Der Duft von Quitten

Vier Monate im Pfarramt habe ich bisher überstanden. Pfarramt in dieser Landgemeinde. Wenn ich auf Pfarrkonventen Kollegen und Kolleginnen treffe, reagieren die teilweise so: „Ach da bist du jetzt gelandet? Oh je. Und das für die erste Stelle!“ Dazu kommt dann meistens ein mitleidiges Streicheln über den Arm. Mega erbaulich.

Zwischendurch denke ich mir manchmal auch: Ach hier bin ich jetzt gelandet. Und ich bemerke zunehmend wie schwierig es ist, 8 Predigtstätten und 16 Dörfer unter einen Hut zu bekommen. Es gibt immer mindestens ein Dorf, das sich vernachlässigt fühlt („In Dorf X halten Sie doch auch Gottesdienste für 6 Leute. Bei uns sind es 8! Warum kommen Sie nicht auch zu uns?“). In dem Dorf von Herrn Fritz (dem Prädikanten) haben sich die Leute hinterher beschwert, dass er den Karfreitagsgottesdienst dort gehalten hat (was mich so gefreut hat!) und nicht ich. Es gibt Dörfer, die ganz nah beieinander liegen – man könnte rein räumlich betrachtet unter besten Vorzeichen gemeinsame Gottesdienste mit 15 statt 8 Leuten feiern – aber nöö, Dorf A und Dorf B bleiben lieber für sich. „Das war doch schon immer so“ Und was macht das mit mir (so fragt man in der Seelsorge. Und dann lernt man, dass man nicht man sagen soll und spricht ab sofort leicht zwanghaft in Ich-Botschaften)? Ganz klar: Ich (!) bin dann so richtig  „ANTI-ANTI“ (bitte die Bonaparte-Melodie mitdenken).  Und dann passieren so Sachen:

Erstes Gemeindecafé in einem der Dörfer. Ein kleiner, unscheinbarer Bungalow  beim Friedhof, an dem ich natürlich erstmal vorbei fahre  („Bei den weißen Schafen müssen Sie anhalten“. Dass die weißen Schafe Garten-Plastik-Deko sind hab ich erst bei der zweiten Tour über die Hauptstraße bemerkt). Drinnen dann 4 ältere Damen und ein Herr.  Ich blicke auf den Tisch und traue meinen Augen kaum: kein Kuchen, keine Torte, sondern tatsächlich saure Gurken und Leberwurstbrote! Herzhaftes Essen bei einem Gemeindecafé – irre. Ich werde herzlich begrüßt, halte die Andacht, danach machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Eine Dame fällt mir besonders auf. Sie ist die Älteste (an Pfingsten wird sie 92!) und spricht nicht, sie sitzt nur da und blickt in die Runde. Eine Tasse hat sie auch nicht dabei (der Bungalow hat keine Küche, also müssen alle Geschirr mitbringen. Nur ich nicht – für mich wird gesorgt, hehe), aber auch sie wird mit Leberwurstbroten versorgt. Die anderen erzählen viel, wo sie herkommen, wie das Dorf früher mal war. Zwei Damen beginnen während dieser Vorstellungsrunde zu meiner Überraschung und leichten Überforderung zu weinen, die Fluchtgeschichten…Vielleicht sollte ich eine andere Impuls-Frage als „Und stammen Sie von hier?“ überlegen.. Jedenfalls, etwas hat es mit dem Blick der ältesten Frau auf sich (Und nein. Ich habe nicht mit ihr geflirtet). Ich erfahre später, dass sie stark schwerhörig ist. Aber wenn sie mich über den Tisch anschaut, ist es als würde sie mich genau verstehen und mir etwas sagen wollen, nur eben ohne Worte.  Das passiert ein paar Mal – am Ende lächeln wir uns an.

Treffen mit den vier Konfirmanden und Konfirmandinnen. An Pfingsten werden sie konfirmiert, dabei werden sie – aller Voraussicht nach –  ihren Glauben bekennen, also reden wir passenderweise über das Glaubensbekenntnis, gehen die verschiedenen Sätze durch (überraschenderweise stößt sich niemand von ihnen an der Jungfrauengeburt – weird!) und bleiben lange beim Thema Tod und Auferstehung. In der kurzen Zeit, in der ich die jetzt begleite, werde ich  immer wieder überrascht und  hingehoddert von dem, was diese Jungschen so denken, hoffen und glauben. In der kleinen Runde reden sie ganz offen davon, wie liebe Leute gestorben sind (schon wieder feuchte Augen, auch ich), wie es ihnen damit ging und wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Später lesen sie mir die Konfirmationssprüche vor, die bei ihnen in der näheren Auswahl sind (bis nächste Woche müssen sie sich entscheiden) . Wirklich, ich freue mich darauf, diese kleine, feine Gruppe an Pfingsten zu konfirmieren.

Jetzt sitze ich in meiner eigentlich viel zu großen Pfarrwohnung und höre endlich mal wieder in Ruhe Musik. Ein Gewitter hat mich reingescheucht – eigentlich saß ich bis eben auf dem Marktplatz, versorgt mit Bratwurst und Bier, auf der Bank bei der Gärtnerfamilie des Ortes. Die Pfarrerin kann sich ja auch mal in der Öffentlichkeit zeigen und so. Jedenfalls rede ich mit der Gärtnerin und dann erzählt sie mit weichem Blick vom Pfarrgarten und den Apfelbäumen und den Quittenbäumen. „Im Herbst“ sagt sie zu mir “ da riecht das ganze Pfarrhaus nach Quitten. Das ist wunderschön – genau so riecht das Pfarrhaus hier. Nur hier riecht es so. „

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3 Gedanken zu “Der Duft von Quitten

  1. Pass auf dich auf. Es liest sich so lustig, aber zwischen den Zeilen klingt heraus, dass es dir vielleicht doch nicht so gut geht.
    Daher – halte deine Balance.
    Und ich lese weiter begeistert mit (aber diesmal mit Sorge)

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  2. Ich bin eine sie :-), ein weibliches Krokodil.

    Magst du mal was über den Entsendungsdienst schreiben? Mir ist das völlig unklar. Muss man da irgendwo hin? Wie fängt man eigentlich an?

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