Die Sucht und Das danach

Kurz vor Beginn der Adventszeit im letzten Jahr hatte ich die glorreiche Idee, mal wieder mit dem Rauchen aufzuhören. Das letzte Mal habe ich diesen Versuch während des ersten theologischen Examens unternommen, was eine mindestens ebenso glorreiche Idee war (Altes Testament? Entstehungsgeschichte? Ich will rauchen!). Das Predigerseminar mit seinen kurzen Pausen und langen Nächten und dem permanenten Klassenfahrtsgefühl beendete diese 1,5 Jahre währende Abstinenz nachhaltig.

In der Gemeinde blieb mein Laster nicht lange unentdeckt und man reagierte teils amüsiert und teils fassungslos, je nachdem ob ich es mit einer rauchenden oder nichtrauchenden Person zu hatte. Als ich nach dem Sommerurlaub nach Hause kam, fand ich einen Brief, der handschriftlich an „unsere Frau Pastorin“ adressiert war. Der Inhalt: „Liebe Frau Hitchschmock, wir haben bemerkt, dass Sie rauchen. Wir machen uns große Sorgen und  wünschen uns, dass Sie noch lange bei uns sind und gesund bleiben. Bitte hören Sie mit dem Rauchen auf.“ Unterzeichnet in aller Konkretion mit „Ihre Gemeinde.“ Dazu drei Seiten aus der Apotheken-Umschau mit Tipps zum Aufhören. Nach dem Lesen schwankte ich zwischen Amüsement (irgendwie schon süß) und Fassungslosigkeit (was denken die sich eigentlich?). Ich gehe stark davon aus, dass ich so einen Brief niemals bekommen hätte, wenn ich ein Mann wäre. Wahrscheinlich triggere ich bei den Damen sämtliche Oma-Instinkte an. Nach einer kurzen Zeit der Ärgerei beschloss ich den Brief mit Humor zu nehmen und als unbeholfene Sympathiebekundung zu deuten (sie wissen ja nicht, was sie tun) und nicht weiter zu thematisieren. Ich hätte auch gar nicht gewusst wie und wozu.

In meinen Konfirmanden-Gruppen (aktuell sind es drei wegen meiner Teilvakanz) taucht immer mal wieder das Thema Drogen auf und die Kleinen sind total Anti mit Rauchen, Alkohol und dem Zeug, das ihnen von den Dealern in den Schulen angeboten wird. Die finden das alles richtig kacke und ich freu mich über so viel (noch) vorhandene Vernunft. Die Vorstellung, dass einer oder eine von denen mich nach dem Unterricht hektisch und fröstelnd an einer Zigarette ziehen sehen könnte, fand ich richtig kacke. Obwohl mir jede Zigarette danach vor allem bei der einen Gruppe dringen nötig erschien. 8 Jungs und 2 Mädels, die mich jeden Dienstag nachmittag komplett in den Wahnsinn trieben. Wochenlang konnte ich mit dieser Gruppe unabhängig von Methode oder gruppendynamischen Spiel überhaupt rein gar nichts anfangen. 1 Stunde Terror aus kollegialer Nettigkeit. Bescheuert.

Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, verwandele ich mich in eine tickende Zeitbombe. Die kleinste Reizung bringt mich zum Explodieren (der Liebste kann ein trauriges Lied davon singen). Am schlimmsten sind die ersten drei Wochen, davon am schlimmsten die ersten Tage. Am 1. Advent rauchte ich die letzte Zigarette. Den ersten rauchfreien Tag in aller Bissigkeit und Ungeduld („Ich mein es ernst – wer nervt, fliegt“) bekamen die Konfirmanden und Konfirmandinnen der Terror-Gruppe ab. Und siehe da: so ruhig waren sie nie.  Ob das nun mehr über die Konfies oder mich sagt, sei euch zur Interpretation überlassen. Obwohl das ein sehr schönes Erlebnis war, habe ich seitdem nicht wieder angefangen und wieder aufgehört, um den  ersten Tag danach für diese Gruppe aufzusparen. So groß war diese Verlockung dann doch nicht.

 

 

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Ein Abschied

Crazy shit – wordpress.com gratuliert mir zum Jahrestag. Hurray!  Fast genau ein Jahr nach meinem allerersten Geburtstagsbesuch in dieser Gemeinde bei Frau Kowarska, der gleichzeitig Thema meines ersten Blogeintrags  hier wurde.

Damals dachte ich noch, ich würde ständig Menschen zu Geburtstagen besuchen und die ganze Zeit Kuchen futtern und ratlos an Kaffeetafeln sitzen müssen. Dazu komme ich seit einigen Monaten überhaupt nicht mehr – stattdessen beschäftigen mich u.a. eine Teil-Vakanz (Konfirmanden und Konfirmandinnen mit Albtraumpotential in einer 45 Ulf-Minuten entfernten Stadt) und seit Herbst Religionsunterricht an der Grundschule im Nachbarort. Nebenbei wird die (es folgt ein ziemlich perfektes Wort für Galgenmännchen)  Wiederspielbarmachung  der Holzwurm-Marder-Orgel geplant und die Begradigung des schiefen Kirchturms von Dorf F vorbereitet.

