Der Duft von Quitten

Vier Monate im Pfarramt habe ich bisher überstanden. Pfarramt in dieser Landgemeinde. Wenn ich auf Pfarrkonventen Kollegen und Kolleginnen treffe, reagieren die teilweise so: „Ach da bist du jetzt gelandet? Oh je. Und das für die erste Stelle!“ Dazu kommt dann meistens ein mitleidiges Streicheln über den Arm. Mega erbaulich.

Zwischendurch denke ich mir manchmal auch: Ach hier bin ich jetzt gelandet. Und ich bemerke zunehmend wie schwierig es ist, 8 Predigtstätten und 16 Dörfer unter einen Hut zu bekommen. Es gibt immer mindestens ein Dorf, das sich vernachlässigt fühlt („In Dorf X halten Sie doch auch Gottesdienste für 6 Leute. Bei uns sind es 8! Warum kommen Sie nicht auch zu uns?“). In dem Dorf von Herrn Fritz (dem Prädikanten) haben sich die Leute hinterher beschwert, dass er den Karfreitagsgottesdienst dort gehalten hat (was mich so gefreut hat!) und nicht ich. Es gibt Dörfer, die ganz nah beieinander liegen – man könnte rein räumlich betrachtet unter besten Vorzeichen gemeinsame Gottesdienste mit 15 statt 8 Leuten feiern – aber nöö, Dorf A und Dorf B bleiben lieber für sich. „Das war doch schon immer so“ Und was macht das mit mir (so fragt man in der Seelsorge. Und dann lernt man, dass man nicht man sagen soll und spricht ab sofort leicht zwanghaft in Ich-Botschaften)? Ganz klar: Ich (!) bin dann so richtig  „ANTI-ANTI“ (bitte die Bonaparte-Melodie mitdenken).  Und dann passieren so Sachen:

Erstes Gemeindecafé in einem der Dörfer. Ein kleiner, unscheinbarer Bungalow  beim Friedhof, an dem ich natürlich erstmal vorbei fahre  („Bei den weißen Schafen müssen Sie anhalten“. Dass die weißen Schafe Garten-Plastik-Deko sind hab ich erst bei der zweiten Tour über die Hauptstraße bemerkt). Drinnen dann 4 ältere Damen und ein Herr.  Ich blicke auf den Tisch und traue meinen Augen kaum: kein Kuchen, keine Torte, sondern tatsächlich saure Gurken und Leberwurstbrote! Herzhaftes Essen bei einem Gemeindecafé – irre. Ich werde herzlich begrüßt, halte die Andacht, danach machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Eine Dame fällt mir besonders auf. Sie ist die Älteste (an Pfingsten wird sie 92!) und spricht nicht, sie sitzt nur da und blickt in die Runde. Eine Tasse hat sie auch nicht dabei (der Bungalow hat keine Küche, also müssen alle Geschirr mitbringen. Nur ich nicht – für mich wird gesorgt, hehe), aber auch sie wird mit Leberwurstbroten versorgt. Die anderen erzählen viel, wo sie herkommen, wie das Dorf früher mal war. Zwei Damen beginnen während dieser Vorstellungsrunde zu meiner Überraschung und leichten Überforderung zu weinen, die Fluchtgeschichten…Vielleicht sollte ich eine andere Impuls-Frage als „Und stammen Sie von hier?“ überlegen.. Jedenfalls, etwas hat es mit dem Blick der ältesten Frau auf sich (Und nein. Ich habe nicht mit ihr geflirtet). Ich erfahre später, dass sie stark schwerhörig ist. Aber wenn sie mich über den Tisch anschaut, ist es als würde sie mich genau verstehen und mir etwas sagen wollen, nur eben ohne Worte.  Das passiert ein paar Mal – am Ende lächeln wir uns an.

