Schall und Rauch

Sommerpause – ich liebe es. Zwar bin ich seit zwei Wochen wieder im Dienst, doch in den Ferien fühlt sich das alles sehr viel entspannter an: weder Religionsunterricht noch Konfirmandenzeit, weniger Gemeindekreise und kaum Termine auf Kirchenkreisebene. Eigentlich wäre ich in dieser Woche mit Jugendlichen in Taizé, doch da aus meiner Gemeinde (und der gesamten Region!)  nur eine Jugendliche mitwollte, habe ich ihr und mir die eins zu eins Betreuung erspart und bin hier geblieben.  So kam es, dass ich luxuriöser Weise an zwei Wochenenden nacheinander predigtfrei hatte, laut Plan war ich ja gar nicht hier, sondern im schönen Südburgund. Ein softerer Restart nach meinem Urlaub wäre kaum möglich gewesen.

Jetzt ist die Zeit, richtig viel Schreibtischkram zu erledigen. Den neuen Gemeindebrief, Überlegungen für den ersehnten ehrenamtlichen Besuchsdienst, die Kolumne für die Regionalzeitung schreiben (pffffffft)  und dann ist da auch noch dieser nervige Rechtsstreit, in den ich mich einarbeiten müsste. Ich könnte wenigstens die letzte Mail vom untreuen Vertragspartner lesen.

Oooooder ich entfliehe dem tristen Leben im Gemeindebüro und komme endlich wieder unter Menschen. Meine Verzweiflung muss ziemlich groß sein, ich fahre freiwillig zu einem Orgelkonzert in die nächste Stadt. Ich habe nämlich kein gutes Verhältnis zu Orgeln. Die Kantorin meiner Heimatstadt verspielte sich schmerzhaft oft und außerdem fand sie Taizé blöd. Deshalb fand ich sie blöd und ihr Orgelspiel sowieso und dann konsequenterweise auch gleich das ganze Instrument. Heute orgelt in Stadt B aber nicht jene Dame, sondern Stefan, der auch unseren Gemeindechor leitet. Stefan kenne ich seit dem Vikariat, wir feierten dort ein paar Gottesdienste gemeinsam und der Mann kann orgeln, dass einem die Ohren flattern. Wenn es die Zeit erlaubt, gehen wir auch mal einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen. Essen ist ja immer eine tolle Sache für mich und in guter Gesellschaft noch viel mehr. Stadt B gehört seit jüngster Zeit zu meinem Vakanzbereich, als zuständige Pfarrerin kann es gar nicht schaden, sich dort auch mal bei kulturellen Veranstaltungen blicken zu lassen, den Künstler und das Publikum begrüßen und hinterher verabschieden und so. Außerdem habe mich geschickter Weise mit Stefan nach dem Konzert zum Essen verabredet. Ich bin voller Vorfreude.

Kurz vor Konzertbeginn fragt mich Stefan, ob ich ihm beim Orgeln nicht assistieren könne. Das heißt, daneben stehen und die Noten umblättern, an der richtigen Stelle. Mit der richtigen Seite und in die richtige Richtung. Ohne irgendwas kaputt zu machen. Huch, ich bin ja nervös! Ob das noch Spätwirkungen meiner ebenso stolzen wie grausamen Klavierlehrerin aus Moskau sein könnten? Während ich wenig später rechts hinter der  Orgelbank stehe und überfordert versuche, die kleinen schwarzen Punkte auf dem zergriffenen Papier mit dem was Stefan mit seinen Fingern macht und dem, was aus den Orgelpfeifen (wie groß sind die eigentlich??) herauskommt, abzugleichen, erscheint neben mir Irina L. aus Moskau mitsamt dem ihr typischen Geruch aus kaltem Zigarettenrauch und schwerem Parfum. Ich höre sie neben mir brummen und schnaufen. Manchmal schlägt sie den Takt auf meine Stuhllehne, es geht mir durch Mark und Bein – ganz ohne Stuhl und Klavier und Irinas leibhaftige Anwesenheit. Stefan bleibt auch ohne Schläge im Takt (da ist ja auch gar keine Lehne, auf die man hauen könnte), natürlich. Nur in welchem Takt ist er jetzt? Waah! Schon die letzte Zeile, ja, Stefan nickt, ich blättere um. Es scheint geklappt zu haben, Stefan spielt ohne Schnaufen oder Brummen weiter. Wenn die Melodieführung einfach ist, kann ich ihm einigermaßen folgen, doch wenn Stefan schneller spielt als ich gucken und denken kann wird mein Blick unruhig und kreist auf den Noten herum wie ein hungriger Geier – wo ist er denn? WO IST ER DENN BLOß? Die ersten drei Stücke überstehen wir ohne größeren Schaden. Ich staune, was Stefan alles gleichzeitig kann und dass dafür zwei Arme und Beine ausreichen: in den kürzesten Pausen zerrt er wild an irgendwelchen Registern, drückt mit den Füßen neben der Tastatur auch noch kleine Pedalen und flitzt nur so über die Tasten, mit Fingern wie Füßen. Ich dachte nicht, dass das rein körperlich möglich ist. Das Umblättern klappt trotz Staunen. Strike.

