Mett und Trauer

Viele Kollegen und Kolleginnen nehmen im Pfarramt zu. Kein Wunder, es gibt ja ständig überall Kuchen und Torte. Beim Gemeindecafé, bei Geburstagsbesuchen, manchmal auch bei Kausualgesprächen. Ich habe doppeltes Pech: Erstens sehe ich so aus, als könnte ich gut viel Kuchen vertragen (groß und schlank). Zweitens mag ich nicht so gerne Kuchen. Nicht, dass er mir nun überhaupt nicht schmecken würde – aber wenn ich mich zwischen einem Stück Torte und sagen wir, einem Mettbrötchen  entscheiden könnte – das Brötchen gewinnt immer.

So ein Arbeitstag im Pfarrdienst kann ganz schön eng getimt sein, seit ich Pfarrerin (ohne ständig hier wohnenden Pfarrmann) bin ist mein TK-Pizza-Verbrauch rapide in die Höhe geschnellt. Manchmal klappt es mit dem Kochen und dann bin ich richtig stolz. Vor ein paar Wochen hab ich einen Rieseneinkauf in einer größeren Stadt gemacht (so richtig mit Gemüse und Obst und lauter frischen Sachen). Ich habe extra  keine Pizza gekauft, damit ich ja nicht in Versuchung gerate. Nur eine Dose Bio-Linsensuppe (immerhin Bio, wenn auch Dose) für den äußersten Notfall, wenn mal wieder gar keine Zeit ist. Der Einkauf war vormittags. Die Linsensuppe hat es nur bis zum nächsten Mittagessen geschafft.

Es gibt Anlässe in der Gemeinde, bei denen auch Herzhaftes serviert wird. Beispielsweise bei den Trauercafés nach Bestattungen. So ein Trauergottesdienst ist wirklich sehr anstrengend und oft  hab ich hinterher einen Bärenhunger. Ich finde es wichtig, bei diesen Zusammenkünften nach den Trauerfeiern dabei zu sein. Manchmal ergeben sich noch Gespräche mit den Angehörigen oder Menschen, die ich noch nicht kenne.

Ich habe schon festgestellt, wann es wo höchstwahrscheinlich welche belegten Brötchen gibt (Griebenschmalz -, Käse –  oder Mettbrötchen). Letzte Woche war eine Bestattung, bei der mich die Familie erst vergessen hatte einzuladen, worüber ich ehrlich gesagt, nicht wirklich traurig war. Manchmal sind diese Runden auch sehr anstrengend, meist kenne ich nur wenige Leute und ich muss dann auch Lust haben auf Smalltalk oder Spontan-Seelsorge. Eine halbe Stunde später rief mich die Familie dann doch an, ob ich nicht noch dazu kommen wolle. Ich folgte meinem Bauchgefühl und ging hin.

Ich komme in der Gaststätte an. „Nehmen Sie Platz! Schön, dass Sie da sind. Wollen Sie Kaffee? Was möchten Sie essen?“ „Danke, gerne Kaffee.“ Am Ende der Tafel entdecke ich Verheißungsvolles. „Gibt es denn noch Mettbrötchen?“ „Na klar, Sie bekommen die beiden letzten“. Ich bin hocherfreut und widme mich zunächst voll und ganz dem Brötchen. Nach einer Weile  betrachte ich kauend und schweigend die Trauergesellschaft. Es geht um die Verteilung des Erbes, man diskutiert laut und schimpfend.  Ein Senior fällt rein optisch aus der Reihe, er trägt einen hellen, teuer aussehenden Anzug und fängt meinen Blick auf. Er beginnt ein Gespräch und schon bald wechselt er seinen Platz und setzt sich mir gegenüber.

„Wollen wir ein bisschen über den HERRN reden?“ Ich verschlucke mich fast an meinem Brötchen. Bevor er sich rübersetzte ging es nämlich noch um seinen Wohnort und dass ich da für einige Zeit ein Seminar besucht hatte. Aber ok denke ich, ein offensichtlich gläubiger, theologisch interessierter Gesprächspartner – das ist ja auch mal eine nette Abwechslung. In großen Schritten geht es nun um Hiob, die Bergpredigt und die Erbsündenlehre. Er: „Damals..der Apfel und Eva und Adam. Die Erbsünde. Die Wurzel allen Übels..“ ich: „Ich finde, das ist eine überholte Lehre. Die Vorstellung, dass die Erbsünde von Generation zu Generation über die Fortpflanzung weitergegeben werden soll…Dann würden ja auch kleine Babies unter der Erbsünde stehen, das ist doch…“ Er: “ Sie haben wirklich schöne Augen!“. Überrascht halte ich einen Moment inne. Der Senior flirtet mit mir! Ich reagiere bewusst nicht darauf (ein Versuch souverän zu wirken), gucke kurz auf die Brötchen und versuche es nochmal mit dem Thema  Sünde. Aber er nimmt den Faden nicht mehr auf. Er spricht nun darüber, wie schön es für mich sein muss für den HERRN zu arbeiten und ich bestätige, dass ich meiner Meinung nach den coolsten Chef überhaupt  habe. Er freut sich für mich. „Aber Sie haben wirklich wunderschöne, blaue Augen“ Einen hartnäckiger Charmeur habe ich da erwischt.  „Danke, ja, äh..Und wollten Sie selber auch einmal ins Pfarramt?“… Meine zwei Mettbrötchen sind schließlich aufgegessen, ich habe zwei Tassen Kaffee getrunken und beschließe, das es jetzt Zeit ist zu gehen. Der Senior lässt es sich nicht nehmen, mich nach draußen vor die Tür zu bringen. Zügig verabschiede ich mich und gehe los, genug ist genug. So ein flirty-Gespräch hatte ich lange nicht mehr – und auf einem Trauercafé hatte ich es nun überhaupt nicht erwartet. Irritiert und gesättigt stapfe ich die Treppe in meine Wohnung hoch und freue mich darauf in den nächsten Stunden einfach mal ganz alleine am Schreibtisch abhängen zu können.

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