Let´s do the time warp agaaain!!

Als Pfarrerin befinde ich mich im Moment oft auf Zeitreise. Ich fahre mit Ulf in eines der kleinen Dörfer, setze mich an den gedeckten Kaffeetisch, lausche den Geschichten der alten Ida und das Wohnzimmer mit Blick auf die  Landstraße und die vorbeipolternden LKWs verschwimmt vor meinen Augen und plötzlich bin ich in der Kirche in meiner Winzstadt, kurz nach dem Krieg.

Pfarrer Hinze gibt wöchentlich Konfirmandenunterricht, ganz streng nach alter Schule. Ida mit den tiefdunklen Augen muss an die 40 Psalmen, Lieder und Gebete auswendig lernen, aber sie kann sich das alles nicht merken. Aber die Jungs bemerken sie und ihre langen, pechschwarzen Zöpfe. Und die schöne Ida soll die Jungs bemerken, also verknoten sie oft ihre Zöpfe an dem Stuhl, auf dem sie sitzt. Diese Gruppe, bestimmt 30 Jugendliche ist jetzt in der Kirche und Pfarrer Hinze spricht von der Kanzel aus  über die Bibel. Aber keiner hört ihm zu – er wird laut und schreit, das kennen die Konfirmandinnen und Konfirmanden aber schon, es zieht nicht mehr. Pfarrer Hinze weiß sich nicht anders zu helfen, er packt seine Bibel und schmeißt sie im hohen Bogen auf die quatschende Meute. Endlich Stille. Seine Methoden sind gerne unkonventionell, manchmal kommt er im Winter zu spät zum Gottesdienst, weil die Kartoffeln auf dem Herd noch nicht durch sind. Ida weiß das und sie weiß auch warum. Pfarrer Hinze packt nämlich immer zwei heiße Kartoffeln in die Taschen seines Talars, gegen die winterkalten Hände.

Besonders oft kommt es gerade vor, dass die Zeitreise sich in meinem Pfarrhaus abspielt. Diesen Sonnabend hatte ich Besuch von meinem Vor-vor-vor-vorgänger, Pfarrer Jüngel, 82 Jahre alt. Wir sitzen in meinem Esszimmer, das noch ziemlich kahl ist: ein Poster mit schräg gekritzelten Katzen, das für ein Straßenmusikfestival wirbt, ein Glitzer-Regenbogenbild von Gerda, Fotos von meinem Patenkind (das jetzt schon laufen kann und ich hab es noch nicht gesehen!), ein sehr ungeputztes Fenster (mit einer beeindruckend dicken Kreuzspinne, die ein riesiges Netz gezaubert hat) und auf dem Fensterbrett u.a. Kerzen, die ich von unten aus der Gemeindeküche äh,ausgeliehen habe. Die Wände sind weiß, das Laminat dunkelbraun, auf alt gemacht. Nebenan ist das sanierte Bad, eine weitere Tür geht zum Flur, eine dritte in die Küche.

Während Pfarrer Jüngel spricht ändert sich das Licht im Raum, die Straßenlaterne, die sonst das Zimmer im Dunkeln in oranges Licht taucht,  ist nicht mehr da. Dafür wohlige Wärme von der Seite. Es ist das Jahr 1965. Ein alter Ofen taucht im Zimmer auf, der das ganze Haus heizt. Ich suche das Badezimmer, aber die Tür ist verschwunden. Weil es hier keine Wand gibt, nur zwei Vorhänge. Rechts, unter dem Fenster auf den maroden Heizkörpern sehe ich kleine Schatten huschen. Mäuse! Dann höre ich Schritte, die sich auf der neuen Treppe nach oben bewegen. Die alte Treppe musste raus, weil die Schwiegermutter vom Herrn Pfarrer auf ihr ausgerutscht ist, zu steil. Pfarrer Jüngel hat die neue selbst gebaut, und jetzt kommt er nach Hause, seine Frau und die drei Kinder warten schon auf ihn. Er stellt den eleganten Abendmahlskoffer, den er zu Dienstbeginn vom Vorstand des Presbyteriums überreicht bekommen hat, in sein Arbeitszimmer und gesellt sich zu seiner Familie. Er wirft noch einen Blick durch das Fenster auf das Gebäude gegenüber, wo Pfarrer Richer mit seiner Familie wohnt. Er sieht seinen Kollegen und Freund und winkt ihm zu. Bald werden sie gemeinsam zum ersten Mal konfirmieren – 40 Jungen und Mädchen haben sich angemeldet. Bei 40 Familien sind die zwei Probedienstler anschließend zur Feier eingeladen, 40 Mal anstoßen auf die Jungend und das Leben. Nachts um zwei werden Pfarrer Jüngel und Pfarrer Richer nach Hause kommen, völlig betrunken.

