Das erste Mal: Konfirmation

Wenn ich mich recht zurück erinnere, wurde ich 1999 am Pfingstsonntag in meiner kleinen Heimatstadt konfirmiert. Ich weiß  noch wie aufgeregt ich war – weniger wegen der eigenen Konfirmation, sondern mehr weil ich damals mit meiner Band im Gottesdienst musiziert habe (damals noch eher uncool am Keyboard, mittlerweile bin ich ja aufgestiegen zur Gitarristin und Sängerin). Ich weiß noch genau, welche Klamotten ich damals getragen habe: eine weite schwarze Stoffhose, einen Blazer und ein Shirt mit Blumen vorne drauf. Unser Pfarrer (mit dem ich glücklicherweise noch heute befreundet bin) hat damals in der Predigt über Pink Floyds „Another brick in the wall“ gepredigt und als Geschenk bekamen wir jede und jeder einen Mauerstein. Der verwitterte dann irgendwann auf unserem Balkon und wo er heute abgeblieben ist, weiß ich nicht mehr.

Gestern, am Pfingstsonntag, habe ich zum ersten Mal konfirmiert. Entsprechend aufgeregt war ich, zumal ich die vier Jugendlichen in der kurzen Zeit, in der ich hier bin schon ins Herz geschlossen habe. Maria, Marcus, Marlen und Merle. Ja, die Namen fangen tatsächlich alle mit „m“ an und ich fand das am Anfang auch sehr verwirrend. Bei der Vorbereitung des Gottesdienstes habe ich überlegt, zu was ich denn predigen könnte. Eine Band, die ein Lied spielen könnte gibt es hier ja leider nicht. Und besonders experimentierfreudig sind meine Konfis nicht – die wollten alles ganz traditionell und feierlich: den Birkenschmuck, einen feierlichen Einzug mit dem Presbyterium begleitet von der Bläsertruppe, Sitzplätze vorne rechts vom Altar.

Im Predigerseminar haben wir seinerzeit (seitdem sind für mich gefühlt Äonen vergangen, dabei ist es erst ein Jahr her) Zweierteams gebildet, deren Teile sich gegenseitig ihre Predigten schicken sollte zur Vor – und Nachbereitung. Als Predigtbuddy habe ich mir damals Rahel geschnappt – sie war gerade nicht da  und konnte sich nicht wehren. Rahel kannte ich schon aus dem Studium und schon damals habe ich versucht, sie freundschaftlich für mich zu gewinnen – leider erfolglos. Sie behauptet heute, das hätte sie gar nicht gemerkt und dann lacht sie. Jedenfalls, Rahel wurde durch Zufall meine Sitznachbarin in dem ersten mäßig spannenden Seminar während unserer gemeinsamen Ausbildung in der Vikariatszeit (zudem ich übrigens viel zu spät angekommen bin, aber das ist eine andere Geschichte). Und oh Wunder: nun endlich freundeten wir uns an und meine Freude darüber war groß (ihre auch, sagt sie heute). Mittlerweile bin ich sogar stolze Patentante von Rahels zweitem Kind und meine Freude kennt schon fast keinen Ausdruck mehr. Rahels Mann Jonathan hat für den hiesigen Gemeindebrief (leider unterbezahlt, zum Glück übermotiviert) jüngst ein großartiges, neues  Layout entworfen. Auch wenn das Vikariat jetzt schon eine Weile vorbei ist, liest Rahel immer noch meine Predigten und ich bin ihr sehr dankbar. Sogar, wenn drei Bestattungen und zwei Gottesdienste neben – über – und durcheinander vorzubereiten sind, respect for Rahel.

