Unverhofft kommt oft

Bei den Sonntagsgottesdiensten auf den Dörfern kann man nie wissen: mal sitze ich mit zwei Leuten da, mal mit 8 und manchmal sind unter 15 Teilnehmenden drei andere Pfarrer – so geschehen letzten Sonntag im zweiten Gottesdienst.

Der Organist Herr Tafel hat Magen-Darm und ich bin mit Gitarre, einer rot-weiß-blau gestreiften Anker-Tasche (danke Barbara!) voller neuer Liederbücher, meiner Talartasche (statt klassischer Ledertasche zur Zeit ein schwarzer Süddeutsche-Werbebeutel) und gehörigem Schlafmangel unterwegs im Namen des Herrn. Am Abend zuvor bin ich mit meinem Liebsten, seiner Mutter Barbara und Schwester Gerda (mittlerweile 7) erst gegen 22 Uhr nach Hause gekommen, dann wurde noch gekocht und gegessen. Die neuen Liederbücher wollte ich eigentlich stückchenweise einführen, immer so ein Lied pro Gottesdienst. Ich habe vergessen, dass es im Ostermontagsdorf keine Gesangsbücher gibt, seit Wochen will ich welche nachbestellen und vergesse es gekonnt. Zeitlich komme ich knapp an – es ist schon fast elf. Schwer bepackt stürme ich in die Kirche und gucke nicht schlecht: richtig voll hier! Eigentlich genug um klassisch Gottesdienst zu feiern und auch Liturgie zu singen. Aber Herr Tafel ist nicht da und ohne Orgel habe ich da keine Lust drauf. Dann fällt mir siedendheiß ein, dass ich die EGs (Evangelische Gesangsbücher) vergessen habe und bei den ausgesuchten alten Liedern keiner mitsingen könnte. Also bitte ich die Meute nach vorne, Stühle, Halbkreis, neue Bücher. Sogar junge Menschen sind da – Studenten wahrscheinlich. Ein paar setzen sich auf die Altartreppen, auch ein Kind ist da und spielt mit seinem Lego-Traktor. Spontan suche ich jetzt aus dem blauen Liederbuch passende Stücke für den Gottesdienst aus. Mir schwant Übles – die Leute hier kennen das neuere Liedgut überhaupt nicht. Meine engen Grenzen, Lobe den Herrn meine Seele, Geh mit Gott – anderswo sind das schon lange  richtige Schlager. Ich sitze links außen im Halbkreis, Talar und Gitarre bieten ein gewisses Konfliktpotential (wohin mit den weiten Ärmeln?) und einen Notenständer hab ich natürlich auch vergessen – der unbekannte Mann rechts von mir muss aushelfen. Nach Votum und Begrüßung singen wir das erste Lied, Lobe den Herrn. Und hoppla: es klingt wunderschön! Die Leute singen kräftig mit, zwei fallen sogar in den Kanon ein. Das Kind hört auf mit dem Traktor zu spielen und guckt mit großen Augen in die Runde.

Es passiert mir leider nicht oft, aber manchmal ist es mit der Musik im Gottesdienst so, wie es ursprünglich mal gedacht war: als kräftiger Gemeindegesang, der alle mitnimmt, Schwung gibt und nebenbei auch noch verkündigt. Vergnügt feiere ich weiter den Gottesdienst, auch die anderen Lieder machen Spaß. Hinterher lade ich noch kurz zum Predigtnachgespräch ein – wie im Gottesdienst davor. Thema war das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die im Tempel beten. In der Predigt habe ich die zwei gegenüber gestellt, ein bisschen erklärt (Pharisäer waren nicht nur die Doofen, Zöllner nicht nur die armen Guten), ein bisschen über die manchmal anstrengende protestantische Demut nachgedacht und am Ende (surprise und Trommelwirbel!) den eigenen Pharisäer in mir erkannt. Im ersten Gottesdienst  hat das keiner mitbekommen (Predigthörerin:“Wir sollen alle demütig sein“ Ich: „Hmpft“ ) .  Hier nun ist einigen die Pointe („Wenn ich unbedingt nicht sein will wie der Pharisäer, dann bin ich vielleicht gerade deshalb wie der Pharisäer“) aufgefallen – Hurray!

