Das erste Mal: Konfirmation

Wenn ich mich recht zurück erinnere, wurde ich 1999 am Pfingstsonntag in meiner kleinen Heimatstadt konfirmiert. Ich weiß  noch wie aufgeregt ich war – weniger wegen der eigenen Konfirmation, sondern mehr weil ich damals mit meiner Band im Gottesdienst musiziert habe (damals noch eher uncool am Keyboard, mittlerweile bin ich ja aufgestiegen zur Gitarristin und Sängerin). Ich weiß noch genau, welche Klamotten ich damals getragen habe: eine weite schwarze Stoffhose, einen Blazer und ein Shirt mit Blumen vorne drauf. Unser Pfarrer (mit dem ich glücklicherweise noch heute befreundet bin) hat damals in der Predigt über Pink Floyds „Another brick in the wall“ gepredigt und als Geschenk bekamen wir jede und jeder einen Mauerstein. Der verwitterte dann irgendwann auf unserem Balkon und wo er heute abgeblieben ist, weiß ich nicht mehr.

Gestern, am Pfingstsonntag, habe ich zum ersten Mal konfirmiert. Entsprechend aufgeregt war ich, zumal ich die vier Jugendlichen in der kurzen Zeit, in der ich hier bin schon ins Herz geschlossen habe. Maria, Marcus, Marlen und Merle. Ja, die Namen fangen tatsächlich alle mit „m“ an und ich fand das am Anfang auch sehr verwirrend. Bei der Vorbereitung des Gottesdienstes habe ich überlegt, zu was ich denn predigen könnte. Eine Band, die ein Lied spielen könnte gibt es hier ja leider nicht. Und besonders experimentierfreudig sind meine Konfis nicht – die wollten alles ganz traditionell und feierlich: den Birkenschmuck, einen feierlichen Einzug mit dem Presbyterium begleitet von der Bläsertruppe, Sitzplätze vorne rechts vom Altar.

Im Predigerseminar haben wir seinerzeit (seitdem sind für mich gefühlt Äonen vergangen, dabei ist es erst ein Jahr her) Zweierteams gebildet, deren Teile sich gegenseitig ihre Predigten schicken sollte zur Vor – und Nachbereitung. Als Predigtbuddy habe ich mir damals Rahel geschnappt – sie war gerade nicht da  und konnte sich nicht wehren. Rahel kannte ich schon aus dem Studium und schon damals habe ich versucht, sie freundschaftlich für mich zu gewinnen – leider erfolglos. Sie behauptet heute, das hätte sie gar nicht gemerkt und dann lacht sie. Jedenfalls, Rahel wurde durch Zufall meine Sitznachbarin in dem ersten mäßig spannenden Seminar während unserer gemeinsamen Ausbildung in der Vikariatszeit (zudem ich übrigens viel zu spät angekommen bin, aber das ist eine andere Geschichte). Und oh Wunder: nun endlich freundeten wir uns an und meine Freude darüber war groß (ihre auch, sagt sie heute). Mittlerweile bin ich sogar stolze Patentante von Rahels zweitem Kind und meine Freude kennt schon fast keinen Ausdruck mehr. Rahels Mann Jonathan hat für den hiesigen Gemeindebrief (leider unterbezahlt, zum Glück übermotiviert) jüngst ein großartiges, neues  Layout entworfen. Auch wenn das Vikariat jetzt schon eine Weile vorbei ist, liest Rahel immer noch meine Predigten und ich bin ihr sehr dankbar. Sogar, wenn drei Bestattungen und zwei Gottesdienste neben – über – und durcheinander vorzubereiten sind, respect for Rahel.

