Don`t panic

Nun bin ich schon über zwei Jahre im Dienst und immer noch gibt es erste Male. Und es dauert bei solchen Anlässen nie lange und ich fühle mich schlagartig in meine Anfangszeit hier zurückversetzt, quasi total Januar 2015.  Z.B. als ich völlig verfroren und laut schimpfend auf der Suche nach der Örtlichkeit für den Leichenschmaus war.

Am Sonnabend hatte ich erstmalig das zweifelhafte Vergnügen, zwei Beisetzungen direkt nacheinander zu halten. Vor Kurzem behauptete ich noch dem Kollegen Michael (dem Pfarrer mit den Hühnern und der Axt) gegenüber, dass ich mir im Leben nicht vorstellen könne, zwei oder sogar drei Beisetzungen an einem Tag zu machen. Ich sei ja schon nach einer komplett erledigt. Und was, wenn man dann alles durcheinander bringt? Die Namen, die Daten, die Familien? Am Ende noch die Friedhöfe? Ein Albtraum. Seit Sonnabend weiß ich: Das geht schon, aber tatsächlich nicht ohne Verluste.

12.05 Uhr:  Ulf und ich fahren von Dorf G zu Dorf K (Vakanzbereich). Die erste Bestattung ist geschafft, die bekannte kribbelige Müdigkeit danach kraucht mir langsam in die Knochen. Im Hintergrund läuft seit der Hinfahrt in Endlosschleife Don`t panic von Coldplay. Es tauchte in der Zufallswiedergabe auf, seitdem drücke ich jedes Mal wenn es vorbei ist, hastig auf den skipback-Knopf. Jetzt gerade kann es nur dieses Lied sein mit dieser Gitarre und diesem Anfang, der so wundervoll unscheinbar-verheißungsvoll klingt. Schrummdummdidudummdumm, fantastisch. Ich spüre meine Füße nicht, obwohl ich kältetechnisch eigentlich gut gerüstet bin: dicke Thermounterhose, ein paar dünne Socken, ein paar dicke Overknees und eine weite (passt ja sonst nicht alles drunter) Anzughose, in den Schuhen Thermosohlen. Ich bin als Letzte vom Friedhof gefahren (hab noch mit Armin und Herrn Tafel geschnackt), die Familie wird wohl schon auf mich warten und ich sehne den heißen Kaffee herbei und vielleicht gibt es ja sogar Mettbrötchen? Mir ist wirklich kalt. Bones sinkin like stones, all that we´ve fought for. Das waren gute Zeiten, als Coldplay noch so großartig  waren.

12.15 Uhr: Ich erreiche Dorf K und den K-Dorfer Hof, hier wollte sich die Familie treffen und ich wurde eben vor der Trauerhalle vom Sohn des Verstorbenen ja auch noch mal freundlich eingeladen. Chris Martin muss Pause machen (schade eigentlich), ich steige aus und wundere mich. Gar keine Autos hier, Eingangstür zu. Wo sind denn alle? Mit staksigen Schritten (diese eiskalten Füße!!) schwanke ich zum Seiteneingang. Treppe, Fliesen, Metalltische und zwei Frauen in Schürzen und mit Kopfhauben, hinten sehe ich viele geschmierte Brote, vielleicht auch welche mit Mett?  Nee, das Trauercafé ist doch erst um 14 Uhr gebucht. Keine Ahnung, wo die andere Familie feiert, nicht bei uns. Wie Scheiße ist das denn? Kälte, Hunger und Ärger über meine Verchecktheit lösen einen flashback nach 2015 aus. Waaaah! Na super.

12.17 Uhr: Armin, der Bestatter, könnte Bescheid wissen. Vielleicht hat der sich was gemerkt, er wird ja auch immer eingeladen, auch wenn er nie mitkommt (auch schade, eigentlich). Ich rufe ihn an.

12.20 Uhr: Oh, all that I know, theres nothing here to run from. Huch, das Lied ist ja schon fast vorbei (Panik! Don’t!), schnell zurückschalten. Die Gitarre setzt ein, ich atme erleichtert ein und fahre zurück nach Dorf G. Ziemlich schnell. Armin wusste es zwar nicht genau, meinte aber, die seien bestimmt in die kleine Gaststätte in Dorf G eingekehrt. Bestimmt nicht Dorf K. Warum auch?  Wahrscheinlich warten die da auch noch  alle auf mich, argh. Immerhin wird Ulf so langsam warm, doch meine Füße spüre ich immer noch nicht. Und überhaupt? Wie konnte denn das jetzt passieren? Da hatte ich doch glatt den falschen Ort für das Trauercafé im Kopf gehabt. Wiesudennbluß?

