Die Missionarin des guten Geschmacks

Der Beruf der Pfarrerin birgt in sich eine gewisse Schizophrenie: allein im Gottesdienst bin ich abwechselnd Liturgin (beten, singen), Lektorin (lesen) und Predigerin und je nachdem ob Herr Tafel Zeit hat oder nicht (immer diese vielbeschäftigten ehrenamtlichen Organisten!)  auch noch Kirchenmusikerin. Glockenläuten kann ich immer noch nicht (Kirchendienst-Rolle fällt also raus).

Übrigens ist mir vor Kurzem ein Wunder widerfahren: ein unter 30jähriger Organist (ja, kein Scheiß!)  hat sich bei mir gemeldet und gefragt, ob er mich in meinen Gottesdiensten begleiten darf. In meiner ganzen, riesigen  und waldigen Gemeinde. Ich war sofort euphorisch und fragte nach seinen Erfahrungen im Bereich Popularmusik und ob er einen D oder C-Schein hätte (in meinem Kopf spielten sich schon fantastische Gottesdienste ab). Well, kein Schein und kein Pop (man kann nicht alles haben) – dafür werden wir gemeinsam den Altersdurchschnitt nach  unten reißen, dass es ein Fest wird. Und er wird schon noch seine Freude an „Du bist da“ und den Hits aus dem Predigerseminar finden. Hoffe ich.

Hingegen der üblichen Vorstellung ist der sonntägliche Gottesdienst nicht der einzige Termin in der Arbeitswoche eines Pfarrers/einer Pfarrerin. Abwechselnd schlüpfe ich mehr oder weniger geschickt in die Rolle der Pädagogin (ein halbes Jahr in der Schule während meiner Ausbildung befähigt mich doch dazu, oder?), der Politikerin, der Moderatorin und Mediatorin, der Bauherrin und Seelsorgerin. Natürlich betreibe ich nebenbei Öffentlichkeitsarbeit und schreibe Artikel für die Regionalzeitungen und den Gemeindebrief. Das Fantastische ist: null Langeweile. Das Uncoole: die Organisation. Das Spannende: wenn Rolle und Realität sich reiben.

Bibelgespräch in Dorf G am Weltfrauentag. Drei  Damen zwischen 70 und  80, die lieber einen (ok,  ich geb es zu: für mich) langweiligen Sonntagsgottesdienst in ihrem Gemeindehaus unter den drei Linden hätten. Den bekommen sie aber nicht, da meine Zahl der Predigtstätten in naher Zukunft die Zehnzahl erreichen wird (eine neue Vakanz ist am Horizont aufgetaucht) und es ja irgendwann auch mal reicht. Die  Story: Jesus heilt eine verkrümmte Frau. Es geht um Aufrichtung, Stärkung und Selbstvertrauen. Es geht auch um das, was  niederdrückt, krumm macht und um die Ungerechtigkeiten, die Frauen in unserer Gesellschaft erfahren. Dachte ich. Mein Thema hätte die Lebenswelt der Anwesenden kaum weniger treffen können. Ich blicke in irritierte und hilflose Gesichter. Ich reagiere ebenso  irritiert und hilflos. Was geht in diesen Frauen bloß vor? Was mache ich hier eigentlich? Uns trennt ein ganzes Universum! Am Ende geben sie mir mit auf den Weg: „Und wir wünschen Ihnen, liebe Pastorin Hitchschmock, dass Sie auch bald die Freuden im Hafen der Ehe erfahren können.“ In diesem Monat gibt es jetzt kein Bibelgespräch, sondern einen Gottesdienst. Mit Special Effects – aber davon schreibe ich ein ander Mal.

Meine Konfis überraschen mich auch gerne. Als wir mit Ulf zusammen zur Konfifreizeit gefahren sind, lief im Auto Phoenix. Einmal Indie-Mädchen, immer Indie-Mädchen. Der Liebste und ich waren einmal bei einem Konzert von Phoenix  und es ist in die Liste der besten Konzerte ever aufgenommen worden.  Auf der Autofahrt saß  Flo auf dem Beifahrersitz, Max war hinten mit seinem Smartphone beschäftigt. Flo kann großartig Trompete spielen und leidet jedes Mal sehr, wenn er die Spezialitäten des Gemeindebläserchores zu Ohren bekommt. Eigentlich gute Voraussetzungen für einen ernstzunehmenden Musikgeschmack. Thomas Mars sang: So sentimental, not sentimental no.. und ich wippte am Steuer mit und dachte  traumversunken an die Zeiten, als Indiediscos noch cool waren und ich zwischen den ganzen 18jährigen nicht so sehr aufgefallen bin. Flo holt mich mit seiner Frage zurück in die Realität: „Ist das Justin Bieber?“ Die Konfis und mich trennt vielleicht kein ganzes Universum, aber ein kleiner Abgrund ist da schon. Max hört in den Pausen während unserer Konfizeit meist irgendwelche grauenvollen Schlager mit peinlichen Texten und fragt dann immer: „Frau Hitschmooock – kennen Sie das schon? Das ist voll geil, oder? Hören Sie mal!“ Ich gehe dann meistens pinkeln oder tue so als ob ich dringend pinkeln müsste und hoffe, dass der Spuk vorbei ist, wenn ich wiederkomme. Letzte Woche waren wir wieder zu dritt unterwegs mit Ulf. Unlängst habe ich mich spät aber intensiv von Get Well Soon begeistern lassen. Das neue Album begleitet mich seit Wochen zu den Gottesdiensten und Gemeindekaffees. So laut, dass jedem Dorf, das ich durchquere klar sein müsste, dass in meinem Auto nur die beste Musik der Welt läuft, zum Wohle aller. Ich bin eine Missionarin des guten Geschmacks. Die Autofahrt ins Dorf G mit den Konfis (wir planen die Special-Effects für den Gottesdienst dort) ist kurz, aber wir schaffen es auf dem Album bis zum wundervollen Titel „Love“. Ich drehe die Lautsprecher auf und spiele auf dem Lenkrad Schlagzeug (ich hatte eine sehr kurze Karriere als Schlagzeugerin in einer Punkband). Flo sitzt dieses Mal hinten und ich sage: „Hör mal, diese Bläser im Refrain finde ich so toll, obwohl die da nur vier kleine Töne spielen!Ist es nicht cool, wieviel Effekt so ein paar kleine Töne haben können?“ Flo guckt gelangweilt „Naja, ist eher öde.“ Ich drehe die Lautsstärke runter als es von rechts ruft: „Nee, lassen Sie mal. Das ist irgendwie voll cool!“ Max wippt im Takt mit,  zu Get Well Soon!  Am Ende dieses Nachmittages wird er sagen: „Heute war der beste Konfirmandenunterricht aller Zeiten! Echt mal, richtig geil!“ Das hatte bestimmt auch mit dem musikalischen Intro zu tun. It´s love – love! 

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