Momente für die Ewigkeit

Es gibt Szenarien, auf die wird man im Studium einfach nicht vorbereitet. Weder im Wahnsinn des Ersten Theologischen Examens, noch in den 2  – 2,5 Jahren Vikariat und dem ständigen Spagat zwischen Gemeinde, Predigerseminar und Abschlussprüfungen. Das Beste aus meiner Vikariatszeit ist eine kleine Gruppe großartiger Menschen zu der u.a. auch Rahel und Ruth gehören. Wir sind ingesamt sieben (mittlerweile) Pfarrer_innen und treffen uns alle paar Wochen zur Supervision und zum Essen und einfach so Schnacken.

Zu Beginn des Vikariats erzählte Andreas in dieser Gruppe  davon, wie er im Gottesdienst ein dreijähriges Kind taufte. Als Vikar_in macht man ja viele Sachen zum ersten Mal: ich weiß noch wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal die Lesungen und die Fürbitten übernehmen sollte – aus heutiger Sicht total bekloppt und übertrieben. Aber damals: alles krass, alles neu, alles irre. Unser Andreas stand damals also mit Täufling, Eltern und Paten am Taufstein und war froh, es gut und heil bis dahin geschafft gehabt zu haben.  Auch bei der eigentlichen Taufhandlung lief alles glatt:  „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“, er konnte Segensspruch, Taufspruch und alles was sonst noch dazu gehört sprechen und dann fing der kleine Junge plötzlich an zu heulen und zu strampeln. Er bekam einen richtigen Wutanfall, kämpfte sich aus den Armen seines Vaters und stürmte schreiend aus der Kirche. Andreas entschlüpfte daraufhin ein gut hörbares: „Naja, getauft is er ja.“ Wir haben Tränen gelacht, als er diese Geschichte erzählt hat.

Mir ist letztens etwas Ähnliches passiert, Tränen wären mir auch fast gekommen, aber aus anderen Gründen. Ich bin heute nicht mehr sicher,  was um aller Welt mich dazu bewogen hat, an einem Sonntag zwei Gottesdienste mit insgesamt drei Taufen, zwei unterschiedlichen Predigten, Kinderbespaßung und Gitarrenbegleitung zu feiern. Es muss die pure Hybris gewesen sein.

Im ersten Gottesdienst wurde der kleine Paul getauft, das jüngste von vier Geschwisterkindern, seine Cousine Jana besucht bei mir den Religionsunterricht und verblüfft mich immer mit klugen Gedanken und süßen gemalten Bildern (ein Engel schwebt  über der Welt mit der Sprechblase: „Hier ist noch viel zu tun“). Zum ersten Mal ist an jenem Sonntag übrigens der neue ehrenamtliche Organist dabei. Er heißt Tim, ist jünger als ich (wie ungewohnt!!Wie wunderbar!)  und spielt zu meiner großen Freude solide und teilweise sogar beschwingt. Er erobert mein in der Gemeinde vereinsamtes Musikerinnenherz, als wir mit Orgel und Gitarre gemeinsam „Möge die Straße“ begleiten. Was für ein Fest! Die Kirche ist voll mit Kindern, die auf meine Anregung hin konzentriert und in  kunterbunten Farben ein großes Bild mit Segenswünschen für Paul malen. Sie helfen mir beim Taufwasser einfüllen  (ich hab so hübsche, bunte Fläschchen) und später lesen sie  sogar die Fürbitten, von Aufregung bei den Kleinen dabei übrigens keine Spur, pfft. Auch Paul (1 Jahr alt) macht seine Sache gut. So kleine Geister bekommen ja gerne mal einen gehörigen Schreck wenn sie das Taufwasser trifft, aber Paul guckt kurz irritiert und lacht mich dann fröhlich an. Ehrlich – was könnte ich mehr wollen?

