Pfad-Finderei

Letzte Woche stolperte ich bei Facebook über das Foto eines Kleinwagens (nichts Ulfiges, sondern glänzend und neu), der gerade eine ziemlich steile Treppe hinunterbretterte. Unterschrift war: „Sie folgte dem Navi“. Natürlich störte mich sofort das Sie. Als ob nur weibliche Fahrerinnen einen schlechten Orientierungssinn hätten! Perfide, in Humor verpackte Diskriminierung, zum Kotzen.

Dieses Bild würden viele meiner Gemeindeglieder total witzig finden, Männer und Frauen. Seufz. Eine Dame aus dem Presbyterium behauptet hier auch  allen Ernstes, sie würde als „Lehrer“ arbeiten. Eine andere, nur wenig älter als ich, kauft für ihre Nichte ausschließlich rosa Kleidung und Spielzeug – weil sie so eine kleine Prinzessin ist. Die Gender-Debatte findet man an diesem vergessenen Fleckchen Erde absonderlich, wenn man sie überhaupt irgendwo findet – es wird nämlich nicht gegendert. Außer natürlich, ich kann mitmischen: die für den Gemeindebrief  beigesteuerten Artikel werden ausnahmslos korrigiert (*innen!) und an das Wort Jüngerinnen in meinen Andachten und Predigten, sowie den inklusiven Segen  haben sich scheinbar alle gewöhnt. Doch, ich versuche auch meinen Bildungsauftrag irgendwie ernst zu nehmen. Zu Beginn meiner Zeit hier meinte auch jemand zu mir: „In dieser Gemeinde sind die Frauen die Starken“ – so lebensfern ist das alles also gar nicht.

Was sonst noch nervt,  ist mein Orientierungssinn. Ich würde dem dämlichen  Klischee so gerne widersprechen, aber verdammt noch mal,  wenn mein Weg sich  gabelt und ich mich für eine Richtung entscheiden muss, dann geh ich mit trauriger Gewissheit in die falsche (auch wenn ich das weiß und extra versuche, anders zu laufen). Also lebe ich in ungesunder Abhängigkeit vom Navi in meinem Telefon und vom Netzempfang. Ist es übrigens zu fassen, dass ein Netzanbieter in meinem Ort seit einem halben Jahr den defekten Sendemast nicht repariert? Man lebt so abgehängt in der Pampa! Jedenfalls,  kurz nachdem ich den blöden Facebook-Post gesehen und beärgert hatte, war ich auf dem Rückweg von einer Beisetzung hin zu einem Gemeindecafé. Die Zeit war knapp, weil die Familie zum Kaffeetrinken danach wirklich spät dran war, 15 Minuten habe ich vor der Gaststätte gewartet. Die belegten Brote auf den Tischen wurden später wohl von anderen gegessen (man ließ sich auch Zeit damit, die Tafel zu eröffnen), ich raste zu diesem Zeitpunkt schon  an Feldern und Wäldern vorbei Richtung Dorf G.

Über die große Landstraße kenne ich den Weg dorthin. Fahrzeit ca. 20 Minuten, ich würde also mindestens 10 Minuten zu spät kommen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, zu spät zu kommen, zur Sicherheit befrage ich das Telefon und siehe da:  es zeigt mir eine unbekannte Strecke hinten über Dorf F, die mich noch pünktlich ankommen lässt. Schon hier hätten bei mir alle Alarmglocken angehen sollen,  aber stattdessen denke ich: yeah, dann los! Das denke ich auch noch, als das Navi mich auf den breiten Sandweg am Feld entlang schickt – irgendwo wird ja wohl wieder eine befestigte Straße kommen. Auch als ich minutenlang Waldwege mit kratertiefen Schlaglöchern entlangholpere (der arme Ulf!)  lasse ich mich nicht entmutigen, das Navi wird es schon wissen. Das Ziel nähert sich auf dem Display unaufhaltsam (komme immer noch pünktlich!), ich fahre mitten im Wald an Teichen und Wanderwegen vorbei (ganz nett eigentlich) und stelle mich darauf ein, bald die ersten Häuser in der Ferne zu sichten. Als das Navi dann behauptet, ich sei am Ankunftsort angekommen, steht rechts von mir ein kleiner Nadelwald und links von mir ein großer Nadelwald, dazwischen Farne, viele Farne. Von Dorf G keine Spur – laut Navi bin ich im Dorfkern, pünktlich um 15 Uhr. Irgendetwas ist offensichtlich  fatal schief gelaufen (gefahren?),  liegt es am Netz? An der Karten-App? Etwa an mir? Ulf und ich wenden, ohne einen Baum umzunieten und darüber bin froh, ich weiß nicht wie ich irgendjemandem hätte den Weg erklären sollen. Dann erinnere ich mich an eine Weggabelung mit Schildern  und rumpele eilig zu ihr zurück. Ich könnte nun zurückfahren, wie ich gekommen bin, aber dann würde ich mindestens 15 Minuten verlieren. Oder ich folge ganz altmodisch analog  dem Schild, das nach Dorf G zeigt. Risiko! denke ich und los gehts. Das Navi behauptet derweil, dass ich noch 25 Minuten bis zum Zielort bräuchte, aber ich fahre unbeirrt weiter. Ulf macht zwischendurch komische Geräusche (bis heute, er nimmt mir die Fahrt noch übel, glaube ich), ich schwitze und versuche, Ulf wenigstens die tiefsten Löcher zu ersparen. Am Ende des Weges tauchen nun tatsächlich Häuser auf! Aus dem Weg wird endlich eine Straße, nur welches Dorf ist das hier? Kurz stelle ich mir vor, ich hätte ein noch unbekanntes Dorf fernab der menschlichen Zivilisation entdeckt, doch kurz darauf sehe ich das schon ziemlich verfallene Gemeindehaus und stelle fest, dass das Dorf fernab der Zivilisation zu meinem Gemeindegebiet gehört. Gott sei Dank! So sehr habe ich mich noch nie gefreut, in Dorf G angekommen zu sein. Kaffee, Kuchen und die  vier alten Damen erfüllen das Klischee, aber das ist ok. Echt ok.