Mit Rahel jedenfalls bedachte ich nun vor der Konfirmation über was ich denn predigen könnte und sie schlug mir vor, über die Konfirmationssprüche der fab four zu sprechen. Die Sprüche haben sie selbst ausgesucht und auch noch eine eigene Glaubensaussage geschrieben. Rahels Idee habe ich in die Tat umgesetzt und jeden Konfi einzeln angesprochen, mit Gedanken zu dem Spruch und dem Konfi. Das Ergebnis:

Ich stehe am Pult und beginne zu predigen. Der Einstieg ist locker und spricht die gesamte Gemeinde an. Die Dorfkirche (bei Herrn Fritz) ist rappelvoll. Viele kleine Kinder sind da, rechts von mir sitzen die Bläser, die bisher einen ordentlichen Job gemacht haben (ihr Glück!), links in einer Reihe und ordentlich aufgebrezelt: die Konfis (14jährige können besser mit High Heels als ich,ok, jeder und jede kann wahrscheinlich besser mit High Heels als ich).  Schon den ganzen Gottesdienst über habe ich unheimlichen Durst und muss zwischendurch immer wieder trinken.  Auch jetzt fühlen sich meine Lippen staubtrocken an, ich spreche langsam, versuche ruhig zu atmen und lasse mir Zeit in die Gemeinde zu gucken, wo bei einigen Damen schon die ersten Tränen rollen. Dann geht es los, ich lese Marcus Spruch vor und beginne ihn auszulegen. Er sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl und blickt mich durchgängig direkt an. Krass, denke ich. Das ist schon ziemlich intensiv gerade. Als ich Merle anspreche, tupft die schon an ihren Augen rum (keine wasserfeste Mascara, ach Kinder, so erwachsen seid ihr doch noch nicht) und bringt mich damit ganz durcheinander. Ich bleibe loopartig in meinem Text hängen „die Frau Weisheit…die Frau Weisheit.. die Frau Weisheit…“ bis ich mich wieder gefasst habe. Kurz bleibe ich mit meinem Blick auf dem Pult, bei meinem Text und meinen Armen – tatsächlich habe ich gerade auch noch Gänsehaut bekommen, na wunderbar.  Als ich wieder hoch schaue haben auch einige Männer feuchte Augen und ich mache weiter mit Marias Spruch, die nach einer Weile auch ein Taschentuch zücken muss und ich blicke wieder in die Predigt und versuche meine eigene Rührung in Schach zu halten.  Marlen wundert sich später darüber, dass sie gar nicht weinen musste, ich habe mich wirklich darüber gefreut.

Auf den drei Familienfeiern – zwei der Konfis sind zum Glück Zwillinge – im Anschluss bekomme ich – neben zu viel Kuchen, Torte  und Kaffee („Essen sie doch noch was! Sie können es doch vertragen“ „Hmpft-Grumpf“) –  viel Dankbarkeit: „So eine schöne Konfirmation. So eine schöne Ansprache. Wir haben noch nie bei einer Konfirmation geweint – nie!!Ich war so gerührt..“ Auch der gute Herr Fritz ließ sich zu einem Kompliment hinreißen: “ Da haben Sie ordentlich Punkte gesammelt heute, war wirklich schön!“, dabei klopft er mir auf die Schulter und lacht sein herrliches Altherren-Humor-Grinsen.  Abends gegen neun komme ich nach Hause, matschig wie nach einem Marathon, aber satt und zufrieden.  Und dann schreibe ich die Predigt für Pfingstmontag. Und Rahel liest sie um 23.00 Uhr.

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Much too much too much, too much, too much

…Herzklopfen hatte ich eben, als ich mit Ulf vom Ökumenischen Gottesdienst nach Hause gefahren bin: zunächst ein Hase am Straßenrand; dann ein scheinbar tiefenentspanntes kleines Reh, das vor uns leicht federnd die Straße überquert hat; ein zweites, größeres Reh, das von rechts interessiert auf die Straße geguckt hat und dann noch ein viertes auf der Landstraße, das schon ein bisschen schneller unterwegs war (vielleicht kennt es ja die Straßenverkehrsregeln). Auf dieser Strecke soll man höchstens 80 fahren, mittlerweile werde ich auch da mutiger (oder bekloppter, je nachdem) und fahre schneller, um nicht ständig überholt werden zu müssen. So langsam und verkrampft wie heute bin ich allerdings noch nie nach Hause gefahren (60). Ich war dann auch leicht paranoid: leuchtende Rehaugen oder Straßenbegrenzungsreflektoren? Schatten oder Tiere? Und überholt wurde ich gleich zweimal. Bekloppte Leute.

