Die erste Hochzeit

Hochzeiten sind ein seltenes Happening in meiner Ecke. Vor lauter Wäldern, Weizenfeldern und Seen scheinen die wenigen Menschen, die noch hier sind, sich irgendwie nicht zu finden. In meiner gewohnten Welt lernen sich potentielle Paare bei WG-Partys im Freundeskreis kennen oder beim Tanzen oder bei der Arbeit. In meiner neuen Welt gibt es weder Arbeit, noch Diskotheken und WGs sowieso nicht. Wo lernt sich das Paar dieses Sommers also kennen? In der Jagdschule!

Ich sitze den beiden Heiratswilligen gegenüber in ihrem Haus am Waldrand. Das helle Zimmer ist geschmückt mit Jagdtrophäen, kleinen und größeren Geweihen. Sie erzählen mir von der Ruhe der Jagd, die plötzlich in höchste Anspannung wechseln kann. Von dem Beobachten der Tiere von der Kanzel (!) aus. In meiner Studienzeit war ich ein, zwei Mal bei den Förstern in einem Verbindungshaus eingeladen und fand die ganze Szenerie gruselig: die ausgestopften Eichhörnchen und Wildschweine, die großen dunklen Räume mit den dicken Teppichen. Alles wirkte eingestaubt und wie aus einer Zeit, die schon lange vorbei sein sollte (Frauen waren in dieser Verbindung natürlich auch unerwünscht). Das Haus der jagdbegeisterten Verliebten hingegen ganz normal und stilvoll eingerichtet. Und das Paar ist mir sofort sympathisch, auch weil die Geschichte so rührend ist: Liebe auf den ersten Blick, eben in der Jagdschule. Der Gottesdienst zur Trauung ist aufregend für alle Beteiligten: das Brautpaar ist nervös weil es das Brautpaar ist, ich bin nervös, weil es meine erste komplette Trauung ist. Im Laufe des Gottesdienstes merke ich, wie es sich anfühlt Alleinunterhalterin zu sein. Manchmal nehmen ja Verwandte oder Freunde dem Pfarrer/der Pfarrerin eine Lesung ab oder formulieren Fürbitten, oder steuern Musik bei. Dieses Mal nicht. Sogar bei den Gemeindegesängen singe ich fast alleine – das kommt davon, wenn die Hälfte der Festgemeinde nicht kirchlich und die andere Hälfte nicht sangessicher ist. Wir drei sind derweil nicht die einzigen, die nervös sind. Gegen Ende fällt die Brautmutter in Ohnmacht, die Hitze, die Aufregung. Ich bekomme das erst hinterher mit – das letzte Lied begleite ich noch mit der Gitarre, damit musikalisch wenigstens ein bisschen Schwung in den Gottesdienst kommt. Es ist heiß an dem Tag und ich bereue wieder einmal, dass ich mich damals bei der Talarauswahl nicht für den „leichten Tropentalar“ entschieden habe, oder für eine schöne weiße Albe. Frau N. hat Kirchdienst an diesem Freitag und läutet die Glocken. Als wir hinterher zusammen stehen und den Gottesdienst auswerten meint sie: „Das war doch ganz schön, dass die alle so wenig gesungen haben. Man hat Sie auch auf der Empore noch gut singen hören. Klang schön!“ Erschöpft lächle ich und gehe dann nach draußen vor die Kirche. Praller Sonnenschein, gestreute Blumen (die Blumenkinder haben ganze Arbeit geleistet) und ein glückliches Brautpaar. Plötzlich klopft mir jemand von rechts auf die Schulter: „Lassen Sie sich das mal von einem überzeugten Atheisten sagen: das war wirklich ein schöner Gottesdienst!“ Der Vater des Bräutigams (auch aktiv im Jagdverein) und seine Frau stehen neben mir. Ein paar Tage später erfahre ich, dass die beiden zunächst überhaupt nicht begeistert waren, dass ihre Sohnemann nun kirchlich getraut werden würde. Tja, wo einen die Jägerliebe nicht alles hinbringen kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s