Treffen mit den vier Konfirmanden und Konfirmandinnen. An Pfingsten werden sie konfirmiert, dabei werden sie – aller Voraussicht nach –  ihren Glauben bekennen, also reden wir passenderweise über das Glaubensbekenntnis, gehen die verschiedenen Sätze durch (überraschenderweise stößt sich niemand von ihnen an der Jungfrauengeburt – weird!) und bleiben lange beim Thema Tod und Auferstehung. In der kurzen Zeit, in der ich die jetzt begleite, werde ich  immer wieder überrascht und  hingehoddert von dem, was diese Jungschen so denken, hoffen und glauben. In der kleinen Runde reden sie ganz offen davon, wie liebe Leute gestorben sind (schon wieder feuchte Augen, auch ich), wie es ihnen damit ging und wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Später lesen sie mir die Konfirmationssprüche vor, die bei ihnen in der näheren Auswahl sind (bis nächste Woche müssen sie sich entscheiden) . Wirklich, ich freue mich darauf, diese kleine, feine Gruppe an Pfingsten zu konfirmieren.

Jetzt sitze ich in meiner eigentlich viel zu großen Pfarrwohnung und höre endlich mal wieder in Ruhe Musik. Ein Gewitter hat mich reingescheucht – eigentlich saß ich bis eben auf dem Marktplatz, versorgt mit Bratwurst und Bier, auf der Bank bei der Gärtnerfamilie des Ortes. Die Pfarrerin kann sich ja auch mal in der Öffentlichkeit zeigen und so. Jedenfalls rede ich mit der Gärtnerin und dann erzählt sie mit weichem Blick vom Pfarrgarten und den Apfelbäumen und den Quittenbäumen. „Im Herbst“ sagt sie zu mir “ da riecht das ganze Pfarrhaus nach Quitten. Das ist wunderschön – genau so riecht das Pfarrhaus hier. Nur hier riecht es so. „

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Mett und Trauer

Viele Kollegen und Kolleginnen nehmen im Pfarramt zu. Kein Wunder, es gibt ja ständig überall Kuchen und Torte. Beim Gemeindecafé, bei Geburstagsbesuchen, manchmal auch bei Kausualgesprächen. Ich habe doppeltes Pech: Erstens sehe ich so aus, als könnte ich gut viel Kuchen vertragen (groß und schlank). Zweitens mag ich nicht so gerne Kuchen. Nicht, dass er mir nun überhaupt nicht schmecken würde – aber wenn ich mich zwischen einem Stück Torte und sagen wir, einem Mettbrötchen  entscheiden könnte – das Brötchen gewinnt immer.

So ein Arbeitstag im Pfarrdienst kann ganz schön eng getimt sein, seit ich Pfarrerin (ohne ständig hier wohnenden Pfarrmann) bin ist mein TK-Pizza-Verbrauch rapide in die Höhe geschnellt. Manchmal klappt es mit dem Kochen und dann bin ich richtig stolz. Vor ein paar Wochen hab ich einen Rieseneinkauf in einer größeren Stadt gemacht (so richtig mit Gemüse und Obst und lauter frischen Sachen). Ich habe extra  keine Pizza gekauft, damit ich ja nicht in Versuchung gerate. Nur eine Dose Bio-Linsensuppe (immerhin Bio, wenn auch Dose) für den äußersten Notfall, wenn mal wieder gar keine Zeit ist. Der Einkauf war vormittags. Die Linsensuppe hat es nur bis zum nächsten Mittagessen geschafft.

Es gibt Anlässe in der Gemeinde, bei denen auch Herzhaftes serviert wird. Beispielsweise bei den Trauercafés nach Bestattungen. So ein Trauergottesdienst ist wirklich sehr anstrengend und oft  hab ich hinterher einen Bärenhunger. Ich finde es wichtig, bei diesen Zusammenkünften nach den Trauerfeiern dabei zu sein. Manchmal ergeben sich noch Gespräche mit den Angehörigen oder Menschen, die ich noch nicht kenne.

Ich habe schon festgestellt, wann es wo höchstwahrscheinlich welche belegten Brötchen gibt (Griebenschmalz -, Käse –  oder Mettbrötchen). Letzte Woche war eine Bestattung, bei der mich die Familie erst vergessen hatte einzuladen, worüber ich ehrlich gesagt, nicht wirklich traurig war. Manchmal sind diese Runden auch sehr anstrengend, meist kenne ich nur wenige Leute und ich muss dann auch Lust haben auf Smalltalk oder Spontan-Seelsorge. Eine halbe Stunde später rief mich die Familie dann doch an, ob ich nicht noch dazu kommen wolle. Ich folgte meinem Bauchgefühl und ging hin.

