Weihnachtsgrüße aus gegebenem Anlass

Frohe und gesegnete Weihnachten, liebe Internetgemeinde! Noch vor der ersten Christvesper in den Dörfern (insgesamt drei Gottesdienste, drei verschiedene Krippenspiele, viel Potential für Wahnsinn) und der Christmette  hier für euch mein  Impuls zum Tag. Keep on lovin!

Impuls Christvesper

Weihnachten passt dieses Jahr eigentlich nicht, finde ich. Die Bilder aus aus Syrien, besonders aus Aleppo, die Erinnerungen an Nizza und die Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt in Berlin – sie legen sich wie ein dunkler Schleier über die Lichter, die seit Wochen in meiner Wohnung gegen die langen Nächte leuchten: sie verdunkeln die Kerzen des Adventskranzes, den geschmückten Weihnachtsbaum und selbst den kleinen roten Stern an meinem Wohnzimmerfenster.
Es ist in diesen Tagen für mich und viele andere schwierig mit besinnlicher Stimmung, mit weihnachtlicher Wohligkeit. Die Welt und ihre Geschehnisse werfen ihre langen Schatten hinein in die Zeit, in der es doch eigentlich heller in uns und um uns herum werden sollte. Weihnachten, ich gebe es frei heraus zu, stört mich in diesem Jahr.
Wie können wir in diesen Tagen Weihnachtsfreude empfinden? Wie passen das festlich geschmückte Haus, der Gänsebraten und die Geschenke unterm Baum in diese Welt, die gerade vielen so finster und erlösungsbedürftig erscheint?
In der Geschichte von Jesu Geburt, die wir gerade so schön als Krippenspiel gesehen haben, passte damals auch so einiges nicht: Es gab Störungen und Unvorhergesehnes und ja.. Es gab damals wie heute Unrecht und Gewalt. Die Geschichte von Jesu Geburt war eigentlich nicht wohlig und gemütlich:
So vermute ich, dass Maria eine ganze Weile gebraucht haben wird, um Freude über ihre überraschende Schwangerschaft zu empfinden. Der Engel, der ihr die Botschaft überbrachte jagte ihr mit seinem Erscheinen und seiner Ankündigung zunächst einen gehörigen Schrecken ein. Und neun Monate später hat sich Maria die Geburt ihres Kindes sicherlich anders vorgestellt. So wie jede Mutter wird sie sich viele Gedanken gemacht haben, wie ihr Kind gut in dieser Welt ankommen kann. Ein langer Fußmarsch ohne Unterkunft war vermutlich nicht Teil des Plans.
Ihren Mann Josef kostete es zunächst Überwindung, das ungeborene Kind anzunehmen und bei Maria zu bleiben. Ein Engel musste kommen und ihn zum Bleiben überreden.
Außerdem waren die Zeiten damals alles andere als sicher und ruhig. Die Römer hatten das Land besetzt, immer wieder gab es gewaltvolle Aufstände. König Herodes war ein Herrscher, der mit Schrecken in Jerusalem regierte und mit Gewalt seine Macht ausübte.
Das Kind wird schließlich in Bethlehem geboren, – in einem Stall, zwischen Tieren, es liegt in einer Futterkrippe – keine Hebamme ist da, kein Arzt, niemand der den werdenden Eltern hilft. Hirten vom Felde sind die ersten, die das besondere Kind besuchen. Leute, die mit ihren Herden unstet umher ziehen, die unter freiem Himmel schlafen und ärmlich leben. Bald nach der Geburt kann die Familie nicht gleich nach Hause, sondern muss über Ägypten fliehen, weil König Herodes nach dem besonderem Kind sucht und ihm Gefahr droht. Das waren keine besinnlichen Zeiten damals, es war nicht alles friedlich oder gut – im Gegenteil.
Und doch: Gott kam genau in diese Welt. Er kam, um diese Welt zu erlösen von all dem, was sie dunkel machte. Seine Geburt in jenem Stall passt nicht – sie stört in ihrer Armseligkeit den Gedanken an einen mächtigen Gott, der doch das Geschick der Welt in den Händen hält. Der Schöpfer selbst wird in Bethlehem zum hilfsbedürftigen, schutzlosem Geschöpf, das den Wirren der Welt und des Lebens ausgesetzt ist. Die Antwort Gottes auf die Gewalt in der Welt war gerade keine Machtdemonstration, keine Gegengewalt – nein, seine Antwort war eine Friedensbotschaft in Gestalt eines gewickelten Kindes in einer Futterkrippe. Auf den Hass der Welt reagierte Gott so mit entwaffnenden Vertrauen, mit unbedingter Liebe.
Gott hat auch nicht versäumt der Welt mitzuteilen, was man braucht, um diese Antwort, diese Liebesbotschaft empfangen zu können. Oder besser gesagt: was man nicht braucht: Bevor die Engel den Hirten die Freudenbotschaft von der Geburt des Kindes verkünden, sagen sie:
Fürchtet euch nicht!
Mit diesen Worten beginnt die Weihnachtsbotschaft in der Welt: Fürchtet euch nicht! Wenn das Herz von Angst beherrscht ist, kann es die göttliche Botschaft der Liebe nicht aufnehmen, nicht spüren. Angst macht Herzen eng und hart.
Weihnachten feiern bedeutet deshalb nicht in erster Linie Gemütlichkeit oder Besinnlichkeit., die kommen für mich an zweiter Stelle. Weihnachten feiern bedeutet für mich in erster Linie eine echte Mutprobe: Fürchtet euch nicht!
Besonders in diesem Jahr lädt uns das Fest von Jesu Geburt ein, Angst zu überwinden und Platz für Vertrauen und Liebe machen. Denn ich glaube daran, dass Liebe den Hass stört und überwindet. Liebe ist stärker als Hass. Wer in diesen Tagen Stärke beweisen will, der hält sein oder ihr Herz offen: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht.
Weihnachten stellt den dramatischen Schreckensbotschaften diesen Jahres eine jubilierende Liebesbotschaft entgegen. Ehre sei Gott in der Höhe und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet“ Mit diesen Worten endet die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld. Zuerst wird den Hirten also die Angst genommen und zum Schluss wird ihnen Frieden zugesprochen. Wunderbar.
Nein, Weihnachten passt gerade nicht in diese Welt, seine Botschaft stammt ja auch nicht aus dieser Welt und ich glaube, das ist im besten Sinne gut so. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Weihnachten hier und zuhause und vor allem auch in diesem Jahr besonders strahlen lassen. Hier in der Kirche, an der Festtagstafel oder unter dem Weihnachtsbaum: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht. Frieden kommt auf die Erde.
Weihnachten stört mich immer noch, aber es stört mich auf wunderbare Weise.
Hoffentlich noch lange über die Festtage hinaus.
Amen.

