Erhellende Diskussionen

Letzte Woche war ich richtig mutig: ich habe tatsächlich jemandem aus der Gemeinde das „du“ angeboten. Ich bin damit sonst vorsichtig, mein Supervisor betont gerne: „Man sagt leichter du Arschloch als Sie Arschloch.“ Recht hat er, ich will ja auch nicht mit der gesamten Gemeinde best buddies werden. Dennoch, ein kleines bisschen Freundschaft wäre hier in der Einsamkeit nicht schlecht, ein „du“ könnte ja ein möglicher Anfang sein.

Mit betreffender Person (eine Frau um die 50, studierte Geisteswissenschaftlerin) hatte ich mich vor drei Wochen bei einer gemeinsamen Veranstaltung schon einige Male aus Versehen geduzt, da waren viele Jugendliche mit denen ich von Anfang an auf du war und im Zuge der gelösten Stimmung rutschten wir gegenseitig in das du hinein. Außerdem ist sie mir sympathisch – sie lebt in einem Haus im Wald und versorgt sich dort selbst, eine richtige Aussteigerin. Ich also letzten Samstag mutig: „Wollen wir uns duzen?“ und sie (Marta) so: „Gerne“.

Zweiter Gottesdienst am letzten Sonntag: Unser Gemeindechor hat gesungen (ich auch), in der Predigt wurde gesungen (Liedpredigt, mein Gitarrenbaby und ich haben alles gegeben) und hinterher wieder diese kribbelige Müdigkeit und ein ausgewachsener Bärenhunger. Und immer noch keine Pfarrfrau weit und breit, dafür ein leerer Kühlschrank. Ich sah mich also gezwungen auswärts zu essen, was hier gelinde gesagt, kompliziert ist (ein Döner, ein Bäcker, eine Eisdiele) . Also warb ich unter den Sänger_innen aus dem Chor, noch mitzukommen. Erst Bäcker, Kaffee und etwas Herzhaftes, danach Eis.

Die erste Überraschung ist das Herzhafte beim Bäcker. Ich bestelle Bratkartoffeln und bekomme wabbelige, lauwarme Kartoffeln. „Aus der Mikrowelle“ meint Marta und ich befürchte, sie hat recht. Dafür aber nette Gesellschaft, unser Chorleiter ist auch noch da und noch zwei weitere Sänger aus dem Chor. Ich höre mehr zu, als das ich selber rede (die Müdigkeit, die Anstrengung diese furchtbar trockenen Kartoffeln runter zu bekommen) aber es ist unterhaltsam.

