Momente für die Ewigkeit II

Für mich ist es wichtig, in Ruhe bei einer Trauerfeier anzukommen. Ich versuche meistens 20 Minuten vor Beginn da zu sein, dann ist Zeit zum Quatschen mit Herrn Tafel (Liedauswahl, allgemeines Befinden)  oder den Bläsern oder wer sonst Musik macht, die Familie kann begrüßt werden und  Armin und ich haben auch noch einen Moment um Absprachen zu machen („Wie lange brauchst du?“ „“20 Minuten, schätze ich.“ „Machst du das Mikro aus, wenn du fertig bist?“ „Na klar.“). Außerdem brauch ich immer etwas Zeit für mich und gehe Ansprache und Liturgie nochmal durch. Wenn die Beisetzung in meiner Hauptpredigtstätte stattfindet, muss ich nur 2 Minuten Fahrzeit zum Friedhof einplanen – purer Luxus. Es ist eigentlich nie problematisch, einen Parkplatz dort zu finden, ein breiter Weg führt links, ein anderer rechts am Friedhof vorbei. Bei der letzten Bestattung vor dem Urlaub sah die Lage anders aus und ich hätte es wissen können (ein bekannter und beliebter Mann war mit Anfang 80 verstorben).

Der Vormittag war schon unangenehm unruhig mit tausend Telefonaten und nervigem Orgakram – ich verzettelte mich mit meiner To-Do-Liste und der Uhrzeit und setzte mich 15 Minuten vor Beginn der Trauerfeier in Ulf und brauste zum Friedhof. Auf meinen gewohnten Plätzen war alles schon voll und ich begann leicht zu schwitzen. Da! Hinter dem schwarzen Kleinbus auf der rechten Seite  war noch ein Platz, vorwärts irgendwie rein und dann stand ich etwas ungünstig auf dem Weg, der in den Wald führte und hoffte, dass niemand hier in der nächsten Stunde würde durchfahren müssen. Ein PKW würde wohl schon durchkommen, aber wer sollte hier auch aus diesem Wald…Just in diesem Moment fuhr aus dem Wald ein großer, weißer Umzugslaster und kam nicht durch, weil Ulf und ich eben etwas ungünstig geparkt hatten. Ich blickte auf die Uhr (verdammt! Nur noch 12 Minuten!), auf den Kleinbus und fluchte. Warum habe ich keinen Privatparkplatz? Muss ich jetzt diesen Leuten Platz machen? Ich habe doch gar keine Zeit! Was, wenn gleich die Glocken läuten und ich diesen blöden Zaun hier plattmache statt Herrn Meier beizusetzen? F***!!  Mit diesen Gedanken näherte ich mich dem Bus, der trotz Fluchens und meiner dringenden Mission immer noch da stand. Der Fahrer war wenig verständnisvoll: „Ich muss zur Bestattung!!“ „Wir müssen den Wagen abgeben!“ „Aber, ich muss zur Bestattung!“ Das letzte hektische Ausparken mit Ulf ganz am Anfang meines Probedienstes (ihr erinnert euch sicher) hatte offenbar ein stärkeres Trauma ausgelöst, als mir bewusst war. „Wenn Sie nicht zurückfahren, holen wir die Polizei!“ „Grumpf!“ Geladen stapfte ich zu Ulf zurück – blickte in das erstaunte Gesicht eines Mannes aus dem schwarzen Kleinbus vor Ulf (Wo kommt der denn jetzt her?), stieg ein, fluchte weiterhin kräftig und fuhr langsam rückwärts wieder auf die Hauptstraße (f***f****f***!) und fand zu meiner großen Erleichterung einen kleinen Rasenstreifen, der für Ulf ausreichte, direkt an der Hauptstraße. Wieviele Minuten hatte mich das jetzt gekostet? Und wieviel Schweiß, oh Gott, die Trauerfeier hatte doch noch nicht mal angefangen! Ich warf mich in den Talar, schnappte mir das schwarze Mäppchen und eilte los Richtung Trauerhalle. Aus dem schwarzen Kleinbus war in der Zwischenzeit der Bläserchor gestiegen (man hatte mich tatsächlich die ganze Zeit beobachtet, wie bodenlos grauenvoll!), der Mann von eben klopfte mir auf die Schulter, er hielt eine Posaune in der anderen Hand: „Immer mit der Ruhe.“ Irgendwie hatte zu allem Überfluss in den Tagen zuvor die Kommunikation zwischen Bläserchef und Armin nicht funktioniert, jedenfalls wussten die Herren nicht, was sie zu spielen hatten (welche verdammte  Ruhe bitteschön?). Das, was ich (bewusst und passend) ausgesucht hatte, konnten sie nicht. Also Notimprovisation (waaaah, noch 4 Minuten!!), Texte gucken, Singbarkeit prüfen (mehr Schweiß) und endlich den Hügel zur Trauerhalle rauf und da läuteten auch schon die Glocken. Armin wartete bereits ungeduldig, die Bläser bezogen Stellung und ich war fix und fertig. So viele Leute! Die Trauerhalle war voll, davor standen bestimmt um die fünfzig Leute.

