Markt der Möglichkeiten

Nach vielen Wochen und einigen Geburtstagsbesuchen mit Grußkarten aus den 90ern und Calvin-Geschenkbüchlein war es letzte Woche endlich soweit: der Vertreter und Berater für schicke neue Geschenke  fand seinen Weg hierher ins Pfarramt.

Als er ankommt, sitze ich mit der Sekretärin und einer anderen Damen im Büro und rede gerade über die im Sommer anstehende goldene Konfirmation. Eine Tür schlägt, ich sehe kurz einen roten Kopf mit blondem Haar, es rumpelt hörbar. Dann ein Geräusch, das ich nicht richtig einordnen kann, etwa wie wwwwwwscht. Der Mann rennt noch ein paar Mal raus und rein, es rumpelt immer mal wieder. Scheinbar hat er Schwierigkeiten mit der Tür. Irgendwann verabschiedet sich die Dame  aus dem Büro und ich betrete  mit der Sekretärin den kleinen Gemeinschaftsraum, der plötzlich voll ist mit Taschen, Koffern und: einer kleinen, dreistöckigen Bibliothek. Erst als er seine Sachen wieder einpackt bemerke ich, dass er auch ein von innen leuchtendes Kreuz auf das Fensterbrett drapiert hat, was mir in dem Moment überhaupt nicht aufgefallen ist. So als gehörte das dahin. Der Mann meint es ernst.

Wir beginnen mit Geburtagskarten. Natürlich hat er ein unfassbar riesiges Sortiment dabei, natürlich werden die Karten günstiger, je mehr man bestellt (20, 40 oder gleich 100?)  und natürlich bin ich binnen kürzester Zeit vor lauter Sinneseindrücken völlig überfordert. Sonnenblumen oder der Angler auf dem See bei Sonnenuntergang? Steuerrad und Kompass (die mussten es später sein, ich stehe fürchterlich auf maritime Motive) oder Klosterlandschaft? Blumentopf oder Gartenstuhl? Einfache Karten oder zum Klappen? Mit oder ohne Umschlag?

Wenn man mehr schenken möchte als eine Karte, kann man auch ein kleines Heftchen (A5 oder kleiner,, 20 Seiten)  mit Gebeten, Psalmen oder Auslegungen dazu geben. Was es da nicht alles gibt, ich war ja völlig ahnungslos. Gewürze aus der Bibel, Kochen aus der Bibel, Heftchen mit Tierbabys und schönen Sprüchen, Heftchen angeblich für Männer (mit Autos oder Maschinen drauf, habe ich extra nicht bestellt) und noch tausend Sachen mehr und alles ganz bunt und hübsch anzuschauen.

Als wir nach Ewigkeiten schließlich bei Geschenken für Kinder ankommen bin ich so weit, dass ich alles, wirklich alles schön finde. Reizüberflutung und der Markt der Möglichkeiten machen Sachen mit mir. Verzückt betrachte ich die kleinen Sticker-Heftchen für Grundschulkinder (einzelne Geschichten aus dem Alten Testament, die Figuren kann man dann in die Landschaft kleben), die Wimmel-Bibel und spiele mit den bunten Armbändern (ich mag Schmuck!), die man den Kindern schenken kann. Den Grund, warum man diesen Kleinen nun bunte Armbänder schenken soll, hab ich mittlerweile wieder vergessen. In dem Moment erscheint es mir wie eine großartige Idee. Wie gesagt, der Mann meint es wirklich ernst.

Zum Glück sitze ich nicht allein mit all den bunten, schönen Dingen und dem Vertreter im Raum, die Sekretärin ist ja auch da und kann aufpassen. Allerdings blättert sie gerade auffällig lange in dem Heftchen mit den Tierbabys und fängt zwischendurch immer wieder leise an zu lachen. Nun gut – wir beide sind scheinbar keine Profis wenn der Vertreter kommt. Trotzdem hat sie Zahlen im Kopf wieviel man von was wirklich braucht und schließlich, nach über 2 Stunden bestellen wir. Zum Schluss zeigt er mir noch das  Kreuz vom Fensterbrett. Es liegt gut in der Hand, ist ziemlich schwer und leuchtet orange. Ich mag orange. Hastig stelle ich es weg.

Nachdem der Vertreter (der Versucher!!) die diversen Taschen, Koffer und die Bibliothek wieder in sein Auto geschafft hat, kommt er nochmal kurz ins Büro. Die Sekretärin und ich bekommen jeweils einen Engelsanhänger für den Schlüsselbund. Ich wundere mich nicht mal mehr darüber, dass ich mich über diesen kitschigen Anhänger freue. Und als er mir dann noch ein Buch für die Seniorenarbeit (über das ich länger nachgedacht habe)  mit den Worten „Restbestand“ liegen lässt weiß ich genau, dass ich ihn in einem halben Jahr wieder einladen werde.

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3 Gedanken zu “Markt der Möglichkeiten

  1. Danke für diese wunderbaren Einblicke. Ich glaube, bei einem Stickerheft zum Abendmahl wäre ich auch schwach geworden.
    Es ist sehr spannend, was Sie beruflich alles so zu tun haben
    Liebe Grüße
    Croco

    Gefällt mir

  2. Genau! Genau so ist es, wenn der Mann mit den Büchern kommt!
    Liebe Plötzlichpfarrerin, herzliche Grüße von einer Pfarrfrau vom Lande (der Gatte bespielt fünf Predigtstellen & 36 Dörfer) – ich lese mit großem Vergnügen und Anteilnahme mit, lasse meinen Mann über die Schulter gucken und wir haben beide schon diese „genau so ist es“-Momente gehabt. Schön, dass Sie uns teilhaben lassen.
    Ich bin bei den schicken bunten Trinkbechern schwach geworden – gab es als Weihnachtsgeschenk für alle Krippenspielkinder ….
    Alles Gute für die kommenden Tage und erfolgreiches Predigtschreiben!
    Mia

    Gefällt 2 Personen

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