„Soviel Hunger?“

Ich bin ein glücklicherer Mensch, seit Simon in unserer Band Schlagzeuger geworden ist. Nicht nur weil er gut Schlagzeug spielt, nein – er ist ja auch noch Koch und bringt neuerdings immer mal wieder Reste aus der Schulküche mit. Es gab schon gefüllte Zucchini, Quiche, Chili con Carne, Käsespätzle und bei der letzten Probe Pizza.

Meine Essensgewohnheiten haben sich nach dem ersten Schreck im Pfarramt Anfang letzten Jahres  zwar normalisiert, doch wenn ich für mich alleine kochen soll, dann backt der Ofen mir nach wie vor meist eine TK-Pizza. Der einzige Döner im Ort hat seit einem halben Jahr geschlossen (wegen einer Mieterhöhung!), ein halb verrostetes Schild in der Hauptstraße deutet an, dass es hier einmal eine Pizzeria gegeben haben muss. Aber das ist wie so vieles hier  lange, lange her.

Lange her ist auch, dass ich mal einen brauchbaren Song für die Band geschrieben habe. Der Kreativitätsfluss geht in die Predigten und Andachten, im Moment bleibt für die Musike nichts übrig. Ein ebenfalls musizierender und schon älterer Kollege im Pfarramt hat erfahren, dass der Beruf die Musik unheimlich bereichern kann – aber davon merke ich bisher wenig. Obwohl ich hier fantastische Themen auf dem Silbertablett serviert bekomme:

Der alte Seefahrer, der in 20 Jahren nur 5 Mal Weihnachten zuhause war und die Sehnsucht nach der Weite des Meeres  versucht mit Autofahren auszugleichen „Drei Monate waren wir nach dem Krieg eingefroren – stellen Sie sich das mal vor, drei Monate!“).

Das zehnjährige  Kind, das sich die herrlichsten Geschichten über Gott und u.a. den Osterhasen (Bild: „Glaubst du an Gott?“ Hase: „Ja“) ausdenkt und bei Kirchens unbedingt dabei sein will.

Martha in ihrem kleinem Haus im Wald, die dort  Dreifelderwirtschaft betreibt (das kannte ich bisher nur aus der Grundschule) und überall auf dem riesigen Gelände stehen wirr durcheinander Bauwagen, Kunstwerke und blühende Bäume. Martha ist der Peter Lustig dieser Gemeinde, mit Locken statt Glatze.

In der Band fällt meine unkreative Phase bisher glücklicherweise nicht großartig ins Gewicht – Matthias textet und komponiert und ich genieße es, mich mit anderen Gedanken und Melodien als meinen eigenen zu beschäftigen. Überhaupt sind diese Proben immer ein bisschen wie Urlaub: manchmal komme ich aus der Gemeinde in den Proberaum und weiß gar nicht wo mir der Kopf steht. Nach zwei, drei Stunden Singen, Klampfen, Schnacken und Essen relativiert sich Einiges. Letztens habe ich begonnen, mich in Sophie Hunger reinzuhören und fragte Matthias während der Probe: „Kennst du eigentlich Sophie Hunger?“ Matthias antwortet: „So viel Hunger?“ Das ist jedenfalls nicht mehr mein Problem. Danke, liebe Band.

 

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