Diese Episode war das Furchtbarste, was ich seit Langem erlebt habe. Auch, weil die Bläser sich, aus welchen Gründen auch immer (die Meinungen darüber gingen hinterher auseinander), nicht an die Absprache gehalten haben. Nach der Predigt spielten die Herren vier Strophen eines Liedes, dessen Melodie ich kannte, aber in der Schnelle nicht zuordnen konnte (ich hatte zuvor etwas anderes angekündigt).  Sie bliesen, ich summte leise mit und wünschte mich woanders hin.                                                                                                                                             Eine Woche später bescherte eben diese Episode mir das Schönste, was einer Pfarrerin oder einem Pfarrer nur passieren kann. Nach dem Gottesdienst (der Verstorbenen wird immer im nächsten Gottesdienst gedacht) kam die älteste Tochter des Beigesetzten zu mir und nahm mich beiseite: „Wissen Sie, ich wollte mich nochmal für die Trauerfeier und ihre Ansprache bedanken. Am Anfang, als sie begonnen haben zu reden, da war ich so traurig – ich musste so weinen. Und dann, je länger sie gesprochen haben, desto besser wurde es. Es wurde irgendwie immer leichter. Und dann dachte ich: Ja, genau so war mein Vater. Also, ganz herzlichen Dank, das haben sie wunderbar gemacht.“ Baff und dankbar  blicke ich der Frau hinterher. Das war dann ja doch noch einmal gut gegangen, sogar sehr gut. Wunderbar. Halleluja.

 

Gestorben wird immer

Ich kann mich noch ziemlich genau an mein erstes Trauergespräch im Vikariat erinnern: damals ich saß mit meinem Mentor in einem großen, elegant eingerichteten Haus und war nervös. Wie verhält man sich der Familie gegenüber? Was, wenn ich mich von der Trauer der Familie nicht abgrenzen kann und gleich mitweine? Zum Glück übernahm mein Mentor die Gesprächsführung, ich saß neben ihm auf der Couch, hörte zu und trank Wein. Viel Wein, denn das Gespräch dauerte geschlagene 2,5 Stunden. Ein alter Mann war gestorben und seine drei erwachsenen Kinder und die Witwe hatten sich zum Gespräch eingefunden. War mein Weinglas leer, wurde ungefragt nachgefüllt. Je länger ich da stumm und trinkend auf der Couch saß , desto unschärfer wurde mein Bild von der Familie: Mutter und Tochter waren sich über den Verstorbenen irgendwie einig, doch die zwei Söhne hatten seit einigen Jahren einen fiesen Streit zu laufen und pochten jeweils auf ihre Darstellung des Vaters. Es war entsetzlich, ich rutschte auf meinem Couchplatz hin und her und zählte die Minuten. Irgendwann musste ich das Glas zuhalten, alles drehte sich und gleich hätte ich mich mitgedreht, auf der Couch, dem flauschigen Teppich oder den dunkel glänzenden Fliesen im Flur. Auf dem Heimweg (ohne Ulf, den gab es da noch nicht) im Auto meines Mentors merkte ich, wie durchgeschwitzt ich war, ohne dass ich mich tatsächlich irgendwo herumgedreht hätte. Das reine Zuhören hatte mich so angestrengt.

