Nach dem Examen ist vor dem Examen, nur anders

Frisch ins Pfarramt zu kommen fühlt sich für mich im Moment an wie Jonglieren. Nur, dass ich Jonglieren nie wirklich gelernt habe. Ich habe es in einer motivierten Phase mal für ungefähr 10 Sekunden geschafft mit 3 Bällen zu jonglieren. Kleine, handliche und quietschbunte  Bällchen.  Die Pfarramt-Bälle sind bisher weder klein noch handlich und es sind definitiv mehr als drei. Und als klassisches und noch dazu kirchenfern erzogenes Arbeiterkind hatte ich mit vielen dieser Bälle bisher überhaupt nichts zu tun.

Beispiel eins: der Regionalpfarrkonvent. Super Sache, das Stichwort Regionalisierung ist ja auch gerade in der Ausbildung in aller Munde. Ich sitze also einmal im Monat mit meinen Kolleginnen und Kollegen in einem der anderen kleinen Winzdörfer dieser landschaftlich wunderschönen, menschlich aussterbenden ländlichen Region und wir planen gemeinsame Gottesdienste, oder die große, finstere Zukunft (Trommelwirbel: der Sollstellenplan). Bei den ersten Treffen bringe ich kaum ein Wort raus – der Rest redet und redet und redet. Zwischendurch kleinere oder größere dogmatische Ausführungen, theologische Grundsatzdiskussionen und ich sitze daneben und wünsche mich in die kleine (ok, geographisch eher riesige), heile Gemeindewelt zurück, in der nur ich die Pfarrerin bin und kein typischer Pfarrherr mich mit Monologen an den Rand des Wahnsinns treibt. Diese Sprache! Dieses Gebärden! Diese ganze Selbstsicherheit – äußerst befremdlich. Dennoch, so konnte es nicht bleiben. Schweigen drückt auf die Stimmung und bei schlechter Stimmung passieren mir neuerdings ja gerne Dinge mit Ulf und Zäunen. Also raus aus der Schweige-Falle. Beim letzten Treffen rege ich zu Beginn eine Blitzlichtrunde an (sehr Predigerseminars-Stil, aber das ist ja nicht immer schlecht). Die Damen und Herren sind begeistert und los gehts. Entweder das Predigerseminar ist bei denen schon viel zu lange her (alle mindestens 10 Jahre im Amt) oder sie können sich einfach nicht zurückhalten. Jedenfalls geht kein Beitrag kommentarlos über die Bühne, es entspinnen sich wieder Reden, Reden, Reden und Diskussionen. Nach 45 Minuten (!) Blitzlichtrunde von 6 Beteiligten bin ich informiert, mit was die anderen so zu tun haben und was  alle anderen darüber denken. Und ich hab endlich frei von der Leber weg erzählt,  mit welch irren Dingen ich hier so zu tun habe, und habe dafür wärmendes, kuscheliges Mitleid erhalten. Für den großen Regionalgottedienst such ich jetzt ein paar schöne, frischere Lieder aus und biete an, sie mit Gitarre zu begleiten. „Was? Das kannst du auch noch?“ „Ja, ich bin Musikerin, das hab ich schon oft gemacht“. Tatsächlich – ich erhasche ein paar aufmerksame, teils bewundernde Blicke und fahre mit Ulf danach zufrieden und unbeschadet zurück.

Beispiel zwei: Kontaktaufnahme mit dem Amtsdirektor. Schlau ist es ja, sich als Kirchengemeinde mit der örtlichen Gemeinde irgendwie gut zu stellen und im Idealfall coole Kooperationen zu basteln. Vor dem Termin rutsche ich aufgeregt auf dem Stuhl im Flur hin und her, denn ich will nicht nur Smalltalken, sondern ihm ein Anliegen schmackhaft machen („um Amtshilfe bitten“). Eines unserer Archive braucht einen neuen Raum und in einem der Gebäude der Stadt wäre noch Platz. Der Direktor leidet  noch sicht- und hörbar unter den Resten einer Grippe. Ich weiß bisher nicht, wie man solche Gespräche taktisch klug führt, am Anfang reden wir über Allgemeines, seinen Job, meinen Job und die Parallelen, die beide haben (ein zu großen Gebiet, Menschen die eigentlich mehr Nähe erwarten). Irgendwann traue ich mich, das Archiv anzusprechen und oh Wunder – er ist offen. Allerdings nicht so offen wie ich es mir gewünscht hatte, totale Mietfreiheit wird es nicht geben, aber es wird günstiger als jetzt. Im Verlauf des Gespräches erfahre ich, dass er auch gerne mehr Kontakt mit der Kirchengemeinde haben würde, er bietet sogar an, mal im Presbyterium vorbeizuschauen. Ich bin freudig überrascht und erfahre von ihm im weiteren Verlauf noch Nützliches über die Leute hier und ihr Wahlverhalten: 10 % NPD. Hmpft.

