Schluss mit lustig

Es gibt Tage, an denen mein Humor überhaupt nicht ausreicht, so wie heute.  Dann sitze ich  mit wild klopfendem Herzen zwischen den Damen und Herren meiner Gemeinde und kann nicht fassen, was ich da höre.

„Hier, die Afrikaner die kommen, die können doch gar nicht richtig arbeiten. Ich hab mal mit zwei Ägyptern zusammen gearbeitet, die haben JEDE Stunde Pause gemacht, das konnten die gar nicht anders. Da in Afrika arbeiten nur die Frauen, die tragen ja auch das Wasser in Krügen auf den Köpfen. Die Männer machen da gar nichts.“ 

„Warum kommen denn nur junge Männer? Warum schicken die nicht ihre Frauen und Kinder?“ 

„Da unten in Afrika gibt es ja nur Kriege um den Glauben.“

„Warum sollten wir denen denn was abgeben? Wir haben uns unser Geld redlich selbst verdient.“

„Aber hier leben wollen die auch nicht, die wollen alle auch lieber in die Großstädte.“

Alle, die eben mit mir unten im Gemeindekreis saßen würden von sich behaupten, gläubige Christenmenschen zu sein. Ich habe an Tagen wie heute meine Schwierigkeiten, das tatsächlich glauben zu können. Auf meinem gesamten Gemeindegebiet war noch nirgendwo ein einziger Geflüchteter zu sehen, der von irgendjemandem hier hätte irgendetwas erbitten können. Und trotzdem diese Sorgen und diese kratertiefen Vorurteile. Klar, vielleicht auch gerade deswegen. Mir ist eigentlich bewusst, dass Argumente gegen diese Urängste  wenig helfen. Ich weiß, dass ich mit meinen Worten die Horizonte meiner Gemeindeglieder nicht weiten kann. Trotzdem muss ich klar Position beziehen, denn sonst macht es niemand.

Unter den Gemeindegliedern gibt es Zahlreiche, die selbst Fluchterfahrungen und Kriegserlebnisse haben erleben müssen. Und dann höre ich Sätze, wie:

„Aber denen geht es doch viel besser als uns damals! Die haben Handys und Kleidung und hungern müssen sie auch nicht. “ 

Meistens versuche ich in solchen Situationen ruhig zu bleiben, das Gespräch auf die Ursachen der Ängste zu lenken und seelsorgerlich mit den Aussagen umzugehen. Der Satz über „die Afrikaner“ vorhin und die anschließende Diskussion haben das unmöglich gemacht.

Also habe ich an den Verstand appelliert, an die Nächstenliebe, an das Gottesbild, an das Mitleid und an die Vorstellungskraft. An den ganzen, großen und umfassenden Glauben!  Die guten Argumente, die mir so einleuchten, zeigen wenig Wirkung.

„Sie erinnern mich an Frau Merkel, die auch versucht, ihre Politik gegen alle durchzusetzen.“ „Können wir nicht das Thema wechseln?“

Beim Abschied sagt einer:  „Ärgern Sie sich nicht“ .  Auch diese Worte helfen nicht, ich ärgere mich weiter. Mit Herzklopfen und kalten Fingern und Magengrummeln. Ich glaube, der Ärger ist wichtig. Dieser Ärger ist eine Glaubenssache.

 

 

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4 Gedanken zu “Schluss mit lustig

  1. Und wenn du mal einen Flüchtling in die Gemeinde einlädst? Bei persönlichen Kontakten verflüchtit sich die Angst eigentlich schnell. So auf die Art: der it ja ganz nett…Bei uns sind Flüchtlinge auch im Gemeindeleben aktiv und das ist total schön so.

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  2. Liebe Frau Hitschmock,

    ärgern sie sich weiter. Es gehört zum prophetischen Anteil des Pfarr-Amtes dazu sich zu ärgern und es auch auszusprechen. Wenn Menschen nicht als Menschen, sondern nur als „die welche“ gesehen werden ist halt einfach Schluss mit lustig.
    „You’re Not allone“,
    Reverend Rebell

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  3. Neid auf so arme Socken? Auf ein Handy und ein bißchen Taschengeld? Wissen sie denn, wie die Flüchtlinge leben, in heruntergekommenen Pensionen, in Zelten, weit ab von Zuhause?
    Ein bißchen Bergpredigt lesen würde vielleicht helfen. Vielleicht.
    Und Ärgern ist gut.

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