Als ich ungefähr eine Stunde später in Dorf E  mit Täufling Nr.3 , Eltern und Patinnen an der Taufschale stehe, ist die geglückte Taufe von Paul nur noch eine wehmütige Erinnerung. Die erste Taufe im zweiten Gottesdienst  ist zu diesem Zeitpunkt schon vollzogen, Emma ist mit ihren 1,5 Jahren frisch und zufrieden Teil der weltweiten Christenheit geworden und sitzt mit ihren Eltern,  einer leuchtenden Taufkerze und ihrem Geschenk (eine Kinderbibel, ich liebe Kinderbibeln!) wieder auf der Bank in der ersten Reihe. Soeben fragte ich die Eltern von Täufling Nr. 3: „Wollt ihr, dass euer Kind Magda  getauft wird und  […], so antwortet Ja, mit Gottes Hilfe.“ Sie antworteten wenig überraschend: Ja, mit Gottes Hilfe. Nur die kleine Magda ist sich ihrer Sache nicht so sicher. Sie ist 3 Jahre alt und hat schon am Tag zuvor  den Altarraum und die Taufschale mit äußerst kritischängstlichem Blick beäugt. Ich habe dieses Treffen mit den Eltern und den beiden Täuflingen extra geplant (an meinem freien Tag!), um eventuelle Ängste oder so abzubauen. Ein bisschen durch die Kirche laufen, auf die Empore klettern, hinter den Altar schauen und die Taufschale inspizieren – eigentlich total cool (finde ich). Doch  über Nacht muss Magda beschlossen haben, dass das mit der Taufe eine total uncoole Idee war. Jetzt befindet sie sich in den Armen ihrer Mutter und sagt mehrfach und für alle gut hörbar: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Mit rotgeweinten Augen schaut Magda kurz zu mir, dann auf die Taufschale mit dem Wasser, dreht den Kopf zu ihrer Mutter und wiederholt unter Tränen: „NEIN!!!ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“

Ehrlich – wie blöd kann es laufen? Die Eltern schauen sich und mich hilflos an – in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Was mache ich jetzt? Man kann (und darf!) ja niemanden gegen seinen oder ihren Willen taufen, Magda ist alt genug für Widerspruch. Nicht auszumalen, wenn sie nun ein Trauma von ihrer Taufe davontragen würde!  Woher kommt die Angst? Kann ich irgendwas tun? Wenn ja, was?  Wie kommen alle Beteiligten jetzt einigermaßen souverän aus dieser unangenehmen Situation? Es vergehen wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, doch in meinem Empfinden ziehen sich diese Sekunden eine quälende Ewigkeit hin. Magda quengelt mich aus meinen Überlegungen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Schluchzen, Tränen.“Ok, Magda – kein Problem, wir versuchen das später, nach dem Gottesdienst in kleinerer Runde einfach noch mal. Vielleicht ist das auch ganz schön, wenn nicht so viele Leute zugucken, mich würde das auch nervös machen.“ Ich blicke entschuldigend in die Kirche, die rappelvoll ist mit Verwandten und Bekannten von Emma und Magda, die erwartungsvoll nach vorne schauen. Crap. Die Taufgesellschaft um Magda nimmt wieder Platz auf der Bank neben Emma und Co. Magdas Mutter hat verdächtig rote Wangen, der Vater schaut angestrengt auf den Boden. Ich weiß, wie sehr sie sich die Taufe für Magda wünschen, ihre Enttäuschung ist nicht zu übersehen.

Die anwesenden Kinder sollten übrigens auch hier ein Bild für die Täuflinge malen, aber auch das hat irgendwie nicht geklappt: stattdessen haben zwei Lausebengel alle Buntstifte von beiden Seiten angespitzt und die Späne weitläufig im Altarraum verteilt. Auch beim Taufwasser einfüllen waren die Kinder hier anders drauf: statt auf mein Kommando zum warten (eine Taufwassermeditation hat ja auch eine gewisse Reihenfolge), kippten einige das Wasser sofort in die Taufschale und  kamen dann zu mir und der Taufkanne zurück: „das Wasser ist alle, wir brauchen mehr“.

