Markt der Möglichkeiten

Nach vielen Wochen und einigen Geburtstagsbesuchen mit Grußkarten aus den 90ern und Calvin-Geschenkbüchlein war es letzte Woche endlich soweit: der Vertreter und Berater für schicke neue Geschenke  fand seinen Weg hierher ins Pfarramt.

Als er ankommt, sitze ich mit der Sekretärin und einer anderen Damen im Büro und rede gerade über die im Sommer anstehende goldene Konfirmation. Eine Tür schlägt, ich sehe kurz einen roten Kopf mit blondem Haar, es rumpelt hörbar. Dann ein Geräusch, das ich nicht richtig einordnen kann, etwa wie wwwwwwscht. Der Mann rennt noch ein paar Mal raus und rein, es rumpelt immer mal wieder. Scheinbar hat er Schwierigkeiten mit der Tür. Irgendwann verabschiedet sich die Dame  aus dem Büro und ich betrete  mit der Sekretärin den kleinen Gemeinschaftsraum, der plötzlich voll ist mit Taschen, Koffern und: einer kleinen, dreistöckigen Bibliothek. Erst als er seine Sachen wieder einpackt bemerke ich, dass er auch ein von innen leuchtendes Kreuz auf das Fensterbrett drapiert hat, was mir in dem Moment überhaupt nicht aufgefallen ist. So als gehörte das dahin. Der Mann meint es ernst.

Wir beginnen mit Geburtagskarten. Natürlich hat er ein unfassbar riesiges Sortiment dabei, natürlich werden die Karten günstiger, je mehr man bestellt (20, 40 oder gleich 100?)  und natürlich bin ich binnen kürzester Zeit vor lauter Sinneseindrücken völlig überfordert. Sonnenblumen oder der Angler auf dem See bei Sonnenuntergang? Steuerrad und Kompass (die mussten es später sein, ich stehe fürchterlich auf maritime Motive) oder Klosterlandschaft? Blumentopf oder Gartenstuhl? Einfache Karten oder zum Klappen? Mit oder ohne Umschlag?

Wenn man mehr schenken möchte als eine Karte, kann man auch ein kleines Heftchen (A5 oder kleiner,, 20 Seiten)  mit Gebeten, Psalmen oder Auslegungen dazu geben. Was es da nicht alles gibt, ich war ja völlig ahnungslos. Gewürze aus der Bibel, Kochen aus der Bibel, Heftchen mit Tierbabys und schönen Sprüchen, Heftchen angeblich für Männer (mit Autos oder Maschinen drauf, habe ich extra nicht bestellt) und noch tausend Sachen mehr und alles ganz bunt und hübsch anzuschauen.

Als wir nach Ewigkeiten schließlich bei Geschenken für Kinder ankommen bin ich so weit, dass ich alles, wirklich alles schön finde. Reizüberflutung und der Markt der Möglichkeiten machen Sachen mit mir. Verzückt betrachte ich die kleinen Sticker-Heftchen für Grundschulkinder (einzelne Geschichten aus dem Alten Testament, die Figuren kann man dann in die Landschaft kleben), die Wimmel-Bibel und spiele mit den bunten Armbändern (ich mag Schmuck!), die man den Kindern schenken kann. Den Grund, warum man diesen Kleinen nun bunte Armbänder schenken soll, hab ich mittlerweile wieder vergessen. In dem Moment erscheint es mir wie eine großartige Idee. Wie gesagt, der Mann meint es wirklich ernst.

Zum Glück sitze ich nicht allein mit all den bunten, schönen Dingen und dem Vertreter im Raum, die Sekretärin ist ja auch da und kann aufpassen. Allerdings blättert sie gerade auffällig lange in dem Heftchen mit den Tierbabys und fängt zwischendurch immer wieder leise an zu lachen. Nun gut – wir beide sind scheinbar keine Profis wenn der Vertreter kommt. Trotzdem hat sie Zahlen im Kopf wieviel man von was wirklich braucht und schließlich, nach über 2 Stunden bestellen wir. Zum Schluss zeigt er mir noch das  Kreuz vom Fensterbrett. Es liegt gut in der Hand, ist ziemlich schwer und leuchtet orange. Ich mag orange. Hastig stelle ich es weg.

Nachdem der Vertreter (der Versucher!!) die diversen Taschen, Koffer und die Bibliothek wieder in sein Auto geschafft hat, kommt er nochmal kurz ins Büro. Die Sekretärin und ich bekommen jeweils einen Engelsanhänger für den Schlüsselbund. Ich wundere mich nicht mal mehr darüber, dass ich mich über diesen kitschigen Anhänger freue. Und als er mir dann noch ein Buch für die Seniorenarbeit (über das ich länger nachgedacht habe)  mit den Worten „Restbestand“ liegen lässt weiß ich genau, dass ich ihn in einem halben Jahr wieder einladen werde.

