Much too much too much, too much, too much

…Herzklopfen hatte ich eben, als ich mit Ulf vom Ökumenischen Gottesdienst nach Hause gefahren bin: zunächst ein Hase am Straßenrand; dann ein scheinbar tiefenentspanntes kleines Reh, das vor uns leicht federnd die Straße überquert hat; ein zweites, größeres Reh, das von rechts interessiert auf die Straße geguckt hat und dann noch ein viertes auf der Landstraße, das schon ein bisschen schneller unterwegs war (vielleicht kennt es ja die Straßenverkehrsregeln). Auf dieser Strecke soll man höchstens 80 fahren, mittlerweile werde ich auch da mutiger (oder bekloppter, je nachdem) und fahre schneller, um nicht ständig überholt werden zu müssen. So langsam und verkrampft wie heute bin ich allerdings noch nie nach Hause gefahren (60). Ich war dann auch leicht paranoid: leuchtende Rehaugen oder Straßenbegrenzungsreflektoren? Schatten oder Tiere? Und überholt wurde ich gleich zweimal. Bekloppte Leute.

…Menschen bei einem Kasualgespräch am Montag. Aber die Story ist so so goldig (eher diamantig, aber dazu gleich mehr), dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte. Um elf komme ich an und vor mir sitzen zwei Ehepaare, eine Tochter (um die 50) und eine Enkeltochter (mein Alter). Wer jetzt mit wem verheiratet ist und wer wessen Tochter ist verstehe ich erst nach vielem Nachfragen. Vor 60 Jahren haben hier nämlich zwei Brüder zwei Schwestern geheiratet, an einem Tag, in einem Gottesdienst. Damals wurden die zwei Paare auch von einem Pfarrer im Entsendungsdienst getraut. Sie sind mit zwei Kutschen aus ihrem Dorf gekommen und die ganze Stadt stand Spalier auf ihrem Weg zur Kirche. Damals unkten die Leute noch, ob die vier auf dem Kutschweg untereinander vielleicht doch nochmal die Partner_innen getauscht hätten. Dieses Jahr im Juli also doppelte Diamantene Hochzeit hier, wieder die Fahrt mit zwei Kutschen und wieder eine Entsendungsdienstlerin als Pfarrerin. Deshalb fuhr ich Montag also kurz vor elf in das Dorf, das auch zu meinem Bereich gehört – Erstbesuch, mal wieder. Die sechs Menschen in der guten Stube haben natürlich viel zu erzählen, jede Geschichte wird mir aus mindestens 3 Perspektiven dargebracht, die Brüder sind sich oft nicht einig. Aber auch die Schwestern: „Ida, du warst doch so eine wunderschöne Frau, mit schwarzen Haaren und ganz schlank!“ „Das stimmt doch überhaupt nicht – ich war doch dick!“. Entsprechend lange dauert das Gespräch. Nach zweieinhalb Stunden habe ich einen halben Roman für die Ansprache aufgeschrieben (die Hand tut vom Schreiben weh), vier Tassen Kaffee und zwei Gläser Wasser vernichtet und mein Kopf ist voll von schwirrenden Erinnerungsfetzen, die ich gar nicht selber erlebt habe: Flucht, Geschwister, Tod, Tanzen, Reiten, Arbeit, Kriegsgefangenschaft, Wald, Hunger, Hochzeit, Fahrradfahren. Eigentlich müsste ich jetzt mal dringend wohin, aber ich fahre ja gleich los und das Dorf ist ganz nah an meiner Winzstadt. Nur noch kurz den hinteren Teil des Gartens angucken, das hatte ich dem in diesem Dorf wohnendem Ehepaar versprochen.