Ich komme in der Gaststätte an. „Nehmen Sie Platz! Schön, dass Sie da sind. Wollen Sie Kaffee? Was möchten Sie essen?“ „Danke, gerne Kaffee.“ Am Ende der Tafel entdecke ich Verheißungsvolles. „Gibt es denn noch Mettbrötchen?“ „Na klar, Sie bekommen die beiden letzten“. Ich bin hocherfreut und widme mich zunächst voll und ganz dem Brötchen. Nach einer Weile  betrachte ich kauend und schweigend die Trauergesellschaft. Es geht um die Verteilung des Erbes, man diskutiert laut und schimpfend.  Ein Senior fällt rein optisch aus der Reihe, er trägt einen hellen, teuer aussehenden Anzug und fängt meinen Blick auf. Er beginnt ein Gespräch und schon bald wechselt er seinen Platz und setzt sich mir gegenüber.

„Wollen wir ein bisschen über den HERRN reden?“ Ich verschlucke mich fast an meinem Brötchen. Bevor er sich rübersetzte ging es nämlich noch um seinen Wohnort und dass ich da für einige Zeit ein Seminar besucht hatte. Aber ok denke ich, ein offensichtlich gläubiger, theologisch interessierter Gesprächspartner – das ist ja auch mal eine nette Abwechslung. In großen Schritten geht es nun um Hiob, die Bergpredigt und die Erbsündenlehre. Er: „Damals..der Apfel und Eva und Adam. Die Erbsünde. Die Wurzel allen Übels..“ ich: „Ich finde, das ist eine überholte Lehre. Die Vorstellung, dass die Erbsünde von Generation zu Generation über die Fortpflanzung weitergegeben werden soll…Dann würden ja auch kleine Babies unter der Erbsünde stehen, das ist doch…“ Er: “ Sie haben wirklich schöne Augen!“. Überrascht halte ich einen Moment inne. Der Senior flirtet mit mir! Ich reagiere bewusst nicht darauf (ein Versuch souverän zu wirken), gucke kurz auf die Brötchen und versuche es nochmal mit dem Thema  Sünde. Aber er nimmt den Faden nicht mehr auf. Er spricht nun darüber, wie schön es für mich sein muss für den HERRN zu arbeiten und ich bestätige, dass ich meiner Meinung nach den coolsten Chef überhaupt  habe. Er freut sich für mich. „Aber Sie haben wirklich wunderschöne, blaue Augen“ Einen hartnäckiger Charmeur habe ich da erwischt.  „Danke, ja, äh..Und wollten Sie selber auch einmal ins Pfarramt?“… Meine zwei Mettbrötchen sind schließlich aufgegessen, ich habe zwei Tassen Kaffee getrunken und beschließe, das es jetzt Zeit ist zu gehen. Der Senior lässt es sich nicht nehmen, mich nach draußen vor die Tür zu bringen. Zügig verabschiede ich mich und gehe los, genug ist genug. So ein flirty-Gespräch hatte ich lange nicht mehr – und auf einem Trauercafé hatte ich es nun überhaupt nicht erwartet. Irritiert und gesättigt stapfe ich die Treppe in meine Wohnung hoch und freue mich darauf in den nächsten Stunden einfach mal ganz alleine am Schreibtisch abhängen zu können.

Abenteuermissionen

Mehr und mehr entdecke ich, welche Rollen zum Pfarrberuf noch dazu gehören. Gestern habe ich mich ein bisschen gefühlt wie Indiana Jones auf Schatzjagd. Wobei der Schatz die Reste einer Kirchenorgel waren und die gefährliche Reise zum Ziel innerhalb der Kirchenmauern lag.

Gemeinsam mit einem engagierten Dorfbewohner (das überraschend nette Ostermontags-Dorf) und einem orgelkundigem Menschen, der unsere Gemeinden im Umkreis berät, treffe ich mich vormittags zum Kaffee im ehemaligen Pfarrhaus des Ortes. Ein riesiges, runtergekommenes und verwunschen aussehendes Gebäude.