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Überraschungen

In der letzten Woche habe ich zum ersten Mal bei einem Krankenbesuch Abendmahl gefeiert. Das habe ich bisher noch nie gemacht, die Dame hatte es sich sehr gewünscht also los ging es mit der Vorbereitung. Zum Abendmahl braucht man Abendmahlsgeschirr und Brot (Hostien) und Wein oder Traubensaft. Ich besitze noch kein eigenes Abendmahlsgeschirr, also habe ich hier im Pfarrhaus herum gesucht und schließlich – zu meiner Überraschung-  einen Koffer mit Geschirr to go entdeckt.

Dieser Koffer (von außen wie ein Aktenkoffer, seeehr lässig) ist ein kleines Wunderding: man macht ihn auf und dann liegen darin gut sortiert ein zusammensteckbares Holzkreuz, zwei Mini – Kerzenständer, ein kleiner silberner Kelch und eine Patene (so ein Tellerchen für die Hostien). Außerdem eine winzige bauchige Vase für den Wein, den man mit einem Korken zumachen kann (sieht nicht sehr vertrauenserweckend aus, deshalb bleibt sie leer)  Streichhölzer und Kerzen haben auch noch Platz und als ich zum ersten Mal in den Koffer geguckt hab, lag auch eine Tüte mit Hostien drin.

Diesen Koffer habe ich in unserm Archiv gefunden. Das Archiv ist ein kleiner, verdunkelter und muffig riechender Raum, in dem wild durcheinander gestapelt original Lutherbibeln (früher, ganz früher hatte die Gemeinde mal viel Geld), alte Gesangbücher und Teile von Kirchenschätzen (Bilder, Skulpturen, Leuchter) herumliegen. Man müsste dringend mal aufräumen, das hat seit einigen Jahren niemand mehr getan und deshalb betrachtete ich die Hostien skeptisch: sind die überhaupt noch gut? Andererseits – können Hostien überhaupt schlecht werden? Ich tausche das alte Tütchen sicherheitshalber gegen ein mir neuer erscheinendes (wer weiß von wann das ist?), das neben anderen alten Kostbarkeiten liegt. Nun brauche ich nur noch Wein und Saft, den ich im Supermarkt um die Ecke besorge. Dass ich im Discounter Abendmahlswein besorge finde ich schon etwas strange, aber irgendwoher muss das Zeug ja her kommen. Das zusammensteckbare Kreuz tausche ich noch gegen das kleinere, aber schönere selbstgeschnitzte Kreuz, das mir ein Freund zur Ordination geschenkt hat und dann kann es losgehen.

Als ich im Wohnzimmer bei Frau T.  ankomme überraschen mich zwei leuchtende Altarkerzen und ein großes Kruzifix auf dem Wohnzimmertisch (was Leute nicht alles in ihren Wohnung haben!). Nach dem Abendmahl überrascht mich, dass die Dame Lust hat mit mir gemeinsam Lieder aus dem Gesangbuch zu singen. Und danach überrascht mich, dass die Dame auch noch Lust hat, mir etwas vorzusingen. Ich sitze auf ihrem durchgesessenen, alten Couchstuhl, blicke auf das erleuchtete Kreuz und lausche den alten Glaubensliedern, die es in keinem Buch mehr gibt. Frau T. singt vorsichtig, bei den hohen Tönen bricht die Stimme manchmal weg. Aber sie hört nicht auf, sie singt immer bis das Lied vorbei ist. Tolle Frau,  denke ich, als ich mit dem Wunderkoffer losgehe.  Nicht überraschender Weise hatte ich natürlich Schwierigkeiten, Kelch und Patene wieder so in den Koffer zu tun, dass er auch zu geht. Aber Übung macht bekanntlich den Meister, beim Abendmahlfeiern, bei Wunderkoffern und bei den Überraschungen, die wohl noch auf mich warten werden.

Zielgruppenerweiterung im ländlichen Raum

Seit gestern befinde ich mich offiziell im Ostermarathon. Nächste Woche liegen ab Gründonnerstag fünf Gottesdienste an. Pro Gottesdienst rechne ich ungefähr mit 8 Stunden Vorbereitungszeit. Nebenbei laufen diverse andere Dinge: Termine wegen des großen Gemeindeprojekts, mein erster wackeliger Versuch jemanden einzustellen, das Privatleben, ein von den Konfis selbstgestalteter Gottesdienst nächsten Sonntag (ich glaube, ich bin aufgeregter als sie)  und noch viel Unvorhergesehes.