….Quadratkilometer Grundstück hat dieses baldige diamantene Hochzeitspaar. Ich bin überrascht, hinter dem ersten schon mächtig großen Gartenstüclk mit Kaninchen und Kaninchenbabies („Awww“ „die heißen Rotkohl und Klöße“) und einem Huhn, das nur ein Bein hat und sich springend fortbewegen muss, ist ein zweites großes Stück Land mit Ackerfläche (Kartoffeln, Bohnen, Zeugs) und  einem kleinen vergitterten Gang für die anderen zweibeinigen Hühner. Geht man links in den Wald kommt man zu einer dritten Fläche. Eine Holzbrückchen führt über einen Quellbach („Den haben wir entdecktIist alles Quellgrund hier! Das war ne Arbeit!“) zu einem Miniteich mit Karpfen und Stören. Aus meinen Dinosaurierfan-Zeiten als Kind weiß ich, dass ein Stör ein lebendiges Fossil ist und zeige mich ernsthaft beeindruckt. Einen echten Stör habe ich nämlich noch nie gesehen.  Und dann gucke ich ein Stück weiter nach vorne und entdecke das Wildgehege und staune noch mehr. Rehe!! Heute hätte ich wahrscheinlich nicht mehr gestaunt, sondern die Rehe für die nächtlichen Schrecksituationen auf den Landstraßen ausgeschimpft.  Rechts vom Wildgehege geht man wieder einen kleinen Waldweg lang und dann kommt – heiliger Scheiß, was für ein Teich (Peng anyone again?)! Früher war das alles Moor und Matsch, heute kommen Hochzeitspaare und fotografieren sich vor der perfekt idyllischen Kulisse. Da ist sogar eine Insel mit einem Baum in der Mitte von diesem Teich und ein Vogelhäuschen. Das Ehepaar hat auf seinem Grundstück einfach mal komplett alleine einen Park gezaubert, der offen für alle Neugierigen ist, totaler Wahnsinn. Dennoch – meine Neugierde nimmt gewaltig ab, so wie andere Bedürfnisse gewaltig zunehmen (u.a. Hunger). Der Mann hat noch viel mehr zu erzählen, aber ich hab genug gesehen und gehört.

…Krach macht es übrigens nachts auf dem Boden über meinem Schlafzimmer und in der Wand an meinem Bett. Von wegen ruhiges Landleben – krasser Biolärm (und wieder winke ich meiner lieben Band zu)!! Wenn ich mich jemals wieder auf den Dachboden trauen sollte um da mal nachzugucken, dann sag ich Bescheid ob es nun Mäuse, Ratten oder Marder sind. Aber welches Tier auch immer: ich bin mir sicher, es hat (im Gegensatz zu mir) eine Bohrmaschine und arbeitet emsig an der Zerstörung des Pfarrhauses. Wiesu denn bluß?

Dumbledore hatte doch dieses Denkarium oder wie das heißt? Falls da jemand Kontakte hat – ich könnte das ziemlich gut gebrauchen.

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8 Gedanken zu “Much too much too much, too much, too much

  1. Beim ersten Teil hatte ich schon ein Schmunzeln im Gesicht. Die Erinnerung an eine nervenaufreibende Fahrt nach Hause kam auf:
    Mehrere Tierchen (Reh, Wildschwein, Fuchs) meinten nacheinander, sie müssten die Fahrbahn mit mir teilen. Puh… Ich fuhr immer angespannter. Dann rechts eine ganze Ansammlung leuchtender Augen! Ich bremste ab und drückte auf die Hupe, um die Reh-Großfamilie vom Straßenrand zu vertreiben. Die Augen stoben panisch auseinander.
    Äh, nunja, falls es in der Nacht ein mysteriöses Schafsterben gegeben hat, KÖNNTE da ein Zusammenhang bestehen…
    Als wir dann dichter dran waren, konnte man den Elektrozaun sehen und uns fiel ein, dass der Schäfer hier ab&an seine Heidschnucken stehen hatte. Huch!
    Warum machen die nachts denn auch nicht einfach ihre Augen zu?! 😉

    Liebe Grüße
    Natalie

    PS: Das mit dem Park ist ja wundervoll!Toll, wenn sich jemand einer Sache mit solcher Ausdauer und Leidenschaft widmet!

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    1. Freut mich, dass mein Blog dich zum Schmunzeln bringt! Ja, die Natur macht so Sachen – immerhin ist dir nichts passiert und die Schafe…Gehen wir einfach davon aus, dass es kein mysteriöses Schafsterben gegeben hat. Das mit dem Hupen sollte ich nächstes Mal vielleicht auch mal probieren..

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  2. Vielen Dank für die großartigen Texte! Frau Frische Brise hat mich zu dir (Darf man sich in dem Alter unbekannter Weise noch duzen?) geführt.
    Das mit den Tieren am Straßenrand kenne ich von der großen Insel im Norden…gruselig.

    Viele Grüße
    Karo

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  3. Auch ich bin hier durch die „frische Brise“ hergeweht worden und freue mich sehr darüber. Ich komme bald wieder zum Lesen. Die Texte sind toll geschrieben- voller Leben. Vielen lieben Dank schon mal für den interessanten, lustigen und liebevollen Einblick !!! Bis bald.
    Daniela

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