Eins, zwei, drei, vier – es ist so schön bei…

Zahlen sind wirklich nicht meins und waren es noch nie. Ich kann mich gut an meine Enttäuschung in den ersten Schulwochen erinnern: zuvor dachte ich, dass man in der Schule vor allem Geschichten erzählt bekommt, von Menschen und der Welt – Zahlen passten für mich demzufolge überhaupt nicht ins Konzept und sagten mir zu meinem großen Bedauern überhaupt rein gar nichts.  Unvergessen bleibt mir  deshalb eine Andacht von Rahel, in der sie über ihre Leidenschaft für Zahlen sprach. Als Grundschülerin erweckte ihre Phantasie die Zahlen in den Kästchen zum Leben, Rahel konnte die Sprache der Zahlen verstehen! Ich war verzückt und bedauerte einmal mehr, Rahel nicht früher in meinem Leben getroffen zu haben.

Im Pfarramt hat man unweigerlich doch mit Zahlen (und was für welchen!) zu tun: Haushaltspläne, Erbbaurechtsverträge (uiuiui), Gehälter, Mieteinnahmen und ständig eintrudelnde Rechnungen für Strom, Telefon, Organistendienste, Fahrtkosten, Architekten und und und… Zum Glück gibt es hier in der Nähe einen Kollegen, der gut und gerne (verrückt!) mit Zahlen kann und mir bei Verwirrung im Zahlendschungel  hilft.                                           Darüber hinaus machen Kirchengemeinden alle paar Jahre Inventur und nehmen alles auf, was sie so haben. Alles? Alles.  Bei uns ist es jetzt wieder soweit, und so kam Anfang der Woche eine blondgelockte Dame in die Gemeinde, bewaffnet u.a.  mit Laptop, diversen  Listen und einem Laser-Gerät, das die Größe eines Raumes messen kann. Strahlend begrüßte sie mich: “ Wie schön, hier zu sein und dass Sie sich den ganzen Tag Zeit genommen haben“! (Schockpause, Schlucken) „Den ganzen Tag?“ „Ja, den ganzen Tag, wie besprochen“ Tatsächlich habe ich dann (äußerst widerwillig) den gesamten Montag damit verbracht, mit Frau T. durch das Gemeindegebiet zu fahren, Kirchen und Häuser aufzuschließen und Dinge zu zählen.

Bevor wir losfahren konnten, mussten wir aber zählen, was sich in der Hauptpredigtstätte so befindet. In der Kirche, der Teeküche (sogar das Geschirr!), der Winterkirche, den Gemeinderäumen, Garagen und Schuppen (Aha! Eine Kettensäge!)und auch im Archiv (denkt euch an dieser Stelle bitte einen Takt dramatische Streichermusik mit Trommelwirbel). Schon nach zehn Minuten wollte ich dort vor Scham im Boden versinken. In 1,5 Jahren habe ich es nicht geschafft, das Archiv auf Vordermann zu bringen (kein Platz, keine Zeit und ein engagierter Archivprofi, der auch keine Zeit hat).  In einem 12 qm Raum, der nach 70 Jahren Einsamkeit riecht und seitdem nicht mehr grundlegend aufgeräumt wurde, liegen Aktenordner  neben Kerzenständern und Kruzifixe auf Amtsblättern, dazwischen bäuchlings ein Taufengel und diverse kleine Statuen von irgendwelchen Grafen. An antiken Stühlen und den verstaubten Regalen lehnen sperrige Gemälde mit finster dreinblickenden Unbekannten und kitschige Jesusdrucke, sowie verstaubte Kulissen, vermutlich  für ein Krippenspiel aus längt vergangenen Zeiten.  Die Mitte des Raumes bildet ein großer Holztisch, auf dem sich kostbare alte Bibeln, alte Agenden und Oblaten stapeln. Außerdem gibt es hier zwei Tresore, zwei riesige Holzschränke (auf einem verstaubt eine Zither mit rostigen Saiten)  und eine Kommode. Wer mitgezählt hat, kann sich vorstellen, dass man sich in diesem Räumchen eigentlich gar nicht bewegen kann. Frau T. begann aufzunehmen: Bibeln (nahm sie später in Metern auf, es waren einfach zu viele), Kruzifixe, Gemälde, Taufschalen, Taufkannen, Hostienbehälter, Abendmahlskelche und Patenen. Sie  machte Fotos von jedem Gegenstand, schrieb das (teilweise nur zu vermutende) Alter auf und wunderte sich: „So ein Archiv habe ich ja noch nie gesehen.“ Ich hatte viele der Kelche und Patenen noch nie gesehen: in den Schränken und Tresoren tauchten immer mehr davon auf, als hätte ich einen unheimlichen Zauber ausgelöst, Bellatrix Lestrange ließ grüßen. Zwischen all dem Zinn, Gold und Brillanten hatte ich schnell völlig den Überblick verloren und schnappte nach Luft.

Frau T. kämpfte sich abenteuerlustig weiter durch und bestaunte gebührend die alten Kostbarkeiten, deren tatsächlicher Wert wahrscheinlich alles übersteigt, was ich mir zahlenmäßig überhaupt vorstellen kann. Aber das macht zum Glück Frau T., die kann offensichtlich auch mit Zahlen. Ich höre solange Wanda und bleib die ganze Nacht.

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