Aus gegebenem Anlass

(Predigt vom letzten Sonntag)

Vor ein paar Wochen fiel mir ein Zeitungsartikel ins Auge, in dem auf einer Deutschlandkarte alle Vereine mit dem Titel „ohne Grenzen“ aufgeführt waren. Ganze 140 Vereine fand der Autor, die den Zusatz „ohne Grenzen“ in ihrem Namen haben. Clowns ohne Grenzen, Tanz ohne Grenzen, Apotheker ohne Grenzen, Nachbarn ohne Grenzen.

Grenzenlosigkeit ist hip. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite wünschen sich aktuell viele Menschen in unserem Land Grenzen, die den so genannten Flüchtlingsstrom aufhalten. Genau in diesem Moment findet in XX eine Demonstration des Bündnisses „X“ statt, das gegen die Asylpolitik demonstriert. Laut der Facebook-Veranstaltung werden sich dabei mindestens 174 Menschen auf dem Marktplatz versammeln, darunter einige führende Köpfe der NPD aus der Region. Sie werden ihre rechtsextremen Parolen von sich geben. Für das Vaterland, für Deutschland, das in ihren Augen bedroht wird. Sie wollen sich abgrenzen von den Männern, Frauen und Kindern, die aus zu vollen Zügen, überquellenden Schlauchbooten und überladenden LKWs zu uns kommen. Grenzenloser Hass auf jene, die es wagen, die deutschen Grenzen zu übertreten.

Dass Menschen sich zunächst abgrenzen wollen von dem was ihnen fremd und dadurch bedrohlich erscheint, ist ein altes Phänomen.

Das Fremde und Bedrohliche wurde in der Geschichte der Menschheit schon oft ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Es ist so viel einfacher, wenn alles bleibt wie es war. So ist es auch den 10 Aussätzigen aus dem heutigen Predigttext ergangen. Eigentlich litten sie „nur“ unter einer Hautkrankheit, sogar einer heilbaren. Damals glauben die Menschen aber, diese Krankheit sei ein Schlag Gottes, eine Plage für irgendein Vergehen, das sie begangen hätten – also wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Aussätzige mussten ihre Familien und Gemeinden verlassen, zerrissene Kleidung tragen und durften keinem „gesunden“ Menschen zu nahe kommen. Wenn die Hautkrankheit abgeklungen war, mussten sie zu einem Priester gehen, der sie dann „rein“ sprach, erst danach konnten sie zurück in die Gesellschaft.

Die zehn Aussätzigen, die Jesus irgendwo im Grenzraum zwischen Samarien und Galiläa trifft, haben sich scheinbar zusammen getan. Sie halten sich an das Gesetz, die TORA und bleiben auf Abstand. Deshalb rufen sie Jesus aus der Ferne an.

10 Menschen werden anschließend auf dem Weg zum Priester gesund. 10 Menschen werden wieder Teil der Gesellschaft, können endlich zurück zu ihren Lieben, in ihre Dörfer und Gemeinden. Weil Gott überwindet, was trennt.

Zehn Menschen erfahren in dieser Geschichte göttliche Grenzüberwindung. Aber nur ein Mensch bemerkt, dass ihm gerade ein Wunder widerfahren ist.

Für mich ist dieser Mensch der Mutigste. Er kehrt zurück an den Ort seiner Heilung und zu Jesus. Die anderen neun sind zu dieser Zeit wahrscheinlich schon wieder bei ihren Frauen und Kindern – so schnell wie möglich zurück in den Alltag, ohne noch einen Gedanken an die Krankheit und die dunkle Zeit der Isolation zu verschwenden.

Indem der Eine zurückgeht, stellt er sich seiner Vergangenheit – der Krankheitszeit. Er stellt sich aber auch dem Rabbi, dem Meister, dem er seine Heilung zuschreibt. Dieser Mann überwindet den völlig natürlichen Drang einfach so weiter zu machen, als wäre nichts gewesen. Wo die anderen neun verdrängen, schaut er genau hin und erfährt das zweite Wunder: Erkenntnis und Glauben. In diesem Rabbi wirkt Gott. Und Gott hat gerade an ihm selbst – dem Mann aus Samarien – gezeigt, wie er wirkt: lebensbejahend und bestärkend, heilend – heilvoll.

Diese Geschichte ist nur ein Beispiel von unzähligen Erzählungen im ersten und zweiten Testament, die beschreiben, wie Gott handelt. Die Ausgegrenzten, die Zöllner, die Kranken, die Alten und Schwachen, die Kleinsten, die angeblichen Ehebrecherinnen – diese Menschen erfahren Rettung. Mal als Heilungswunder, mal als Aufnahme in den Jünger_innenkreis oder Schutz vor Strafe. Jesus schließt keinen Menschen aus. Gott schließt keinen Menschen aus. Seine grenzenlose Liebe ist nicht von dieser Welt.

Dass ein Mensch sich von dieser umfassenden Liebe berühren lässt, finde ich nicht selbstverständlich, sondern tatsächlich mutig. Denn Gottes Liebe fordert uns heraus, aus unserem Alltag, aus dem was uns vertraut ist. Ich glaube, seine Liebe ruft uns alle in ein neues Land, in Gottes Reich. Mit all unseren Päckchen und Koffern, mit dem, was belastet und unfrei macht sind wir dort willkommen. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken. So drückt es Jesus selbst aus, mit dem das Reich Gottes auf Erden angebrochen ist.

Für diese Liebe, für dieses Willkommen-Sein in Gottes Reich empfinde ich tiefe Dankbarkeit, ganz ähnlich wie der Eine von den Zehnen, der zurückgekehrt ist zum Ort seiner Heilung. Weil ich mich von Gottes Liebe anrühren lasse, scheinen mir jedoch die Orte ohne diese Liebe ungleich dunkler. Die Grenzenlosigkeit, die ich in meinem Glauben erfahre prallt hart auf die menschgemachten Grenzen. Grenzen, die wachsen, wenn sie mit Angst und Vorurteilen gefüttert werden.

Gottes Ruf in sein grenzenloses Reich ist gleichzeitig ein Ruf in die Nachfolge Christi. Und diese Nachfolge kann nur hier, in dieser Welt passieren. Mein Glauben, der nicht von dieser Welt kommt, bindet mich tiefer an diese Welt und will sie lebenswert für alle Menschen machen.

Gott hat keine anderen Hände als unsere.

Es ist unsere Entscheidung, ob wir unsere Hände teilnahmslos in den Schoß legen oder mit ihnen Mauern bauen. Wir könnten sie aber auch hilfreich den Menschen entgegenstrecken, die über die Grenzen zu uns kommen und sie herzlich willkommen heißen. Weil Jesus überwindet was trennt. Weil Gott überwindet was trennt.

Weil wir Kirche sind, und als solche nicht irgendein Verein, sondern der Ort, wo Gottes Reich spürbar und erfahrbar sein sollte.

Kirche ohne Grenzen.

Amen.