Von dieser Sorte haben wir übrigens viel hier in der Gegend. Am Wochenende bin ich mit einer Gruppe lieber Freunde und Freundinnen in einen verlassenen Gasthof geklettert. Früher konnte man da wohl wunderbar tanzen, heute ist der Dielenboden komplett verstaubt, überall liegt Papier und Müll, man findet alte Abrechnungen und auch Plattencover (Rolling Stones, symbolträchtig) . In der Ecke neben der Bühne stehen sogar noch die Pin-Ball-Automaten. Einer mit dem schönen Thema: „Back to the future“, inklusive Rathausuhr, Martin Mc Fly (fast nicht zu erkennen) und einem Hill-Valley Schildchen. Meine Leute und mich hat das sehr gefreut, denn wir haben uns an diesem Wochenende auch getroffen, um unsere Zurück in die Zukunft-Filmreihe zum Abschluss zu bringen. Vor langer Zeit  muss dieses Gasthaus wunderschön gewesen sein und oben hat wohl eine Familie gewohnt. Wir tappten vorsichtig die Treppen hoch und linsten in die Zimmer. Auf einer Tür waren mit glitzernden  Aufklebern Namen geklebt: Stefanie und Kevin. Wo die beiden wohl heute sind? Jedenfalls ein tolles, völlig marodes Gebäude – falls irgendein Aussteiger-Kollektiv etwas sucht zum Basteln – meldet euch bei mir!

Das alte Pfarrhaus im Ostermontags-Dorf jedenfalls ist in guten Händen. Der Mensch kann und will bauen und ist außerdem Musiker. Deshalb ist er mir natürlich sofort sehr sympathisch (seit Ostern sowieso) und wir plaudern, bevor wir rüber in die Kirche gehen, ein bisschen über uns, das Dorf (da wohnt ein bekannter Jazzmusiker! Das Dorf gewinnt immer mehr für mich) und über die Pläne mit der Orgel. Bei Baumaßnahmen vor einigen Jahren wurde sie auf rabiate Weise auseinander genommen und auf dem Boden verstreut. In der Kirche wütet zudem der Holzwurm und seit gestern weiß ich auch, woran man das erkennt: an den kleinen, feinen Holzstaub-Häufchen unter den Kirchenbänken. Auf den Kirchenbänken. Neben den Kirchenbänken. Auf den Treppen zur Empore, darunter und am Geländer. Die Holzwürmer müssen ganz schön dicke Bäuche haben. Es geht ihnen richtig gut da, quasi haben sie ein „geistliches Biotop“ (diesen schönen Begriff habe ich der Kreativität meiner lieben Band zu verdanken) größtenteils für sich alleine. Die eine Treppe ist wegen Holzwurmnagerei (mega dicke Bäuche!) schon gesperrt und deswegen fühle ich mich abenteuerlich mutig, die andere Treppe hochzuklettern, gemeinsam mit den zwei Männern. Die Empore ist auch nicht mehr so richtig sicher, sie neigt sich an der einen Seite kräftig nach unten und muss (wie so vieles, seufz) erneuert werden. Oben angekommen bietet sich ein Gräuelbild der holzwürmernden Verwüstung: Der gemeine Nagekäfer hat auch vor der Orgel nicht Halt gemacht. Eine kleine Holzstaubwüste hat sich gebildet.  In der Ecke rechts liegen diverse große und kleinen Pfeifen der Orgel (es gibt da auch ganz niedlich kleine, nicht größer als eine Hand), die Tastatur der Orgel ist komplett eingedreckt, in der Ecke links andere Holzteile. Wenn wir uns bewegen knarrt und knarzt es gewaltig.  Der orgelkundige Mensch behauptet, soviel von der Orgel sei gar nicht weggekommen, da könne man durchaus noch was retten. Unser erklärtes Ziel: Wiederspielbarkeit. Aber die Wiederspielbarkeit kann ich mir bisher nicht mal vorstellen. Wagemutig habe ich es dem Orgelkenner nachgetan und bin ein Stück weit  in die Orgel geklettert. Ich bin kein großer Orgelfan, aber seit gestern bin ich Fan der Größe der Orgel – in ein Instrument hineinzuklettern – das ist schon verdammt cool.  Schon beeindruckend hoch und mächtig, dabei ist es eine verhältnismäßig kleine Orgel mit nur einem Manual (in Berlin gibt es wohl eine Orgel mit 60 Manualen). Bei dieser Kletteraktion (ohne Peitsche, dafür mit Taschenlampe) entdecke ich weitere wild übereinander gestapelte Orgelpfeifen (ha!), eine Menge Staub und Dreck und… zwei Eierschalen! Es war also schon jemand vor uns da und hat verräterische Spuren hinterlassen. Nach kurzer Beratung charakterisieren wir den potentiellen Grabräuber als Marder. Der Holzwurm teilt sich sein geistlich-musikalisches Biotop also mit dem Marder. Nun ja, wenn schon die Orgel nicht gespielt werden kann, können immerhin Nagetier und Nagekäfer miteinander in der Orgel spielen.