50 Jahre später ( also gestern) feiert er mit mir gemeinsam Goldene Konfirmation und ich treffe die Jungen und Mädchen seines ersten Konfirmandenjahrgangs. Er nennt sie immer noch „die Jungen“ und die Damen und Herren freuen sich kindlich darüber. Manche sind von weit angereist und haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Vor dem Gottesdienst stehe ich mit Pfarrer Jüngel und der Gruppe Jubilare vor der Kirche. Gleich werden wir feierlich einziehen, nach den Glocken, wenn die Bläser spielen.  Immer mal wieder kommt ein Senior oder eine Seniorin auf mich zu und entführt mich ruckartig in die Zeit vor 50 Jahren: „Wissen Sie, wir haben einmal alle Fenster vom Pfarrer streichen müssen. Das war eine Arbeit!“ „Und ich habe immer die Kinder vom Pfarrer Jüngel gehütet, oben in der Wohnung.“ „In diesem Garten haben wir so viel gespielt!““Immer wenn ich Großer Gott wir loben dich höre, muss ich an diesen Gemeindesaal und meine Konfirmandenzeit denken“. Auch Pfarrer Jüngel kennt kein Erbarmen und erzählt mir, dass auch das Pfarramts-Schild am Gemeindehaus vom ihm stammt. Ich bin froh als die Bläser (tatsächlich ganz gut) beginnen zu spielen und mich in die Gegenwart zurückholen und wir gemeinsam einziehen.

Im Gottesdienst verknoten sich dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Neben mir sitzt Max (mein einziger Konfirmand) mit zwei weiteren Jugendlichen und zappelt nervös umher. Pfarrer Jüngel predigt von den Kanzel (auf der ich nie stehe), er predigt klassisch und erzählt natürlich viel von früher. Gerührte Blicke bei denen, die ihn noch kennen, ein paar Tränen fließen. Auch wenn mich sein Predigtstil heute nicht unbedingt anspricht  bin ich auch berührt.  Ich nehme diesem alten Mann seine Botschaft ab und auch die Güte, die er ausstrahlt.  Max: „Boah, wie lange geht das denn noch? Das ist ja total langweilig. Wann sind wir dran?“ Ich versuche ihn irgendwie ruhig zu halten und merke dabei, wie ich leicht ungehalten werde. Diese Jugend! Diese Banausen! Kann Max nicht einmal ruhig bleiben? Vielleicht sollte ich Pfarrer Jüngel einen Wink geben, damit er mit der Bibel von der Kanzel…

Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, hier eine neue Geschichte zu beginnen – und das wäre dann wohl mein Job.

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Kirschen, wenn der Sommer kommt

Ein Gesprächsauszug von der vorletzten Bandprobe  zwischen unserem neuen Schlagzeuger Simon (der außerhalb der Bandprobezeiten als Koch in einer Grundschule arbeitet) und mir. „Hej Simon. Du bist doch aus Hamburg – dann kennst du doch bestimmt Nils Koppruch!“ Irritierter Blick seitens Simon. „Äh was? Nee, kenn ich nicht. Was denn für ein neues Kochbuch?“

Herein steht an der Falltür und willkommen sagt der Hai, es ist ne sonderbare Welt.