Fun fact: Auf dessen Spitze hat irgendjemand kurz vor Weihnachten einen Herrnhuter Stern angebracht. Keiner weiß wer und wann und wo der – oder diejenige den Kirchenschlüssel herhatte – kurz nach Weihnachten war der Stern wieder verschwunden.

Frau Kowarska jedenfalls war im letzten Jahr immer irgendwie präsent. Wenn wir einen Gastchor  oder andere Musiker_innen zu Besuch hatten, backte sie Kuchen und kochte Kaffee. Sie brachte mir Johannisbeeren und Kirschen und Erdbeeren aus ihrem riesigen Garten. Zum Winter strickte sie mir Stulpen und dicke Socken in hellblau und grau, damit ich in den kalten Kirchen nicht immer so friere. Sie übernahm den Kirchdienst, wenn die anderen Presbyter (natürlich war sie auch Kirchenälteste)  es mal wieder vercheckt haben. Frau Kowarska ist Ende 70, so wie die meisten Gemeindeglieder. Seit langer Zeit hat sie Schwierigkeiten mit dem Laufen, Treppensteigen strengt sie besonders an. Trotzdem lief sie jeden Dienstag  – notfalls mit Rollator – zu uns ins Gemeindebüro und zählte die Kollekte und brachte sie zur Bank. Sie zählte auch jede einzelne Stufe in ihrem Treppenhaus (Wohnung im 5.Stock) und quälte sich sehr damit. Ende des Monats zieht sie fort von hier zu ihrer Tochter und deren Familie („Da ist keine einzige Stufe in der Wohnung! Ganz eben! Haben sie extra für mich gebaut.“) . Heute habe ich sie im Gottesdienst verabschiedet – mit kleiner Laudatio und Segen. Was für ein unwirklicher Moment: ich suchte passende Worte für eine Frau, die länger hier war als ich überhaupt lebe. Tränen flossen nicht nur bei ihr. Nach dem Gottesdienst sollte es eigentlich nur Kaffee geben, aber natürlich hat Frau Kowarska Kekse, Schnittchen und drei Sorten Kuchen mitgebracht. „Nun essen Sie doch noch. Mögen Sie noch Kuchen? Oder Tomate? Oder Kaffee?“  F**K-Tee gab es heute nicht. Schade eigentlich, vielleicht hilft der gegen Abschiedsschmerz.

Champagner und Schnittchen

Am  1. Januar vor einem Jahr bin ich irgendwann gegen Mittag mit einem gehörigen Kater aufgewacht. Ich lag im Bett und befühlte vorsichtig mein neues Leben: Pfar-re-rin. Alles neu, alles Wahnsinn. Meine erste Nacht im Pfarrhaus fand nach zwei Altjahresgottesdiensten in meiner Vikariatsgemeinde und einer Stunde Autofahrt als berauschendes Fest zwischen Umzugskartons, Raclette und Lagerfeuer statt- der Gang sei dank.  Um Mitternacht zogen wir mit Wunderkerzen und Raketen auf den Marktplatz und begrüßten das neue Jahr in einer scheinbar menschenleeren Stadt.

In diesem Jahr klingelte am 1. Januar um neun der Wecker. Träge schlurfte ich Richtung Kaffeemaschine und Bad, die anderen schliefen noch.  Zwei Gottesdienste am Neujahrstag  wollten gefeiert werden – einer vormittags, der andere um 14 Uhr mit anschließendem Neujahrsempfang. Club Mate und einer gewissen Disziplin in der Silvesternacht sei Dank hielten sich Müdigkeit und Kater dann auch in erträglichen Grenzen. Beim Anziehen der talarfähigen Kleidung (schwarz, vier Schichten) wird der Liebste wach und fragt: „Na, haste Bock?“ Und ich sage trotz Müdigkeit und dem Drang mit der Gang tagsüber abzuhängen: „Joa, ich freu mich auf die Gottesdienste, vor allem auf die Predigt“

Martha ist die einzige aus der Gemeinde, die an Neujahr auf meine Predigt reagiert. Sie hat bis morgens um sechs gefeiert und dabei mit ihren Gästen über die weibliche Seite von Gott diskutiert. Darum ging es auch in meiner Predigt und so war ihre Freude groß. Auch die Gang findet den Weg über die Straße vom Pfarrhaus in die Kirche und reißt während des Gottesdienstes den Altersdurchschnitt kräftig herunter. Sie verhalten sich ruhig und unauffällig im Gegensatz zur Nacht davor: jemand hatte silber glitzernde Tröten mit zur Party gebracht und während wir mit Wunderkerzen und Raketen zum Marktplatz gingen, machten wir damit ungeheuerlichen Krach.

Wieder hatten wir den Platz für uns alleine. Um die Ecke gab es dafür großes Feuerwerk und kurz nach Mitternacht kamen doch ein paar bekannte Leute aus dem Ort dazu. Obwohl ich nicht daran gedacht habe die Kirchenglocken zu läuten. Weil ich nach einem Jahr hier immer noch nicht weiß, wie das eigentlich geht (dafür kann ich heizen). Luft nach oben bleibt  in der Plötzlich-Pfarrerin-Welt wohl immer. Und damit Platz für mehr Geschichten.

Euch allen da draußen ein frohes neues Jahr! Wir lesen uns und ich freu mich drauf. Cheers!