Kurzzeit-Pfarrfamilie

Eigentlich hatte ich gehofft, dass es nach dem Ostermarathon etwas ruhiger zugehen würde. Besuch hatte sich angemeldet, zwei liebe Menschen (Katharina und Christian) , die ich noch aus meiner ersten Studentenstadt kenne.

Damals im ersten Semester lief ich noch mit zotteligen Dreadlocks herum und fand Cordröcke über Schlaghosen cool (mein Freund behauptet ich wäre ein typischer Kleinstadthippie, immer noch). Zum Glück fand Katharina das auch cool und so freundeten wir uns an. Von Theologie und allem was damit zusammen hing hatte kurz vor meinem ersten Semester überhaupt keinen Schimmer. Ich wusste, dass ich Latein, Griechisch und Hebräisch würde lernen müssen und dass das alles ziemlich lange dauern würde. Aber ich war voll naiver Hoffnung, das alles schon irgendwie zu schaffen, warum auch nicht? Die Sprachen wären ein Grund gewesen für das auch nicht. Und definitiv auch mein Lateinlehrer, Herr M. Meine Güte, was hab ich bei diesem Menschen Blut und Wasser geschwitzt, ich hatte sogar Albträume von ihm.  Eine Bekannte von mir ist damals tatsächlich in seinem Unterricht in Ohnmacht gefallen vor lauter Angst. Kein Witz. Ein Tyrann der Deklinationen.

An einem Abend in der Woche nach nach Ostern sitze ich mit Christian in einer ruhigen Minute unten auf der gelben Bank und wir rauchen und reden. Ich bin ziemlich geplättet, weil ich gerade mit drei Bestattungen parallel beschäftigt bin und die Trauergespräche sehr aufwühlend waren. Entweder sehr lang (über 2 Stunden)  oder einfach heftig (junger Mensch, jünger als ich). Und das in der Zeit, in der Urlaub viel besser wäre (nach Ostern) und doch der tolle und lang erwartete Besuch da ist. Christian arbeitet an der Uni in meiner ersten Studentenstadt. Christian hat eine Woche vorher gemeinsam mit dem Tyrann der Deklinationen die mündlichen Latinumsprüfungen abgenommen. Er sagt zu mir: „Hej, du hast doch das Latinum  – da schaffst du doch auch das Pfarramt.“ Diese Logik leuchtet mir nicht sofort ein (Landpfarramt und Latein??) und dann erklärt er: „Das hat Herr M. zu mir gesagt: der ganze Drill in Latein sollte euch darauf vorbereiten, wenn eben wie jetzt alles durcheinander gerät, dass ihr nicht die Nerven verliert.“ Da hat der fiese Tyrann doch tatsächlich einen fast freundlichen Ansatz gehabt – das hätte ich nie gedacht. Herr M. hört jetzt auf zu unterrichten, unvorstellbar. Wen kann er denn jetzt quälen und vorführen? Und was soll aus der nächsten Generation Pfarrer_innen werden, die nun ohne diese großartige Vorbereitung durch den Lateinkurs in den Berufsalltag geschickt werden? Die können ja gar nichts. Die rasten ja gleich aus, wenn mal drei Bestattungen aufeinander kommen.