Zum Eis danach kommen nicht mehr alle mit, nur noch Marta und ein Mann Anfang 60, Igor. Er kommt ursprünglich aus Russland. Ich mag ihn, seine Sprache erinnert mich an die diversen Lehrer_innen meiner ersten Musikschule in meiner Heimatstadt (eventuelle Übertragungen meinerseits sind hierbei durchaus möglich). Er ist ein fröhlicher Typ, spricht und singt laut, mit Marta ist er schon lange befreundet. Die beiden und ich also beim Eis. Igor bestellt den gleichen Eisbecher wie ich (Joghurt und Obst – Hauptsache viel und wenigstens ein paar Vitamine denke ich). Ich habe immer noch Hunger und würde das Eis gerne schneller essen, aber dann gibt es ja den bösen brain-freeze und das muss ja nun nicht sein. Ich bekomme dann doch brain-freeze, aber aus anderen Gründen. Die beiden sprechen über Russland, über Putin, über die Ukraine. Es folgt die zweite Überraschung, die dafür sorgt das mir auf andere Weise kalt wird. Die studierte Geisteswissenschaftlerin Marta und Igor sind sich einig: Putin wird in der Welt vollkommen falsch verstanden – er tut Russland und seiner Bevölkerung gut. Igor sitzt auf der Couch neben mir,  argumentiert gestikulierend und wird laut dabei (er hat Verwandte in der Ukraine, in der Nähe von Donezk, denen es gerade sehr schlecht geht), er bekommt sogar feuchte Augen: „Jelzin war schlecht für Russland. Alles hat er schlecht gemacht. Und nun mit Putin wird es endlich besser“. Sie befürchten auch eine amerikanische Weltverschwörung mit dem Ziel der Auflösung Russlands. „Dabei ist Russland jetzt so stark wie nie“ (Marta). Ich kann es gar nicht fassen und versuche mein Eis schneller zu essen, noch mehr Kälte. Igor zeigt Marta und mir  Bilder aus einer  russischen Zeitung, die er von einem Freund kopiert hat. Der freundlich guckende russische Bär hinter einer Mauer, vor der amerikanische Soldaten mit ihren Waffen stehen und hoch gucken. „Hier gibt es ja gar keine russischen Zeitungen mehr zu kaufen! Auch in Berlin nicht, können Sie mir glauben. Habe ich alles abgesucht. Das war früher anders, aber jetzt: alles Teil der Verschwörung.“Die Putinsche Propaganda hat in Igor einen hervorragenden, eifrigen  Multiplikator gefunden. „Aber Sie müssen verstehen! Es ist ganz anders!! Fragen Sie doch Ihren Freund, der hat doch auch studiert, er wird es Ihnen erklären“ Igors hilflose Versuche mich zu überzeugen, machen es wirklich nicht besser. Trotzdem denke ich nun an meinen außerordentlich klugen Freund (studierter Soziologe und Sprachwissenschaftler) und frage mich, wie er jetzt wohl vorgehen würde. Im Gegensatz zu mir hätte er höchstwahrscheinlich einen Riesenspaß diese Diskussion soziologisch zu analysieren. Also frage ich nach und versuche mit meinem gebrainfreeztem Kopf die beiden zu verstehen und nicht in eine Schublade zu stecken, nicht zu werten und trotzdem  Bedenken anzumelden. Die Rechnung geht nicht auf (zu viel Bedenken für Igor, ich bin infiltriert von der verdorbenen deutschen Presse), die Diskussion wird hitziger, ich wickele mich fröstelnd enger in meine Strickjacke. Intensiv wünsche ich mich woanders hin und frage mich, ob das „du“ mit Marta sich gerade als richtig blöde Idee entpuppt. Irgendwann ist der Rieseneisbecher endlich leer und ich verabschiede mich. Igor entschuldigt sich für seine aufwallenden Emotionen, drückt eine Träne weg und umarmt mich umständlich.  Zum Glück war er nicht in dem Gottesdienst als ich politisch gepredigt habe (contra-Putin-Propaganda).

Marta und ich gehen noch ein Stück gemeinsam Richtung Pfarrhaus. Sie meint, die Gespräche mit Igor verlaufen immer nach dem gleichen Schema: am Anfang wähnt er sie auf seiner (pro-Puntinschen) Seite, dann wendet Marta etwas Kritisches ein (Aha! Immerhin, denke ich), dann geht er auf die Barrikaden und wird laut, am Schluss dann jedes Mal große Versöhnung mit Umarmung. Bis zum nächsten Gespräch. Als Marta davon radelt, blicke ich ihr nachdenklich hinterher.

Zuhause ist mir immer noch kalt. Ich lege mich erstmal hin und schlafe, in meinem Kopf rauscht es. Als ich wieder aufwache bin ich so aufgewühlt, das ich tatsächlich endlich  joggen gehe (Plan seit 3 Monaten). Die dritte, und angenehmste Überraschung an diesem Sonntag.

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2 Gedanken zu “Erhellende Diskussionen

  1. ich mag das. Das haben Sie wunderbar formuliert, wie das so ist in einer neuen Umgebung mit neuen Bekannten, die man zu Freunde machen könnte & die ihre Gespräche manchmal erschreckend an zuvor vermuteten Geisteshaltungen vorbei führen – und dabei noch Insider sind. Immerhin war das Wochenende mit dem Joggen noch gerettet.

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