Das ist nun schon über 3 Jahre her und seitdem habe ich in sehr vielen Wohnzimmern, Wintergärten oder  Küchen gesessen (mich nicht gedreht) und mit Trauernden gesprochen. Mir wurde Kaffee, Wasser, Saft und Cola angeboten – aber nie wieder Wein (vielleicht hätte das manchmal geholfen). Manchmal gab es zum Gespräch Kuchen (immer Kuchen, aber niemals Schnittchen, garh!), manchmal hinterher und manchmal auch gar nichts. Es wurde gelacht, geweint, gestritten und geschwiegen – ich wurde umarmt, angezickt und angeflunkert – wirklich alles ist in diesen Gesprächen möglich. Ich bin froh, dass ich bisher bei keiner Begegnung in Tränen ausgebrochen bin. Feuchte Augen und ein  Kloß im Hals hatte ich dagegen öfter – doch damit kann ich leben und vor allem noch arbeiten.

Nach 1,5 Jahren kenne ich auch die meisten Bestattungsunternehmen aus meiner Region, oft sind es kleine Familienbetriebe: der Vater gründete die Firma, die Tochter übernimmt so langsam und die Tante spielt Orgel. Am Liebsten arbeite ich mit dem Bestatter aus meiner Hauptpredigtstätte zusammen. Wenn es um ihn geht, spreche ich mittlerweile auch nur von „meinem Bestatter“, was für Außenstehende in vielerlei Hinsicht irritierend sein dürfte. Armin und ich  duzen uns seit dem Feuerwehrball im letzten Herbst (Schnaps, Dorffest, Coverband  – den Rest könnt ihr euch ausmalen), ich kenne seine Frau und die Kinder und wenn wir uns im Städtchen über den Weg laufen ist immer Zeit für einen kleinen Schnack. Eigentlich ist er ja Tischler, aber er kommt mit dem Geschäft neben der Bestatterei nicht mehr hinterher, deshalb lässt er das Tischlern jetzt für eine Weile bleiben. Mich interessiert wie er seinen Job so macht und wie es ihm dabei geht, schließlich haben wir ja oft mit denselben Leuten zu tun. Seit ich über meinen Liebsten die fantastische (gar beste?) Serie Six Feet Under entdeckt habe,  ist meine Neugierde noch größer.                                                                                                                                                            Ich: „Holst du mit diesem Wagen der Verstorbenen ab?“ Er: „Nein, da ist der Bagger drin.“ Ich: „Warst du schon zum Gespräch? “ Er: „Ja, schöne Scheiße, die sind alle zerstritten. Und wie immer geht es nur um Knete.“ Ich: „Es kann sein, dass der verlorene Sohn zur Beisetzung kommt, was machen wir dann?“

Vor ein paar Wochen nach einer Beisetzung dann dieser Wortwechsel: Ich: „Kennst du Six Feet Under?“ Er: „Nee, was das denn?“ Wenn es sich irgendwie ergibt, bekommt Armin von mir eine DVD dieser Serie geschenkt. Und dann gibt es noch viel mehr zum Quatschen und das fänd ich gar nicht so schlimm.

 

 

 

 

 

 

 

Urlaubsnotiz II

Ihr lieben treuen Lesenden,

Letztes Jahr habe ich mich vor meinem Urlaub von euch verabschiedet und erst danach wieder gebloggt. Dieses Jahr komme ich erst im Urlaub zum Schreiben (hoffentlich häufiger als nur heute), ich war seit Juli ne mega busy preacher woman mit noch mehr Dörfern und zwei Kirchen zusätzlich. Ich hoffe, euch allen gehts gut und dass ihr den Sommer wie ich mit Urlaub oder Baden/Grillen/Seifenblasen/Tanzen/Musik/Weißwein/Wasauchimmer  genießen könnt.