Sonderbar ist die Welt ja sowieso schon, aber seit Januar ist die Liste der „echt jetzt?“-Momente deutlich länger geworden. Weit oben auf der Liste steht eine Seniorin, die am Gemeindecafé hier im Ort teilnimmt. Sie fällt sowieso schon auf, weil sie vieles nicht mehr so richtig mitbekommt und oft laut nachfragt („Welchen Psalm? Wo finde ich den? Unter welcher Nummer?“). Sie hat eine Lesebrille, die sie dann aufsetzt. Und in besonders verzweifelten Momenten („Ich finde diesen Psalm nicht! Wo ist das denn?? Ich seh gar nichts hier!“) kann sie bei dieser Brille ein Knöpfchen drücken und dann leuchten links und rechts von den Gläsern zwei Lämpchen, wie bei einer Taschenlampe. So sitzt die Dame dann bei der Andacht, drei Stühle links von mir, blättert im Gesangbuch und wenn sie beim Fragen hochguckt, leuchtet mich die Brille an wie die Scheinwerfer eines Autos. Sonderbar bis amüsant ist auch, was meine Gemeindeglieder so über mich erzählen und mir dann weiter sagen: „Unsere neue Pfarrerin ist jung, hübsch und nett!“ In dieser Reihenfolge. Ich habe betreffender Person gegenüber nicht erwähnt, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist und ich für jung und hübsch ja überhaupt nichts kann. Ist ja trotzdem nett (…) gemeint. Jemand anderes sagte über mich: „Unsere neue Pfarrerin singt so schön! Aber immer so neue Lieder, die wir gar nicht kennen.“ Sätze mit „immer“ sind sowieso immer die schönsten. Heute beim Gemeindecafé in Dorf F kannte man das Lied Vertraut den neuen Wegen nicht. Das ist von 1989 und ein echter Schlager! Die ahnen ja nicht, dass bald wirklich neue Lieder gesungen werden. Best of neues geistliches Liedgut von mir zusammengestellt und hinten dran ein großer Teil Taizélieder. Neu wird noch ganz anders, liebe Gemeinde, muhaha.

Falltüren tauchen auch immer mal wieder auf. Bei mir hat das meistens etwas mit dem Thema Bau zu tun. Ich erwähnte hier ja schon die eine  Kirche mit der kaputten Decke. Sie hat auch einen kaputten Turm, nasse Böden und die Orgel muss raus, bevor losgelegt werden kann. Unser Presbyteriumsvorsitzender war heute fatalerweise verhindert und so stand ich recht hilflos einer gemischten Gang vom Kirchenkreis und der Landeskirche gegenüber, die mit verdammt hohen Zahlen (30 000, 65000, 150 000) und wilden Abkürzungen um sich warfen (SKV, Kiba – nicht der Cocktail – DDS). Nebenbei ging es um Dienstwege und Fristen, die nicht eingehalten wurden (ziemlicher Ärger von den Chefs) und ich muss jetzt extra Termine einplanen und hoffen, dass sich die Dinge doch wie geplant regeln werden. Der Hai lässt es sich schmecken.

In diesem Jahr gibts Kirschen wenn der Sommer kommt und wenn du deine Augen offen hältst, kannst du dir besten von den Bäumen nehmen…

Im Predigerseminar hat Rahel zu diesem Lied eine Andacht gehalten und ich habe dazu das Lied mit ein paar Leuten gespielt. Mitten im tristen November, in dem Jahr als Nils Koppruch gestorben ist.  Die Kirschen-Andacht ist bei uns legendär geworden und seitdem liebe ich das Lied noch mehr. Jetzt ist Juni, es ist wirklich Sommer und tatsächlich bekomme ich massig Kirschen geschenkt.  Eine Gemeindepädagogin meinte letztens zu mir: „wir wollen dich mästen!“. Anders kann ich mir das auch nicht erklären, ständig gibt es von irgendwoher Eier, Erdbeeren und leckere Kirschen. Großartig!