…Menschen bei einem Kasualgespräch am Montag. Aber die Story ist so so goldig (eher diamantig, aber dazu gleich mehr), dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte. Um elf komme ich an und vor mir sitzen zwei Ehepaare, eine Tochter (um die 50) und eine Enkeltochter (mein Alter). Wer jetzt mit wem verheiratet ist und wer wessen Tochter ist verstehe ich erst nach vielem Nachfragen. Vor 60 Jahren haben hier nämlich zwei Brüder zwei Schwestern geheiratet, an einem Tag, in einem Gottesdienst. Damals wurden die zwei Paare auch von einem Pfarrer im Entsendungsdienst getraut. Sie sind mit zwei Kutschen aus ihrem Dorf gekommen und die ganze Stadt stand Spalier auf ihrem Weg zur Kirche. Damals unkten die Leute noch, ob die vier auf dem Kutschweg untereinander vielleicht doch nochmal die Partner_innen getauscht hätten. Dieses Jahr im Juli also doppelte Diamantene Hochzeit hier, wieder die Fahrt mit zwei Kutschen und wieder eine Entsendungsdienstlerin als Pfarrerin. Deshalb fuhr ich Montag also kurz vor elf in das Dorf, das auch zu meinem Bereich gehört – Erstbesuch, mal wieder. Die sechs Menschen in der guten Stube haben natürlich viel zu erzählen, jede Geschichte wird mir aus mindestens 3 Perspektiven dargebracht, die Brüder sind sich oft nicht einig. Aber auch die Schwestern: „Ida, du warst doch so eine wunderschöne Frau, mit schwarzen Haaren und ganz schlank!“ „Das stimmt doch überhaupt nicht – ich war doch dick!“. Entsprechend lange dauert das Gespräch. Nach zweieinhalb Stunden habe ich einen halben Roman für die Ansprache aufgeschrieben (die Hand tut vom Schreiben weh), vier Tassen Kaffee und zwei Gläser Wasser vernichtet und mein Kopf ist voll von schwirrenden Erinnerungsfetzen, die ich gar nicht selber erlebt habe: Flucht, Geschwister, Tod, Tanzen, Reiten, Arbeit, Kriegsgefangenschaft, Wald, Hunger, Hochzeit, Fahrradfahren. Eigentlich müsste ich jetzt mal dringend wohin, aber ich fahre ja gleich los und das Dorf ist ganz nah an meiner Winzstadt. Nur noch kurz den hinteren Teil des Gartens angucken, das hatte ich dem in diesem Dorf wohnendem Ehepaar versprochen.

….Quadratkilometer Grundstück hat dieses baldige diamantene Hochzeitspaar. Ich bin überrascht, hinter dem ersten schon mächtig großen Gartenstüclk mit Kaninchen und Kaninchenbabies („Awww“ „die heißen Rotkohl und Klöße“) und einem Huhn, das nur ein Bein hat und sich springend fortbewegen muss, ist ein zweites großes Stück Land mit Ackerfläche (Kartoffeln, Bohnen, Zeugs) und  einem kleinen vergitterten Gang für die anderen zweibeinigen Hühner. Geht man links in den Wald kommt man zu einer dritten Fläche. Eine Holzbrückchen führt über einen Quellbach („Den haben wir entdecktIist alles Quellgrund hier! Das war ne Arbeit!“) zu einem Miniteich mit Karpfen und Stören. Aus meinen Dinosaurierfan-Zeiten als Kind weiß ich, dass ein Stör ein lebendiges Fossil ist und zeige mich ernsthaft beeindruckt. Einen echten Stör habe ich nämlich noch nie gesehen.  Und dann gucke ich ein Stück weiter nach vorne und entdecke das Wildgehege und staune noch mehr. Rehe!! Heute hätte ich wahrscheinlich nicht mehr gestaunt, sondern die Rehe für die nächtlichen Schrecksituationen auf den Landstraßen ausgeschimpft.  Rechts vom Wildgehege geht man wieder einen kleinen Waldweg lang und dann kommt – heiliger Scheiß, was für ein Teich (Peng anyone again?)! Früher war das alles Moor und Matsch, heute kommen Hochzeitspaare und fotografieren sich vor der perfekt idyllischen Kulisse. Da ist sogar eine Insel mit einem Baum in der Mitte von diesem Teich und ein Vogelhäuschen. Das Ehepaar hat auf seinem Grundstück einfach mal komplett alleine einen Park gezaubert, der offen für alle Neugierigen ist, totaler Wahnsinn. Dennoch – meine Neugierde nimmt gewaltig ab, so wie andere Bedürfnisse gewaltig zunehmen (u.a. Hunger). Der Mann hat noch viel mehr zu erzählen, aber ich hab genug gesehen und gehört.