Erst beim Verabschieden stelle ich fest, dass neben den üblichen Verdächtigen, den Studierenden und dem Kind  drei Kollegen mit dabei waren. Einer im Ruhestand, ein anderer Probedienstler und der Mann, der mir das Liederbuch gehalten hat (wo der herkam hab ich bisher nicht rausgefunden).  Der Ruheständler und seine Frau waren die, die so schön gesungen haben. Die beiden kannten auch alle Lieder, nur das letzte nicht. Seine Frau stellt sich vor: die Tochter meines Vor-vor-vor-vorgängers, von dem die Alten hier viel erzählen. Ich lade die beiden zu mir ein und einen Tag später sitzen wir in meinem Arbeitszimmer  auf der grünen Couch und die beiden erzählen von früher, wieder geht eine ganz andere Welt vor meinen Augen auf. Sie wurde sogar hier geboren – in einem Haus, das den Krieg nicht überstanden hat. Ihr Mann hat Theologie in der gleichen Stadt wie ich studiert, nur irgendwann in den  60ern. Wir haben sogar im gleichen Studienhaus gewohnt – er als es gerade frisch gebaut war und ich kurz bevor es den Träger gewechselt hat. Wir schwärmen beide von der Gemeinschaft und dem Luxus des frisch zubereiteten Mittag – und Abendessens. Jetzt kann ich in das Lied, das mich sonst so nervt, mit  einstimmen: das waren noch Zeiten!

Die erste Hochzeit

Hochzeiten sind ein seltenes Happening in meiner Ecke. Vor lauter Wäldern, Weizenfeldern und Seen scheinen die wenigen Menschen, die noch hier sind, sich irgendwie nicht zu finden. In meiner gewohnten Welt lernen sich potentielle Paare bei WG-Partys im Freundeskreis kennen oder beim Tanzen oder bei der Arbeit. In meiner neuen Welt gibt es weder Arbeit, noch Diskotheken und WGs sowieso nicht. Wo lernt sich das Paar dieses Sommers also kennen? In der Jagdschule!

Ich sitze den beiden Heiratswilligen gegenüber in ihrem Haus am Waldrand. Das helle Zimmer ist geschmückt mit Jagdtrophäen, kleinen und größeren Geweihen. Sie erzählen mir von der Ruhe der Jagd, die plötzlich in höchste Anspannung wechseln kann. Von dem Beobachten der Tiere von der Kanzel (!) aus. In meiner Studienzeit war ich ein, zwei Mal bei den Förstern in einem Verbindungshaus eingeladen und fand die ganze Szenerie gruselig: die ausgestopften Eichhörnchen und Wildschweine, die großen dunklen Räume mit den dicken Teppichen. Alles wirkte eingestaubt und wie aus einer Zeit, die schon lange vorbei sein sollte (Frauen waren in dieser Verbindung natürlich auch unerwünscht). Das Haus der jagdbegeisterten Verliebten hingegen ganz normal und stilvoll eingerichtet. Und das Paar ist mir sofort sympathisch, auch weil die Geschichte so rührend ist: Liebe auf den ersten Blick, eben in der Jagdschule. Der Gottesdienst zur Trauung ist aufregend für alle Beteiligten: das Brautpaar ist nervös weil es das Brautpaar ist, ich bin nervös, weil es meine erste komplette Trauung ist. Im Laufe des Gottesdienstes merke ich, wie es sich anfühlt Alleinunterhalterin zu sein. Manchmal nehmen ja Verwandte oder Freunde dem Pfarrer/der Pfarrerin eine Lesung ab oder formulieren Fürbitten, oder steuern Musik bei. Dieses Mal nicht. Sogar bei den Gemeindegesängen singe ich fast alleine – das kommt davon, wenn die Hälfte der Festgemeinde nicht kirchlich und die andere Hälfte nicht sangessicher ist. Wir drei sind derweil nicht die einzigen, die nervös sind. Gegen Ende fällt die Brautmutter in Ohnmacht, die Hitze, die Aufregung. Ich bekomme das erst hinterher mit – das letzte Lied begleite ich noch mit der Gitarre, damit musikalisch wenigstens ein bisschen Schwung in den Gottesdienst kommt. Es ist heiß an dem Tag und ich bereue wieder einmal, dass ich mich damals bei der Talarauswahl nicht für den „leichten Tropentalar“ entschieden habe, oder für eine schöne weiße Albe. Frau N. hat Kirchdienst an diesem Freitag und läutet die Glocken. Als wir hinterher zusammen stehen und den Gottesdienst auswerten meint sie: „Das war doch ganz schön, dass die alle so wenig gesungen haben. Man hat Sie auch auf der Empore noch gut singen hören. Klang schön!“ Erschöpft lächle ich und gehe dann nach draußen vor die Kirche. Praller Sonnenschein, gestreute Blumen (die Blumenkinder haben ganze Arbeit geleistet) und ein glückliches Brautpaar. Plötzlich klopft mir jemand von rechts auf die Schulter: „Lassen Sie sich das mal von einem überzeugten Atheisten sagen: das war wirklich ein schöner Gottesdienst!“ Der Vater des Bräutigams (auch aktiv im Jagdverein) und seine Frau stehen neben mir. Ein paar Tage später erfahre ich, dass die beiden zunächst überhaupt nicht begeistert waren, dass ihre Sohnemann nun kirchlich getraut werden würde. Tja, wo einen die Jägerliebe nicht alles hinbringen kann.