Der letzte Pfarrkonvent fand unter freiem Himmel und unter einem Kirschbaum statt. Gegen Ende der Zusammenkunft waren die reifen Kirschen alle weggepflückt und vernascht. Zwischendurch standen meine Kollegen in einer Reihe und übten sich im Kirschkern-Weitsprucken. Kirschen machen froh, sogar auf Pfarrkonventen.

Gerade entdecke ich, die Vorzüge meines riesigen Pfarrgartens, was meinen Liebsten und mich am Wochenende dazu verführt hat Holunderblütensirup selber zu machen, ein Blumenbeet anzulegen, darauf eine Sommerbienenwiese auszusäen und Radieschen und Salat anzupflanzen. Seit ich nur noch Auto fahre oder am Schreib/ Gemeinde oder Kaffeetisch sitze ist der kümmerliche Rest Sportlichkeit, der vielleicht von meinem letztjährigen Anfall von Fitnesswahn übrig geblieben ist, gänzlich verpufft. Zwei Stunden Hacken, Rupfen und Gießen – ich völlig am Ende und zwei Tage fieser Muskelkater. Schon als wir noch dabei waren habe ich prognostiziert, dass unsere Bemühungen bei den geübten Gärtnerinnen und Gärtnern in der Gemeinde bestimmt für Amüsement sorgen werden. Heute vormittag betrachtete nun Frau N. unser Werk und lachte laut los: „Und das Unkraut haben Sie stehen lassen!“

Der Pfarrgarten hat den Ginko, einen Ahorn (und viele Ahornbabys, die sich überall breit machen), Apfelbäume, Johannesbeersträucher, Brombeeren, Holunder und wahrscheinlich noch einiges, was ich noch nicht erkannt oder entdeckt habe. Der Superpfarrer hat hier einige Bäume gepflanzt, die jetzt fröhlich wachsen und gedeihen. Vielleicht lass ich mich in dieser Hinsicht mal von ihm inspirieren. Welchen Baum ich pflanzen würde dürfte der geneigten Leserschaft (schöne Grüße bei dieser Gelegenheit!) wohl klar sein. Und dann werde ich mit meinem Gitarrenbaby (und vielleicht auch Simon mit seiner Cajon) unter diesem Baum in der Sommersonne sitzen und singen:

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen, nichts ist besser als ne Liebe auf der Welt. Kirschen gibts an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.

Geschichten vom Dorf und der Straße

Wo viele Dörfer und Menschen sind, passieren spannende Dinge. Mein großer Traum ist es ja, die 16 Dörfer meiner Gemeinde etwas näher zusammen zu bringen. Deshalb machen wir im Juli mit den verschiedenen Gemeindecafés gemeinsam einen Tagesausflug (Andacht, Museum, Essen). Deshalb probiere ich es mit zentralen Gottesdiensten und versuche Fahrmöglichkeiten für die Älteren zu organisieren. Deshalb wurde der Gemeindebrief so aufgepimpt, dass alle mal mitkriegen, was in der Gemeinde überhaupt so geht. In der letzter Woche habe ich außerdem Welten aufeinander prallen lassen und geguckt was passiert:

Dorfleben vs. Straßenkind-Erfahrung

In einem kleinen Ort in der Nähe hat ein Verein ein altes Schloss gekauft. Das riesige Gebäude soll ein Begegnungs- und Bildungsort werden für Demokratie-Seminare, kulturelle Veranstaltungen und unterschiedlichste Aktionen mit den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen. Für einige Monate ziehen dort junge Leute ein, teilweise mit Straßen – und/oder Drogenerfahrungen, helfen beim Aufbau mit, engagieren sich bei sozialen Trägern und gewinnen so Abstand von ihrem Leben auf der Straße und können überlegen, wo es danach hingehen soll.