Heute war Letzteres besonders stark vertreten: Von der Gründonnerstagsplanung werde ich durch Klingeln an der Tür abgelenkt, kurz danach sitze ich unten im Büro mit dem Presbyteriumsvorsitzenden und wir gehen die neue Friedhofsordnung durch. Zahlen verwirren mich. Menschen die anrufen und nach der Friedhofsordnung fragen  verwirren mich noch mehr („Ja, ich gucke mal nach und melde mich dann.“ Was im Moment nicht passiert weil: totale Ahnungslosigkeit). Also sprechen wir über Einzel – und Doppelgrabstellen, den Einmalbetrag und Betriebskosten und Verlängerungskosten damit meine Verwirrung weniger wird. Plötzlich taucht ein junger Mann im Flur auf. Ich gucke genauer hin – und tatsächlich! Eindeutig jemand unter 40. Ich bin schon fast wieder neu verwirrt, sowas habe ich hier bisher noch nie zu Gesicht bekommen. Der Presbyteriumsvorsitzende und er kennen sich aber schon. Wie sich herausstellt, ist der nämlich öfter da. Man begrüßt sich freundlich. Und dann ist die Kacke am dampfen. Ich untertreibe nicht, im folgendem Gespräch (man bedenke den Sprung von Gründonnerstag, Zahlenwirrwarr und dem was jetzt kommt)  taucht mindestens 6 Mal das Wort“Kacke „auf. Und daneben das niedliche Wort „Mausohren“. Diese Mausohren haben mit der Kacke zu tun, die haben es sich nämlich im Dachstuhl unserer Kirche gemütlich gemacht und dabei kacken sie ordentlich den Boden zu und deshalb ist der junge Mann jetzt da und bringt die Kacke raus („Säckeweise Kacke“). Seit einer Weile liegt da jetzt Folie, damit man die Kacke besser wegmachen kann. Mit seinen Händen deutet er die Höhe der Kackeablegerung an, wie sie vor ein paar Jahren mal war (ich schätze so 40cm). Jedes Mal wenn er Kacke sagt zucke ich ein bisschen zusammen. Ich wusste gar nicht, dass ich so zart besaitet bin, oder ich bin nichts mehr gewöhnt in meiner flauschigen Gemeindewelt.  Aber tiefgehender ist eine andere Erkenntnis: Ich predige mehr Fledermäusen als Menschen das Evangelium. In diese wunderschöne Kirche kommen sonntags vielleicht 20 Senioren und Seniorinnen,  aber die Fledermäuse (150!) wollen aus der Kirche gar nicht mehr raus, die bleiben zwischen Sonntag und Sonntag quasi erwartungsvoll in den Bänken sitzen/ an den Balken hängen. Und im Gegensatz zu den Menschen sind die Fledermäuse fruchtbar und mehren sich.

Von der Kacke und den Friedhöfen schwirrt mir der Kopf. Ich will gerade wieder hoch zurück an den Schreibtisch (Gründonnerstag!), als mich die Dame, die bei uns putzt abfängt und in die Teeküche einlädt. Weil ich die Regionalzeitung abonniert habe, haben wir nämlich seit gestern eine fancy neue Kaffeemaschine, Frau N. hat ein paar Pads dafür besorgt und nun können wir sie ausprobieren. Eine kleine Pause gönne ich mir und wer weiß schon, wo der Geist gerade wieder unterwegs ist. Ich schlürfe den heißen Kaffee und knabbere an einem Keks. Dann erzähle ich ihr von dem jungen Mann (den sie natürlich schon lange kennt) und der Kacke und Frau G. lacht laut los: „Das ist mir auch schon aufgefallen! Immer spricht der von Scheiße.“ Ich zucke wieder ein bisschen zusammen (was ist eigentlich los mit mir? Ich habe vor ein paar Jahren einen Song über besch… Tage geschrieben!), lache dann mit und stelle mir vor, das nächste Mal mit auf den Dachboden zu klettern um die Mausohren mal anzugucken.  Von der Kacke kann ich ja absehen.

Das Leben der anderen

Letzte Woche fiel mein freier Samstag leider der Gottesdienstplanung zum Opfer. An sich ist das schon betrüblich, aber es war extra betrüblich, denn der Liebste war angereist und in mir schlummerte die Hoffnung, dass mich ein kleiner Schubs vom Heiligen Geist binnen 3 Stunden zur perfekten Predigt führen wurde. Der Geist weht bekanntlich wo er will, letzten Samstag hatte er scheinbar besseres zu tun, als bei mir vorbeizugucken. Also quälte ich mich bis in den späten Nachmittag mit dem Predigttext herum. Und danach dann Filmabend. Allerdings nicht auf meiner schönen grünen Couch mit dem Liebsten, sondern in einem der Dörfer. Genauer:  in dem Dorf mit dem Zaun. Dieses Dorf braucht gerade besondere Aufmerksamkeit, weil es bei der Gottesdienstplanung übersehen wurde  und  zudem ist es  am Weitesten vom Pfarramt entfernt, weit in der Pampa.

