Pfarrerin allein zuhaus

Dieses Wochenende hätte ein schöner, kleiner Kurzurlaub werden können. Hamburg, der Liebste an meiner Seite, einen 30. Geburtstag feiern, Tanzen und nochmals so tun, als wäre ich nicht gerade frisch im Pfarramt. Dagegen sprachen zwei Gottesdienste heut vormittag und der 91. Geburtstag eines Gemeindegliedes heut nachmittag.

Ich hatte große Pläne für meinen gestrigen freien Samstag: endlich die Wohnung aufräumen (nächste Woche bekomme ich Besuch!), in Ruhe Zeitung lesen (als Pfarrerin muss man schließlich informiert sein was in der großen weiten Welt – deshalb Zeit-Abo – und in der kleinen hiesigen Welt – deshalb Regionalzeitungs-Abo so vor sich geht), den Blog versorgen, Spazieren gehen und irgendwie runter kommen von dieser Woche. Geklappt hat: ein bisschen Zeitung lesen, Bloggen, der Spaziergang und immerhin der dringend nötige Abwasch. Die Idee einer Pfarrfrau für mich setzt sich weiter in meinem Kopf fest – bei Interesse, bitte melden.

Heute also die zwei Gottesdienste und nachmittags der Geburtstagsbesuch. Nach zwei überstandenen Gottesdiensten fühle ich mich meistens  immer schon etwas entrückt. Da kommt dann so eine ganz schwere Müdigkeit auf, wie ich sie sonst nur nach einem langen Tag am See mit viel Schwimmen kenne. Nach vollbrachtem Dienst also so schnell wie möglich so viel wie möglich essen (ich sag ja, es echt wirklich wie nach dem Schwimmen) und dann ratzfatz ab ins Bett. Danach geht es dann meistens besser, aber so eine Grund-Matschigkeit bleibt den ganzen Tag und viel ist dann eigentlich nicht mehr mit mir los. Heute musste ich mich aber noch einmal aufrappeln und zum Geburtstagsbesuch fahren, denn nächste Woche ist dafür keine Zeit. Ulf (mein Auto) und ich fahren also los, müssen nochmal tanken und dann über viele, viele Dörfer  zum Geburtstagskind. Ich komme 20 Minuten später an als geplant, es waren wirklich viele Dörfer. Gemeinsam mit einem Presbyteriums-Mitglied komme ich bei Frau Krabbe an.

Normalerweise bleibe ich ungefähr eine Stunde bei einem Besuch. Bei Frau Krabbe waren es heute geschlagene 2,5 Stunden. Ich war so müde und matschig, ich hab den Absprung nicht geschafft. Man sagte uns in der Ausbildung, ein gutes Seelsorgespräch dauert eine Stunde. Danach kommt nichts Neues  mehr vom Gegenüber und man selbst kann auch nichts mehr aufnehmen. Frau Krabbe hat  mit ihren 91 Jahren natürlich unglaublich viel erlebt und wie das im Alter manchmal so ist, ist die Vergangenheit ganz lebendig, die Gegenwart nicht mehr so. In 2,5 Stunden erzählte sie mir nicht etwa ihr ganzes Leben (manche Leute schaffen so einen Rundumschlag in 40 Minuten!), es war nur ein kleiner Ausschnitt von drei (!) Jahren: Konfirmation bis erster Kuss mit dem späteren Ehemann. Sie beschrieb alles haargenau, vom Liebesschimmer (Schnaps für die Mädels damals – cooler Name, oder?!), über die Architektur des Tanzlokals (sämtliche Treppen, wo die Türen waren, der Hof, die Laterne und ihr Licht) bis zu allen dort anwenden Menschen und ihrem Verwandtschaftsgrad zu der heutigen Geburtstagsgesellschaft. Ich gebe hier auch nur einen Ausschnitt, seid froh darum. Mit mir am Tisch sitzen in diesen 2,5 Stunden ihr Schwiegersohn, eine Freundin aus dem Dorf und das Presbyteriums-Mitglied. Während Frau Krabbe in ihren Erinnerungen schwelgt und immer weiter ausholt, beginnt die Runde am Tisch von Kaffee auf Schnaps umzuschwenken. Ich traue mich nicht, ich muss ja mit Ulf wieder heil nach Hause kommen und außerdem bin ich noch im Probejahr. Je länger Frau Krabbe spricht, desto öfter geht die Flasche Schnaps rum. Neidisch blicke ich auf die gefüllten Schnapsgläser, dann auf mein Wasserglas, die Uhr (schon viertel vor sechs!) und unterbreche Frau Krabbe unter großem Kraftaufwand. Ich gehe zur Toilette (3 Tassen Kaffee, 3 Gläser Wasser, kein Schnaps) und auf dem Weg dahin höre ich sie so weiterreden, als säße ich noch am Tisch. Als ich wiederkomme schnappe ich mir das Presbyteriums-Mitglied (ein älterer Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist) und wir verlassen einigermaßen fluchtartig den Raum. Während des Gespräches wurde er anfangs ein paar Mal mit einbezogen („Sag mal! Das war damals doch so oder?“) Aber in der letzten halben Stunde hatte auch er keine Chance mehr mitzureden, zwischendurch sah er so aus, als wäre er eingeschlafen.  Er wirkt erleichtert, als ich endlich ankündige aufzubrechen. Aber Frau Krabbe will mir unbedingt noch ihr Schlafzimmer zeigen. Ich ahne warum. „Wollen Sie mir noch ein Foto von Ihrem Mann zeigen?“ In dem kleinen Zimmer, in dem sich die Wäsche stapelt und hinten ein schmales Bett steht, sehe ich zwei Fotos an der Wand.  Frau Krabbe als junge Frau (atemberaubend schön) und Herrn Krabbe als Offizier (bis auf die Kriegsuniform ebenfalls atemberaubend schön). „Frau Krabbe, Sie waren eine wunderschöne Frau!“ „Ach, ich hatte doch so viele Sommersprossen! Wollen Sie wissen, wo mein Mann überall Sommersprossen gefunden hat?“ Ich eile aus dem Zimmer, durch den Flur nach draußen, genug ist genug.

Von so einem Gespräch muss man auch erstmal runterkommen (ich denke, ich werde jetzt doch noch etwas Aufräumen und dabei richtig laut Musik hören. Stört hier ja niemanden). Die Liebesgeschichte zwischen Frau und Herrn Krabbe ist wirklich filmreif und ich habe das Gefühl, tatsächlich dabei gewesen zu sein vor 75 Jahren. Als das Dorf noch lebendig war, jede Woche getanzt wurde und dabei die jungen Männer die Treppe im Lokal herabsteigen mussten, um zu einem Mädchen auf der Bank sagen zu können „Darf ich bitten?“

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