Abenteuermissionen

Mehr und mehr entdecke ich, welche Rollen zum Pfarrberuf noch dazu gehören. Gestern habe ich mich ein bisschen gefühlt wie Indiana Jones auf Schatzjagd. Wobei der Schatz die Reste einer Kirchenorgel waren und die gefährliche Reise zum Ziel innerhalb der Kirchenmauern lag.

Gemeinsam mit einem engagierten Dorfbewohner (das überraschend nette Ostermontags-Dorf) und einem orgelkundigem Menschen, der unsere Gemeinden im Umkreis berät, treffe ich mich vormittags zum Kaffee im ehemaligen Pfarrhaus des Ortes. Ein riesiges, runtergekommenes und verwunschen aussehendes Gebäude.

Von dieser Sorte haben wir übrigens viel hier in der Gegend. Am Wochenende bin ich mit einer Gruppe lieber Freunde und Freundinnen in einen verlassenen Gasthof geklettert. Früher konnte man da wohl wunderbar tanzen, heute ist der Dielenboden komplett verstaubt, überall liegt Papier und Müll, man findet alte Abrechnungen und auch Plattencover (Rolling Stones, symbolträchtig) . In der Ecke neben der Bühne stehen sogar noch die Pin-Ball-Automaten. Einer mit dem schönen Thema: „Back to the future“, inklusive Rathausuhr, Martin Mc Fly (fast nicht zu erkennen) und einem Hill-Valley Schildchen. Meine Leute und mich hat das sehr gefreut, denn wir haben uns an diesem Wochenende auch getroffen, um unsere Zurück in die Zukunft-Filmreihe zum Abschluss zu bringen. Vor langer Zeit  muss dieses Gasthaus wunderschön gewesen sein und oben hat wohl eine Familie gewohnt. Wir tappten vorsichtig die Treppen hoch und linsten in die Zimmer. Auf einer Tür waren mit glitzernden  Aufklebern Namen geklebt: Stefanie und Kevin. Wo die beiden wohl heute sind? Jedenfalls ein tolles, völlig marodes Gebäude – falls irgendein Aussteiger-Kollektiv etwas sucht zum Basteln – meldet euch bei mir!

Das alte Pfarrhaus im Ostermontags-Dorf jedenfalls ist in guten Händen. Der Mensch kann und will bauen und ist außerdem Musiker. Deshalb ist er mir natürlich sofort sehr sympathisch (seit Ostern sowieso) und wir plaudern, bevor wir rüber in die Kirche gehen, ein bisschen über uns, das Dorf (da wohnt ein bekannter Jazzmusiker! Das Dorf gewinnt immer mehr für mich) und über die Pläne mit der Orgel. Bei Baumaßnahmen vor einigen Jahren wurde sie auf rabiate Weise auseinander genommen und auf dem Boden verstreut. In der Kirche wütet zudem der Holzwurm und seit gestern weiß ich auch, woran man das erkennt: an den kleinen, feinen Holzstaub-Häufchen unter den Kirchenbänken. Auf den Kirchenbänken. Neben den Kirchenbänken. Auf den Treppen zur Empore, darunter und am Geländer. Die Holzwürmer müssen ganz schön dicke Bäuche haben. Es geht ihnen richtig gut da, quasi haben sie ein „geistliches Biotop“ (diesen schönen Begriff habe ich der Kreativität meiner lieben Band zu verdanken) größtenteils für sich alleine. Die eine Treppe ist wegen Holzwurmnagerei (mega dicke Bäuche!) schon gesperrt und deswegen fühle ich mich abenteuerlich mutig, die andere Treppe hochzuklettern, gemeinsam mit den zwei Männern. Die Empore ist auch nicht mehr so richtig sicher, sie neigt sich an der einen Seite kräftig nach unten und muss (wie so vieles, seufz) erneuert werden. Oben angekommen bietet sich ein Gräuelbild der holzwürmernden Verwüstung: Der gemeine Nagekäfer hat auch vor der Orgel nicht Halt gemacht. Eine kleine Holzstaubwüste hat sich gebildet.  In der Ecke rechts liegen diverse große und kleinen Pfeifen der Orgel (es gibt da auch ganz niedlich kleine, nicht größer als eine Hand), die Tastatur der Orgel ist komplett eingedreckt, in der Ecke links andere Holzteile. Wenn wir uns bewegen knarrt und knarzt es gewaltig.  Der orgelkundige Mensch behauptet, soviel von der Orgel sei gar nicht weggekommen, da könne man durchaus noch was retten. Unser erklärtes Ziel: Wiederspielbarkeit. Aber die Wiederspielbarkeit kann ich mir bisher nicht mal vorstellen. Wagemutig habe ich es dem Orgelkenner nachgetan und bin ein Stück weit  in die Orgel geklettert. Ich bin kein großer Orgelfan, aber seit gestern bin ich Fan der Größe der Orgel – in ein Instrument hineinzuklettern – das ist schon verdammt cool.  Schon beeindruckend hoch und mächtig, dabei ist es eine verhältnismäßig kleine Orgel mit nur einem Manual (in Berlin gibt es wohl eine Orgel mit 60 Manualen). Bei dieser Kletteraktion (ohne Peitsche, dafür mit Taschenlampe) entdecke ich weitere wild übereinander gestapelte Orgelpfeifen (ha!), eine Menge Staub und Dreck und… zwei Eierschalen! Es war also schon jemand vor uns da und hat verräterische Spuren hinterlassen. Nach kurzer Beratung charakterisieren wir den potentiellen Grabräuber als Marder. Der Holzwurm teilt sich sein geistlich-musikalisches Biotop also mit dem Marder. Nun ja, wenn schon die Orgel nicht gespielt werden kann, können immerhin Nagetier und Nagekäfer miteinander in der Orgel spielen.

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4 Gedanken zu “Abenteuermissionen

  1. Habe bisher immer still mitgelesen, auch alles bis zum Anfang rückwärts nachgelesen, seit ich von den Herzdamengeschichten hier herüberlinst habe. Wollte nur mal hinterlassen: ich bin gerne hier, weiter so! 🙂

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