Als ich ankomme ist die kleine Kapelle schon gut gefüllt. Einige kenne ich aus anderen Dörfern, viele aber noch nicht. Der Organisator nimmt sich meiner an, zeigt nicht ohne Stolz das Gebäude. Und dann zeigt er den Anwesenden nicht ohne Stolz die neue Pfarrerin. Einige applaudieren daraufhin (weird!) und ich versuche davon nicht allzu irritiert ein paar nette Worte von mir zu geben. Dann setze ich mich auf einen freien Stuhl, der Organisator setzt sich rechts neben mich und los gehts.

Gezeigt werden Laien- Aufnahmen eines mittlerweile verstorbenen Dorfbewohners aus den 60er bis 80er Jahren. Aufgenommen mit einer 8mm-Kamera. Größtenteils schwarz-weiße Filmaufnahmen die das Leben in dem Dorf zeigen (Titel: „So leben wir in…“. )Zu Beginn das Wichtigste: die Landwirtschaft. Männer die eigentlich immer rauchen und/oder Schnaps trinken auf Traktoren, neben Traktoren oder hinter Traktoren und  Frauen mit Kopftüchern die auf den Feldern das Getreide (vielleicht Weizen) in pyramidenartige Haufen stellen. So hat man das früher gemacht, erklärt mir der Organisator. Er sagt mir auch, wie diese pyramidenartigen Haufen im Fachjargon heißen. Schon einen Moment später habe ich das neu gelernte Wort vergessen, denn mich beschäftigt die Frage, warum damals eigentlich alle Menschen so klein und stämmig waren. Von der Statur her sehen da alle komplett gleich aus, irgendwie quadratisch.  Die mussten ja schwer körperlich arbeiten, hatten nie frei und mit Überflussgesellschaft und tonnenweise Fleisch war es damals ja noch nicht weit her. In diese Überlegungen hinein von rechts immer weitere Informationen zu den Traktoren und den anderen technischen Gerätschaften und wie diese sich seither entwickelt haben. Ich nicke und hoffe ich sehe dabei halbwegs interessiert aus. Aus dem Rest des Raumes erklingen immer wieder erfreute Rufe „Das ist ja der Hans!“ „Ist das nicht Dorchen?!“ Auf der Leinwand geht es mittlerweile um das gesellschaftliche Leben im Dorf. Heute gibt es schon seit Jahren keinen Bahnhof mehr (das weiß auch Google maps, deshalb findet man ihn bestimmt auch nicht), die Kirchengemeinde besteht aus knapp einer handvoll Menschen. Damals: das sprudelnde Leben. Ein Fest wird gefeiert, die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps, die Frauen lachen und trinken Schnaps und alles ist voll mit Kindern. Zusammen mit der Heimatfilm-Soundtrack-artigen Hintergrundmusik gerate ich in gefühlsduselige Stimmung. Diese Sonne damals! All die glücklichen Menschen! Und die Kinder, so frei und braungebrannt auf ihren Rollern in diesen Lederhosen. Andere Sequenzen zeigen ausgelassene Faschingsumzüge. Das ganze Dorf ist unterwegs, in den verrücktesten Kostümen und die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps und die Frauen lachen und trinken Schnaps. Es sieht wirklich nach einer großartigen Zeit aus. Wenn gerade keiner rauchend oder Schnaps trinkend gezeigt wird, dann ist er oder sie gerade am Essen. Fatal –  zu diesem Zeitpunkt habe ich nämlich schon einen Bärenhunger. Zuhause wartet der Liebste und das Essen, ich schaue unauffällig auf die Uhr auf dem Smartphone. Schon 45 Minuten und kein Netz. Abgeschnitten von der Deutschen Bahn, abgeschnitten vom Mobilfunk – die haben es echt nicht leicht hier. Der Film handelt mittlerweile von der freiwilligen Feuerwehr. Ich freue mich, denn jetzt trinkt und raucht man weniger und trägt diese lustigen alten Schutzuniformen, mit denen der Gang so lustig watschelig ist. Ein Wettbewerb zwischen mehreren Feuerwehrsvereinen wird gezeigt. Von rechts: „Wenn man nicht bei der Feuerwehr ist, ist man ein Niemand.“ Soso. Übrigens sind auch meine lieben Konfirmanden bei der Feuerwehr, das Gerücht hält sich also noch bis in die Gegenwart. Männer werfen im Film  Schlauchrollen durch die Gegend, schleppen Pumpen, eine Stoppuhr wird gedrückt. Keine Ahnung wer gewonnen hat. Nächste Szene: wieder ein Fest im Dorf, wieder Kinder und Glückseligkeit. Und dann wieder Feuerwehr. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Mittlerweile ist der Film farbig. Mein Hunger macht mir wirklich zu schaffen und zum 50.Mal sehe ich  nun einen Feuerwehrmann seine Schlauchrolle durch die Gegend werfen. Von rechts: „die Feuerwehr ist wirklich wichtig.“. Meine Gefühlsduselei nimmt ab, das kann auch mit dem mittlerweile fast schmerzlichen Hunger zu tun haben. Der Film endet dann auch bald und ich bin froh, mich auf den Weg machen zu können.