…Krach macht es übrigens nachts auf dem Boden über meinem Schlafzimmer und in der Wand an meinem Bett. Von wegen ruhiges Landleben – krasser Biolärm (und wieder winke ich meiner lieben Band zu)!! Wenn ich mich jemals wieder auf den Dachboden trauen sollte um da mal nachzugucken, dann sag ich Bescheid ob es nun Mäuse, Ratten oder Marder sind. Aber welches Tier auch immer: ich bin mir sicher, es hat (im Gegensatz zu mir) eine Bohrmaschine und arbeitet emsig an der Zerstörung des Pfarrhauses. Wiesu denn bluß?

Dumbledore hatte doch dieses Denkarium oder wie das heißt? Falls da jemand Kontakte hat – ich könnte das ziemlich gut gebrauchen.

Reaktion und Gegenreaktion

Der große Vorteil, eine einzelne Pfarrstelle inne zu haben ist: ich kann größtenteils machen was ich will (denn ich bin ja jetzt der Boss. Bääm.). Mit der Zeit werde ich mutiger, was Gottesdienstformen und Predigtgestaltung angeht.

Letzten Monat habe ich ein Experiment gewagt und bin in eine neue Predigtrolle geschlüpft. Im Predigttext ging es eigentlich um den guten Hirten und seine Schafe. Ich hatte Lust, die Perspektive zu wechseln und bin für die Predigt verbal in den (zwo, eins, Riisikooo!) Wolfspelz geschlüpft. Mir hat allein die Vorbereitung ein diebisches Vergnügen bereitet und ich war höchst gespannt auf die Reaktionen der Predigthörer_innen. Im Dorf von Herrn Fritz reagierte niemand in irgendeiner Weise auf die Predigt. In meiner Hauptpredigtstätte sagte jemand an der Kirchentür zu mir: „War schön, wie immer“.  Wie immer??  Als würde ich die Gemeinde immer mit “ Guten Tag liebe….Menschen“ begrüßen und erklären, dass die Pfarrerin heute nicht kommt und deswegen ich (der Wolf) zur Sprache komme.

