Flucht und/oder Wachstum

Bis zum Sommerurlaub sind es nur noch ein paar Tage. Die Stimmung im Pfarramt ist ungefähr so, wie noch zu Schulzeiten in der letzten Woche vor Ferienbeginn: ich hänge schief und außerordentlich angeödet am Schreibtisch und wünsche mich innig woanders hin.

Deshalb schreibe ich jetzt auch Blog (auf der Couch, nicht am Schreibtisch, immerhin ein kleiner Ortswechsel) und nicht die Andacht für den nächsten Gemeindebrief. Ezechiel und die Gedanken an Herbst/Winter 2017 müssen warten.  Ich stelle mir in diesen Tagen entweder vor, schon Urlaub zu haben und höre dazu dann  sehr laut „Arbeit“ von Sido und Helge Schneider und denke versonnen an die Ordination meiner lieben Frederike  (Alle gehen arbeiten, NUR ICH NICHT!) oder ich begebe mich in eine frühkindliche Verweigerungshaltung und  stimme lauthals Gisbert zu: IMMER MUSS ICH ALLES SOLLEN! Wie so oft hat Gisbert einfach Recht.

Um mit den Worten einer klugen Freundin zu reden: Gisbert singt mein Tagebuch, in so vieler Hinsicht und seit so langer Zeit, dass es mich nicht mehr wundert, ab und an vom ihm zu träumen. Im Traum schaffe ich es dann auch, mit ihm zu reden – im wahren Leben gelang mir das vor lauter Nervosität und Anhimmelei (plötzlichschüchtern@bekloppt.de) bisher nicht, obwohl es sogar Gelegenheiten gegeben hätte. Wahrscheinlich käme sowieso nur Quatsch dabei heraus und er kann das mit den Worten eindeutig besser als ich, also lasse ich einfach ihn sprechen, bzw. singen.

So getan als Impuls nach der Predigt für den vorletzten Sonntag. Wie es nicht anders zu erwarten war (siehe oben, der matschige Zustand ist nicht neu), ging mir bei der Vorbereitung derselben Predigt schnell die Puste aus. Dabei hab ich es sogar das erste Mal mit einer Bildbetrachtung versucht. Davon erzählte ich gestern am Telefon Julia, die wie ich gerade mit dem Sommerloch ringt, obwohl sie ihren Urlaub schon hatte. Die Idee mit dem Bild fand sie gut, merkte aber an, dass ja nicht in jeder Kirche ein Beamer mit Leinwand sei und dass man das besser vorher checken solle. Mir entwich ein verzweifeltes Lachen beim Gedanken an die Kirchen dieser großen, waldigen Gemeinde. Hier fehlen nicht nur Beamer und Leinwände, es gibt ja teilweise nicht einmal elektrisches Geläut, genügend (auch moderne) Gesangsbücher oder standardmäßige Sicherheitsmaßnahmen. Erst jetzt werden die vor zwei Jahren gefassten Pläne für Feuerlöscher und Rauchmelder endlich in die Tat umgesetzt. Besser spät als nie, aber oh my – die Zeit läuft hier wirklich langsamer als anderswo. Inklusive der Kirchenuhr, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder stehen bleibt, obwohl sie ständig repariert wird.

Da es hier also weder Beamer noch Leinwände gibt, habe ich das Bild für die Predigt  kurzerhand ausgedruckt und kopiert und den Leuten ganz analog an die Hand gegeben. So viele sind es ja nicht, die sich Sonntags zu mir  in die Gottesdienste verirren (mööp). Selbstverständlich gibt es nirgendwo Musikanlagen oder Lautsprecher, also nahm ich mein kleines Bluetooth-Würfelchen mit und positionierte es in Dorf F auf dem Altar neben der linken Altarkerze. In Dorf J war die Ortsfindung im zweiten Gottesdienst etwas komplizierter. Hier wird Gottesdienst im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert, das früher einmal die Schule war. Der Raum  (gegenüber dem ehemaligen Tante-Emma-Laden) ist wahlweise Sporthalle, Festsaal oder eben Kirchraum und strahlt einen entsprechenden Pragmatismus aus, inklusive einer Tischtennisplatte, herbstfarbenden Turnmatten im Schrank und von Zeit zu Zeit ein paar hilflosen Girlanden an der Decke. Der Altar ist ein ovaler Plastiktisch in schwarz, der für den Gottesdienst mit einer weißen Tischdecke, Kerzen, einem kleinen Kruzifix und Blumen versehen wird. Ich hätte den Würfel auch auf den Schrank mit den Turmatten stellen können, stellte ihn dann aber doch unauffällig auf den Tisch zwischen die Blumen.

Der Gottesdienst ist erfreulicherweise gut besucht – der Vorsitzende des Presbyteriums wohnt hier und schafft es auf rätselhafte Weise, den Mehrzweckraum mit Menschen zu füllen. Man singt, betet, hört aufmerksam zu und betrachtet das Bild des tastenden Engels- halb im Hellen, halb im Dunkeln, träumt sich weg, findet wieder Anschluss, befragt die eigene Sehnsucht nach Gott, denkt an das Mittagessen und die Kartoffeln auf dem Herd, an die Enkel, die kommen und dann spielt da plötzlich leicht und sanft eine Gitarre und jemand singt:  Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt, dann fängst du an zu schreien, es kommt ein Mensch der dich hält. Und die Liiiebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlieren. Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt. Gisbert zu Knyphausen klingt und singt sich zwischen den Stuhlreihen hindurch von Ohr zu Ohr und trifft mich wie immer mitten ins Herz. Ich höre zu und gucke mal auf den Boden, mal aus dem Fenster, einmal in die Gemeinde. Eine Frau hat den Kopf hoch erhoben und blickt wachsam nach vorne. Bewegen sie die Worte etwa wie mich?  Hach, ich bin gerührt.

Am Ausgang spricht die Frau mich auf die Musik an: Danke, danke,  aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo die Musik herkommt. Wirklich, ich war ganz unruhig und hab überall so geschaut und gesucht. (…) Ach! Aus diesem kleinen Würfel hier? Das ist ja doll.. Auch der Vorsitzende bewunderte die neue Technik und freute sich über ihren Einsatz.

Immerhin bewegt etwas die Gemüter, wenn auch nicht unbedingt Gisberts weise Worte. Die Gemeinde muss mir ja auch nicht alles nachmachen. Denn auch die muss nicht immer alles sollen. Ich versuche jetzt noch, etwas an meinen Aufgaben zu wachsen und fahre zu einem hochzeitswilligen Paar. Das ist ja auch eine Form von Flucht, Flucht vor zu viel Ablenkung. Uff.

Liebe Internet-Gemeinde, lasst es euch gut gehen, genießt den Sommer, das Baden, die Sonnenblumen und: auch wenn das Unglück dieser Welt, mal auf deine Schultern fällt, ein neuer Tag wartet schon auf dich am Ende jeder noch so langen Nacht. 

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