Fröhliche Menschen auf Dörfern

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat (…). In allen Gottesdiensten, Kreisen und Andachten singe ich gerade Macht hoch die Tür, die Nr. 1  aus dem EG, die Nr. 1 unter den Adventsliedern für mich und das schon echt lange. Ich erinnere mich gut an die Gottesdienste zur Weihnachtszeit in meiner Heimatstadt, an die leuchtenden Gesichter meiner Freundinnen und Freunde, an vom Schnee nasse Mäntel, die harten Kirchenbänke aus hellem Holz und eben den  melancholisch-feierlichen Klang der Zeile Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat  begleitet mit den unvermeidlichen, schrägen Aussetzern unserer Organistin.

O wohl dem Land ist machmal nicht so leicht. Manche Landbewohner*innen dieses Gemeindegebiets sind fest davon überzeugt, dass alles Wohl in die Städte geht und es verdirbt ihnen gehörig die Laune. Hier herrscht ein tiefverwurzelter Städteneid, verbunden mit einem eigentümlichem Lokalpatriotismus. Gegen diesen allgemeinen Trend spricht neuerdings immerhin, dass ihre landflüchtige Pfarrerin vorerst doch nicht landflüchtig wird und noch ein paar Monate (vielleicht ein Jahr?) hier bleibt. Das ist zwar Grund zur Freude, die mir jetzt von vielen entgegenschlägt, was wirklich schön ist. Ansonsten ist es mit dem Freude-Zeigen hier auf dem Land so eine Sache. Fröhlichkeit, Dankbarkeit und überhaupt emotionale Reaktionen zeigt man verhalten bis gar nicht. Außer ein Gospelchor aus den USA ist zufällig da und heizt den Leuten so richtig ein, aber das geschieht hier ungefähr alle sieben Jahre und ist einen anderen Blogeintrag wert.