„Haben Sie denn schon unsere Gaststätte gesehen?“ „Sie haben hier eine Gaststätte?!“ (Keinen Bahnhof, kein Netz, keine Menschen, aber eine Gaststätte – schon beachtlich) „Kommen Sie, ich zeige sie ihnen.“  „Aber nur kurz, ich will bald nach Hause“ So verschiebt sich meine Heimfahrt um ein Glas Wasser, obwohl ich lieber Schnaps gehabt hätte ( „Da da da da da da gehn wir hin.“) . Dafür kann ich da rauchen. Und das ist nun wirklich seltsam. Die Versammelten rauchen alle, ich werde eingeladen es ihnen gleich zu tun und freue mich. Ich drehe selber und das finden die Anwesenden so spannend, dass mir alle beim Drehen auf die Finger starren. „So fingerfertig“ „Ganz schön geschickt!“ Überaus surreal, denn meine Selbstgedrehten sehen tatsächlich aus wie Joints und das vollkommen unbeabsichtigt (ich kann nämlich keine Joints bauen). Aber wenigstens ein Bedürfnis, das gestillt wird, ich versuche mich zu entspannen und nicht alle 10 Sekunden auf die Uhr zu gucken. Nebenbei erfahre ich, dass hier tellergroße Schnitzel zubereitet werden. Was ich an sich zwar eher unappetitlich finde, aber in dem Moment hätte ich so ein Teller-SchniPo glatt geordert, hätte ich genug Geld dabei gehabt und hätte nicht zuhause der Liebste gewartet. Nach einer Weile reiße ich mich los und verabschiede mich.  Work-life-Balance – das leben Andere.

Nach dem Examen ist vor dem Examen, nur anders

Frisch ins Pfarramt zu kommen fühlt sich für mich im Moment an wie Jonglieren. Nur, dass ich Jonglieren nie wirklich gelernt habe. Ich habe es in einer motivierten Phase mal für ungefähr 10 Sekunden geschafft mit 3 Bällen zu jonglieren. Kleine, handliche und quietschbunte  Bällchen.  Die Pfarramt-Bälle sind bisher weder klein noch handlich und es sind definitiv mehr als drei. Und als klassisches und noch dazu kirchenfern erzogenes Arbeiterkind hatte ich mit vielen dieser Bälle bisher überhaupt nichts zu tun.

Beispiel eins: der Regionalpfarrkonvent. Super Sache, das Stichwort Regionalisierung ist ja auch gerade in der Ausbildung in aller Munde. Ich sitze also einmal im Monat mit meinen Kolleginnen und Kollegen in einem der anderen kleinen Winzdörfer dieser landschaftlich wunderschönen, menschlich aussterbenden ländlichen Region und wir planen gemeinsame Gottesdienste, oder die große, finstere Zukunft (Trommelwirbel: der Sollstellenplan). Bei den ersten Treffen bringe ich kaum ein Wort raus – der Rest redet und redet und redet. Zwischendurch kleinere oder größere dogmatische Ausführungen, theologische Grundsatzdiskussionen und ich sitze daneben und wünsche mich in die kleine (ok, geographisch eher riesige), heile Gemeindewelt zurück, in der nur ich die Pfarrerin bin und kein typischer Pfarrherr mich mit Monologen an den Rand des Wahnsinns treibt. Diese Sprache! Dieses Gebärden! Diese ganze Selbstsicherheit – äußerst befremdlich. Dennoch, so konnte es nicht bleiben. Schweigen drückt auf die Stimmung und bei schlechter Stimmung passieren mir neuerdings ja gerne Dinge mit Ulf und Zäunen. Also raus aus der Schweige-Falle. Beim letzten Treffen rege ich zu Beginn eine Blitzlichtrunde an (sehr Predigerseminars-Stil, aber das ist ja nicht immer schlecht). Die Damen und Herren sind begeistert und los gehts. Entweder das Predigerseminar ist bei denen schon viel zu lange her (alle mindestens 10 Jahre im Amt) oder sie können sich einfach nicht zurückhalten. Jedenfalls geht kein Beitrag kommentarlos über die Bühne, es entspinnen sich wieder Reden, Reden, Reden und Diskussionen. Nach 45 Minuten (!) Blitzlichtrunde von 6 Beteiligten bin ich informiert, mit was die anderen so zu tun haben und was  alle anderen darüber denken. Und ich hab endlich frei von der Leber weg erzählt,  mit welch irren Dingen ich hier so zu tun habe, und habe dafür wärmendes, kuscheliges Mitleid erhalten. Für den großen Regionalgottedienst such ich jetzt ein paar schöne, frischere Lieder aus und biete an, sie mit Gitarre zu begleiten. „Was? Das kannst du auch noch?“ „Ja, ich bin Musikerin, das hab ich schon oft gemacht“. Tatsächlich – ich erhasche ein paar aufmerksame, teils bewundernde Blicke und fahre mit Ulf danach zufrieden und unbeschadet zurück.

