Von Tee und Schlössern – der erste Geburtstagsbesuch

Zu Beginn des Pfarrdienstes soll es das Wichtigste sein, erst einmal Beziehungsarbeit zu betreiben. Also habe ich beschlossen in den ersten Wochen viele Besuche bei Gemeindegliedern zu machen um herauszufinden, was die Gemeinde eigentlich braucht und wie die Leute hier ticken. Gleich an Tag zwei meines Dienstes hat eine der Ältesten der Gemeinde Geburtstag.

Bevor ich mich in mein Kompetenzjäckchen werfe und mich auf den Weg mache stelle ich erfreut fest, dass es einen Schrank mit Geburstagsgeschenken für Gemeindeglieder gibt. Ich finde Bücher u.a. mit Sinnsprüchen von Calvin und staubige Geburstagskarten mit Segenssprüchen von 1994, sowie massig Glückwünschkarten zur Konfirmation. Ich einige mich mit der Sekretärin darauf, bald neues Material zu bestellen, schnappe mir ein Buch von Calvin und eine der alten Karten und ziehe los.

Vor Ort angekommen werde ich freundlich begrüßt (die Dame kenne ich schon aus meiner ersten GKR-Sitzung) und nehme Platz an der festlich gedeckten Kaffeetafel. Mit Straßenschuhen. Scheinbar darf mal als Pfarrerin immer seine Schuhe anbehalten, als Vikarin war das auch schon so. Wirkt wohl auch souveräner (und passender zum Kompetenzjäcken), wenn nicht jeder meine verschiedenenfarbigen Pünktchen-Socken sehen kann. Ich überreiche ihr Buch und Karte und das Geburstagskind nickt wohlwollend. Jedenfalls:  2 Torten, 2 Kuchen und mit mir 8 Leute. Man freut sich, dass ich jetzt da bin und ich werde mit Kaffee und Torte versorgt. Bald dreht sich das Gespräch um Backen, zu viel Mehl und Gelatine. Die Nachbarn der Dame sind da, ihre Tochter, eine Freundin und  ein weiteres Mutter-Kind-Paar aus einer größeren Stadt in der Nähe. Ich bin mit einigem Abstand die Jüngste. Backen ist nicht mein Thema, auch nicht das Schloss über dessen mögliche bauliche Veränderungen jetzt gesprochen wird. Dafür werde ich bald mit Kontakten für musikalische Aktionen versorgt und erfahre einiges über den Ort. Vor allem sitze ich da und höre zu. Ab und an werde ich  auch Sachen gefragt, ob ich schon eingerichtet bin, wie es in der Wohnung ist und wo ich denn herkomme.

Aber die beste Frage ist: „Kennen Sie F***-Tee?“ „Äh, wie bitte?“ „Na, F***-Tee!“ Ich sitze mit weit aufgerissenen Augen da und warte auf die Erklärung. Nicht lachen, normal gucken, alles wird gut. „Das ist Fenchel-Anis-Kümmel-Tee.“ Durchatmen. Ach so. Kenne ich bisher nicht, trinke ich aber gerade und ist ok bis auf den Fenchel.

Nach einer Stunde verabschiede ich mich und lasse die Gesellschaft ohne mich weiter feiern. Nette Leute auf jeden Fall. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin schon ein ziemliches Alien hier.

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