Ein junger Mann (Felix, 21 Jahre), der seit ein paar Monaten im Schloss wohnt und arbeitet hat mich letzte Woche zu den Gemeindecafés begleitet. Felix ist es schon gewohnt, über sein krasses Leben zu sprechen: über die Gewalt, die er seit frühester Kindheit erfahren hat, über die vielen, verschiedenen Stationen auf seiner Flucht weg von zuhause. Von den Drogen, dem Dealen und den Neonazis, bei denen er eine zeitlang mitgemacht hat. Von der beschissenen Zeit im Knast, weil er zu oft schwarzgefahren ist. Er ist es gewohnt darüber zu reden und trotzdem merke ich ihm seine Anspannung im Dorf C an. Felix spricht an sich schon sehr laut (gut für die schon schwerhörigen Gemeindecafé-Gäste), wenn er lacht wird die Stimme noch lauter. Er lacht besonders laut an den Stellen, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Manchmal legt er den Kopf zur Seite und streicht sich mit dem Arm schnell über das Gesicht. Ein bisschen wirkt er noch immer so, als wäre er auf der Flucht.

Dieser Felix sitzt nun links neben mir und den vier Seniorinnen im fast baufälligen Gemeinderaum in Dorf C, singt die Lieder aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch mit, betet Psalm und Vater Unser, obwohl er Kirche eigentlich total ablehnt. Ich staune. Felix mag (im Gegensatz zu mir) Kuchen und Torte und so wird er hervorragend versorgt („Essen Sie doch noch ein Stück! Hier, bitte, essen Sie!“). Dann erzählt er seine Geschichte. Während er von den Schlägen seines Stiefvaters berichtet, von den  Auseinandersetzungen in den verschiedenen Notunterkünften, dem Leben auf der Straße („Glauben Sie RTL nicht! Das ist totaler Scheiß!!“) ist es ganz still in dem Raum. Sein lautes Lachen, das immer mal wieder aus ihm herausbricht hallt von den Wänden wieder. Keine von uns lacht mit, stattdessen bekommen zwei Frauen Gänsehaut,  ich schaffe manchmal ein schiefes Lächeln. Mit großen Augen betrachten die Damen Felix, wie er da vor ihnen sitzt: blasse Haut, klein und schlank, die Hände und Finger tätowiert (ACAB), auf dem Kopf ein schwarzes Käppi. Sein Gesicht will nicht zu seinem Alter passen, er sieht viel älter aus. Es kommt zu einem Gespräch. Die Damen fragen nach, was sie interessiert. Wie es mit seiner Mutter war. Was mit seiner Freundin ist. Wie es jetzt weitergehen soll. Felix gibt bereitwillig Auskunft. Die Frauen haben Mitgefühl und suchen nach Gründen, wie Felix Schicksal vielleicht hätte anders verlaufen können. „ein so junger Mensch mit einer solchen Lebensgeschichte!!“, irgendjemand muss doch daran Schuld sein. Die Mutter? Das Jugendamt? Die Betreuer in den Unterkünften, die ihn vor die Tür setzten? Felix weiß und gibt offen zu, dass er auch richtig Scheiß gebaut hat.

Dann beginnt völlig unerwartet die Dame rechts von mir eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Auch sie war einmal auf der Flucht, damals nach dem Krieg. Zusammen mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder. Sie war sechs Jahre alt, er vier. Nach wochenlanger Flucht bei Eiseskälte kamen sie endlich in einem der riesigen, überfüllten Auffanglager an. Ihr ganzer Besitz hatte Platz auf einem Handkarren, das Kostbarste: 2 Brote und ein Topf Grütze. Aber das Essen wurde ihnen gestohlen und so begann sie mit ihrem kleinen Bruder fürchterlich zu weinen und zu jammern. So laut, dass ein Besatzungssoldat kam und streng fragte, was denn los sei. Sie heulten, dass sie bestohlen wurden und nun nichts mehr zu essen hatten. Der Soldat ging wortlos und kehrte nach einiger Zeit zurück: mit den 2 Broten und dem Topf Grütze. Die Frau aus Dorf C erzählte von ihrer Flucht, aber wählte die schönste Geschichte, eine Wundergeschichte,  aus – obwohl sie bestimmt auch ganz anderes hätte erzählen können.