Beispiel zwei: Kontaktaufnahme mit dem Amtsdirektor. Schlau ist es ja, sich als Kirchengemeinde mit der örtlichen Gemeinde irgendwie gut zu stellen und im Idealfall coole Kooperationen zu basteln. Vor dem Termin rutsche ich aufgeregt auf dem Stuhl im Flur hin und her, denn ich will nicht nur Smalltalken, sondern ihm ein Anliegen schmackhaft machen („um Amtshilfe bitten“). Eines unserer Archive braucht einen neuen Raum und in einem der Gebäude der Stadt wäre noch Platz. Der Direktor leidet  noch sicht- und hörbar unter den Resten einer Grippe. Ich weiß bisher nicht, wie man solche Gespräche taktisch klug führt, am Anfang reden wir über Allgemeines, seinen Job, meinen Job und die Parallelen, die beide haben (ein zu großen Gebiet, Menschen die eigentlich mehr Nähe erwarten). Irgendwann traue ich mich, das Archiv anzusprechen und oh Wunder – er ist offen. Allerdings nicht so offen wie ich es mir gewünscht hatte, totale Mietfreiheit wird es nicht geben, aber es wird günstiger als jetzt. Im Verlauf des Gespräches erfahre ich, dass er auch gerne mehr Kontakt mit der Kirchengemeinde haben würde, er bietet sogar an, mal im Presbyterium vorbeizuschauen. Ich bin freudig überrascht und erfahre von ihm im weiteren Verlauf noch Nützliches über die Leute hier und ihr Wahlverhalten: 10 % NPD. Hmpft.

Beispiel drei: Diese Woche bin ich in eine große Stadt, in ein großes Ministerium gefahren und habe mit wirklich großen Leuten über die Zukunft eines unserer Gemeindeprojekte diskutiert. Einer der wichtigen Männer (er meint, er wäre der wichtigste) hat mit diesem Projekt so allerhand vor, was er allerdings mit niemandem sonst abspricht. Er hat selbstständig ein neues Konzept für dieses Projekt erarbeitet und darum soll es nun gehen. Ich habe mir vorgenommen, seine großen Pläne möglichst charmant auszubremsen, denn intern überlegen wir gerade, wie dieses Projekt überhaupt weiter laufen kann. Außerdem habe ich einen Spickzettel mit schlauen, kritischen Anmerkungen über dieses Konzept von demjenigen aus der Gemeinde, der das Projekt seit Jahren betreut und sich mit allem auskennt, besser als der wichtige Mann mit dem neuen Konzept. Bevor ich in das Haus gehe sitze ich in der Sonne und rauche nervös, mein Mund ist ganz trocken. Ich fühle mich wirklich wie vor einer großen Prüfung, wie im Examen. Dass ich kleine Wurst mal für meine Gemeinde  in einem Ministerium abhängen würde, ich hätte es nie für möglich gehalten. Im Raum gibt es Kaffee und Kekse. Kaffee ist gut, Kekse schlecht (der trockene Mund). Zu Beginn stellt der wichtige Mann sein Konzept vor, dann ist Zeit für kritische Nachfragen. Ich brauche eine Weile um meinen Mut zu sammeln, die anderen sind schon kräftig am Nachfragen. Ich merke, wie  aufgeregt ich bin, wegen der Situation aber auch weil ich mich über diesen Mann so ärgere. Und ich schaffe es mich zu Wort zu melden, bestimmt 3,4 Mal. Am Ende ist der wichtige Mann verdächtig still, die anderen Akteure beratschlagen gemeinsam über das Projekt, mir wird viel Unterstützung signalisiert, großartig. Das neue Konzept muss in jedem Fall erstmal warten. Ich bin glücklich. Vom Gefühl her hätte ich jetzt kurz den Raum verlassen müssen um dann hinterher noch mal reinzugehen und meine Note zu erfahren. Aber das passiert nicht. Stattdessen esse ich ein paar Kekse, der wichtige Mann ist weg, die anderen noch da und ich gebe mein Bestes im Netzwerken. Ich versuche mitzuspielen und diesen Ball  nicht fallen zu lassen. Für mich, das Projekt und die Gemeinde. Statt nach gelungener Prüfung erstmal einen Sekt zu trinken und hinterher lecker essen zu gehen fahre ich ausgehungert (zu wenig Kekse) mit dem Zug zurück nach Hause. Und schreibe dort die Ansprache für die nächste Bestattung.

