Gemeindeaufbau oder so ähnlich

Gemeindeaufbau, Gemeindentwicklung, church growth, church planting – soviel in der Theorie des Predigerseminars. Diese Konzepte haben mehr oder weniger schlüssige Ideen, wie man die eigene Gemeinde wachsen lassen kann, theoretisch. Bei uns gibt es sogenannte Regionalkonvente, in denen man sich mit den Pfarrer_innen aus der Region trifft und redet. Über die Zukunft, die Lage der Kirche, gemeinsame Projekte, Urlaubsvertretungen und alles Mögliche. Wobei alles Mögliche meistens der am Längsten ausgeführte Punkt ist (laaaaangweilig). Ein Thema auf dem letzten Regionalkonvent war jedenfalls die Zukunft meiner Gemeinde. Mit unserem Wachstum sieht es nicht gerade rosig aus. Aber dafür bin ich ja jetzt da und kann in 2 Jahren das Ruder gewaltig rumreißen. Easy peasy.

Meine Gemeinde nimmt das mit dem Gemeindeaufbau bisher eher wörtlich: und baut. Sie baut was das Zeug hält. Und wenn nicht gebaut wird, dann beschäftigt man sich mit Grundstücksangelegenheiten und Dingen, an denen man dringend herumbauen sollte.

So kam es, dass ich mich an diesem Mittwochmorgen einigermaßen zerknittert (ich brauch mehr Zeit zwischen Kaffee und dem ersten Zusammentreffen mit menschlichen Wesen) mit einem Maßband an einer unserer Kirchen vorfand. 3 m vor der Kirche, neben der Kirche, hinter der Kirche, auch den Strommast einbeziehen. Eine Pachtgeschichte, in der es aber auch um einen Weihnachtsbaum ging. Damit konnte ich dann wenigstens was anfangen.  Der Weihnachtsbaum steht da schon und wächst vor sich hin (tree-growth statt church-growth!Ha!) und im Winter kann er dann Licht aus der Kirche kriegen, na klar – kein Problem. Wieder zuhause kochte ich gleich den zweiten Kaffee.

Ich glaube ja, dass eine super Möglichkeit für Gemeindeentwicklung Arbeit mit Kindern ist. Ich mag Kinder. Meine Dienstwohnung ist in der 1. Etage des Pfarrhauses, unten sind Gemeinderäume. Da findet wöchentlich Christenlehre statt. Mit – Kindern eben. Und der Katechetin aus dem Nachbarkirchenkreis, Frau Kaiser. Ich finde, Frau Kaiser sieht irgendwie mitgenommen aus, ich höre sie manchmal in meinem Arbeitszimmer von unten resigniert seufzen bevor die Kinder kommen. Die kleinen Geister wollte ich unbedingt kennen lernen, schließlich mag ich ja Kinder, dachte ich. Aber die sind krass drauf. Sagt auch Frau Kaiser. Ich also in den Raum zum Stuhlkreis (immer diese Stuhlkreise! Man sollte damit gar nicht erst anfangen) und sage: „Hallo. Ich bin die neue Pfarrerin und wollte euch mal kennenlernen.“ Und die Kinder, zehn zur gleichen Zeit: „AHHHH!SCHREEEIII!!WAHHHH!!“ Zwischen einzelnen Schreien glaube ich Namen zu hören, Jona, Marie oder so. „Ihr müsst nicht schreien, ich bin nicht taub“ Sie schreien noch lauter und einige stehen auf und kommen näher. Ich bekomme leichte Panik, ich muss ja sowieso zum Gemeindekaffee (alte Leute, Kaffee, Ruhe – ein Glück) und verabschiede mich hastig. Als ich die Tür schließe werfe ich noch einen Blick auf Frau Kaiser. Sie sitzt eingesunken auf ihrem Stuhl, die Haare stehen wild vom Kopf. Sie tut mir richtig leid.

Heute hab ich das zweite Mal etwas von der kleinen Terrortruppe mitbekommen. Haarsträubend, auch für mich. Ich sitze mit unserer Sekretärin im Büro, wir falten und drucken Heftchen für die nächste Bestattung und reden nebenbei über Musik (sie mag Verdi, Mendelssohn-Bartholdy, City und Metallica. Me-tal-lica. Abgefahren). Und dann von draußen so:“AHHHH!SCHREEEIII!!WAHHHH!!“. Klar, die Bälger sind ja wieder da. Auf einmal wird das Brüllen melodiöser und durch die schöne alte Tür zum Büro dringt: „Atemlos! Durch die Nacht!“ Ich fall fast vom Stuhl. Warum singen Erstklässler Helene Fischer? Gestern Abend meinte ein Freund noch dass in der Kita, wo seine Kinder sind, auch ständig Helene gesungen wird. Konnte ich überhaupt nicht fassen. Kinder, das war doch LETZES Jahr der Hit und auch das hat den Song nicht mal ansatzweise cool gemacht. Viel ihr müsst noch lernen, kleine Geister. Kirche hat ja auch einen Bildungsauftrag, nech?

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