Tage, die hätten anders sein können

Wenn man den Tag damit beginnt, statt Milch Apfelsaft in den Kaffee zu kippen, ist das ja schon mal nicht der hoffnungsvollste Anfang. Der Kaffee schmeckte also durchaus seltsam, draußen war es trübe grau und vom gestrigen Gesprächsmarathon (die Zukunft! Die Region! Das Geld!) hatte ich mich nur mittelmäßig erholt. Bombenstimmung also bei mir  – genau richtig für zwei Geburtstagsbesuche ( die ja im Idealfall dem -> Gemeindeaufbau dienen sollen)

Nummer eins (Herr Fritz, unser Prädikant, grundsympathischer Mensch)  heut vormittag, mit Männertreff, aber Frauen (Frau Fritz, Frau Meier aus dem Gemeindecafé, ich) durften auch dabei sein. Ich komme um halb elf an und die Herrschaften sitzen schon wild diskutierend mit Bierfalschen am reich gedeckten Tisch. Ich sinke auf die Couch neben einen anderem Senior und bestaune Gulasch, Kartoffelsalat, Kassler, Kuchen und Käseplatten – super! Nur zum Essen komme ich gar nicht wie ich will, denn schwupps befinde ich mich mitten in einer hitzigen Debatte über die Lage des Dorfes („Die Kinder fehlen!!“), die Lage des Landes jetzt („Warum sollten Frauen in die Politik? Die sollen doch besser Kinder bekommen! Kinder fehlen ja auch!“), die Lage des Landes zu DDR-Zeiten („Da gab es noch mehr Kinder! Und mehr Arbeit! Und weniger moderne Maschinen, die den Menschen die Arbeit wegnehmen“) und richtig brisant wird es zur Lage des Landes zu Zeiten des Nationalsozialismus, es geht um die Umsiedlungspläne, Flüchtlingsbootsgeschichten, Madaskar, so Sachen.  Die Runde ist mittlerweile auch auf Pfeffi umgestiegen und die Stimmung entsprechend gelöst. Und der Mann neben mir sagt: „Aber die Juden haben ja auch Einiges dazu getan“ Ich, noch völlig ahnungslos in welche Richtung es gehen würde:  „Wie meinen Sie das?“ „Mein Vater hat erzählt, dass er bei einem Hauskauf dem Juden aus dem Dorf zweimal Geld geben musste“ Ich beginne zu ahnen, in welche Richtung und setze mich etwas aufrechter auf die Couch „Selbst, wenn das so war, dann kann man das doch so nicht verallgemeinern..!“ Der Mann neben mir auf der Couch setzt an: „Doch..Da gibt es noch viele Geschichten. “ Die anderen Herren vom Tisch stimmen zu oder auch nicht, es geht in einem allgemeinen Gemurmel unter. Herr Fritz springt ein „Wir sollten das Thema wechseln..“ Frau Meier sagt, ich solle doch noch was essen, ich käme ja gar nicht dazu. Aber mit dem Appetit ist es jetzt nicht mehr besonders weit her.

Nummer zwei wohnt in dem am weitesten entfernten Dorf meines Gebietes. Die Dame ist unlängst 80 geworden und wohnt in einem Haus in der Nähe des Bahnhofes (laut Auskunft das fünfte links nach dem Bahnhof). Dieser Bahnhof ist wie so Einiges hier seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Auch Google-Maps kennt den Bahnhof nicht und deswegen brauche ich zwei Touren zick zack durch das Dorf und zwei Mal Nachfragen bis ich ihr Haus wirklich finde: Verspätungszeit 30 Minuten. Das Gespräch ist nett, der Kaffee heiß und der Kuchen schmeckt. Nach einer Stunde (man lernt ja schließlich dazu) mache ich mich wieder auf den Weg und werde, während ich Ulf startklar mache, argwöhnisch von einer Mutter und ihrem Jungen beobachtet. Während ich versuche rückwärts von der Wiese auf den schmalen Weg zu fahren kommen sie langsam näher und starren mich weiterhin unheimlich an. Als ich dann vor lauter schlechtem Tag und schlechter Laune und dem dringenden Bedürfnis endlich hier wegzukommen hinten gegen den Zaun fahre, muss ich doch noch einmal raus. Kontaktaufnahme:  Mutter und Junge starren mich weiter wortlos an. „Guten Tag“. „Wer sind Sie?“ „Die neue Pfarrerin, und eben bin ich gegen diesen Zaun gefahren“ „Ach so, wir dachten Sie wären von den Zeugen Jehovas, die kommen hier nämlich auch immer her“ Im dem Moment wäre ich tatsächlich lieber jemand von den Zeugen als die neue Pfarrerin, die erst seit ein paar Monaten Auto fährt.

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2 Gedanken zu “Tage, die hätten anders sein können

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