Kultur, Kerzenschein und Kirche

Neben aufkommendem Abschiedsschmerz, den Gesprächen über den möglichen Abschied und Gedanken über Neuanfänge anderswo geht das Leben in der Gemeinde für mich mit allem Wahnsinn und allem Wunderbaren weiter. Es scheint in  der Natur der Sache zu liegen, dass sich Letzteres nun in einem extra schönem Licht zeigt. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Als Kirchengemeinde bekommt man immer wieder Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die in einer Kirche auftreten wollen. Viel ist auf dem Land kulturell nicht los, die Freude in den Gemeinden über ein kleines Ensemble, Orchester oder Chorgrüppchen ist meistens entsprechend groß. Die Kirchen werden bei gut angegangener Werbung besser besucht als zu den Gottesdiensten, was, nun ja, ist wie es eben ist. Hmpft. Wir als Gemeinde könnten den Künstler*innen keine Gage zahlen, meistens wird nicht einmal Eintritt genommen, doch mit den Spenden am Ausgang kommen die Musikanten meist ganz gut hin und vor allem auch wieder zurück in die Städte (wenn sie rechtzeitig die wenigen Tankstellen finden), aus denen sie kommen.

Im Dezember letzten Jahres hatte ich ein Duo zu Gast, das mir in bester, aber gleichzeitig auch schuldbewusster Erinnerung geblieben ist. An jenem Wochenende hatte ich nämlich vergessen, rechtzeitig (zwei Tage vorher!) die große Kirche bei mir im Ort zu heizen. Mit dicken Wollpullovern saßen die beiden während des Warmspielens (unpassender könnte dieses Wort in diesem Zusammenhang wirklich nicht sein) frierend im Altarraum. Der Violonist (ein kleiner Mann um die 50) hatte außerdem seine Brille vergessen und konnte seine Noten nicht lesen, er bekam also meine rote, große Lesebrille und sah damit fast ein bisschen hipstermäßig aus. Außerdem war es in der Kirche vorne zu dunkel, also holte ich mit dem Gitarristen (ungefähr so alt wie ich) meine Wohnzimmerlampe (Hector!) aus der Wohnung und stellte sie neben den beiden auf. Es war ein herrliches Bild, hätten die beiden dabei nicht so fürchterlich gefroren. Die Konzertbesucher*innen konnten später die Sitzheizung in den Bänken genießen, die Musiker spielten wunderbar und rieben sich dazwischen so oft die kalten Hände, dass ich vor Scham fast im Boden versunken wäre. Hilflos bot ich den beiden hinterher Tee und Schnaps an, der Gitarrist entschied sich für Wodka (sympathisch!) und stieß mit mir an: „Du hast eine tolle Kirche – aber in so einer kalten Kirche habe ich noch nie gespielt!“

Daran musste ich sofort denken, als jener Gitarrenspieler sich in diesem Spätsommer bei mir meldete und nach möglichen Konzertterminen fragte. Wir entschieden uns für Mitte Oktober und die Dorfkirche, die einmal zur Musikkirche werden soll (wenn die Orgel mit dem Marderschädel und dem Holzwurmbefall jemals wiederspielbar gemacht wird). Diese Kirche hat weder Licht noch Strom, aber eine schöne Akustik und einen leicht ruinösen Charme, dem ich völlig erlegen bin.  Auch, weil in diesem Dorf zwei Familien (die Konrads und die Mertins) wohnen, die mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen sind  und die sich liebevoll um die Kirche und die Gemeinde (und ja, auch um die Pfarrerin) kümmern.