Tage, die hätten anders sein können

Wenn man den Tag damit beginnt, statt Milch Apfelsaft in den Kaffee zu kippen, ist das ja schon mal nicht der hoffnungsvollste Anfang. Der Kaffee schmeckte also durchaus seltsam, draußen war es trübe grau und vom gestrigen Gesprächsmarathon (die Zukunft! Die Region! Das Geld!) hatte ich mich nur mittelmäßig erholt. Bombenstimmung also bei mir  – genau richtig für zwei Geburtstagsbesuche ( die ja im Idealfall dem -> Gemeindeaufbau dienen sollen)

Nummer eins (Herr Fritz, unser Prädikant, grundsympathischer Mensch)  heut vormittag, mit Männertreff, aber Frauen (Frau Fritz, Frau Meier aus dem Gemeindecafé, ich) durften auch dabei sein. Ich komme um halb elf an und die Herrschaften sitzen schon wild diskutierend mit Bierfalschen am reich gedeckten Tisch. Ich sinke auf die Couch neben einen anderem Senior und bestaune Gulasch, Kartoffelsalat, Kassler, Kuchen und Käseplatten – super! Nur zum Essen komme ich gar nicht wie ich will, denn schwupps befinde ich mich mitten in einer hitzigen Debatte über die Lage des Dorfes („Die Kinder fehlen!!“), die Lage des Landes jetzt („Warum sollten Frauen in die Politik? Die sollen doch besser Kinder bekommen! Kinder fehlen ja auch!“), die Lage des Landes zu DDR-Zeiten („Da gab es noch mehr Kinder! Und mehr Arbeit! Und weniger moderne Maschinen, die den Menschen die Arbeit wegnehmen“) und richtig brisant wird es zur Lage des Landes zu Zeiten des Nationalsozialismus, es geht um die Umsiedlungspläne, Flüchtlingsbootsgeschichten, Madaskar, so Sachen.  Die Runde ist mittlerweile auch auf Pfeffi umgestiegen und die Stimmung entsprechend gelöst. Und der Mann neben mir sagt: „Aber die Juden haben ja auch Einiges dazu getan“ Ich, noch völlig ahnungslos in welche Richtung es gehen würde:  „Wie meinen Sie das?“ „Mein Vater hat erzählt, dass er bei einem Hauskauf dem Juden aus dem Dorf zweimal Geld geben musste“ Ich beginne zu ahnen, in welche Richtung und setze mich etwas aufrechter auf die Couch „Selbst, wenn das so war, dann kann man das doch so nicht verallgemeinern..!“ Der Mann neben mir auf der Couch setzt an: „Doch..Da gibt es noch viele Geschichten. “ Die anderen Herren vom Tisch stimmen zu oder auch nicht, es geht in einem allgemeinen Gemurmel unter. Herr Fritz springt ein „Wir sollten das Thema wechseln..“ Frau Meier sagt, ich solle doch noch was essen, ich käme ja gar nicht dazu. Aber mit dem Appetit ist es jetzt nicht mehr besonders weit her.