Meine Großeltern mütterlicherseits stammen vom Land und sind in den 50ern in die Stadt gegangen und dort geblieben. Von der Sippschaft meines Großvaters gibt es zu meinem Vergnügen aber ein paar richtig alte, vergilbte Fotos (Fotos gucken fand ich auch schon immer toll)  von z.B. Hochzeitsgesellschaften in seinem Heimatdorf („Das da hinten ist Opa Paul! Und da Tante Gerda! Und hier ist Erika, meine….“). Auf diesen Bildern  stehen dann um die 60, 70 Dorfbewohner*innen vor irgendeinem großen Bauernhaus auf einer Treppe, in der Mitte das jeweilige Brautpaar, drumherum die Festgesellschaft und: niemand lacht. Man schaut ernst und direkt ins Bild, guckt vielleicht an der Kamera vorbei, starrt auf den Boden oder schielt nur mit einem Auge Richtung Fotograf – aber dass irgendjemand auch nur den Hauch eines Lächeln zeigt – Pustekuchen (und das obwohl man damals Kuchen in unvorstellbaren Massen in riesigen Backöfen buk, was bestimmt viele Menschen gerne mochten).

Dass ich einmal dermaßen auf dem Land landen würde haben weder meine Großeltern noch ich geahnt. Und dass die Einheimischen mich mit jenem „gelösten“ Gesichtsausdruck bis in die Gegenwart bei allen Gelegenheiten konfrontieren würden ist für mich auch nach zwei Jahren hier im Dienst immer wieder verwunderlich. Ich verstehe die Ernsthaftigkeit bei Beisetzungen oder am Ewigkeitssonntag und irgendwelchen Gedenkveranstaltungen. Ich verstehe sie nicht bei vergnüglichen Anlässen wie z.B.Taufen oder Jubelkonfirmationen. Leute, es heißt doch nicht Wir trauern Gottesdienst, sondern Wir feiern... Würde ja sonst auch völlig bescheuert klingen. Thema völlig bescheuerter Klang: Am letzten Sonntag war hier endlich mal wieder eine Taufe (Philip, 13 Jahre alt, wird nächstes Jahr konfirmiert). Die Kirche war erfreulicherweise voll (also mehr als 10 Teilnehmende) mit kirchenfernen (!) Dorfmenschen (sogar mit Kindern) und ausgerechnet an diesem Sonntag war kein Herr Tafel an der Orgel da, um den Gemeindegesang zu verstärken. Ich also mit der Gitarre u.a.  Macht hoch die Tür (whoop whoop!) begleitet und voller Inbrunst stimmlich (laut!) und stimmungsmäßig  (Freude!) alles gegeben und von den 40 Anwesenden sang gefühlt und gehört niemand mit (seufz). Gleichzeitig Kirchenmusikerin, Liturgin und Predigerin zu sein macht mich immer fix und fertig und seit meiner ersten Babytaufe in meiner Vikariatsgemeinde (da war das schon mal so) versuche ich diese dreifach-Überlastung tunlichst zu vermeiden. Am 3. Advent ging es nun nicht anders ohne Herrn Tafel – ich gab wirklich alles und bekam: ernste Gesichter im Gottesdienst und Schweigen am Ausgang, kein nettes Wort zum Gottesdienst, zur Taufe, oder zur Predigt (so viel Mühe), nix.  Immerhin freute sich jemand über mein Gitarrenspiel. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud.. Mal sehen, ob ich aus dieser Gemeinde doch noch ein bisschen mehr Freude herauskitzeln kann, es bleibt nun ja etwas mehr Zeit für pädagogische Maßnahmen. Yippie yeah.