Von einer Welt in die andere

Für fast drei Wochen hatte ich unlängst das Vergnügen, im fernen Süden durch Landschafen, Klimazonen und Kirchengemeinden zu tingelingelingeln. Auch dort gibt es Wälder und Felder und kleine Dörfer und Städtchen. Menschen in Fahrzeugen müssen sich dort wie hier vor Wildwechsel in Acht nehmen, nur begegnen einem in jenen Breitengraden statt Wildschwein und Fuchs eben Zebra oder Giraffe auf der Straße. Jemand aus unserer Gruppe will nachts Hyänen-Gelächter gehört haben, well…

Es ist nicht leicht, nach einer längeren Auszeit wieder im Dienst anzukommen. War es für mich bisher noch nie. Als würde ich mit wachsendem Abstand zur Gemeinde irgendwie Rost ansetzen, der dann das Wieder- Eingrooven bremst und bei den ersten Aktionen störende Töne verursacht. In diesen Tagen fremdele ich mehr als sonst, was auch daran liegen könnte, dass in jenem Land im Süden die Uhren so ganz anders ticken.  Eine Amtskollegin (ebenfalls in einer Gemeinde im ländlichen Raum) berichtete, seit sie die Gemeinde übernommen hat, haben sich die Gemeindegliederzahlen verdoppelt. Uff. Das würde ich von meinem Dienst hier auch gerne behaupten, doch die Zahlen sprechen gegen mich. Wie auch das Fehlen von mindestens vier großartigen Chören, diversen Bands, dem Tanz im Gottesdienst, Teamkolleginnen und Teamkollegen und Flatscreens für die Abkündigungen. Man soll ja nicht immer alles vergleichen. Und nicht von „man“ und „immer“ schreiben. Aber (…)! Menno.

Zurück in den eigenen Gefilden erwarten mich vor allem Chaos und Drama in Baudingen und Finanzen. Eine Kirche mit Schwamm, aber fast ohne Menschen wird renoviert mit viel Geld, Stiftungsdirektoren sind beleidigt („Nie hat sich die Pfarrerin gemeldet!“) und ziehen Förderungen zurück (also weniger Geld), Grundstücke und Häuser wollen gekauft/verpachtet/vermietet werden und der Bauausschuss kommt zu Besuch und erwartet Schnittchen. HERRje. Das sind gewaltig viele störende Töne gerade.  Auch Ulf macht ulkige Geräusche,  beim Lenken. Er stand wohl zu lange einsam wartend am Bahnhof.

Als ich heute beim Gemeindekreis ins Dorf von Herrn Fritz ankomme geht es mal wieder darum, wieviele Teilnehmende der Kreis früher einmal hatte und wie sehr sich alles verändert hat: Vierunddreißig! Heute sind es lediglich zwölf. Gemeinschaftliches Seufzen, betrübte Blicke – ein selten stimmungsvoller Anfang. Um das Schwelgen in der Vergangenheit zu unterbrechen, zitiere ich meinen Mentor aus dem Vikariat Die, die da sind, sind richtig (und bin gleichzeitig angeödet von dieser Aussage) und beginne zügig mit der Andacht. Mich nerven diese Vergleiche mit früher und damals. Bestenfalls taucht in diesen Beschreibungen dann noch der einstige Superpfarrer auf und spätestens dann wird mein Lächeln grimmig.  Es ist eben wie es ist und wir versuchen alle, das Beste daraus zu machen.

Daran erinnere ich mich wieder beim Abschluss: Beim Segen halten wir einander an den Händen, alle zwölf (und war zwölf nicht eine mega-bedeutende Zahl in der Bibel? Come on, peoplez!) und noch bevor die letzte Silbe verklungen ist, stimmt Frau Lerche die letzte Strophe von Der Mond ist aufgegangen an, wie jedes Mal. Während wir von Brüdern und Gottes Namen und dem Abendhauch singen, denke ich an das Land im Süden und seine Menschen zurück, an all das Wunderbare und Gute dieser Reise.  Links von mir sitzt Frau Lerche, sie hält meine Hand mit erstaunlich kräftigem Druck und bewegt beim Singen leicht den Daumen. Rechts von mir brummt Herr Taschel das Lied mit. Seit seinem Schlaganfall ist seine linke Hand gelähmt – sie ruht eigentümlich schmal in meiner rechten …und unseren kranken Nachbarn auch. Den Schluss dieses Liedes fand ich als Jugendliche ulkig unpassend, wir haben uns oft darüber lustig gemacht. Hier und heute ist dieser Schluss verbindend und tröstlich – über Zeit – und Ländergrenzen hinweg. Gut, einen weiteren Horizont gewonnen zu haben. Aber auch gut, wieder zuhause zu sein.