Ist immer schön, Kommentare oder Mails von euch zu lesen! Danke dafür und fürs Lesen und überhaupt: Rock`n Roll!

Eure plötzlichpfarrerin

Momente für die Ewigkeit

Es gibt Szenarien, auf die wird man im Studium einfach nicht vorbereitet. Weder im Wahnsinn des Ersten Theologischen Examens, noch in den 2  – 2,5 Jahren Vikariat und dem ständigen Spagat zwischen Gemeinde, Predigerseminar und Abschlussprüfungen. Das Beste aus meiner Vikariatszeit ist eine kleine Gruppe großartiger Menschen zu der u.a. auch Rahel und Ruth gehören. Wir sind ingesamt sieben (mittlerweile) Pfarrer_innen und treffen uns alle paar Wochen zur Supervision und zum Essen und einfach so Schnacken.

Zu Beginn des Vikariats erzählte Andreas in dieser Gruppe  davon, wie er im Gottesdienst ein dreijähriges Kind taufte. Als Vikar_in macht man ja viele Sachen zum ersten Mal: ich weiß noch wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal die Lesungen und die Fürbitten übernehmen sollte – aus heutiger Sicht total bekloppt und übertrieben. Aber damals: alles krass, alles neu, alles irre. Unser Andreas stand damals also mit Täufling, Eltern und Paten am Taufstein und war froh, es gut und heil bis dahin geschafft gehabt zu haben.  Auch bei der eigentlichen Taufhandlung lief alles glatt:  „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“, er konnte Segensspruch, Taufspruch und alles was sonst noch dazu gehört sprechen und dann fing der kleine Junge plötzlich an zu heulen und zu strampeln. Er bekam einen richtigen Wutanfall, kämpfte sich aus den Armen seines Vaters und stürmte schreiend aus der Kirche. Andreas entschlüpfte daraufhin ein gut hörbares: „Naja, getauft is er ja.“ Wir haben Tränen gelacht, als er diese Geschichte erzählt hat.

Mir ist letztens etwas Ähnliches passiert, Tränen wären mir auch fast gekommen, aber aus anderen Gründen. Ich bin heute nicht mehr sicher,  was um aller Welt mich dazu bewogen hat, an einem Sonntag zwei Gottesdienste mit insgesamt drei Taufen, zwei unterschiedlichen Predigten, Kinderbespaßung und Gitarrenbegleitung zu feiern. Es muss die pure Hybris gewesen sein.

Im ersten Gottesdienst wurde der kleine Paul getauft, das jüngste von vier Geschwisterkindern, seine Cousine Jana besucht bei mir den Religionsunterricht und verblüfft mich immer mit klugen Gedanken und süßen gemalten Bildern (ein Engel schwebt  über der Welt mit der Sprechblase: „Hier ist noch viel zu tun“). Zum ersten Mal ist an jenem Sonntag übrigens der neue ehrenamtliche Organist dabei. Er heißt Tim, ist jünger als ich (wie ungewohnt!!Wie wunderbar!)  und spielt zu meiner großen Freude solide und teilweise sogar beschwingt. Er erobert mein in der Gemeinde vereinsamtes Musikerinnenherz, als wir mit Orgel und Gitarre gemeinsam „Möge die Straße“ begleiten. Was für ein Fest! Die Kirche ist voll mit Kindern, die auf meine Anregung hin konzentriert und in  kunterbunten Farben ein großes Bild mit Segenswünschen für Paul malen. Sie helfen mir beim Taufwasser einfüllen  (ich hab so hübsche, bunte Fläschchen) und später lesen sie  sogar die Fürbitten, von Aufregung bei den Kleinen dabei übrigens keine Spur, pfft. Auch Paul (1 Jahr alt) macht seine Sache gut. So kleine Geister bekommen ja gerne mal einen gehörigen Schreck wenn sie das Taufwasser trifft, aber Paul guckt kurz irritiert und lacht mich dann fröhlich an. Ehrlich – was könnte ich mehr wollen?

