Der große Graben

Als Kind liebte ich Asterix-Comics. Meine Großeltern schenkten mir alle paar Monate einen Sammelband mit drei oder vier Geschichten. Für einen Nachmittag gab es in meiner Welt dann nur die durchgeknallten Gallier, einen schwarzweißen Winzhund und Römer oder andere Gegner, die am Ende blöd und meist verkloppt aus der Wäsche guckten. Wieder und wieder habe ich die Comics gelesen, bis ich mich in den sonnigen Wäldern um das kleine, unbeugsame Dorf selbst heimisch fühlte, da, wo kleine blaue Blumen wachsen und Wildschweine vor niemandem sicher sind.

Mittlerweile ist in meiner tatsächlichen Heimatstadt niemand mehr vor Wildschweinen sicher, aber darum soll es heute nicht gehen. Ich habe die Asterix-Welt in der Kirchengemeinde entdeckt! Und das ist mir nicht nur deshalb aufgefallen, weil ich seit Ewigkeiten endlich mal wieder zuhause war und vor dem Einschlafen einen Blick in Sammelband Nr. 4 geworfen habe. Ich bin überzeugt, diese Gemeinde spielt „der große Graben“ nach.

Hier gibt es zwei Dörfer: Klein und Groß Pusemuckel. Zwischen den Orten schlängelt sich eine schmale Straße durch einen kleinen Wald und an Kornfeldern rechts und links vorbei. In fünf Minuten fahre ich mit Ulf von der Kirche in Klein Pusemuckel zur Kirche nach Groß Pusemuckel. Ein Katzen – oder Wildschweinsprung, könnte man meinen. Aber die beiden Dörfer trennt ein tiefer, garstiger Graben. Gottesdienste zusammen feiern? Niemals! Mit schriller Stimme schimpft die Friseurin aus Groß P. (die meinungsbildend für das ganze Dorf ist) über den Gemeindepädagogen in Klein P: „Frau Pastorin, Sie werden noch sehen, wie der ist. Kein Pastor konnte jemals mit dem zusammen arbeiten. Glauben Sie mir, der macht nur Ärger!“. Und die Seniorinnen des Gemeindecafés Klein P. schimpfen über die Gemeindeglieder von  Groß P., die ja eigentlich nie was gebacken bekommen („Zu Erntedank sind da ja nur zwei, Leute die etwas spenden. Das geht doch nicht!“). Es ist jahrzehntelange Tradition, dass die zwei Dörfer sich nicht ausstehen können. Für die komplett überzeugende Asterix-Parallele fehlt bisher das Liebespaar zwischen den Dörfern (vielleicht ergibt sich noch was zwischen den Konfis?), aber die Wälder drum herum sind  sonnig schön und bestimmt wachsen da auch irgendwo blaue Blumen.

Wenn sich das Gemeindeleben dieser zwei Dörfer nun tatsächlich in einem Asterix-Comic abspielen würde, welche Rolle wäre dann für mich (ich war gerade für einige Tage auf Weiterbildungen und bin voll im Reflexionsmodus)?

Cool wäre es natürlich, in die Rolle des Asterix zu schlüpfen: mit einer klugen Idee und einem Schälchen Zaubertrank könnte ich dann die acht Hanseln zum Gottesdienst aus Klein P. nach Groß P. oder umgekehrt schaffen und zwar so schnell, dass die das gar nicht mitkriegen. Danach ein Fest bei Lagerfeuer und Sternenhimmel und alle freuen sich. Alle, bis auf den Barden, der übrigens nicht wenig Ähnlichkeit mit unserem Organisten hat.

Als Obelix könnte ich am nächsten Sonntag solange vorsichtig gegen die Kirchentüren klopfen -„Hage jemand ze hage?“- (ach nee, das war ja wer anders)  bis sich das Problem von selbst erledigen würde. Dann hätte ich auch nur noch sechs Kirchen, die irgendwie versorgt werden müssen. Ein wenig radikal vielleicht, aber Obelix kann ja nie jemand auf Dauer böse sein. Außerdem trägt er Streifen und Streifen mag ich.

Die Rolle, die mir von Seiten der Dörfer vermutlich zugeschrieben wird, ist die der  feindlichen, römischen  Invasionsmacht: „Wie? Ein zentraler Gottesdienst? Und nicht hier? Aber das war doch IMMER so!“. Vorteil daran könnte sein, dass die Dörfer über den gemeinsamen Feind (-.-) vielleicht doch noch zusammen finden und sich verbünden, eventuell sogar ohne Liebespaar und ohne Zaubertrank. Für das Gemeinschaftsgefühl der Groß und Klein Pusemuckeler fänd ich das natürlich wünschenswert. Für mein Rollenempfinden hätte das folgende, tragische Konsequenz:

Ich wäre Idefix. Nachdem jemand einen Baum umgehauen hat.

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2 Gedanken zu “Der große Graben

  1. Kennst Du „Die Kirche bleibt im Dorf“ , in diesem Kinofilm (nicht die Fernsehserie) geht es genau um dieses Thema. Zwei Dörfer, eine Kirche, ein Pfarrer und ein übergreifendes Liebespaar. Auf schwäbisch. Mit norddeutschem Pfarrer. Klasse – sehr zu empfehlen

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