Katharina und Christian sind seit anderthalb Jahren Eltern von der bezaubernden Auguste. Die war natürlich auch dabei und weil Katharina und Christian mich auch mal im Dienst (und überhaupt) erleben wollten, begleiteten sie mich zu dritt  zu einem der Gemeindecafés im Dorf von Herrn Fritz. Die Damen und Herren freuten sich sehr über den unvermuteten Besuch („Wir haben sowieso zuviel Kuchen!“). Christian war mein Roady und reichte mir bei Bedarf ungefragt meine Gitarre (bin ich doch noch ein bisschen Rockstar geworden, ha!) und half Lieder aussuchen und vorlesen. Katharina machte freundlich Smalltalk und achtete darauf, dass Auguste zwischen den ganzen Stühlen, älteren Menschen und Kuchenmassen nicht verloren ging. Angeblich kann Auguste nicht so gut mit alten Leuten, vor ihrer eigenen Urgroßmutter hat sie Angst und fängt zu weinen an wenn sie auf ihren Schoß soll.  Aber an diesem Nachmittag (oh Wunder!) schloss sie Freundschaft mit der ältesten und faltigsten Dame, die die Gruppe zu bieten hatte. Die beiden (und Teddy) verstanden sich prächtig, fast hätte Auguste der Dame ihren Teddy geschenkt. Zwischendurch geht es um Kindernamen und dass man früher doch ganz andere Namen gewählt hatte. Die älteste Dame, mit dem Teddy und Auguste auf dem Schoß sagt irgendwann: „Ich weiß gar nicht, wie ich den Namen meines Urenkels aussprechen soll. Irgendwie mit s und y und z?“ Katharina und ich fragten:“Sie können nicht sagen wie ihr Urenkel heißt?“ Sie schüttelt etwas traurig den Kopf. Mit „Auguste“ hat sie jedenfalls kein Problem.

Ein bisschen Zeit konnte ich mir zwischendurch dann doch  freischaufeln und so gingen wir zu fünft (der dreifache Besuch, mein Freund und ich)  spazieren. Wir sind eine ganze Weile unterwegs und genießen die Sonne. Auf dem Rückweg kommt uns ein Auto entgegen. Katharina und Christian laufen ein Stück weiter vorne. Mein Freund und ich nebeneinander, Auguste im Kinderwagen vor uns herschiebend.  Als das Auto bei uns beiden  ankommt wird es langsamer und eine Frau guckt aus dem Fenster. „Wohnen Sie im Neubau?“ ich: „Nein, im Pfarrhaus.“ sie: „Ach so, dann alles Gute!“ schließt das Fenster und fährt weiter. Futter für die Gerüchteküche. Irgendwas muss hier ja los sein, und sei es das kurze, ideale Pfarrfamilien-Leben der Entsendungsdienstlerin.

Osterfreuden Part II

Zum ersten Mal habe ich in diesem Jahr als Pfarrerin den Ostermarathon bestritten. Auf dieser langen Strecke habe ich so einiges zu sehen bekommen. Eine Auswahl:

Am Karfreitag hatte ich glücklicherweise nur einen Gottesdienst, weil der gute Herr Fritz den zweiten übernommen hat. Meine Predigt gefiel mir selber ganz gut, so gut, dass sie mich ziemlich mitgenommen hat und ich hinterher etwas schwermütig war (Karfreitag eben). Das lag aber vielleicht auch daran, dass nur 8 Leute da waren. Außerdem war der Gottesdienst mit Abendmahl und vorm Abendmahl bin ich immer nervös. Und wenn ich richtig nervös bin, bringe ich die Dinge durcheinander. Gerne auf richtig fatale Weise („Christi Blut, das für euch vergessen wird“).

Ein Presbyter aus dem Dorf fragte mich hinterher: „Und? Wie wars?“ Eigentlich hätte ich ihn das fragen müssen, aus der Gemeinde gab es nämlich überhaupt keine Rückmeldung. „War doch ganz schön..“ meinte ich und fühlte mich komisch dabei. Als ich hinterher erzählte, dass Herr Fritz im Nachbarort den Gottesdienst übernimmt und ich mich darüber freue meint ein anderer: „Waaas? Nur einen Gottesdienst heute? Das ist ja viel zu wenig an Karfreitag, das müssten doch viel mehr sein!“ Mit einem noch komischeren Gefühl fuhr ich danach wieder nach Hause. Aber immerhin wurde Christi Blut an diesem Karfreitag nicht vergessen, sondern vergossen.

