Die erste Konfifreizeit

Drei Treffen zur Vorbereitung à drei Stunden für drei Tage Konfifreizeit: schon bevor ich zugesagt habe, mit zur Jugendherberge Fliegenstädter Bach  zu fahren war mir klar, dass diese Freizeit ein Kraftakt werden würde. Selbst ohne einen einzigen Konfirmanden oder eine einzige Konfirmandin. Trotz der langen und langwierigen Vorbereitung unter uns Pfarrern und Pfarrerinnen („Ich will Räume gestalten!“ „Was denn für Räume – wir haben doch nur einen Gruppenraum..“ „Ich will mit denen Räume gestalten!“ „Und wie soll das für das Plenum gehen?“ „Ich will Räume gestalten.“) gab es an diesen drei Tagen einige Momente, an denen ich mich woanders hin gewünscht habe.

Die einzige weibliche Kollegin (mit der ich ein Zimmer und ein Doppelstockbett teilen musste – ich fahre da nie.Wieder.Hin.) kommt schwer erkältet mit Fieber an, versteht kein Wort (Ohren verstopft)  und kann kaum sprechen. Optimal für eine Horde von 40 Jugendlichen und das (nicht ganz unkomplizierte) Activity-Kennenlern- Spiel, das sie anleiten soll . Überhaupt – 40 Jugendliche: die sind ja unfassbar laut und schreien ständig rum! „Frau Hitchschmooooock! Wann geht es weiter?“ „Frau Hitchschmooooock. Haben Sie das Spiel verstanden? Was müssen wir jetzt machen?“ Hätte ich gewusst, dass ich Konfi-Namen auf Hebräisch würde aufschreiben müssen, dann hätte ich vorher nochmal in die Lehrbücher geguckt. Mein Gekritzel hat in keiner Sprache auch nur irgendeinen Sinn ergeben. Meinem Konfi Flo soll ich jetzt übrigens Latein-Nachhilfe geben. Seine Eltern denken, ich kann das. Omfg.

Dass ich am Sonnabend nachmittags noch eine Bestattung angenommen habe, gehört auch zu den weniger cleveren Aktionen bezüglich dieses Wochenendes. Wer hier schon etwas länger mitliest weiß, dass ich nach Bestattungen (und Gottesdiensten) immer unfassbaren Hunger habe und ebenso unfassbar müde werde. Bevor ich mit Ulf zu meinem Dorf F zur Bestattung losdüse, bitte ich Flo darum, mir etwas vom Mittag aufheben zu lassen. Noch während ich mit ihm spreche ahne ich, dass er es vergessen wird. Als ich nach der Bestattung wiederkomme (hungrig und müde) eile ich in die Küche: Ich quengelig:“Gibt es noch was zu essen?“ Küchenmann überrascht: “ Nein, da hätten Sie vorher Bescheid sagen müssen..“ Ich zunehmend verzweifelt: „Aber es wurde doch..Oh je..Gibt es hier irgendwo noch was zu essen?“ Er mitleidig „Na, eigentlich haben alle Gasthäuser zu. Ist ja gerade keine Saison. Probieren Sie es sonst in Fliegenstädt. Da könnten Sie Glück haben.“

Ich rase mit Ulf zurück nach Fliegenstädt-Ort.Die Jugendherberge liegt nämlich im Wald daneben, direkt an einem Telefon-Funk-Masten. Und es gibt dort kein Handynetz (Frage: was macht der Mast denn da? Ich glaube, der wollte mich einfach mies verarschen)  und das W-Lan kostet 1 Euro pro Stunde. Ich fahre da nie. Wieder. Hin. In Fliegenstädt finde ich das Gasthaus Zur Linde und parke hinter dem Haus auf dem Hof. Aus meiner leichten Verzweiflung ist Panik geworden: Was, wenn es hier auch nichts zu essen gibt? Muss ich dann 30km bis zur nächsten Stadt fahren? Oder hungrig zurück und es gibt ein Gemetzel an 40 schreienden Jugendlichen und drei Pfarrern und Pfarrerinnen? Wer mich kennt weiß, dass letzteres bei mir im hungrigen Zustand durchaus realistisch ist. Als ich zur Eingangstür eile, bemerke ich den Duft nach Essen. Ich stürme hinein, sehe einen halbglatzigen Mann hinter der Theke und rufe :“Gibt es hier was zu essen?“ „Ja. Aber dauert nen Moment.“ „Kann ich schonmal nen Kaffe haben, bitte?“ „Ja, aber dauert nen Moment.“