Diesen Sonntag hatte ich Dienst in einem winzigen Dorf, wo sich immer so höchsten 5 Menschen einfinden (die Karfreitags-Truppe). Und diese 5 verteilen sich gern in der ganzen Kirche, so dass ich von vorne richtig suchen muss, wo die sich nun wieder versteckt haben. Der Wechelgesang der Liturgie ist hier besonders holprig, von den 5 Anwesenden beherrscht nämlich nur eine Dame (die alte Frau mit der Klein- Auguste beim Gemeindecafé so viel Spaß hatte) die Abfolge. Die Tonlage ist ihr allerdings ein gutes Stück zu hoch, aber das hält sie nicht vom Singen ab. Sie gibt alles und ich gebe im Zuge der Liturgie ebenfalls alles, um ob der leicht traurigen Absurdität nicht lachen zu müssen (gut, dass ich mit dem Gesicht Richtung Altar stehe). So konnte es jedenfalls nicht bleiben. Also entsann ich mich der Formen für Gottesdienste mit geringer Teilnehmerzahl, die wir im Predigerseminar bedacht hatten (als hätte ich damals schon geahnt, wohin es mich verschlagen würde). Ich lud die 5 Anwesenden ein, sich mit mir vorne in den Altarraum in einen Halbkreis zu setzen und dort Gottesdienst zu feiern. Ohne lange Liturgie, ohne ständiges Aufstehen und Hinsetzen, ganz gemütlich.  Statt klassischer Predigt (bei der ich nie weiß, ob irgendwas zwischen den Kirchenbänken ankommt, was die Leut eigentlich interessiert, ich seh ja auch die Gesichter aus der Ferne so schlecht) gab es dieses Mal ein Bibelgespräch mit der Intention von Gemeindebeteiligung. Beim Segen schlug ich vor, dass jeder seinen Nachbar/seine Nachbarin mit einer Hand auf der Schulter berührt. Die Reaktionen hinterher (denn es gab auch ein Nachgespräch, bei dem alle da geblieben sind!): einhellige Begeisterung. Sogar der Dame, die während des Bibelgespräches überhaupt  nichts gesagt hat, hat es richtig gut gefallen. Ok, dass sie nun meinte, es sei fast wie im Konfirmandenunterricht gewesen war jetzt nicht meine erste Absicht. Von fünfen haben sich während des Gespräches nur zwei getraut etwas zu sagen (das Modell ist ausbaufähig, wir fangen ja auch gerade erst an) – aber ich konnte sehen, wie die anderen mitgedacht haben, manchmal genickt haben. Eine Dame meinte noch, dass sie es schön fände, wenn ich doch mal die Kanzel benutzen würde. Ich bin grundsätzlich kein Kanzel-Fan, vor allem nicht wenn von der Gemeinde nur 5 Leute da sind. Lieber Nähe als noch mehr Distanz. Wir sind noch eine ganze Weile vor dem Altar zusammen sitzen geblieben. So habe ich erfahren,dass der Kronleuchter mal geputzt werden sollte  (mit was putzt man eigentlich Kronleuchter??) und dass irgendwer aus dem Dorf auf dem Friedhof mit der Sonnenbrille überhaupt nicht zu erkennen ist (das treibt die Damen und Herren  also um). Wie ein kleiner Kaffeeklatsch, nur leider ohne Kaffee.

Ganz am Schluss, als nur noch der Kirchdiener und seine Frau da waren, bin ich dann doch mal auf die Kanzel geklettert, man muss ja wissen, was man verpasst. Hinter dem Altar geht eine schmale Holztreppe hoch, der Kirchendiener warnte mich, dass es da oben ganz schön zugerümpelt sei. Unheimlich staubig, dunkel und  in der Ecke alte Bänke und Lampen. Ich musste mich  kurz bücken, um unter dem kunstvoll geschmücktem Bogen auf die Kanzel zu kommen.  Die Decke der Kirche neigt sich nach unten (das ist übrigens die Kirche, in der es so gefährlich ist zu läuten, Einbruchgefahr ) und drückt schon auf den höchsten der drei vergoldeten Zapfen-Teile oben auf dem Bogen. Die Decke konnte ich, ohne mich anzustrengen, berühren. Ich schaute einmal nach unten auf den Kirchraum und konnte mir nicht mal vorstellen, dass diese Kirche einmal voll mit Leuten gewesen sein soll. Mit Kindern und einem Chor, der von hier oben,  rechts von der Kanzel,  sang. Die Spinnweben und den Staub von der Kanzelbegehung habe ich heute, nach dem Gottesdienst,  auf meinem Talar entdeckt.

Erhellende Diskussionen

Letzte Woche war ich richtig mutig: ich habe tatsächlich jemandem aus der Gemeinde das „du“ angeboten. Ich bin damit sonst vorsichtig, mein Supervisor betont gerne: „Man sagt leichter du Arschloch als Sie Arschloch.“ Recht hat er, ich will ja auch nicht mit der gesamten Gemeinde best buddies werden. Dennoch, ein kleines bisschen Freundschaft wäre hier in der Einsamkeit nicht schlecht, ein „du“ könnte ja ein möglicher Anfang sein.

Mit betreffender Person (eine Frau um die 50, studierte Geisteswissenschaftlerin) hatte ich mich vor drei Wochen bei einer gemeinsamen Veranstaltung schon einige Male aus Versehen geduzt, da waren viele Jugendliche mit denen ich von Anfang an auf du war und im Zuge der gelösten Stimmung rutschten wir gegenseitig in das du hinein. Außerdem ist sie mir sympathisch – sie lebt in einem Haus im Wald und versorgt sich dort selbst, eine richtige Aussteigerin. Ich also letzten Samstag mutig: „Wollen wir uns duzen?“ und sie (Marta) so: „Gerne“.

