Das Leben der anderen

Letzte Woche fiel mein freier Samstag leider der Gottesdienstplanung zum Opfer. An sich ist das schon betrüblich, aber es war extra betrüblich, denn der Liebste war angereist und in mir schlummerte die Hoffnung, dass mich ein kleiner Schubs vom Heiligen Geist binnen 3 Stunden zur perfekten Predigt führen wurde. Der Geist weht bekanntlich wo er will, letzten Samstag hatte er scheinbar besseres zu tun, als bei mir vorbeizugucken. Also quälte ich mich bis in den späten Nachmittag mit dem Predigttext herum. Und danach dann Filmabend. Allerdings nicht auf meiner schönen grünen Couch mit dem Liebsten, sondern in einem der Dörfer. Genauer:  in dem Dorf mit dem Zaun. Dieses Dorf braucht gerade besondere Aufmerksamkeit, weil es bei der Gottesdienstplanung übersehen wurde  und  zudem ist es  am Weitesten vom Pfarramt entfernt, weit in der Pampa.

Als ich ankomme ist die kleine Kapelle schon gut gefüllt. Einige kenne ich aus anderen Dörfern, viele aber noch nicht. Der Organisator nimmt sich meiner an, zeigt nicht ohne Stolz das Gebäude. Und dann zeigt er den Anwesenden nicht ohne Stolz die neue Pfarrerin. Einige applaudieren daraufhin (weird!) und ich versuche davon nicht allzu irritiert ein paar nette Worte von mir zu geben. Dann setze ich mich auf einen freien Stuhl, der Organisator setzt sich rechts neben mich und los gehts.

Gezeigt werden Laien- Aufnahmen eines mittlerweile verstorbenen Dorfbewohners aus den 60er bis 80er Jahren. Aufgenommen mit einer 8mm-Kamera. Größtenteils schwarz-weiße Filmaufnahmen die das Leben in dem Dorf zeigen (Titel: „So leben wir in…“. )Zu Beginn das Wichtigste: die Landwirtschaft. Männer die eigentlich immer rauchen und/oder Schnaps trinken auf Traktoren, neben Traktoren oder hinter Traktoren und  Frauen mit Kopftüchern die auf den Feldern das Getreide (vielleicht Weizen) in pyramidenartige Haufen stellen. So hat man das früher gemacht, erklärt mir der Organisator. Er sagt mir auch, wie diese pyramidenartigen Haufen im Fachjargon heißen. Schon einen Moment später habe ich das neu gelernte Wort vergessen, denn mich beschäftigt die Frage, warum damals eigentlich alle Menschen so klein und stämmig waren. Von der Statur her sehen da alle komplett gleich aus, irgendwie quadratisch.  Die mussten ja schwer körperlich arbeiten, hatten nie frei und mit Überflussgesellschaft und tonnenweise Fleisch war es damals ja noch nicht weit her. In diese Überlegungen hinein von rechts immer weitere Informationen zu den Traktoren und den anderen technischen Gerätschaften und wie diese sich seither entwickelt haben. Ich nicke und hoffe ich sehe dabei halbwegs interessiert aus. Aus dem Rest des Raumes erklingen immer wieder erfreute Rufe „Das ist ja der Hans!“ „Ist das nicht Dorchen?!“ Auf der Leinwand geht es mittlerweile um das gesellschaftliche Leben im Dorf. Heute gibt es schon seit Jahren keinen Bahnhof mehr (das weiß auch Google maps, deshalb findet man ihn bestimmt auch nicht), die Kirchengemeinde besteht aus knapp einer handvoll Menschen. Damals: das sprudelnde Leben. Ein Fest wird gefeiert, die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps, die Frauen lachen und trinken Schnaps und alles ist voll mit Kindern. Zusammen mit der Heimatfilm-Soundtrack-artigen Hintergrundmusik gerate ich in gefühlsduselige Stimmung. Diese Sonne damals! All die glücklichen Menschen! Und die Kinder, so frei und braungebrannt auf ihren Rollern in diesen Lederhosen. Andere Sequenzen zeigen ausgelassene Faschingsumzüge. Das ganze Dorf ist unterwegs, in den verrücktesten Kostümen und die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps und die Frauen lachen und trinken Schnaps. Es sieht wirklich nach einer großartigen Zeit aus. Wenn gerade keiner rauchend oder Schnaps trinkend gezeigt wird, dann ist er oder sie gerade am Essen. Fatal –  zu diesem Zeitpunkt habe ich nämlich schon einen Bärenhunger. Zuhause wartet der Liebste und das Essen, ich schaue unauffällig auf die Uhr auf dem Smartphone. Schon 45 Minuten und kein Netz. Abgeschnitten von der Deutschen Bahn, abgeschnitten vom Mobilfunk – die haben es echt nicht leicht hier. Der Film handelt mittlerweile von der freiwilligen Feuerwehr. Ich freue mich, denn jetzt trinkt und raucht man weniger und trägt diese lustigen alten Schutzuniformen, mit denen der Gang so lustig watschelig ist. Ein Wettbewerb zwischen mehreren Feuerwehrsvereinen wird gezeigt. Von rechts: „Wenn man nicht bei der Feuerwehr ist, ist man ein Niemand.“ Soso. Übrigens sind auch meine lieben Konfirmanden bei der Feuerwehr, das Gerücht hält sich also noch bis in die Gegenwart. Männer werfen im Film  Schlauchrollen durch die Gegend, schleppen Pumpen, eine Stoppuhr wird gedrückt. Keine Ahnung wer gewonnen hat. Nächste Szene: wieder ein Fest im Dorf, wieder Kinder und Glückseligkeit. Und dann wieder Feuerwehr. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Mittlerweile ist der Film farbig. Mein Hunger macht mir wirklich zu schaffen und zum 50.Mal sehe ich  nun einen Feuerwehrmann seine Schlauchrolle durch die Gegend werfen. Von rechts: „die Feuerwehr ist wirklich wichtig.“. Meine Gefühlsduselei nimmt ab, das kann auch mit dem mittlerweile fast schmerzlichen Hunger zu tun haben. Der Film endet dann auch bald und ich bin froh, mich auf den Weg machen zu können.