Als ich ungefähr eine Stunde später in Dorf E  mit Täufling Nr.3 , Eltern und Patinnen an der Taufschale stehe, ist die geglückte Taufe von Paul nur noch eine wehmütige Erinnerung. Die erste Taufe im zweiten Gottesdienst  ist zu diesem Zeitpunkt schon vollzogen, Emma ist mit ihren 1,5 Jahren frisch und zufrieden Teil der weltweiten Christenheit geworden und sitzt mit ihren Eltern,  einer leuchtenden Taufkerze und ihrem Geschenk (eine Kinderbibel, ich liebe Kinderbibeln!) wieder auf der Bank in der ersten Reihe. Soeben fragte ich die Eltern von Täufling Nr. 3: „Wollt ihr, dass euer Kind Magda  getauft wird und  […], so antwortet Ja, mit Gottes Hilfe.“ Sie antworteten wenig überraschend: Ja, mit Gottes Hilfe. Nur die kleine Magda ist sich ihrer Sache nicht so sicher. Sie ist 3 Jahre alt und hat schon am Tag zuvor  den Altarraum und die Taufschale mit äußerst kritischängstlichem Blick beäugt. Ich habe dieses Treffen mit den Eltern und den beiden Täuflingen extra geplant (an meinem freien Tag!), um eventuelle Ängste oder so abzubauen. Ein bisschen durch die Kirche laufen, auf die Empore klettern, hinter den Altar schauen und die Taufschale inspizieren – eigentlich total cool (finde ich). Doch  über Nacht muss Magda beschlossen haben, dass das mit der Taufe eine total uncoole Idee war. Jetzt befindet sie sich in den Armen ihrer Mutter und sagt mehrfach und für alle gut hörbar: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Mit rotgeweinten Augen schaut Magda kurz zu mir, dann auf die Taufschale mit dem Wasser, dreht den Kopf zu ihrer Mutter und wiederholt unter Tränen: „NEIN!!!ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“

Ehrlich – wie blöd kann es laufen? Die Eltern schauen sich und mich hilflos an – in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Was mache ich jetzt? Man kann (und darf!) ja niemanden gegen seinen oder ihren Willen taufen, Magda ist alt genug für Widerspruch. Nicht auszumalen, wenn sie nun ein Trauma von ihrer Taufe davontragen würde!  Woher kommt die Angst? Kann ich irgendwas tun? Wenn ja, was?  Wie kommen alle Beteiligten jetzt einigermaßen souverän aus dieser unangenehmen Situation? Es vergehen wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, doch in meinem Empfinden ziehen sich diese Sekunden eine quälende Ewigkeit hin. Magda quengelt mich aus meinen Überlegungen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Schluchzen, Tränen.“Ok, Magda – kein Problem, wir versuchen das später, nach dem Gottesdienst in kleinerer Runde einfach noch mal. Vielleicht ist das auch ganz schön, wenn nicht so viele Leute zugucken, mich würde das auch nervös machen.“ Ich blicke entschuldigend in die Kirche, die rappelvoll ist mit Verwandten und Bekannten von Emma und Magda, die erwartungsvoll nach vorne schauen. Crap. Die Taufgesellschaft um Magda nimmt wieder Platz auf der Bank neben Emma und Co. Magdas Mutter hat verdächtig rote Wangen, der Vater schaut angestrengt auf den Boden. Ich weiß, wie sehr sie sich die Taufe für Magda wünschen, ihre Enttäuschung ist nicht zu übersehen.

Die anwesenden Kinder sollten übrigens auch hier ein Bild für die Täuflinge malen, aber auch das hat irgendwie nicht geklappt: stattdessen haben zwei Lausebengel alle Buntstifte von beiden Seiten angespitzt und die Späne weitläufig im Altarraum verteilt. Auch beim Taufwasser einfüllen waren die Kinder hier anders drauf: statt auf mein Kommando zum warten (eine Taufwassermeditation hat ja auch eine gewisse Reihenfolge), kippten einige das Wasser sofort in die Taufschale und  kamen dann zu mir und der Taufkanne zurück: „das Wasser ist alle, wir brauchen mehr“.