Zweiter Gottesdienst am letzten Sonntag: Unser Gemeindechor hat gesungen (ich auch), in der Predigt wurde gesungen (Liedpredigt, mein Gitarrenbaby und ich haben alles gegeben) und hinterher wieder diese kribbelige Müdigkeit und ein ausgewachsener Bärenhunger. Und immer noch keine Pfarrfrau weit und breit, dafür ein leerer Kühlschrank. Ich sah mich also gezwungen auswärts zu essen, was hier gelinde gesagt, kompliziert ist (ein Döner, ein Bäcker, eine Eisdiele) . Also warb ich unter den Sänger_innen aus dem Chor, noch mitzukommen. Erst Bäcker, Kaffee und etwas Herzhaftes, danach Eis.

Die erste Überraschung ist das Herzhafte beim Bäcker. Ich bestelle Bratkartoffeln und bekomme wabbelige, lauwarme Kartoffeln. „Aus der Mikrowelle“ meint Marta und ich befürchte, sie hat recht. Dafür aber nette Gesellschaft, unser Chorleiter ist auch noch da und noch zwei weitere Sänger aus dem Chor. Ich höre mehr zu, als das ich selber rede (die Müdigkeit, die Anstrengung diese furchtbar trockenen Kartoffeln runter zu bekommen) aber es ist unterhaltsam.

Zum Eis danach kommen nicht mehr alle mit, nur noch Marta und ein Mann Anfang 60, Igor. Er kommt ursprünglich aus Russland. Ich mag ihn, seine Sprache erinnert mich an die diversen Lehrer_innen meiner ersten Musikschule in meiner Heimatstadt (eventuelle Übertragungen meinerseits sind hierbei durchaus möglich). Er ist ein fröhlicher Typ, spricht und singt laut, mit Marta ist er schon lange befreundet. Die beiden und ich also beim Eis. Igor bestellt den gleichen Eisbecher wie ich (Joghurt und Obst – Hauptsache viel und wenigstens ein paar Vitamine denke ich). Ich habe immer noch Hunger und würde das Eis gerne schneller essen, aber dann gibt es ja den bösen brain-freeze und das muss ja nun nicht sein. Ich bekomme dann doch brain-freeze, aber aus anderen Gründen. Die beiden sprechen über Russland, über Putin, über die Ukraine. Es folgt die zweite Überraschung, die dafür sorgt das mir auf andere Weise kalt wird. Die studierte Geisteswissenschaftlerin Marta und Igor sind sich einig: Putin wird in der Welt vollkommen falsch verstanden – er tut Russland und seiner Bevölkerung gut. Igor sitzt auf der Couch neben mir,  argumentiert gestikulierend und wird laut dabei (er hat Verwandte in der Ukraine, in der Nähe von Donezk, denen es gerade sehr schlecht geht), er bekommt sogar feuchte Augen: „Jelzin war schlecht für Russland. Alles hat er schlecht gemacht. Und nun mit Putin wird es endlich besser“. Sie befürchten auch eine amerikanische Weltverschwörung mit dem Ziel der Auflösung Russlands. „Dabei ist Russland jetzt so stark wie nie“ (Marta). Ich kann es gar nicht fassen und versuche mein Eis schneller zu essen, noch mehr Kälte. Igor zeigt Marta und mir  Bilder aus einer  russischen Zeitung, die er von einem Freund kopiert hat. Der freundlich guckende russische Bär hinter einer Mauer, vor der amerikanische Soldaten mit ihren Waffen stehen und hoch gucken. „Hier gibt es ja gar keine russischen Zeitungen mehr zu kaufen! Auch in Berlin nicht, können Sie mir glauben. Habe ich alles abgesucht. Das war früher anders, aber jetzt: alles Teil der Verschwörung.“Die Putinsche Propaganda hat in Igor einen hervorragenden, eifrigen  Multiplikator gefunden. „Aber Sie müssen verstehen! Es ist ganz anders!! Fragen Sie doch Ihren Freund, der hat doch auch studiert, er wird es Ihnen erklären“ Igors hilflose Versuche mich zu überzeugen, machen es wirklich nicht besser. Trotzdem denke ich nun an meinen außerordentlich klugen Freund (studierter Soziologe und Sprachwissenschaftler) und frage mich, wie er jetzt wohl vorgehen würde. Im Gegensatz zu mir hätte er höchstwahrscheinlich einen Riesenspaß diese Diskussion soziologisch zu analysieren. Also frage ich nach und versuche mit meinem gebrainfreeztem Kopf die beiden zu verstehen und nicht in eine Schublade zu stecken, nicht zu werten und trotzdem  Bedenken anzumelden. Die Rechnung geht nicht auf (zu viel Bedenken für Igor, ich bin infiltriert von der verdorbenen deutschen Presse), die Diskussion wird hitziger, ich wickele mich fröstelnd enger in meine Strickjacke. Intensiv wünsche ich mich woanders hin und frage mich, ob das „du“ mit Marta sich gerade als richtig blöde Idee entpuppt. Irgendwann ist der Rieseneisbecher endlich leer und ich verabschiede mich. Igor entschuldigt sich für seine aufwallenden Emotionen, drückt eine Träne weg und umarmt mich umständlich.  Zum Glück war er nicht in dem Gottesdienst als ich politisch gepredigt habe (contra-Putin-Propaganda).