Als ich am Samstag eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in Dorf C ankomme, ist es schon fast dunkel. Aus den Fenstern der Kirche flackert Kerzenlicht, ein paar leise Gitarrentöne kommen mir durch die offen stehende Eingangstür  entgegen, oh wie schön. Herr Konrad zündet in der Kirche gerade unzählige Teelichter an, auf den Fensterbänken, dem Altar und dem Taufstein. Der Gitarrist sitzt schräg neben einem Ofen mit glühenden Kohlen (Gott sei dank!) und spielt  sich warm (tatsächlich). Noten oder eine Brille braucht er nicht, er kann alles auswendig. Herr Konrad hat extra für dieses Konzert eine Bank für den Musiker gebaut („Damit er schön sitzen kann, hier für die Füße und hier zum Anlehnen.“). Herr Konrad hat auch extra einen Stehtisch gebaut, um vor dem Konzert für die Besucher*innen Tee und Glühwein auszuschenken, was er mit seiner Frau und dem ältesten Sohn dann auch macht. Ich bin begeistert (mein Onkel ist Tischler, Josef war Tischler, ich liebe Leute, die selber Dinge bauen können) , von mir aus können wir den für die Gottesdienste gleich weiter benutzen, am Besten mit Kaffee und Mate. Der Gitarrist bevorzugt zum Konzert dann doch einen klassischen Stuhl mit extra Fußbänkchen und erwärmt in 60 Minuten die Herzen des fröstelnden Publikums und auch ich sitze bewegt in der ersten Reihe, links neben mir der jüngste Spross von Familie Konrad (Karl, 6 Jahre, frisch eingeschult, der ab dem dritten Lied mit Schluckauf und Kälte zu kämpfen hat, aber tapfer durchhält), rechts von mir ein Freund des Gitarristen („Hier sieht es aus wie im Mittelalter!“) und Herr Mertin, der selbst auch Musiker (und Tischlermeister!)  ist und aufmerksam zuhört, nebst seiner Frau in dicker Winterjacke. Nach dem Konzert folgen drei Zugaben – das Publikum klatscht sich die Hände heiß, der Gitarrist reibt sich die Hände warm  (er friert doch ziemlich) und spielt bezaubernd.

Hinterher stehen wir zusammen und überlegen, wo man noch einkehren könnte (das nächste Restaurant ist mindestens 20 min entfernt, seufz), auch ich hatte es vor dem Konzert nicht geschafft, noch etwas zu essen und mir knurrte gehörig der Magen. In unsere Überlegungen hinein bittet uns Herr Mertin zu sich nach Hause. Seine Frau feiere Geburtstag, Gäste seien kurzfristig abgesprungen – es sei Platz für den Musiker, seinen Freund und mich und es gäbe viel zu essen – ob wir mit rüber kommen wollten? Ich denke an sein schönes altes Haus, das er seit zwei Jahren liebevoll selbst renoviert  und das er mit seiner Frau so stilvoll und schön eingerichtet hat, dass ich mich immer etwas fehl am Platz (es ist so schön!) und verlegen (so könnte ich mich nie einrichten!) fühle.

Die Entscheidung zu den Mertins zu gehen ist schnell gefällt, wenig später machen wir uns auf den kurzen Weg und finden uns bald darauf im wohlig warmen Esszimmer an einer reich gedeckten Tafel mit edlem Geschirr wieder. Ich genieße die Gastfreundschaft von Robert und Sabine  (die Mertins und ich duzen uns jetzt) , die leckere Suppe und den Hauptgang mit viel Fleisch und Pasta (hmmmm) und auch den Wein, der dazu gereicht wird. Die anderen Geburtstagsgäste und wir Neuzugänge verstehen uns gut – wir unterhalten uns angeregt und mit viel Gelächter über die Vorteile des Stadt – und Landlebens, die Gemeinde, den schönsten See der Welt (liegt zwischen Dorf C und D), die Musik und Gott und das Leben. Erst nach Mitternacht (huh! so spät schon!) fahre ich mit Ulf zurück ins Pfarrhaus, der Musiker und sein Freund zurück in die große Stadt, aus der sie gekommen sind. In der Predigt am nächsten Morgen (ich hatte Dienst auch in Dorf C, mit viel Mate im Gepäck und einem erstaunlich wachen Robert Mertin in der zweiten Reihe) geht es um Tischgemeinschaft und das Reich Gottes und Jesus als Genießer. Cheers, Bruder. Amen. 

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Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.