Gottesdienst 1 am Ostersonntag war von der Bläsertruppe begleitet, die auch schon beim Vorstellungsgottesdienst grausig gespielt haben, bei der einen Beerdigung aber gut. Es scheint ein zyklisches auf und ab bei den Herren zu sein, Ostersonntag war ein großes Tief (wie unpassend zum Fest der Auferstehung!).  In der kleinen Kirche waren zwei alte Damen, zwei alte Herren, ein Elternpaar und zwei Kinder. Ostersonntag!! Die Bläsermänner verkündeten mir vorher, dass sie vorhaben ganz stark mitzusingen. Auch das hat nicht geklappt. Die Abendmahlsliturgie, die ja eigentlich so dialogmäßig zwischen Liturg_in und Gemeinde abläuft  musste ich alleine singen (“ Der Herr sei mit euch“ „und mit deinem  ( also meinem)  Geiste“) . Wenn die Bläser dann doch mal spielten und nicht schwiegen oder quatschten, war es viel zu laut für die kleine Kirche und unüberhörbar schief. Nach dem Gottesdienst beeilte ich mich zurück in meine Hauptpredigtstätte zu kommen. Da war nämlich Taufe angesagt. Die Bläsermänner beeilten sich auch, sie fuhren schneller los als ich. Unterwegs sah ich ein paar Autos am Waldrand stehen. Die Bläsermänner haben sich glaube ich nur so beeilt, damit sie noch in Ruhe im Wald pinkeln gehen konnten. Wenigstens sah ich sie nur von hinten.

Gottesdienst 2, die gleichen Bläser (weiter weg auf der Empore aber trotzdem genauso laut, genauso schief), ein in ein weißes Ungetüm gekleideter Täufling („Der gleiche Taufanzug wie sein Bruder!“ Die zwei werden sich amüsieren, wenn sie später mal ihre Taufbilder sehen), eine volle Kirche (Halleluja!) und vorher sogar noch Zeit, ein bisschen runterzukommen und nicht im Wald zu pinkeln. Allerdings: der Vater des Kindes fehlte. Er tauchte auch während des ganzen Gottesdienstes nicht auf. Das fand ich schade, ich hatte nämlich mit ihm das Taufgespräch am Telefon, während er an irgendeinem Flughafen war. Da machte er einen ganz netten Eindruck und die ganze Situation war irgendwie absurd witzig. Jedenfalls wusste keiner wo er war, aber niemand aus der Familie schien deswegen ernsthaft beunruhigt, was ich schon ein bisschen beunruhigend fand.  Das kleine weiße Rüschenmonsterchen  bei der Taufe hingegen: tiefenentspannt. Ohne Seiden-Mütze konnte ich am Taufstein dann auch seinen Kopf entdecken und erfolgreich taufen. Kein Schreck, keine Tränen. Immerhin.

Gottesdienst 3 war für mich die größte Überraschung. Ostermontag, eine Dorfpremiere. Neues Dorf, neue Leute. Mit einer Bläsertruppe von einem Gemeindeglied dort. Nach Ostersonntag 1 war ich vorsichtig mit meiner Ostervorfreude.  Als ich ankam, standen die Herrschaften schon vor der Kirche und spielten sich warm – und ich untertreibe nicht: sie spielten wundervoll. Und daneben: der Platz voll mit lauter jungen Leute, ein paar Kindern, Senioren und Seniorinnen- und alle guckten so fröhlich. Während des Gottesdienstes wurde ich permanent angelächelt, das war wirklich schön.  Beim Abendmahl segnete ich einen kleinen Jungen, der dabei seinen Kopf wie eine Katze in meine Hand schmiegte. Nach dem Gottesdienst hatten die Musiker noch Lust ein bisschen zu spielen und die Versammelten blieben sitzen und lauschten. Auch ich machte es mir in meiner Bank bequem und genoss, einfach mal zuzuhören und nichts sagen zu müssen.

Osterfreuden

Die kirchlichen Festtage sind ja meistens die Zeit, zu der man nach Hause fährt, die Eltern und Geschwister wieder sieht und Familienzeit genießt (oder auch nicht). Seit ich bei Kirchens am Start bin geht das für mich nicht mehr. Wer mich an Feiertagen sehen will, muss zu mir in die Gemeinde kommen.