Marta und ich gehen noch ein Stück gemeinsam Richtung Pfarrhaus. Sie meint, die Gespräche mit Igor verlaufen immer nach dem gleichen Schema: am Anfang wähnt er sie auf seiner (pro-Puntinschen) Seite, dann wendet Marta etwas Kritisches ein (Aha! Immerhin, denke ich), dann geht er auf die Barrikaden und wird laut, am Schluss dann jedes Mal große Versöhnung mit Umarmung. Bis zum nächsten Gespräch. Als Marta davon radelt, blicke ich ihr nachdenklich hinterher.

Zuhause ist mir immer noch kalt. Ich lege mich erstmal hin und schlafe, in meinem Kopf rauscht es. Als ich wieder aufwache bin ich so aufgewühlt, das ich tatsächlich endlich  joggen gehe (Plan seit 3 Monaten). Die dritte, und angenehmste Überraschung an diesem Sonntag.

the times they are a-changing

Der erste Heimatbesuch in meiner alten WG (eine Stunde mit Ulf von meinem jetzigen Wohnort entfernt) hat mich Anfang Januar komplett verwirrt. Für mich änderte sich in diesen ersten Wochen ungefähr alles: die Wohnung, die Menschen (und deren Altersstruktur) mit denen ich zu habe, mein Verhältnis zu Ulf und auf einmal so viel zu tun, dass die für Pfarrer_innen angedachten 54h – Woche knapp bemessen schien. Ich kam also bei besagtem ersten Heimatbesuch in die Wohnung, zum Freund und zur Mitbewohnerin und konnte es nicht fassen: die gleichen Möbel an den gleichen Stellen, auch die Häuser draußen und die Straßen hatte sich überhaupt nicht verändert. Meine Nachbarin sagte guten Morgen und es klang wie gute Nacht, alles genau wie immer.  Und das fand ich richtig krass.

Nach 10 Jahren Ausbildung (Studium, Prüfungen, Vikariat, Prüfungen) befinde ich mich jetzt (und noch die nächsten zwei Jahre) im Probedienst. In meiner Landeskirche wird man dafür dorthin geschickt, wo Pfarrer_innen gebraucht werden. Meist auf vakante Stellen, besonders im ländlichen Raum – eben die Stellen, die allgemein schwer besetzbar sind. Dass ich jetzt hier, immerhin in der Nähe meiner alten Heimat bin ist vergleichsweise ziemliches Glück. Ein bisschen versuchen die Chefs schon auf familiäre Umstände und so zu achten, aber immer klappt es nicht.