 

 

Eins, zwei, drei, vier – es ist so schön bei…

Zahlen sind wirklich nicht meins und waren es noch nie. Ich kann mich gut an meine Enttäuschung in den ersten Schulwochen erinnern: zuvor dachte ich, dass man in der Schule vor allem Geschichten erzählt bekommt, von Menschen und der Welt – Zahlen passten für mich demzufolge überhaupt nicht ins Konzept und sagten mir zu meinem großen Bedauern überhaupt rein gar nichts.  Unvergessen bleibt mir  deshalb eine Andacht von Rahel, in der sie über ihre Leidenschaft für Zahlen sprach. Als Grundschülerin erweckte ihre Phantasie die Zahlen in den Kästchen zum Leben, Rahel konnte die Sprache der Zahlen verstehen! Ich war verzückt und bedauerte einmal mehr, Rahel nicht früher in meinem Leben getroffen zu haben.

Im Pfarramt hat man unweigerlich doch mit Zahlen (und was für welchen!) zu tun: Haushaltspläne, Erbbaurechtsverträge (uiuiui), Gehälter, Mieteinnahmen und ständig eintrudelnde Rechnungen für Strom, Telefon, Organistendienste, Fahrtkosten, Architekten und und und… Zum Glück gibt es hier in der Nähe einen Kollegen, der gut und gerne (verrückt!) mit Zahlen kann und mir bei Verwirrung im Zahlendschungel  hilft.                                           Darüber hinaus machen Kirchengemeinden alle paar Jahre Inventur und nehmen alles auf, was sie so haben. Alles? Alles.  Bei uns ist es jetzt wieder soweit, und so kam Anfang der Woche eine blondgelockte Dame in die Gemeinde, bewaffnet u.a.  mit Laptop, diversen  Listen und einem Laser-Gerät, das die Größe eines Raumes messen kann. Strahlend begrüßte sie mich: “ Wie schön, hier zu sein und dass Sie sich den ganzen Tag Zeit genommen haben“! (Schockpause, Schlucken) „Den ganzen Tag?“ „Ja, den ganzen Tag, wie besprochen“ Tatsächlich habe ich dann (äußerst widerwillig) den gesamten Montag damit verbracht, mit Frau T. durch das Gemeindegebiet zu fahren, Kirchen und Häuser aufzuschließen und Dinge zu zählen.

Bevor wir losfahren konnten, mussten wir aber zählen, was sich in der Hauptpredigtstätte so befindet. In der Kirche, der Teeküche (sogar das Geschirr!), der Winterkirche, den Gemeinderäumen, Garagen und Schuppen (Aha! Eine Kettensäge!)und auch im Archiv (denkt euch an dieser Stelle bitte einen Takt dramatische Streichermusik mit Trommelwirbel). Schon nach zehn Minuten wollte ich dort vor Scham im Boden versinken. In 1,5 Jahren habe ich es nicht geschafft, das Archiv auf Vordermann zu bringen (kein Platz, keine Zeit und ein engagierter Archivprofi, der auch keine Zeit hat).  In einem 12 qm Raum, der nach 70 Jahren Einsamkeit riecht und seitdem nicht mehr grundlegend aufgeräumt wurde, liegen Aktenordner  neben Kerzenständern und Kruzifixe auf Amtsblättern, dazwischen bäuchlings ein Taufengel und diverse kleine Statuen von irgendwelchen Grafen. An antiken Stühlen und den verstaubten Regalen lehnen sperrige Gemälde mit finster dreinblickenden Unbekannten und kitschige Jesusdrucke, sowie verstaubte Kulissen, vermutlich  für ein Krippenspiel aus längt vergangenen Zeiten.  Die Mitte des Raumes bildet ein großer Holztisch, auf dem sich kostbare alte Bibeln, alte Agenden und Oblaten stapeln. Außerdem gibt es hier zwei Tresore, zwei riesige Holzschränke (auf einem verstaubt eine Zither mit rostigen Saiten)  und eine Kommode. Wer mitgezählt hat, kann sich vorstellen, dass man sich in diesem Räumchen eigentlich gar nicht bewegen kann. Frau T. begann aufzunehmen: Bibeln (nahm sie später in Metern auf, es waren einfach zu viele), Kruzifixe, Gemälde, Taufschalen, Taufkannen, Hostienbehälter, Abendmahlskelche und Patenen. Sie  machte Fotos von jedem Gegenstand, schrieb das (teilweise nur zu vermutende) Alter auf und wunderte sich: „So ein Archiv habe ich ja noch nie gesehen.“ Ich hatte viele der Kelche und Patenen noch nie gesehen: in den Schränken und Tresoren tauchten immer mehr davon auf, als hätte ich einen unheimlichen Zauber ausgelöst, Bellatrix Lestrange ließ grüßen. Zwischen all dem Zinn, Gold und Brillanten hatte ich schnell völlig den Überblick verloren und schnappte nach Luft.

Frau T. kämpfte sich abenteuerlustig weiter durch und bestaunte gebührend die alten Kostbarkeiten, deren tatsächlicher Wert wahrscheinlich alles übersteigt, was ich mir zahlenmäßig überhaupt vorstellen kann. Aber das macht zum Glück Frau T., die kann offensichtlich auch mit Zahlen. Ich höre solange Wanda und bleib die ganze Nacht.