Jetzt, ein ruhigeres Stück. Irgendwelche polnischen Tänze, aber das Tempo ist nahezu behäbig. Halbe Noten – easypeasy, ab jetzt wird es ein Spaziergang. Nanu? Brummt und schnauft Stefan etwa? Ich muss zweimal nachfragen um ihn zu verstehen: „Gehen wir gleich zum Italiener?“ Wtf?? Er kann diesen ganzen Wahnsinn am Instrument und dabei auch noch sprechen?! „Ja klar, können wir machen. Ich weiß nur nicht, ob der heute auf hat.“ “ Doch doch, hat er – ich hab vorhin gesehen, dass offen ist.“ Smalltalk während des polnischen Tanzes, ist ja nicht zu fassen.  Der Gedanke an Pasta und Pizza erinnert mich nebenbei daran, dass ich doch langsam Hunger bekomme. Was könnte ich nachher denn Schönes essen (Stefan nickt)? Pizza oder doch lieber Pasta (Stefan nickt nochmal). Und ob es alkoholfreies Bier gibt,  Ulf und ich müssen ja heil nach Hause kommen (Stefan blättert selbst um). VERDAMMT! „Kein Problem..“ sagt Stefan und tänzelt polnisch weiter. Wie taktlos von mir, dass mich ausgerechnet der Gedanke an das Abendessen aus dem Takt bringt. Typisch.

Beim übernächsten Stück (Fuge? Fantasie? Buxtehude? Bach?) schnauft Stefan schon wieder, ach nein, er lacht! Oh nein,  hat er bemerkt, dass ich beim Umblättern kurz (ganz kurz!) aus Versehen an das eine Register gekommen bin und dass es nun für alle Ewigkeit unweigerlich..Nein, puh,  das ist es zum Glück nicht. In der nächsten Pause  erzählt er mir von einem anderen seiner Konzerte. Wieder fragte er dort jemanden um Hilfe und fand eine Dame älteren Semesters, die sich hinter die Orgelbank stellte und wie ich heute, die Seiten umblätterte. Diese Frau war nach seinen Aussagen allerdings „ziemlich korpulent“ und während Stefan spielte, stieß sie permanent mit ihrem riesigen Busen gegen seinen Rücken und  gegen den Takt. „Und dann konzentrier dich mal auf die Musik!“Die Vorstellung ist so schräg, auch ich muss jetzt lachen. Und ein bisschen schnaufen und brummen. Stefan spielt weiter und ich tippe den Takt mit der linken Hand auf meinen Oberschenkel, man weiß ja nie. Ich blättere rechtzeitig um.

Beim Italiener erfahre ich, dass Stefan vor einigen Jahren mehrmals in meiner Heimatstadt Konzerte an der Orgel gegeben hat. An DER Orgel. Wäre das mal ein paar Jahr früher passiert, vielleicht hätte ich dann statt Klavier Orgel gelernt und wäre jetzt heißbegehrte Kirchenmusikerin statt Pfarrerin in der Pampa. Aber ob ich dann auch meinen fantastischen Musikgeschmack hätte? Ulf spielt auf der Rückfahrt nach Hause die Playlist „Schön gerade“ deren jüngstes Mitglied die Stones und „You can´t always get what you want“ bilden. Ich lausche dem etwas nervigen Chor im Intro  und der Schrummelgitarre  und Mick Jagger und dann setzt nach dem ersten Refrain das  KLAVIER ein und macht diesen schönsten Lauf von oben nach unten und wieder hoch und schon kommt dieses großartige „You get what you neeeed“ mit dem Gospelchor (ich mag doch gar keine Gospelchöre!) und obwohl es eigentlich viel zu kitschig ist, dieses Klavier, die Chöre, das wilde Getrommel des Schlagzeugs später, mein Gott, ich bin zu Tränen gerührt.

 

 

 

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