Heimkommen

Seit Sonntag bin ich zurück aus dem Urlaub. In manchen Taschen und Schuhen finde ich noch den feinen Sand der polnischen Ostseeküste. Besonders abends fehlt mir die gesellige Runde mit Katharina, Christian, Auguste und meinem Liebsten – die leckeren Piroggen und auch der der polnische Wodka. Noch letzen Samstag sind wir entspannt durch Danzig flaniert und haben die farbenprächtige Altstadt bewundert, wo gerade ein Künstlermarkt ist: MenschenMarktständeStraßenkünstlerWurstAkkordeonspielerinKleidungSchiffeKawaBernsteinBurger. So viel los da.

Auf der Heimfahrt mit Ulf erwartete ich, dass mich der Dienst sofort wieder in Beschlag nehmen würde. Was er auch tat, aber vorher gab es noch angenehme Überraschungen. Anfang August hatte ich Geburtstag und einige Gemeindeglieder haben das irgendwie spitz gekriegt. So fand ich auf der Treppe zur Wohnung eine fliederfarbene Geschenktüte mit Geburtstagsgrüßen der Dame, die mich auch schon mit Kirschen und Marmelade versorgt hat. In der Tüte fliederfarbene, selbstgestrickte Socken und ebenfalls fliederfarbene Duftbeutel für den Schrank und natürlich, ein Glas Marmelade (nicht fliederfarben). Vor dem Anrufbeantworter hatte ich schon ein bisschen Angst – wer weiß, was in der Zwischenzeit los war? Also hörte ich leicht nervös die Sprüche ab: zuerst ein lieber Gruß von Herrn Fritz („und hoffentlich bleiben Sie uns lange erhalten“* hach*) und von einem Presbyter der markige Satz „Alles Gute zum Geburtstag. Auch von Muttern!“ Das erleichterte den Wiedereinstieg und tröstete mich über die 57 ungelesenen Emails hinweg. Meine Wohnung versinkt derweil mal wieder im Chaos – verteilt auf allen (un-)möglichen Abstellflächen und dem Boden liegen Reste der Urlaubssachen, ungeöffnete Briefe, Amtsblätter und Marmeladengläser.

Jetzt gerade laufen die Vorbereitungen für meine erste Trauung hier am Samstag, Gottesdienstvorbereitung für Sonntag und nebenbei letzte Schliffe für den neuen Gemeindebrief (sich im Hochsommer über den Martinstag Gedanken zu machen ist auch irgendwie weird). So viel los hier, obwohl draußen nix ist mit bunten Häusern und Menschenmassen und Straßenmusik und Piroggen. Dafür gab es eben unten im Saal eine Dankeschön-Runde mit Kuchen, Eiskaffee und Salat für die vielen Damen, die bei den Gemeindeveranstaltungen immer Kuchen backen (ohne die würde hier gar nichts laufen, denn Kuchen gibt es ja immer). Ich habe Cous-Cous-Salat (Risiko!) beigesteuert, was für 14 von 15 Gästen eine kulinarische Neuigkeit war. „Was ist das? Sind das Graupen?“ Man aß interessiert und behauptete, es würde schmecken. Das neue Liederbuch wurde endlich eingeweiht, mit vielen Taizéliedern, die gut ankamen. Ein Glück, ab Oktober gibt es monatlich eine Taizéandacht. Finally! Bei dieser geselligen Runde wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass sich mein Chaos mittlerweile auch auf die unteren Gemeinderäume ausdehnt. Frau M. erzählte von einer Strickjacke und einem Schal, die seit der Goldenen Konfirmation in der unteren Küchen seien, aber niemand habe sie bisher abgeholt. Die anderen witzelten herum, dass man ja mal ein Fundbüro einrichten könnte (hier hängt seit einem halben Jahr eine hellblaue Strickjacke und ein Streifenbeutel im Flur). Auch ich lachte mit. Und dann kam Frau M. aus der Küche wieder, hielt eine schwarze Strickjacke und einen Schal in den Händen und natürlich: beides gehört mir. Ich hatte mich schon gewundert, wo das schwarze Jäckchen abgeblieben ist (soviel pastoralschwarze Kleidung habe ich nämlich nicht). Ertapptes Erröten bei mir, schallendes Gelächter der Gäste. Einmal Chaos-Braut, immer Chaos-Braut und jetzt für alle ganz offenbar. Na wunderbar.

Beim Gang nach oben  höre ich jemanden im Flur den Nachmittag auswerten: „das Schönste war das mit den Sachen der Pastorin! Herrlich“ Nun ja, solange es für Belustigung sorgt –  Lachen ist ja schließlich gesund. Ich räum gleich mal ein bisschen auf, aber erst muss ich nochmal kurz runter und die Gitarre holen, Mails checken, Badesachen suchen (gleich gehts an einen See) aber Moment? Wo sind die eigentlich? Ich räum gleich mal ein bisschen auf, aber erst..