12.30 Uhr: Coldplay muss ich deutlich leiser stellen, als ich den Sohn auf der Dorfstraße in Dorf G sehe und anhalte. Er guckt  besorgt und öffnet meine Beifahrertür (gut so, denn das rechte Fenster geht seit Sommer nicht mehr auf): Ich wollte gerade zum Friedhof fahren und schauen, ob es gut geht und Sie vielleicht Starthilfe brauchen. Alles klar? Seufz. Super klar hier alles.

12:34 Uhr: Awesome, mein freier Platz ist direkt am Kopfende. Neugierige Blicke, als ich Mantel und Schal ablege. Ich friere immer noch, aber es ist angenehm warm hier. Der Kaffee kommt sofort, vor mir ein Tablett u.a. mit Mettbrötchen, ich seufze zufrieden. Haben Sie sich in Dorf G verfahren? Die Tochter des Verstorbenen blickt mich aus geröteten Augen leicht amüsiert an. Dorf G hat drei Straßen. Selbst für mich wäre das ein Kunststück.

14:03 Uhr: Wir sind zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von Friedrich Müller. Äh, FRIEDHELM Müller… Oh Gott, jetzt hab ich den Namen falsch gesagt. Oh no. Oh je.  Nicht mal verwechselt mit dem Namen des Beigesetzten von davor (nicht, dass das viel besser gewesen wäre), sondern einfach einen ganz anderen Namen. Bescheuert.  Zum Glück wird mir dieser Fauxpax kein zweites Mal passieren, der Schreck darüber hat immerhin die kribbelige Müdigkeit vertrieben, ich bin jetzt da. Bei der Beiseitzung von Friedhelm. Friedhelm!!!. FRIEDHELM!

14.50 Uhr: Der alte Mann, dem ich eben bei den Erdwürfen an Friedhelms (!) Grab  erfolglos mahnende Blicke zugeworfen habe (er hat echt laut gequatscht), kommt auf mich zu, lächelnd. Wenn Sie mal keine Lust mehr auf Ihre Gemeinde haben, dann können Sie gerne zu uns kommen. Wir mögen Sie hier gern. Früher war ich mal im Presbyterium. Wissen Sie, dass diese Stelle hier frei ist?  Ich schwanke zwischen Belustigung und leichter Verärgerung. Warum sonst hätte ich hier wohl sonst Vertretung? Und so viel zu tun?  Also, wir würden uns wirklich sehr freuen und das Pfarrhaus ist wunderschön.  Ich bedanke mich und schleppe mich staksend zu Ulf. Hier waren es mehr Trauergäste, am Grab von Friedhelm (nämlich) hat es lange gedauert. Ich ziehe den Talar aus und die Winterjacke wieder an. Der Alte kommt nochmal auf mich zu: Überlegen Sie es sich. Sie wären herzlich willkommen. Und wenn Sie alleine sind und einen Partner suchen, mein Enkel ist 28 und ganz anders als ich. Redet nicht so viel, vielleicht wäre das ja was für Sie?“

15:04 Uhr:  And homes, places we’ve grown, all of us are done for.  And we live in a beautiful world, yeah we do, yeah we do. We live in a beautiful world…

Skipforward.

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Flow oder Nicht-Flow

Es gibt Tage, an denen bin ich im Flow mit dieser Gemeinde und ihren Menschen. Jüngst geschehen beim letzten Taizégebet, wo endlich einmal mehr Menschen da waren als nur Martha und ich. Vier Jugendliche und drei Erwachsene, keine Martha, aber ich und ich war verzückt. Zwei Mädels aus der aktuellen Konfigruppe sind mit zwei Freundinnen gekommen. Jemand aus der Konfi-Whatsapp-Gruppe fragte hinterher, wie das Gebet denn nun war und sie schrieben „voll schön“ und „toll“. Sie kannten kein einziges Lied, sangen aber trotzdem sofort mit (schüchterner 13jährigen-Gesang hat etwas äußerst Herzergreifendes). Hach.

