My own, personal Pfingst-Wunder

Letzten Sonntag haben Flo und Max Konfirmation gefeiert. Vorgestern sind bei mir Fotos eingetrudelt, die u.a. die beiden und mich kurz nach dem Gottesdienst zeigen. Ich stehe strahlend in der Mitte und habe meine schwarzen Fledermausflügel auf die Schultern der beiden gelegt in dem optimistischen Glauben, die beiden würden auch vergnügt gucken. Pustekuchen. Flo verzieht den Mund nach unten und guckt gequält an der Kamera vorbei. Und Max zieht die Schultern nach oben (es war schweinekalt) und sieht aus, als hätte er seit Jahren nicht mehr gelacht.  Ich jedenfalls hatte Grund zur Freude:

Dieser Gottesdienst war für mich nämlich ein echter Krimi. Am Tag davor war ich scheinbar zu lange draußen unterwegs und muss mir eine Erkältung eingefangen haben. Am Pfingstsonntagmorgen dann: keine Stimme. Nur ein gebrochenes Krächzen habe ich rausbekommen. Wie soll man so einen 1,5 stündigen Gottesdienst mit Liturgie, Predigt, Konfirmation, zwei Gitarrenstücken und Abendmahl halten? Und was macht man eigentlich, wenn das beim besten Willen nicht geht? Am Pfingstsonntag hat ja kein Kollege/keine Kollegin mal eben frei.

Zunächst startete ich einen Facebookaufruf  und erbat Tipps. Offene Apotheken sind in dieser Gegend eher spärlich gesät, deshalb fielen viele gutgemeinte  Ratschläge schonmal aus (Gelorevoice – noch nie davon gehört). Die Zeit arbeitete jedoch für mich, der Gottesdienst begann erst 15.00 Uhr und so fand ich mich schließlich in meiner Küche beim Zwiebel hacken und Honig suchen wieder. Was man nicht alles für seine Gemeinde tut – der tapfer eingenommene Zwiebelhonig (igitt!!) steigert mein soziales Kapital in der Gemeinde ins Unermessliche. Zum Glück hatte meine Freundin, die den Tipp gab recht: man stinkt davon nicht. Daneben dann massig Tee und einige traurige Singversuche.

Ich bin froh und auch ein bisschen stolz darauf, dass ich in unseren Kirchen hier ohne Mikrofon unterwegs bin. Meine Stimme ist laut genug und Headsets oder Kabelagen machen mich eher nervös (Wo ist der Knopf? Ist das Teil an? Aus? Kann gerade jeder hören, wie ich mir die Nase putze? Wie vertragen sich Headset und Taufwasser?) und schaffen einen ulkigen Abstand zwischen Gemeinde und Liturg_in oder Prediger_in. Ich gehe auch nicht gerne auf die Kanzel, weil ich es nicht mag die Gemeinde von oben zu betrachten und „herab“ zu predigen – lieber auf Augenhöhe.

In der Kirche, in der wir jetzt Konfirmation gefeiert haben, gibt es eine Mikrofonanlage. Da ich sie noch nie benutzen musste und wollte weiß ich nicht, wie sie funktioniert. Ich weiß auch nicht wer weiß, wie sie funktioniert. Dafür kann ich seit 14 Tagen die Glocken läuten, aber das war letzten Sonntag nicht hilfreich, genauso wenig wie die verstaubte Mikrofonanlage. Egal – es musste dann so gehen.

Im Pfingstgottesdienst geschah dann tatsächlich ein Sprachwunder: zwar beherrschte ich nicht wie die zwölf Jünger auf einmal alle möglichen Fremdsprachen, dennoch kam ich im Laufe des Gottesdienstes immer mehr zu Stimme: das erste Gitarrenlied war noch holprig und wurde von mir spontan gekürzt (Kanon? Welcher Kanon?). Doch schon beim Kyrie ging es unglaublich viel besser mit der Stimme  als ich es morgens für möglich gehalten hätte. Zur Sicherheit habe ich dann von der Kanzel aus gepredigt, akustisch betrachtet macht das in vollen Kirchen ja auch wirklich Sinn und die Kirche war voll. Hurray. Ich behaupte, dass ich in diesem Gottesdienst klang wie die deutsche Synchronstimme von Dana Scully. Erotischer hätte eine Konfirmation kaum sein können. Und auch beim Abendmahl: „MULDER!!!! Brot des Lebens für dich.“