Nach dem Gottesdienst verabschiede ich die Gemeinde an der Kirchentür. Ein Ehepaar aus der Großstadt stellt sich vor, die Frau ist ebenfalls Pastorin und sagt mitfühlend: „Sie Arme, das ist mir in 40 Jahren Dienstzeit nicht einmal passiert! Das wird schon noch – vielleicht hilft ja ein Ortswechsel!“ Wenig später kehre ich zurück in die Kirche zu Magda, ihren Eltern und den zukünftigen Patentanten. Man hat sich schon wieder in Stellung vor die Taufschale begeben (ok, also kein Ortswechsel), aber Magda weigert sich weiterhin. Rahel wüsste genau, was man in diesem Moment machen muss, schießt es mir durch den Kopf. Aber Rahel, die mit ihren Töchtern so unendlich liebevoll umgeht und weiß, wie man selbst dreijährigen die Taufe erklären kann, ist von mir mindestens 2,5h mit Ulf entfernt, also keine Option. Improvisation ist gefragt.

Magda und ich schauen uns nun genau die bunten Blümchen an der Taufschale an (jetzt erträgt sie immerhin schon den Anblick der Schale!) „Ich mag am Liebsten die blauen und du?“ Schniefen von Magda: „Die roten..“ „Komm, wir legen mal ein paar von den Blümchen ins Wasser, das gefällt denen bestimmt gut..“  Magda und ich tauchen die dekorativen Blümchen ins Becken (Wasser berühren geht also auch) und lassen sie schwimmen. „Marta, wollen wir dich jetzt vielleicht t…“ „NEIN, ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“ In den nächsten ewigen Minuten zeige ich ihr die Taufkerze („Mit Glitzerschrift, Magda!!“), die verpackte Kinderbibel („Emma hat ihr Geschenk schon, da ist was ganz Tolles drin“), male ihrer Mutter ein Kreuzzeichen mit Wasser auf die Hand und spreche ein Segenswort („Wasser tut gar nicht weh, schau!“). Immer mal wieder frage ich, ob sie jetzt vielleicht mit der Taufe einverstanden sei, aber Magda schüttelt den Kopf. Ich beginne mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass Magda heute nicht getauft wird – vielleicht später, in einem halben Jahr oder so. Aber eine Idee kommt mir noch,  vielleicht will sie ja sehen was passiert und vielleicht hat sie Angst vor Wasser. „Magda, schau mal her – ich zeige dir jetzt genau, was ich mache: ich nehm hier in meine rechte Hand  nur gaaanz wenig Wasser und meinst du so könnten wir dich taufen?“ Magda guckt und sagt völlig überraschend: „Ja.“ Wow, wer hätte das noch für möglich gehalten? „Magda XX,  ich taufe dich im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes […]“ Es sprudelt nur so aus mir heraus (wer weiß, ob Magda es sich gleich doch noch anders überlegt) und schließlich ist auch dieses Kind getauft (HALLELUJA!!) und meine Erleichterung und schlagartige Erschöpfung kennt keine Grenzen. Was für ein Krimi!

Emmas und Magdas Eltern laden mich ein zum Mittag zu bleiben und ich nehme dankend an. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zum Buffet und entdecke neben kalten Platten, Brot, Obst, Salat, Kartoffeln und Spargel zu meinem großen Verzücken einen großen Berg Schnitzel. Ehrlich – was könnte ich jetzt noch mehr wollen? Während ich versuche möglichst schnell möglichst viel zu essen, höre ich die Kinder auf der Wiese nebenan lachen und schreien. Sie haben ein neues Spiel und rufen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN! ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“. Ach Magda, man wird noch lange von diesem Tag reden. Und ich auch.