Jedenfalls: seit Januar ist für mich alles neu und ich bin heilfroh, dass ich zwischendurch mit Ulf losgurken kann dahin, wo die Möbel noch an der gleichen Stelle sind, wo der Freund wohnt und ich den Mate-Tee-Vorrat der Mitbewohnerin plündern kann. Letztens bin ich spontan nach Dingenskirchen gefahren, weil die Gang (mit der ich hier in dieses alte, kaputte  Gasthaus eingestiegen bin) abends zum Burger-Essen verabredet war und ich Sehnsucht hatte. Also vollzog ich vorfreudig die Verwandlung von der  „Frau Pfarrer“ (so sprechen mich hier manche ernsthaft an) mit Bluse und  Kompetenzjäckchen zu dem Rest Kleinstadthippie, der noch in mir schlummert, mit Cordröckchen, aber ohne Schlaghose drunter.

Die Sonne scheint, es ist der erste richtig warme Tag und ich laufe Richtung Innenstadt.  Die Stadt ist auffällig voll, überall Leute mit Eis auf Bänken – das bin ich vom meinem kleinen Örtchen hier gar nicht mehr gewöhnt – tolles Eis haben wir auch, nur die Leute fehlen. Ich genieße, dass da Menschen sind, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen. Und dann ruft jemand von rechts meinen Namen. „…! Hallo! Was machst du denn hier? Hast du frei?“ Vor mir sitzen eine Freundin (aktuell Vikarin) und ein Kollege (frisch aus dem Probedienst raus) auf einer Bank und essen Eis. Die beiden versuchen mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber so richtig Lust auf Berufssmalltalk habe ich nicht (Kleinstadthippie statt Pfarrerin, wenigstens für einen Abend),  drei Bänke weiter erspähe ich die Gang und  so verabschiede mich bald. Der Burger schmeckt, die Gesellschaft ist hervorragend, die Fritz-Kaffee-Cola befremdlich,  ich blinzele entspannt in die Abendsonne. Und dann sehe ich den nächsten Kollegen (Pfarrer einer Kleinstadt) und winke. Das hätte ich vielleicht besser lassen sollen denn schwupp stehe ich von meiner Burger-Bank auf und finde mich im nächsten Berufssmalltalk wieder. Im Gegensatz zu mir ist er amtlich ordentlich angezogen (Hemd, schwarzer Anzug). Plötzlich geht es ums Eingemachte: in unserer Nähe wird bald eine Stelle vakant und er bittet mich, dann zwei Konfigruppen dieser Gemeinde zu übernehmen. Er habe dann selbst so viel zu tun mit den Gottesdiensten und Gemeindekreisen und ich glaube ihm das auch, so eine Vakanz ist richtig hart. Doppelt so viel Arbeit in eben nicht doppelt so viel Zeit für nebenbei auch nicht doppelt so viel Geld. Als ich wieder zum Tisch zurück komme sagt eine Freundin aus der Gang: „Du siehst müde aus“. Nach dem Essen machen wir uns auf den Weg zu einer Bar, in der man eine riesige Whiskeyauswahl hat. Seit dem Predigerseminar mag ich nämlich Whiskey (die langen Abende und Nächte, man musste sich ja irgendwie beschäftigen). Auf dem Weg dorthin sehe ich den ehemaligen Superintendenten auf einer Bank vor einer anderen Kneipe sitzen, ins Gespräch mit einem älteren Mann vertieft. Der ältere Mann kommt mir auch bekannt vor, aber ich weiß nicht genau woher.  Der ehemalige Sup lacht mir zu und winkt, der andere auch,  ich winke zurück. Der Sup und ich kennen uns aus meiner Vikariatszeit und wir verstehen uns gut, aber heute will ich nicht noch mehr Berufssmalltalk, also weiter Richtung Whiskey. Als wir in der Bar sitzen, vor uns die erste Runde mit Getränken, fällt mir ein woher ich das Gesicht des anderes Mannes kenne. Das war der Generalsuperintendent! Ausgerechnet. Ein freier Abend in einer anderen Stadt und ich treffe fünf Kollegen und Kolleginnen im Radius von vielleicht 600 Metern. Von wegen mal einen Abend raus und andere Luft und so. Die plötzliche Pfarrerin gehört ab jetzt wohl genauso dazu wie der alte Kleinstadthippie.