Reaktion und Gegenreaktion

Der große Vorteil, eine einzelne Pfarrstelle inne zu haben ist: ich kann größtenteils machen was ich will (denn ich bin ja jetzt der Boss. Bääm.). Mit der Zeit werde ich mutiger, was Gottesdienstformen und Predigtgestaltung angeht.

Letzten Monat habe ich ein Experiment gewagt und bin in eine neue Predigtrolle geschlüpft. Im Predigttext ging es eigentlich um den guten Hirten und seine Schafe. Ich hatte Lust, die Perspektive zu wechseln und bin für die Predigt verbal in den (zwo, eins, Riisikooo!) Wolfspelz geschlüpft. Mir hat allein die Vorbereitung ein diebisches Vergnügen bereitet und ich war höchst gespannt auf die Reaktionen der Predigthörer_innen. Im Dorf von Herrn Fritz reagierte niemand in irgendeiner Weise auf die Predigt. In meiner Hauptpredigtstätte sagte jemand an der Kirchentür zu mir: „War schön, wie immer“.  Wie immer??  Als würde ich die Gemeinde immer mit “ Guten Tag liebe….Menschen“ begrüßen und erklären, dass die Pfarrerin heute nicht kommt und deswegen ich (der Wolf) zur Sprache komme.

Diesen Sonntag hatte ich Dienst in einem winzigen Dorf, wo sich immer so höchsten 5 Menschen einfinden (die Karfreitags-Truppe). Und diese 5 verteilen sich gern in der ganzen Kirche, so dass ich von vorne richtig suchen muss, wo die sich nun wieder versteckt haben. Der Wechelgesang der Liturgie ist hier besonders holprig, von den 5 Anwesenden beherrscht nämlich nur eine Dame (die alte Frau mit der Klein- Auguste beim Gemeindecafé so viel Spaß hatte) die Abfolge. Die Tonlage ist ihr allerdings ein gutes Stück zu hoch, aber das hält sie nicht vom Singen ab. Sie gibt alles und ich gebe im Zuge der Liturgie ebenfalls alles, um ob der leicht traurigen Absurdität nicht lachen zu müssen (gut, dass ich mit dem Gesicht Richtung Altar stehe). So konnte es jedenfalls nicht bleiben. Also entsann ich mich der Formen für Gottesdienste mit geringer Teilnehmerzahl, die wir im Predigerseminar bedacht hatten (als hätte ich damals schon geahnt, wohin es mich verschlagen würde). Ich lud die 5 Anwesenden ein, sich mit mir vorne in den Altarraum in einen Halbkreis zu setzen und dort Gottesdienst zu feiern. Ohne lange Liturgie, ohne ständiges Aufstehen und Hinsetzen, ganz gemütlich.  Statt klassischer Predigt (bei der ich nie weiß, ob irgendwas zwischen den Kirchenbänken ankommt, was die Leut eigentlich interessiert, ich seh ja auch die Gesichter aus der Ferne so schlecht) gab es dieses Mal ein Bibelgespräch mit der Intention von Gemeindebeteiligung. Beim Segen schlug ich vor, dass jeder seinen Nachbar/seine Nachbarin mit einer Hand auf der Schulter berührt. Die Reaktionen hinterher (denn es gab auch ein Nachgespräch, bei dem alle da geblieben sind!): einhellige Begeisterung. Sogar der Dame, die während des Bibelgespräches überhaupt  nichts gesagt hat, hat es richtig gut gefallen. Ok, dass sie nun meinte, es sei fast wie im Konfirmandenunterricht gewesen war jetzt nicht meine erste Absicht. Von fünfen haben sich während des Gespräches nur zwei getraut etwas zu sagen (das Modell ist ausbaufähig, wir fangen ja auch gerade erst an) – aber ich konnte sehen, wie die anderen mitgedacht haben, manchmal genickt haben. Eine Dame meinte noch, dass sie es schön fände, wenn ich doch mal die Kanzel benutzen würde. Ich bin grundsätzlich kein Kanzel-Fan, vor allem nicht wenn von der Gemeinde nur 5 Leute da sind. Lieber Nähe als noch mehr Distanz. Wir sind noch eine ganze Weile vor dem Altar zusammen sitzen geblieben. So habe ich erfahren,dass der Kronleuchter mal geputzt werden sollte  (mit was putzt man eigentlich Kronleuchter??) und dass irgendwer aus dem Dorf auf dem Friedhof mit der Sonnenbrille überhaupt nicht zu erkennen ist (das treibt die Damen und Herren  also um). Wie ein kleiner Kaffeeklatsch, nur leider ohne Kaffee.

Ganz am Schluss, als nur noch der Kirchdiener und seine Frau da waren, bin ich dann doch mal auf die Kanzel geklettert, man muss ja wissen, was man verpasst. Hinter dem Altar geht eine schmale Holztreppe hoch, der Kirchendiener warnte mich, dass es da oben ganz schön zugerümpelt sei. Unheimlich staubig, dunkel und  in der Ecke alte Bänke und Lampen. Ich musste mich  kurz bücken, um unter dem kunstvoll geschmücktem Bogen auf die Kanzel zu kommen.  Die Decke der Kirche neigt sich nach unten (das ist übrigens die Kirche, in der es so gefährlich ist zu läuten, Einbruchgefahr ) und drückt schon auf den höchsten der drei vergoldeten Zapfen-Teile oben auf dem Bogen. Die Decke konnte ich, ohne mich anzustrengen, berühren. Ich schaute einmal nach unten auf den Kirchraum und konnte mir nicht mal vorstellen, dass diese Kirche einmal voll mit Leuten gewesen sein soll. Mit Kindern und einem Chor, der von hier oben,  rechts von der Kanzel,  sang. Die Spinnweben und den Staub von der Kanzelbegehung habe ich heute, nach dem Gottesdienst,  auf meinem Talar entdeckt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s