Perspektivwechsel

Gestern haben wir in der Gemeinde Weltgebetstag gefeiert. Glücklicherweise musste ich dafür überhaupt nichts vorbereiten. Keine Predigt, keine Gebete, nischt. Eine ehemalige Lehrerin (Frau D.) kümmert sich hier seit fünf Jahren ehrenamtlich um die Gestaltung. Sie verteilt die Lesungen, überlegt sich eine Auslegung und bringt Dinge für die gestaltete Mitte mit.

Warum es die gestaltete Mitte in die Mitte einer jeden Andacht/Gemeindeveranstaltung geschafft hat, ist mir übrigens schleierhaft. Sie verfolgt mich penetrant seit dem Vikariat mit ihren bunten Tüchern, Kerzen und Glassteinen. Die gestaltete Mitte ist für mich  in ihrer Attraktivität gleichrangig mit der ebenso regelmäßig auftauchenden Blümchen-Steinchen-Runde am Anfang eines jeden Gesprächskreises (Blümchen=“das war schön..“, Steinchen= „das war schwer, das lege ich ab“). Sie bestätigen das Klischee und sind so vorhersehbar, wie das Amen in der Kirche. Wobei ich gegen das Amen in der Kirche überhaupt nichts habe. Amen.

Gestern komme ich von einem verwirrendem Geburtstagsbesuch wieder ins Pfarramt. Ich hab den Mann der Jubilarin einfach überhaupt nicht verstanden. „Sie sind also Herr K.?“ „Brrrmschschhhhnnjaschnnnbrummm“ Eine Stunde lang war ich da. Eine Stunde lang hab ich mich gefragt, wie die Frau eigentlich ihren Mann versteht oder ob das bei den beiden nicht so wichtig ist.

Ich komme also wieder ins Pfarramt und Frau D. und ihre Helferinnen sind schon fleißig beim Aufbauen. Die gestaltete Mitte ist gestaltet: große und kleine Muscheln, Batiktücher, kleine gefaltete Papierpelikane („Pelikan!Pelikan!Pelikan!Pelikan!“  Peng anyone?) und die obligatorischen Glassteine. Ich seufze leise und gehe nach oben um den Kartoffelsalat zu holen.

Etwas habe ich nämlich doch vorbereitet: Bahamas Kartoffelsalat. Bahamas, weil Frauen von den Bahamas in diesem Jahr den Weltgebetstag ausgerichtet haben (die Lieder, die Gebete, Ideen für eine Aktion, Rezepte zum Kochen und Backen). Und seit gestern weiß ich deshalb auch, wie sich eine Pfarrfrau fühlen muss. Klassischerweise hält die Pfarrfrau dem Pfarrer ja den Rücken frei: Er versorgt die Schäfchen mit dem Wort Gottes, sie versorgt den Pfarrer mit Nahrung, Kinderbetreuung, Ordnung halten und unbezahlter Gemeindearbeit. Meistens backt und kocht die gemeine Pfarrfrau auch bei Gemeindeveranstaltungen. Und je nachdem,wie gut sie das kann, kommt sie bei der Gemeinde an oder eben nicht.

Gestern spiele ich also einmal die Pfarrfrau, weil ich Bahamas Kartoffelsalat gemacht habe und inständig hoffe, dass die anwesenden Damen diesen Salat mögen. Als ich ihn am Abend vorher probiert habe, standen mir die Tränen in den Augen – vor Schärfe. Vielleicht war die halbe Chilischote doch eine halbe Chilischote zuviel? Mein Freund rüffelt mich regelmäßig, weil ich es beim Kochen mit der Schärfe gerne übertreibe. Und wenn ihm mein Essen schon zu scharf ist, wie soll es dann bei 70jährigen Seniorinnen sein, die höchstens mit Pfeffer würzen? Deshalb, leichte Nervosität meines Pfarrfrauen-Ichs.

Der Gottesdienst läuft in aller Verchecktheit ganz gut. 20 Frauen aus der Gemeinde sitzen im Stuhlkreis um die gestaltete Mitte, wir singen die Lieder („Auf den Bahamas, auf den Inseln, preisen wir unsern Gott!“ Ein fieses, fröhliches Ohrwurmlied)  und lesen die Lesungen. Wobei die vielen englischen Wörter immer ganz deutsch vorgelesen werden, was mich zwischendurch immer mal wieder sehr amüsiert. Zwischen dem Evangeliumstext macht Frau D. eine dreiteilige, sehr ausführliche Auslegung. Hier erfüllt die gestaltete Mitte dann doch ihren Zweck. Während Frau D. ihren Gedanken freien Lauf lässt (tatsächlich auch schöne Gedanken, nur schleppend dargeboten) verweile ich bei der gestalteten Mitte und frage mich, wo diese großen Muscheln wohl vor diesem Gottesdienst waren und warum ich nicht da bin, wo sie herkommen. Manche der Lieder kommen von CD und sind so quietschig fröhlich, dass ich ganz irritiert bin. Rasseln, Trommeln, Flöten und karibischer  Lobpreisgesang. 20 Seniorinnen, eine gestaltete Mitte und ein kalter Raum. Einige wippen leicht mit dem Kopf zu Musik. Na immerhin. Nächstes Jahr ist Kuba dran. Ich kündige an, dass nächstes Mal dann getanzt wird und frage ob irgendjemand Salsa tanzen kann. „Ja ich!“ Eine Dame um die 60 guckt mich an. Ich sage: „Na super, Salsa macht Spaß.“ „Salsa? Ach so, ich dachte, Sie meinten Walzer.“

Nach dem Gottesdienst ist dann für mich der große Showdown. Kommt der Kartoffelsalat an oder nicht? Ich bin kurz telefonieren, komme nach 5 Minuten wieder runter und werde empfangen mit „Ihr Kartoffelsalat geht weg wie warme Semmeln“ „Ganz lecker!“ „Wie ist das Rezept? Und was ist da drin? Sellerie? Ausgezeichnet!!“. Mein Pfarrfrauen-Ich ist ernsthaft erleichtert. Nicht auszudenken, wenn jetzt hier 20 vor Schärfe weinende Seniorinnen gesessen hätten. Ich koste den Salat und wundere mich: ich finde ihn ziemlich nüchtern. Eine der Damen winkt mir über die gestaltete Mitte hinweg zu und sagt: „die Schärfe kommt später!“

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