Nummer zwei wohnt in dem am weitesten entfernten Dorf meines Gebietes. Die Dame ist unlängst 80 geworden und wohnt in einem Haus in der Nähe des Bahnhofes (laut Auskunft das fünfte links nach dem Bahnhof). Dieser Bahnhof ist wie so Einiges hier seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Auch Google-Maps kennt den Bahnhof nicht und deswegen brauche ich zwei Touren zick zack durch das Dorf und zwei Mal Nachfragen bis ich ihr Haus wirklich finde: Verspätungszeit 30 Minuten. Das Gespräch ist nett, der Kaffee heiß und der Kuchen schmeckt. Nach einer Stunde (man lernt ja schließlich dazu) mache ich mich wieder auf den Weg und werde, während ich Ulf startklar mache, argwöhnisch von einer Mutter und ihrem Jungen beobachtet. Während ich versuche rückwärts von der Wiese auf den schmalen Weg zu fahren kommen sie langsam näher und starren mich weiterhin unheimlich an. Als ich dann vor lauter schlechtem Tag und schlechter Laune und dem dringenden Bedürfnis endlich hier wegzukommen hinten gegen den Zaun fahre, muss ich doch noch einmal raus. Kontaktaufnahme:  Mutter und Junge starren mich weiter wortlos an. „Guten Tag“. „Wer sind Sie?“ „Die neue Pfarrerin, und eben bin ich gegen diesen Zaun gefahren“ „Ach so, wir dachten Sie wären von den Zeugen Jehovas, die kommen hier nämlich auch immer her“ Im dem Moment wäre ich tatsächlich lieber jemand von den Zeugen als die neue Pfarrerin, die erst seit ein paar Monaten Auto fährt.

Rollenkonflikte

Bevor ich Pfarrerin auf dem platten Land wurde war ich Vikarin in einer Stadt. Kirchenmusikalisch liegt in dieser Stadt das Gewicht eher im klassischen Bereich, qualitativ hochwertig – für mich nur eher uninteressant. Damit ich mein Rockstar-Ich (das gibt es nämlich auch noch) dennoch nicht vernachlässigen musste und neben der Arbeit in der Gemeinde ein weltlicher Bezug gesichert war, gründete ich mit ein paar lieben Leuten einen Chor. Einen Kneipen-Chor. Ziel der Sache: entspannt üben und singen und in Kneipen auftreten. Und dabei Bier trinken. Sowohl beim Üben als auch in der Kneipe, aber das ist ja selbstverständlich. Für meine erste Stelle als Pfarrerin auf dem platten Land musste ich diesen Chor leider zurücklassen. Die Mittwochabende in der  Runde fehlen mir doch sehr, nicht nur der Musik wegen, auch wegen der Leute.

In dieser Gemeinde gibt es auch einen Chor. Durchschnittsalter 70. Zwei Männer. 15 Frauen.  Es gibt einen Chorleiter, der immer Montags kommt und dann werden ganz klassisch Kirchenlieder gesungen. Aus dem Kneipenchor bin ich mehr Pop und Indie-Musik (Coldplay! Metronomy! Fleet Foxes!) gewöhnt, aber was solls. Für die Leute hier im Ort ist das super nett, die freuen sich wenn der junge Mann (der Stefan, 43?) kommt und ihnen ein bisschen einheizt. Und ich bin dabei und freue mich auch. Vor allem wenn ich Parallelen zwischen dem Gemeindechor und meinem geliebten Kneipenchor entdecke. Es ist vollkommen altersunabhängig, bei einer Chorprobe wird dazwischengequatscht und rumgegackert was das Zeug hält. Auch wenn kein Bier im Spiel ist. Manchmal bemitleide ich Stefan, wenn er erfolglos und wild gestikulierend versucht Ruhe in den wilden Haufen zu bekommen und erinnere mich milde lächelnd an meine Zeit als Chorleiterin.

Heute war Stefan aber verhindert und deshalb bin ich spontan eingesprungen. Die Kombination aus meinem Gitarrenbaby und einer sangesfreudigen Meute bewirkte ein erstaunliches Flashback in mir. Plötzlich war ich nicht etwa Pfarrerin, nein – ich war Chorleiterin. Aber auch nicht etwa die Chorleiterin vom Gemeindechor, nee nee, ich leitete den Gemeindechor wie den Kneipenchor. Ohne Bier. Aber mit genau der gleichen Stimmung. Von wegen Pfarrerin und gewählte Sprache und ich bin jetzt mal souverän. Pustekuchen. So viele dumme Sprüche hab ich seit Langem nicht mehr geklopft, meine Güte („Haben Sie Bock auf Taizé?“). Nun ja, die junge wilde Pfarrerin eben, die vielleicht doch besser hätte Rockstar werden sollen, wer weiß.

Aber die Truppe ließ sich netterweise auf alles ein (sämtliche Aufwärmübungen inklusive Gesichtkneten, Körper abklopfen, was nicht alles)  und zum Ende liefen sie auch zweistimmig singend durch den Raum und sahen fröhlich dabei aus. Ohne Stefan kriegen wir das mit dem Chor hier also auch irgendwie  hin. Aber ich bekomme das passende Chorleiterin- Sein ohne den Kneipenchor eindeutig nicht hin.