Für Felix soll es jetzt anders werden, seine Flucht ist hoffentlich auch endlich vorbei. Er plant eine Ausbildung, will sein Abi nachholen. Die Seniorinnen überhäufen ihn mit guten Wünschen und Bestärkungen, sie nötigen ihn, noch mehr Kuchen zu essen und auch welchen einzupacken für die anderen im Schloss. Felix lacht und endlich lachen wir mit. Beim Segen bitte ich alle, sich die Hände zu reichen. Kurz bevor ich den Segen spreche denke ich, wie schön es doch ist, hier zu sein: in diesem Haus (das von außen nicht so aussieht, als könnte man unbeschadet hineingehen), an diesem kleinen Tisch mit diesen Leuten, die sich ihr Kaffeegeschirr immer in Körbchen von zuhause mitbringen, mit Felix, der jetzt auch seine Hände öffnet. Auf dem Rückweg erzählt er mir, wie sehr ihn die Fluchtgeschichte der Frau berührt hat. „Ungelogen. Fast hätte ich rausgehen müssen. Ich hatte richtig Tränen in den Augen!“

An diesem Tag sind Welten aufeinandergeprallt und was ist passiert? Für mich ein kleines Wunder.  Dass  Flüchtlingen aus verschiedenen Generationen sich gegenseitig so zuhören, kennenlernen und dadurch berühren. Was könnte ich mehr wollen?

Menschen, schön euch zu sehen!

Was auch mal ganz schön ist:

nicht als Pfarrerin auf ein Festival bei der Mecklenburgischen Seenplatte zu fahren und all die Dinge zu tun, die ich als Pfarrerin sonst (bisher) nicht mache. Zelten bei zu kalten Temperaturen, zu ungewöhnlichen Tageszeiten Berliner Luft trinken, Flunkyball spielen (und zwar gut! Bis auf das Gefühl danach) und selbstgeflochtene Glitzerhaarbänder tragen, bei Sonnenschein den wundervollen Liedern der Höchsten Eisenbahn lauschen und spät in der Nacht wild zu Balthazar tanzen. Um mich herum all diese schönen, hippieesken Menschen, die mir so unwirklich erschienen, wie sie da unter ihren Pavillons am Grill saßen oder in Schlappen über das Gelände streiften, mit ihren Sonnenbrillen und den angemalten Gesichtern, manche mit aufgeklebten Glitzersteinchen und sie sahen so jung und frisch dabei aus. In der Gemeinde sind „die Jungen“ die Leute um die fünfzig. Fünf Monate Pfarramt bewirken bei mir scheinbar doch eine schleichend eintretende Weltfremdheit. Den prolligen, halbnackten muskelbepackten Typen, der eigentlich immer Flunkyball spielte oder kotzte (was machen solche Leute eigentlich auf kleinen Indie-Festivals?), habe ich oft angestarrt und mich gefragt, ob der wirklich echt ist. Surrealer, aber insgesamt schöner Urlaub für drei Tage. Bei der Rückfahrt hat Ulf einen Platten (zum ersten Mal!), irgendein Festival-Nagel hat sich in den Hinterreifen gebohrt. Nachdem der ADAC-Mann den Reifen notdürftig geflickt hat fahre ich direkt (mit einem unangeschnalltem Hintermann) in meine erste Polizeikontrolle.

