber das ganze Jahr über. Für mich (scheinbar nix gewohnt) unvorstellbar viel. Hier jedenfalls fällt es auf, dass im Frühjahr und Herbst besonders viel gestorben wird. Armin, mein Bestatter, behauptet das übrigens auch.

Heute mittag komme ich zu einer (Überraschung!) Bestattung in das Dorf von Herrn Fritz. Da, wo es den langen Catwalk vom Friedhofseingang zur Trauerhalle gibt. Der Himmel ist regenverhangen, ein kalter Wind peitscht herum und ich stapfe (schon jetzt!) fröstelnd und vermutlich sichtbar missmutig  zu Herrn Tafel und dem Bestatter, der nicht Armin ist.

Ich: „Was ist denn das für ein bescheuertes Wetter, sollte es nicht irgendwann warm werden? Hallo Knut.“ Herr (Knut) Tafel nickt: „Ja, hallo, das ist richtig mies. Der Bestatter meinte vorhin, das läge an mir.“ „Hä, warum das denn?“ “ Na, er sagte, hier hätte die Sonne geschienen, bis ich hier angekommen bin. Und dann war da Regen.“ Ich gucke ihn prüfend von der Seite an.  „Echt? Du bist also Schuld an der Misere hier? Wir müssen echt mal über unsere Zusammenarbeit nachdenken..“ Knut steht in Wind und Regen in Schwarz mit seiner Schiebermütze, lacht brummend und zieht an einer Selbstgedrehten.

Wenn es um Musiker und aufkommende Regenschauer geht, fällt mir als eingefleischtem Asterix und Obelix –Fan natürlich sofort Troubadix, der Barde ein. Und ehe ich diese vermeintliche Parallele kritisch auf Sachdienlichkeit hinterfragt habe, plappere ich ungezügelt drauf los.

„Knut, kennst du Asterix und Obelix?“ (zustimmendes Knurren vom Gegenüber) „Da gab es doch auch diesen Musiker, diesen Barden, das ist ja dann wie bei dir! Der hieß Troubadix und bei dem hat es auch immer geregnet wenn er gespielt hat.“ (In einem Sekundenbruchteil wird mir klar, dass es ab jetzt kompliziert wird mit der Story, aber ich kann mich nicht mehr aufhalten)  „Das ist so lustig, weil, stell dir mal vor: In dem einem Comic, jedes Mal wenn der spielt, da regnet es! Weil es so schlecht und schief ist. Da weint der Himmel!“

Den Blick, den mir Knut Tafel durch seine runden Brillengläser zuwirft kann ich nicht deuten. Ist er amüsiert? Oder gerade tief getroffen? Knut greift manchmal gewaltig neben die passenden Tasten und ich kann mir gut vorstellen, dass es musikalische Menschen gibt, die darüber in Tränen ausbrechen könnten. Aber, ist ihm das eigentlich bewusst? Hm, der Mund lächelt immer noch leicht, Zigarette ist noch drin, immerhin. Ich habe mir eben nicht nur einen Freudschen Versprecher geleistet, das war ein ziemlich kompletter Ausfall. „Haha, sind echt richtig lustig, diese, ähh, Comics, haha.“ Knut lacht nicht mit, Überraschung, wie unangenehm. Ich verschwinde schnell zu Ulf und ziehe die vierte Schicht unter und das kleine Schwarze über und laufe ans andere Ende des Friedhofs, die Glocken läuten schon.

Bei der Grablegung regnet es in Strömen. Zwischendurch scheint es, als wolle der Regen aufhören, aber er fängt immer wieder an. Mein Schirm liegt im Auto, der Talar trieft und tropft. Knut spielt, das Keyboard unter einer Plastikplane. Zwischen den Stücken macht er kurze Pausen und spielt dann weiter.

Das kann doch alles kein Zufall sein.

Schluss mit lustig

Es gibt Tage, an denen mein Humor überhaupt nicht ausreicht, so wie heute.  Dann sitze ich  mit wild klopfendem Herzen zwischen den Damen und Herren meiner Gemeinde und kann nicht fassen, was ich da höre.

„Hier, die Afrikaner die kommen, die können doch gar nicht richtig arbeiten. Ich hab mal mit zwei Ägyptern zusammen gearbeitet, die haben JEDE Stunde Pause gemacht, das konnten die gar nicht anders. Da in Afrika arbeiten nur die Frauen, die tragen ja auch das Wasser in Krügen auf den Köpfen. Die Männer machen da gar nichts.“ 

„Warum kommen denn nur junge Männer? Warum schicken die nicht ihre Frauen und Kinder?“ 

„Da unten in Afrika gibt es ja nur Kriege um den Glauben.“

„Warum sollten wir denen denn was abgeben? Wir haben uns unser Geld redlich selbst verdient.“

„Aber hier leben wollen die auch nicht, die wollen alle auch lieber in die Großstädte.“

Alle, die eben mit mir unten im Gemeindekreis saßen würden von sich behaupten, gläubige Christenmenschen zu sein. Ich habe an Tagen wie heute meine Schwierigkeiten, das tatsächlich glauben zu können. Auf meinem gesamten Gemeindegebiet war noch nirgendwo ein einziger Geflüchteter zu sehen, der von irgendjemandem hier hätte irgendetwas erbitten können. Und trotzdem diese Sorgen und diese kratertiefen Vorurteile. Klar, vielleicht auch gerade deswegen. Mir ist eigentlich bewusst, dass Argumente gegen diese Urängste  wenig helfen. Ich weiß, dass ich mit meinen Worten die Horizonte meiner Gemeindeglieder nicht weiten kann. Trotzdem muss ich klar Position beziehen, denn sonst macht es niemand.

Unter den Gemeindegliedern gibt es Zahlreiche, die selbst Fluchterfahrungen und Kriegserlebnisse haben erleben müssen. Und dann höre ich Sätze, wie:

„Aber denen geht es doch viel besser als uns damals! Die haben Handys und Kleidung und hungern müssen sie auch nicht. “ 

Meistens versuche ich in solchen Situationen ruhig zu bleiben, das Gespräch auf die Ursachen der Ängste zu lenken und seelsorgerlich mit den Aussagen umzugehen. Der Satz über „die Afrikaner“ vorhin und die anschließende Diskussion haben das unmöglich gemacht.

Also habe ich an den Verstand appelliert, an die Nächstenliebe, an das Gottesbild, an das Mitleid und an die Vorstellungskraft. An den ganzen, großen und umfassenden Glauben!  Die guten Argumente, die mir so einleuchten, zeigen wenig Wirkung.

„Sie erinnern mich an Frau Merkel, die auch versucht, ihre Politik gegen alle durchzusetzen.“ „Können wir nicht das Thema wechseln?“

Beim Abschied sagt einer:  „Ärgern Sie sich nicht“ .  Auch diese Worte helfen nicht, ich ärgere mich weiter. Mit Herzklopfen und kalten Fingern und Magengrummeln. Ich glaube, der Ärger ist wichtig. Dieser Ärger ist eine Glaubenssache.