Mit Rahel jedenfalls bedachte ich nun vor der Konfirmation über was ich denn predigen könnte und sie schlug mir vor, über die Konfirmationssprüche der fab four zu sprechen. Die Sprüche haben sie selbst ausgesucht und auch noch eine eigene Glaubensaussage geschrieben. Rahels Idee habe ich in die Tat umgesetzt und jeden Konfi einzeln angesprochen, mit Gedanken zu dem Spruch und dem Konfi. Das Ergebnis:

Ich stehe am Pult und beginne zu predigen. Der Einstieg ist locker und spricht die gesamte Gemeinde an. Die Dorfkirche (bei Herrn Fritz) ist rappelvoll. Viele kleine Kinder sind da, rechts von mir sitzen die Bläser, die bisher einen ordentlichen Job gemacht haben (ihr Glück!), links in einer Reihe und ordentlich aufgebrezelt: die Konfis (14jährige können besser mit High Heels als ich,ok, jeder und jede kann wahrscheinlich besser mit High Heels als ich).  Schon den ganzen Gottesdienst über habe ich unheimlichen Durst und muss zwischendurch immer wieder trinken.  Auch jetzt fühlen sich meine Lippen staubtrocken an, ich spreche langsam, versuche ruhig zu atmen und lasse mir Zeit in die Gemeinde zu gucken, wo bei einigen Damen schon die ersten Tränen rollen. Dann geht es los, ich lese Marcus Spruch vor und beginne ihn auszulegen. Er sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl und blickt mich durchgängig direkt an. Krass, denke ich. Das ist schon ziemlich intensiv gerade. Als ich Merle anspreche, tupft die schon an ihren Augen rum (keine wasserfeste Mascara, ach Kinder, so erwachsen seid ihr doch noch nicht) und bringt mich damit ganz durcheinander. Ich bleibe loopartig in meinem Text hängen „die Frau Weisheit…die Frau Weisheit.. die Frau Weisheit…“ bis ich mich wieder gefasst habe. Kurz bleibe ich mit meinem Blick auf dem Pult, bei meinem Text und meinen Armen – tatsächlich habe ich gerade auch noch Gänsehaut bekommen, na wunderbar.  Als ich wieder hoch schaue haben auch einige Männer feuchte Augen und ich mache weiter mit Marias Spruch, die nach einer Weile auch ein Taschentuch zücken muss und ich blicke wieder in die Predigt und versuche meine eigene Rührung in Schach zu halten.  Marlen wundert sich später darüber, dass sie gar nicht weinen musste, ich habe mich wirklich darüber gefreut.

Auf den drei Familienfeiern – zwei der Konfis sind zum Glück Zwillinge – im Anschluss bekomme ich – neben zu viel Kuchen, Torte  und Kaffee („Essen sie doch noch was! Sie können es doch vertragen“ „Hmpft-Grumpf“) –  viel Dankbarkeit: „So eine schöne Konfirmation. So eine schöne Ansprache. Wir haben noch nie bei einer Konfirmation geweint – nie!!Ich war so gerührt..“ Auch der gute Herr Fritz ließ sich zu einem Kompliment hinreißen: “ Da haben Sie ordentlich Punkte gesammelt heute, war wirklich schön!“, dabei klopft er mir auf die Schulter und lacht sein herrliches Altherren-Humor-Grinsen.  Abends gegen neun komme ich nach Hause, matschig wie nach einem Marathon, aber satt und zufrieden.  Und dann schreibe ich die Predigt für Pfingstmontag. Und Rahel liest sie um 23.00 Uhr.

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4 Gedanken zu “Das erste Mal: Konfirmation

      1. Hi,
        ich (MINT-Master-Stundentin, 24 Jahre alt, Grossstadtpflanze) lese supergerne deinen Blog. Es macht so viel Spass und ich fühl mich sehr nah dran, auch wenn ich in RL komplett was Anderes mache. 🙂
        Und ich mag auch deine Schreibweise sehr, die langen Textpassagen gehören für mich dazu, ich mags so. Nur so. 😉
        LG Anna

        Gefällt 3 Personen

  1. Oh, bei der Konfirmation wär ich gern dabei gewesen! Klingt nach einem wirklich schönen Gottesdienst 🙂
    Und das Anfreundeproblem kenne ich auch…mir fällt da nur ein: Alles hat seine Zeit. Passt irgendwie, auch wenn’s schon etwas überstrapaziert ist. Ich warte dann mal weiter 😉

    LG
    Karo

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