Ich bin alleine in dem riesigen Gasthaus, bis auf ein paar ausgestopfte Tiere an den hellen Wänden. Mein Tisch in der Ecke bietet Platz für mindestens fünf  weitere Personen. Aber außer mir kommt niemand nachmittags halb drei auf die Idee, in der Linde zum Mittag einzukehren. Es ist davor auch niemand auf die Idee gekommen, das Bad zu benutzen – das Licht muss der Gastwirt von der Theke aus erst anmachen. Nach ein paar Minuten erklingen deutsche Oldies aus den Lautsprechern, ich fühle mich wie in den fünfziger Jahren. Doch zum Glück gibt es hier E-Netz und so kann ich endlich Mails checken und chatten, hallo Welt, hallo Gegenwart.  Zwischendurch kommt die Karte als ausgedrucktes, knittriges  A4-Blatt zu mir und ich kann zwischen fünf Sorten Schnitzel wählen. Dass ich irgendwann mal darüber nachgedacht habe, vegan oder wenigstens vegetarisch leben zu wollen glaubt mir mittlerweile kein Mensch mehr. Wenn in unserer Nähe ein neues Schnitzelhaus eröffnet wird, denkt man stattdessen direkt an mich und lädt mich ein („Die Hitchschmock,  die ist doch immer soviel und so gerne  Fleisch.“ ) . Ich bestelle also (surprise!) Schnitzel mit Rahmchampignon und Kroketten und warte. Meine Zeit vertreibe ich mir mit einer Freundin aus dem Jahre 2009. Sommer-Flirt-Horoskop und die neuesten Kleidertrends. Der Kaffee kommt und ich kann mich endlich etwas  aufwärmen, die Bestattung war gut besucht und der Wind eisekalt. Als das Schnitzel endlich serviert wird, schlinge ich drauflos. Schön kann das nicht ausgesehen haben, gut dass ich alleine war. Der Wirt ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich etwa die Hälfte geschafft habe, mache ich ein Foto und schicke es meinem Kumpel Jannis mit den Worten: ich übe schon mal für unser Schnitzeldate.

Ich komme satt und unendlich müde zurück zu den Konfis. Der Tag wird noch lang. Besonders, als nacheinander, also einzeln,  40 schreiende Jugendliche einen Raum (…) im Nachbarhaus entdecken sollen und für den wartenden Rest keine Überbrückungsspiele geplant sind.  Max sagt mir während der Freizeit mindestens drei Mal, dass er schnell wieder nach Hause möchte. Da haben wir was gemeinsam. An diesem Abend findet meine Kollegin ihre Stimme wieder. Vor dem Einschlafen (ihr erinnert euch, das Doppelstockbett) plaudern wir ein bisschen und sie fragt: „Sag mal, Hitchschmock. Wie alt bist du jetzt? 41 oder?“ Auch für die Konfis zähle ich zu den Älteren, aber hey, 31 ist noch nicht 41. Menno.

Bevor ich Freitag losgefahren bin, habe ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen und erschrocken massig viele neue graue Haare entdeckt, dazu äußerst dunkle Augenschatten. Vor der Konfirüste. Den Blick danach in den Spiegel habe ich mir besser geschenkt. Auf der Rückfahrt im Auto singen Max und Flo laut den Kanon, den ich mit der Gruppe immer wieder geübt habe: King of kings and Lord of Lords. Sie singen ihn auch, als sie von ihren Eltern vor dem Pfarrhaus abgeholt werden. Und sie lachen dabei. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.

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2 Gedanken zu “Die erste Konfifreizeit

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