Schwarmverhalten

Seit zwei Jahren ist in dem kleinen Dorf niemand gestorben. Seit ich für dieses Dorf als Pfarrerin zuständig bin: schon zwei Menschen, beide mit dem gleichen Nachnamen: Schröder.  Ein winzig kleiner Friedhof mit einer noch winzig kleineren Trauerhalle. Wir erwarten an die 100 Trauergäste zur Bestattung. In das Trauerhallchen passen so 15 Leute, die anderen müssen draußen stehen. Der Bestatter wusste, dass viele Senioren und Seniorinnen kommen, also stellt er extra mehrere Bänke vor die Trauerhalle. Mit Sitzkissen, dass es noch wärmer ist. So eine Bestattung dauert ja, die Lieder, die Gebete und auch die Ansprache. Von den sechs Bänken, die er aufgestellt hat bleiben fünf frei. Auf der sechtsen Bank sitzen die mir bekannten älteren Damen aus dem Gemeindekaffee wie die Hühner auf der Stange. Aber immerhin sitzen sie, sehr vorbildlich.

Neben der Trauerhalle hat sich die Blaskapelle aus der Gemeinde aufgebaut. Herr. M an der Posaune und dazu noch drei andere Herren. Ich habe die schon einmal gehört, die wurden mir angepriesen als „wirklich gut für einen Posaunenchor“. Wer bei Kirchens unterwegs ist, kennt diese anderen Posaunenchöre. Toröööööt. Bei meinem Vorstellungsgottesdienst Ende Januar lud ich also diesen angeblich wirklich guten Posaunenchor ein und meine Güte, ich wär vor (unterdrücktem, ja, das habe ich noch geschafft) Lachen einige Male fast vom Stuhl gefallen. So schief, neben dem Takt, das Lied bis zur Unerkenntlichkeit entstellt – sowas muss man erstmal hinkriegen. Deshalb war ich nicht wenig angespannt, wie die Truppe um Herrn M. heute spielen würde. Überraschenderweise tatsächlich ganz passabel. In der Kommunikation gewöhnungsbedürftig („Wir spielen dann bei Runterlassen des Sarges.“ „Wir spielen nicht beim Runterlassen des Sarges.“ Beim Runterlassen des Sarges spielen sie), ohne Vor- und Nachspiele bei den Liedern, aber hey. Fast kein schiefer Ton.

Herr Schröder wird begraben, die Angehörigen verabschieden sich und alle Menschen auch. Alle 100. In dieser Zeit stehe ich am Grab und warte. Warte. Warte. Als irgendwann alle fertig sind warten alle anderen. Ich gehe vom Grab Richtung Trauerhalle und unterhalte mich leise mit dem Bestatter. Der Schwarm der Trauergemeinde wartet weiter. Sie könnten gehen, machen sie aber nicht. Der Bestatter meint, ich könnte ja irgendwas sagen. Aber was sagt man denn bitte in so einer Situation? „Ihr könnte nach Hause gehen!“? Er bringt mich auf die Idee, noch einmal zur Familie des Verstorbenen zu gehen. Als ich von da wiederkomme, mache ich den Hühnern von der Stange wedelnde Armbewegungen, dass sie jetzt gehen können. Der Schwarm gerät in endlich Bewegung. Ich setze mich danach erstmal auf eine Bank in die Sonne, mach die Beine lang und verschnaufe.

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