Überraschungen

In der letzten Woche habe ich zum ersten Mal bei einem Krankenbesuch Abendmahl gefeiert. Das habe ich bisher noch nie gemacht, die Dame hatte es sich sehr gewünscht also los ging es mit der Vorbereitung. Zum Abendmahl braucht man Abendmahlsgeschirr und Brot (Hostien) und Wein oder Traubensaft. Ich besitze noch kein eigenes Abendmahlsgeschirr, also habe ich hier im Pfarrhaus herum gesucht und schließlich – zu meiner Überraschung-  einen Koffer mit Geschirr to go entdeckt.

Dieser Koffer (von außen wie ein Aktenkoffer, seeehr lässig) ist ein kleines Wunderding: man macht ihn auf und dann liegen darin gut sortiert ein zusammensteckbares Holzkreuz, zwei Mini – Kerzenständer, ein kleiner silberner Kelch und eine Patene (so ein Tellerchen für die Hostien). Außerdem eine winzige bauchige Vase für den Wein, den man mit einem Korken zumachen kann (sieht nicht sehr vertrauenserweckend aus, deshalb bleibt sie leer)  Streichhölzer und Kerzen haben auch noch Platz und als ich zum ersten Mal in den Koffer geguckt hab, lag auch eine Tüte mit Hostien drin.

Diesen Koffer habe ich in unserm Archiv gefunden. Das Archiv ist ein kleiner, verdunkelter und muffig riechender Raum, in dem wild durcheinander gestapelt original Lutherbibeln (früher, ganz früher hatte die Gemeinde mal viel Geld), alte Gesangbücher und Teile von Kirchenschätzen (Bilder, Skulpturen, Leuchter) herumliegen. Man müsste dringend mal aufräumen, das hat seit einigen Jahren niemand mehr getan und deshalb betrachtete ich die Hostien skeptisch: sind die überhaupt noch gut? Andererseits – können Hostien überhaupt schlecht werden? Ich tausche das alte Tütchen sicherheitshalber gegen ein mir neuer erscheinendes (wer weiß von wann das ist?), das neben anderen alten Kostbarkeiten liegt. Nun brauche ich nur noch Wein und Saft, den ich im Supermarkt um die Ecke besorge. Dass ich im Discounter Abendmahlswein besorge finde ich schon etwas strange, aber irgendwoher muss das Zeug ja her kommen. Das zusammensteckbare Kreuz tausche ich noch gegen das kleinere, aber schönere selbstgeschnitzte Kreuz, das mir ein Freund zur Ordination geschenkt hat und dann kann es losgehen.

Als ich im Wohnzimmer bei Frau T.  ankomme überraschen mich zwei leuchtende Altarkerzen und ein großes Kruzifix auf dem Wohnzimmertisch (was Leute nicht alles in ihren Wohnung haben!). Nach dem Abendmahl überrascht mich, dass die Dame Lust hat mit mir gemeinsam Lieder aus dem Gesangbuch zu singen. Und danach überrascht mich, dass die Dame auch noch Lust hat, mir etwas vorzusingen. Ich sitze auf ihrem durchgesessenen, alten Couchstuhl, blicke auf das erleuchtete Kreuz und lausche den alten Glaubensliedern, die es in keinem Buch mehr gibt. Frau T. singt vorsichtig, bei den hohen Tönen bricht die Stimme manchmal weg. Aber sie hört nicht auf, sie singt immer bis das Lied vorbei ist. Tolle Frau,  denke ich, als ich mit dem Wunderkoffer losgehe.  Nicht überraschender Weise hatte ich natürlich Schwierigkeiten, Kelch und Patene wieder so in den Koffer zu tun, dass er auch zu geht. Aber Übung macht bekanntlich den Meister, beim Abendmahlfeiern, bei Wunderkoffern und bei den Überraschungen, die wohl noch auf mich warten werden.

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