Was nicht ganz so schön ist:

Nach dem Kurzurlaub nach Hause kommen und den Anrufbeantworter abhören (schwerer, tragischer Unfall in einer Familie der Gemeinde). Feststellen, dass die Sekretärin noch für zwei Wochen im Urlaub an der Nordsee ist (und die Anzahl der unbeantworteten Briefe im Gemeindebüro weiter gruselig ansteigen wird) und die Dame, die unten die Gemeinderäume putzt und alles weiß auch im Urlaub ist und sich nicht darum kümmern wird, die Tische der letzten Presbyteriums-Sitzung zurückzuräumen und die Gläser abzuwaschen. Termine verschieben müssen, weil Ulf erstmal neue Reifen braucht. Eine Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und den Sonntagsgottesdienst vorbereiten (Heftchen mit Foto, Ablauf, Liedertexten und Lesungen), dazu zwei abendfüllende Termine.  Außerdem eine Pfarrwohnung, die im ultimativen Chaos versinkt und die in den drei Tagen Abwesenheit frecherweise auch niemand sonst aufgeräumt hat. Und Anfang der Woche ein aufgeregter Anruf  eines Gemeindeglieds: Dorf D ist „ganz enttäuscht“, dass es bei der Gottesdienstplanung nicht genügend berücksichtigt wurde. „Ich habe schon mit vielen gesprochen, alle sind sehr wütend“. Harte Landung nach dem immerguten Festival-flow.

Was das Ganze dann doch wieder schön macht:

Die Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und der Sonntagsgottesdienst. Meine mühsam gesponnenen roten Fäden wurden bemerkt (Bestatterin: „das war die schönste Trauerrede, die ich je gehört habe!“), die Ehepaare waren zufrieden und drückten mich gerührt und am Sonntag nach dem Gottesdienst wurde ich doch tatsächlich auf den Inhalt der Predigt angesprochen.

Vor dem Sonntagsgottesdienst treffe ich Menschen aus Dorf D.  Eine Frau: „Ah, Frau Pfarrerin. Gut, dass ich Sie sehe. Ich habe noch etwas zu meckern.“ „Oha. Geht es um die Gottesdienste?“ „Nein, um die Bestattung. Die Liedertexte sind viel zu klein, das können wir gar nicht lesen“. Ich erkläre, dass ich zuvor die Texte groß aber ohne Melodie abgedruckt hatte und es da auch Beschwerden gab und die aktuellen Heftchen es eigentlich besser machen sollten.  Die Frau lacht und sagt: „Hören Sie nicht so sehr auf mein Meckern, Sie können es ja nicht allen recht machen“ Recht hat sie. Sie ahnt nicht, dass ich bei dieser Beerdigung den Bedürfnissen des Dorfes D. extra nachgekommen bin.

Vor der Bestattung klärt mich die Bestatterin auf, dass die Gemeindeglieder hier besonderen Wert darauf legen, dass der Pfarrer/die Pfarrerin zum Glockengeläut vom Eingang des Friedhofes bis zur Kapelle einzieht. Alleine. Sonst wird gemeckert. Also stehe ich vor Beginn der Trauerfeier etwas verloren und unschlüssig  am Eingang des Friedhofes und blicke auf die Trauerkapelle und die versammelte Trauergemeinde in der Ferne. Der Friedhof sieht idyllisch aus, am Himmel darüber ein paar hübsche Wolken – sehr malerisch. Immerhin kann ich so in Ruhe noch einmal die Ansprache durchgehen. Als die Glocken beginnen zu läuten gehe ich langsam los, der Weg ist einigermaßen weit. Ich komme mir vor, wie auf einem Catwalk (Kopf hoch, Brust raus!). Es ist heiß, die Sonne scheint und der Wind huscht unter meinen Taler und bauscht ihn von unten auf. Wenn ich mich jetzt im Stoff verheddere wäre es ziemlich unpassend denke ich, aber es passiert nicht. Ich komme heile an der Halle an und muss lange warten, bis die Glocken verklingen und die Organistin beginnt zu spielen. Nach der Beisetzung sagt die Besatzern: „Es haben auch einige hingeguckt, als Sie eingezogen sind. Hab ich gesehen, war gut so.“. Das ist mir jetzt nicht aufgefallen, aber was weiß ich schon. Vielleicht ist mein Blick auch nachträglich getrübt von den glitzernden, halbnackten Festival-Besucher_innen. Andere Dörfer, andere Sitten.