Mein Vergnügen auf dem schrägen  Foto hat also durchaus seinen Grund. Ich vermute, Max und Flo sind einfach zu jung um Parallelen zwischen diesem Gottesdienst und Akte X zu ziehen. Pfft, diese Jugend. Kurz darauf hat es gehagelt, ich weiß warum. *Tütütütütütüüüü* ( ihr hört bitte: das X-Files-theme).

 

Advertisements

„Soviel Hunger?“

Ich bin ein glücklicherer Mensch, seit Simon in unserer Band Schlagzeuger geworden ist. Nicht nur weil er gut Schlagzeug spielt, nein – er ist ja auch noch Koch und bringt neuerdings immer mal wieder Reste aus der Schulküche mit. Es gab schon gefüllte Zucchini, Quiche, Chili con Carne, Käsespätzle und bei der letzten Probe Pizza.

Meine Essensgewohnheiten haben sich nach dem ersten Schreck im Pfarramt Anfang letzten Jahres  zwar normalisiert, doch wenn ich für mich alleine kochen soll, dann backt der Ofen mir nach wie vor meist eine TK-Pizza. Der einzige Döner im Ort hat seit einem halben Jahr geschlossen (wegen einer Mieterhöhung!), ein halb verrostetes Schild in der Hauptstraße deutet an, dass es hier einmal eine Pizzeria gegeben haben muss. Aber das ist wie so vieles hier  lange, lange her.

Lange her ist auch, dass ich mal einen brauchbaren Song für die Band geschrieben habe. Der Kreativitätsfluss geht in die Predigten und Andachten, im Moment bleibt für die Musike nichts übrig. Ein ebenfalls musizierender und schon älterer Kollege im Pfarramt hat erfahren, dass der Beruf die Musik unheimlich bereichern kann – aber davon merke ich bisher wenig. Obwohl ich hier fantastische Themen auf dem Silbertablett serviert bekomme:

Der alte Seefahrer, der in 20 Jahren nur 5 Mal Weihnachten zuhause war und die Sehnsucht nach der Weite des Meeres  versucht mit Autofahren auszugleichen „Drei Monate waren wir nach dem Krieg eingefroren – stellen Sie sich das mal vor, drei Monate!“).

Das zehnjährige  Kind, das sich die herrlichsten Geschichten über Gott und u.a. den Osterhasen (Bild: „Glaubst du an Gott?“ Hase: „Ja“) ausdenkt und bei Kirchens unbedingt dabei sein will.

Martha in ihrem kleinem Haus im Wald, die dort  Dreifelderwirtschaft betreibt (das kannte ich bisher nur aus der Grundschule) und überall auf dem riesigen Gelände stehen wirr durcheinander Bauwagen, Kunstwerke und blühende Bäume. Martha ist der Peter Lustig dieser Gemeinde, mit Locken statt Glatze.

In der Band fällt meine unkreative Phase bisher glücklicherweise nicht großartig ins Gewicht – Matthias textet und komponiert und ich genieße es, mich mit anderen Gedanken und Melodien als meinen eigenen zu beschäftigen. Überhaupt sind diese Proben immer ein bisschen wie Urlaub: manchmal komme ich aus der Gemeinde in den Proberaum und weiß gar nicht wo mir der Kopf steht. Nach zwei, drei Stunden Singen, Klampfen, Schnacken und Essen relativiert sich Einiges. Letztens habe ich begonnen, mich in Sophie Hunger reinzuhören und fragte Matthias während der Probe: „Kennst du eigentlich Sophie Hunger?“ Matthias antwortet: „So viel Hunger?“ Das ist jedenfalls nicht mehr mein Problem. Danke, liebe Band.