„Haben Sie denn schon unsere Gaststätte gesehen?“ „Sie haben hier eine Gaststätte?!“ (Keinen Bahnhof, kein Netz, keine Menschen, aber eine Gaststätte – schon beachtlich) „Kommen Sie, ich zeige sie ihnen.“  „Aber nur kurz, ich will bald nach Hause“ So verschiebt sich meine Heimfahrt um ein Glas Wasser, obwohl ich lieber Schnaps gehabt hätte ( „Da da da da da da gehn wir hin.“) . Dafür kann ich da rauchen. Und das ist nun wirklich seltsam. Die Versammelten rauchen alle, ich werde eingeladen es ihnen gleich zu tun und freue mich. Ich drehe selber und das finden die Anwesenden so spannend, dass mir alle beim Drehen auf die Finger starren. „So fingerfertig“ „Ganz schön geschickt!“ Überaus surreal, denn meine Selbstgedrehten sehen tatsächlich aus wie Joints und das vollkommen unbeabsichtigt (ich kann nämlich keine Joints bauen). Aber wenigstens ein Bedürfnis, das gestillt wird, ich versuche mich zu entspannen und nicht alle 10 Sekunden auf die Uhr zu gucken. Nebenbei erfahre ich, dass hier tellergroße Schnitzel zubereitet werden. Was ich an sich zwar eher unappetitlich finde, aber in dem Moment hätte ich so ein Teller-SchniPo glatt geordert, hätte ich genug Geld dabei gehabt und hätte nicht zuhause der Liebste gewartet. Nach einer Weile reiße ich mich los und verabschiede mich.  Work-life-Balance – das leben Andere.

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