Über Ostern hatte ich Besuch von meinem Freund und dessen Familie (Mutter, kleine Schwester – 6 Jahre, später kamen noch der Onkel, seine Frau und deren achtjährige Tochter dazu). Und plötzlich hatte ich die perfekte Pfarrfamilie! Es war herrlich: zwischen den Gottesdiensten wurde ich vorzüglich bekocht (Rouladen! Frankfurter grüne Sauce! Risotto!),  Abwasch und Aufräumen übernahmen die Damen und wenn ich vom Dienst kam, wurde ich neugierig ausgefragt, wie es denn war. Auf einmal war da sogar Osterdekoration in meiner Wohnung. Mit so blühendem Ästen aus dem Garten und bunten Plastikeiern. Und außerdem: die coole, kleine Schwester vom Freund: Gerda!

Am Gründonnerstag wurde Gerda gleich eingespannt zum Brot backen für das Tischabendmahl. Ungesäuertes Brot, Matzenbrot. Gerda knetete brav 15 Minuten lang den Teig, umsorgt von mir, Frau N. (die Frau für alles) und unserer Sekretärin. Die zwei Frauen haben sich sofort in Gerda verliebt, völlig verständlich.Ich habe ja noch nie Matzenbrot selber gemacht, aber wenn man es nach Rezept backt, kann ja eigentlich nicht viel schiefgehen. Wenn man das Rezept denn richtig liest. Die Brote buken und ruhten bis zum Nachmittag in der Gemeindeküche unten. Tischabendmahl war um 18 Uhr angesetzt. Um vier kam ich auf die Idee, meiner Schwiegermutter in spe (Barbara) die Brote mal zu zeigen. Die kann nämlich wunderbar backen. Besonders schön sahen sie schon mal nicht aus (5 platte, graue Flundern) und laut Barbara schmeckten sie nach „Baumarkt“. Nach einer kurzen Panikattacke meinerseits (Kann man das essen? Nein? Was MACHE ich denn jetzt?)  krempelte Barbara die Ärmel hoch und buk Matzenbrot 2.0. Ohne Öl und mit der Stunde Ruhepause, die der Teig eigentlich gebraucht hätte. In der Zwischenzeit konnte ich den Rest vorbereiten. Gegen sechs trudelten die ersten Damen aus der Gemeinde ein, wir waren eine große Runde, 18 Leute insgesamt. Gerda war traurig, dass ihr Brot nun nicht gegessen wurde, aber dafür erhielt sie andere wichtige Aufgaben. Punkt sechs Uhr waren die Brote fertig gebacken, Barbara probierte und befand sie für genießbar. Puh.

Gerda saß während der Andacht zwischen Barbara und mir, die anwesenden Damen aus der Gemeinde waren ebenfalls von ihrem Charme verzückt (Wer ist das? Ihre Schwägerin?! Ach das ist ja schön!). Ingesamt war es eine wirklich schöne Feier – zwei der Konfi-Jungs (die sich eigentlich überhaupt nicht mögen, aber das hat man null gemerkt)  haben mitgeholfen und mit mir abwechselnd Texte gelesen.  Als wir dann Traubensaft und das (noch warme) Matzenbrot teilten war die Stimmung erst feierlich, dann fröhlich und ausgelassen. Konfi Max machte ein paar Witze und die älteren Damen lachten herzlich.  So soll es doch sein beim Abendmahl!! Max wollte gleich das Rezept für das Matzenbrot haben, weil er es so lecker fand (wie die anderen Teilnehmenden auch, nochmal puh). Ich war über alle Maße zufrieden. Zum Schluss hatte Gerda dann ihren großen Auftritt: Sie las eine Fürbitte. Mit einem ganz entzückendem erste-Klasse-Deutsch aber ganz ruhig und ernsthaft. Ich saß neben ihr und hatte Herzklopfen. Die anderen Herzen im Raum hatte sie damit dann endgültig erobert. Nach dem Segen blieben viele noch sitzen, Brot, Wein und Weintrauben wurden immer wieder weitergereicht („Voll die Party“ Zitat Max), wir haben soviel gelacht, dass der Rest der Familie oben sich wunderte, was wir eigentlich im Gemeinderaum gemacht haben. So kann es eben auch sein  – superbe.