Beispiel drei: Diese Woche bin ich in eine große Stadt, in ein großes Ministerium gefahren und habe mit wirklich großen Leuten über die Zukunft eines unserer Gemeindeprojekte diskutiert. Einer der wichtigen Männer (er meint, er wäre der wichtigste) hat mit diesem Projekt so allerhand vor, was er allerdings mit niemandem sonst abspricht. Er hat selbstständig ein neues Konzept für dieses Projekt erarbeitet und darum soll es nun gehen. Ich habe mir vorgenommen, seine großen Pläne möglichst charmant auszubremsen, denn intern überlegen wir gerade, wie dieses Projekt überhaupt weiter laufen kann. Außerdem habe ich einen Spickzettel mit schlauen, kritischen Anmerkungen über dieses Konzept von demjenigen aus der Gemeinde, der das Projekt seit Jahren betreut und sich mit allem auskennt, besser als der wichtige Mann mit dem neuen Konzept. Bevor ich in das Haus gehe sitze ich in der Sonne und rauche nervös, mein Mund ist ganz trocken. Ich fühle mich wirklich wie vor einer großen Prüfung, wie im Examen. Dass ich kleine Wurst mal für meine Gemeinde  in einem Ministerium abhängen würde, ich hätte es nie für möglich gehalten. Im Raum gibt es Kaffee und Kekse. Kaffee ist gut, Kekse schlecht (der trockene Mund). Zu Beginn stellt der wichtige Mann sein Konzept vor, dann ist Zeit für kritische Nachfragen. Ich brauche eine Weile um meinen Mut zu sammeln, die anderen sind schon kräftig am Nachfragen. Ich merke, wie  aufgeregt ich bin, wegen der Situation aber auch weil ich mich über diesen Mann so ärgere. Und ich schaffe es mich zu Wort zu melden, bestimmt 3,4 Mal. Am Ende ist der wichtige Mann verdächtig still, die anderen Akteure beratschlagen gemeinsam über das Projekt, mir wird viel Unterstützung signalisiert, großartig. Das neue Konzept muss in jedem Fall erstmal warten. Ich bin glücklich. Vom Gefühl her hätte ich jetzt kurz den Raum verlassen müssen um dann hinterher noch mal reinzugehen und meine Note zu erfahren. Aber das passiert nicht. Stattdessen esse ich ein paar Kekse, der wichtige Mann ist weg, die anderen noch da und ich gebe mein Bestes im Netzwerken. Ich versuche mitzuspielen und diesen Ball  nicht fallen zu lassen. Für mich, das Projekt und die Gemeinde. Statt nach gelungener Prüfung erstmal einen Sekt zu trinken und hinterher lecker essen zu gehen fahre ich ausgehungert (zu wenig Kekse) mit dem Zug zurück nach Hause. Und schreibe dort die Ansprache für die nächste Bestattung.

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8 Gedanken zu “Nach dem Examen ist vor dem Examen, nur anders

  1. Hallo,
    habe über Herrn Buddenbohm hierher gefunden und erst mal alles auf einen Rutsch durchgelesen.
    Sehr interessant und auch sehr nett, das alles von dieser Seite aus (sehr normal, sehr menschlich, sehr witzig, sehr humorvoll, sehr geistreich….) zu lesen.
    Bin dabei 😉
    Grüße von
    Eva

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo
    auch ich kam über die Herzdamengeschichten hierher und habe wirklich begeistert alles gelesen (und mir gleich als Favoriten gespeichert)
    Sehr toll, gibt mal Einsicht in die Arbeit einer Pfarrerin.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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