Nach dem Gottesdienst verabschiede ich die Gemeinde an der Kirchentür. Ein Ehepaar aus der Großstadt stellt sich vor, die Frau ist ebenfalls Pastorin und sagt mitfühlend: „Sie Arme, das ist mir in 40 Jahren Dienstzeit nicht einmal passiert! Das wird schon noch – vielleicht hilft ja ein Ortswechsel!“ Wenig später kehre ich zurück in die Kirche zu Magda, ihren Eltern und den zukünftigen Patentanten. Man hat sich schon wieder in Stellung vor die Taufschale begeben (ok, also kein Ortswechsel), aber Magda weigert sich weiterhin. Rahel wüsste genau, was man in diesem Moment machen muss, schießt es mir durch den Kopf. Aber Rahel, die mit ihren Töchtern so unendlich liebevoll umgeht und weiß, wie man selbst dreijährigen die Taufe erklären kann, ist von mir mindestens 2,5h mit Ulf entfernt, also keine Option. Improvisation ist gefragt.

Magda und ich schauen uns nun genau die bunten Blümchen an der Taufschale an (jetzt erträgt sie immerhin schon den Anblick der Schale!) „Ich mag am Liebsten die blauen und du?“ Schniefen von Magda: „Die roten..“ „Komm, wir legen mal ein paar von den Blümchen ins Wasser, das gefällt denen bestimmt gut..“  Magda und ich tauchen die dekorativen Blümchen ins Becken (Wasser berühren geht also auch) und lassen sie schwimmen. „Marta, wollen wir dich jetzt vielleicht t…“ „NEIN, ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“ In den nächsten ewigen Minuten zeige ich ihr die Taufkerze („Mit Glitzerschrift, Magda!!“), die verpackte Kinderbibel („Emma hat ihr Geschenk schon, da ist was ganz Tolles drin“), male ihrer Mutter ein Kreuzzeichen mit Wasser auf die Hand und spreche ein Segenswort („Wasser tut gar nicht weh, schau!“). Immer mal wieder frage ich, ob sie jetzt vielleicht mit der Taufe einverstanden sei, aber Magda schüttelt den Kopf. Ich beginne mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass Magda heute nicht getauft wird – vielleicht später, in einem halben Jahr oder so. Aber eine Idee kommt mir noch,  vielleicht will sie ja sehen was passiert und vielleicht hat sie Angst vor Wasser. „Magda, schau mal her – ich zeige dir jetzt genau, was ich mache: ich nehm hier in meine rechte Hand  nur gaaanz wenig Wasser und meinst du so könnten wir dich taufen?“ Magda guckt und sagt völlig überraschend: „Ja.“ Wow, wer hätte das noch für möglich gehalten? „Magda XX,  ich taufe dich im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes […]“ Es sprudelt nur so aus mir heraus (wer weiß, ob Magda es sich gleich doch noch anders überlegt) und schließlich ist auch dieses Kind getauft (HALLELUJA!!) und meine Erleichterung und schlagartige Erschöpfung kennt keine Grenzen. Was für ein Krimi!

Emmas und Magdas Eltern laden mich ein zum Mittag zu bleiben und ich nehme dankend an. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zum Buffet und entdecke neben kalten Platten, Brot, Obst, Salat, Kartoffeln und Spargel zu meinem großen Verzücken einen großen Berg Schnitzel. Ehrlich – was könnte ich jetzt noch mehr wollen? Während ich versuche möglichst schnell möglichst viel zu essen, höre ich die Kinder auf der Wiese nebenan lachen und schreien. Sie haben ein neues Spiel und rufen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN! ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“. Ach Magda, man wird noch lange von diesem Tag reden. Und ich auch.

 

 

 

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3 Gedanken zu “Momente für die Ewigkeit

  1. Vielleicht ein kleiner Trost: Viel Schlimmer kann es ab jetzt, was Taufen angeht, nicht mehr kommen! 😀

    Und Hut ab, für die zumindest nach außen sehr souveräne Reaktion auf die dramatische Entwicklung der Situation!

    Gefällt 1 Person

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