Es gibt Tage, an denen bin ich mehr im Flow mit anderen Menschen, als denen aus der Gemeinde. Letzte Woche z.B. habe ich gemeinsam mit Rahel höchst motiviert einen Gottesdienst ausgeheckt, mit allem drum und dran. Ab morgen habe ich über das Wochenende Urlaub (ENDLICH!), besuche sie (ENDLICH!) und feiere mit ihr dann neben unserem Wiedersehen  diesen Gottesdienst. Damit sich der Aufwand auch gelohnt hat, habe ich das ganze Paket letzten Sonntag hier in der Gemeinde an die Leute gebracht, was in meiner Hauptpredigtstätte fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Es waren nämlich kaum Leute da. Nur drei treue Seelen versammelten sich letzten Sonntag im Gemeinderaum. Vermutlich, weil dieser fälschlicherweise als Lektorengottesdienst ausgeschrieben war. Aber come on, der gute Herr Fritz hätte hier durchaus mehr als drei Leute verdient. Und man soll mir bitte nicht kommen mit „wo zwei, oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Wenig Leute im Gottesdienst machen neben aller Geistesgegenwart (sorry, Chef) meistens viel Frust, für alle Beteiligten.

Es war Rahels schöne Idee, in der Predigt ein Lied von Wir sind Helden zu spielen, Bring mich nach Hause. Immerhin, die drei Leute hier freuten sich hinterher sehr darüber („So ein schöner Gottesdienst!“) und ich war während der Predigt sowas von extrem im Flow. Predigen ist an sich schon intensiv, während des Predigens selbst zu musizieren (Gitarre und Gesang) steigert diese Intensität für mich nochmal deutlich. Als säße da das größte Publikum der Welt und nicht nur drei Menschen. Oder es ist am Ende doch die Geistesgegenwart (in dem Fall: erwischt! Danke, Chef).

Trotzdem schimpfe ich im Gemeindebüro gestern über den so mau besuchten Gottesdienst und drohe erbost und völlig ungeflowt damit, die Gottesdienste hier nur noch alle sechs bis acht Wochen zu feiern (dann könnte ich schließlich auch mehr Urlaub machen). Zufällig ist gerade eine Frau aus der Gemeinde da, die ihr Fehlen (alle haben dann immer so Erklärungen von wegen: krank, draußen glatt, verschlafen, Gäste zum Essen,  Hund krank, Mutter krank, Pferd krank, pffff)  mit den Worten zu rechtfertigen versucht: „Ich wollte ja wirklich zum Gottesdienst kommen, aber (hier kam eine kleine, dramatische Pause) ich saß auf der Toilette.“ Huh. Moment mal – hat sie das gerade wirklich gesagt? Auf der Toilette? So völlig ungeniert im Gemeindebüro? Zu mir? Ich kenne die Dame und ihr Redeverhalten (sintflutartig!) und plötzlich sehe ich sie sitzen, auf der Toilette und schlagartig wird es mir zu viel.  Ich mache „Hmhm, aha, ja…ich muss eben noch oben..“ und verlasse fluchtartig den Raum. Nicht sonderlich professionell, aber wenigstens effektiv.

Was manche Leute so von sich geben und teilen, ist doch wirklich erstaunlich. Heute nachmittag ging es im Gemeindekreis um das Thema Freiheit. Es war eine verhältnismäßig schöne Runde, man kam angeregt ins Gespräch, Erfahrungen wurden geteilt – alles super. Bis auf Herrn M., der leicht zwanghaft immer dazwischen quatschen musste. Herr M. ist sehr von sich überzeugt und glaubt, die Welt verstanden zu haben, daran will er alle teilhaben lassen, immer. Er wähnt sich mit der Welt im flow, eckt aber tatsächlich überall fürchterlich an. Mit ihm fand gerade eben folgender Wortwechsel statt:

Er: „Sie sollten das nächste Mal mal über UNfreiheit reden! DAS wär mal was.“ Ich: „Vielleicht mögen Sie ja etwas über Unfreiheit erzählen? Da könnten Sie bestimmt viel zu beitragen.“ Er: „Ich kann über ALLES reden.“ Okok...An Selbstvertrauen mangelt es Herrn M. offensichtlich nicht. Ich reagiere geübt souverän mit „Hmhm, aha, ja.. ich muss oben noch…“ und steige flugs die Treppen hoch in die Wohnung.

Es ist gut, dass morgen der Urlaub anfängt. YOFlO.