Rollenkonflikte

Bevor ich Pfarrerin auf dem platten Land wurde war ich Vikarin in einer Stadt. Kirchenmusikalisch liegt in dieser Stadt das Gewicht eher im klassischen Bereich, qualitativ hochwertig – für mich nur eher uninteressant. Damit ich mein Rockstar-Ich (das gibt es nämlich auch noch) dennoch nicht vernachlässigen musste und neben der Arbeit in der Gemeinde ein weltlicher Bezug gesichert war, gründete ich mit ein paar lieben Leuten einen Chor. Einen Kneipen-Chor. Ziel der Sache: entspannt üben und singen und in Kneipen auftreten. Und dabei Bier trinken. Sowohl beim Üben als auch in der Kneipe, aber das ist ja selbstverständlich. Für meine erste Stelle als Pfarrerin auf dem platten Land musste ich diesen Chor leider zurücklassen. Die Mittwochabende in der  Runde fehlen mir doch sehr, nicht nur der Musik wegen, auch wegen der Leute.

In dieser Gemeinde gibt es auch einen Chor. Durchschnittsalter 70. Zwei Männer. 15 Frauen.  Es gibt einen Chorleiter, der immer Montags kommt und dann werden ganz klassisch Kirchenlieder gesungen. Aus dem Kneipenchor bin ich mehr Pop und Indie-Musik (Coldplay! Metronomy! Fleet Foxes!) gewöhnt, aber was solls. Für die Leute hier im Ort ist das super nett, die freuen sich wenn der junge Mann (der Stefan, 43?) kommt und ihnen ein bisschen einheizt. Und ich bin dabei und freue mich auch. Vor allem wenn ich Parallelen zwischen dem Gemeindechor und meinem geliebten Kneipenchor entdecke. Es ist vollkommen altersunabhängig, bei einer Chorprobe wird dazwischengequatscht und rumgegackert was das Zeug hält. Auch wenn kein Bier im Spiel ist. Manchmal bemitleide ich Stefan, wenn er erfolglos und wild gestikulierend versucht Ruhe in den wilden Haufen zu bekommen und erinnere mich milde lächelnd an meine Zeit als Chorleiterin.

Heute war Stefan aber verhindert und deshalb bin ich spontan eingesprungen. Die Kombination aus meinem Gitarrenbaby und einer sangesfreudigen Meute bewirkte ein erstaunliches Flashback in mir. Plötzlich war ich nicht etwa Pfarrerin, nein – ich war Chorleiterin. Aber auch nicht etwa die Chorleiterin vom Gemeindechor, nee nee, ich leitete den Gemeindechor wie den Kneipenchor. Ohne Bier. Aber mit genau der gleichen Stimmung. Von wegen Pfarrerin und gewählte Sprache und ich bin jetzt mal souverän. Pustekuchen. So viele dumme Sprüche hab ich seit Langem nicht mehr geklopft, meine Güte („Haben Sie Bock auf Taizé?“). Nun ja, die junge wilde Pfarrerin eben, die vielleicht doch besser hätte Rockstar werden sollen, wer weiß.

Aber die Truppe ließ sich netterweise auf alles ein (sämtliche Aufwärmübungen inklusive Gesichtkneten, Körper abklopfen, was nicht alles)  und zum Ende liefen sie auch zweistimmig singend durch den Raum und sahen fröhlich dabei aus. Ohne Stefan kriegen wir das mit dem Chor hier also auch irgendwie  hin. Aber ich bekomme das passende Chorleiterin- Sein ohne den Kneipenchor eindeutig nicht hin.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rollenkonflikte

  1. Ach Pfarrerin, seit Langem malwieder hier und gleich alles gelesen – aber dieser Text berührt mich natürlich am Meisten…auf vielleicht malwieder auf ein Glas in der Stadt am Fluss…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s