Januar 2018

Dieser Jahresanfang ist turbulenter als erwartet. Ich frage mich, warum ich im vierten Jahr meines Probedienstes immer noch die irrige Vorstellung hatte, der Januar sei nach Weihnachten und Silvester vergleichsweise entspannt. Wenn man sich nicht rechtzeitig und für mindestens zwei Wochen an die Südsee oder so verkrümelt, ist man dem neuen Jahr mit aller Matschigkeit, die vom Ende des letzten Jahres noch an einem klebt, hilflos ausgeliefert. Erfreulicherweise bringt 2018 bisher noch mehr als Baubesprechungen, Gesprächsrunden und Haushaltsplanung:

Letztens ging es für mich zum zweiten Mal auf überregionale Konfifreizeit und ich muss sagen, es war wirklich vergnüglich. Schon auch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, besonders aber mit dem anderen Mitarbeitenden. Ich fühle mich mittlerweile so gut im Pfarrkonvent aufgehoben, dass ich mich auf sämtliche Treffen freue (auch auf Konventsfahrten!), selbst wenn es nur kurz spätabends nach einem Wahnsinnskonfifreizeittag auf ein Feierabendgetränk ist. Es waren jüngere (Teamer) wie ältere Leute (Jugendmitarbeiter) dabei, mit denen ich im Herbst letzten Jahres im fernen Süden unterwegs war. Das Wiedersehen war freudig („Saaaaaraa!Du bist hiiiieer!“), ein Nachtreffen in meinen Gefilden wurde verabredet und ich plane schon, wie ich die Meute satt bekomme. Komme ich auf das Angebot von Flos Vater zurück, der mir noch ein Reh überlassen wollte und passt ein Reh in meinen Ofen? Oder kann man das über einem Lagerfeuer braten? Wer macht das Feuer? Oder frage ich den Kollegen, der selbst Jäger ist und dessen Gefriertruhe immer übervoll ist mit Wildschwein, Hühnern und Co.?  Oder gibt es einfach Chili und das dann vegetarisch und in Massen? Auch die Gemeinde wird etwas von diesem Besuch haben. Die Truppe kommt dann am Sonntag mit in die Gottesdienste und wird irgendwas beitragen. Ich schätze, was mit Springen, Jubeln und jugendlichem Überschwung. Schätze auch, dass das einen amüsanten Kulturschock auf beiden Seiten verursachen wird.

Ebenfalls in diesem Monat war ich undercover zu Besuch in einer Gemeinde anderswo, in der in diesem Jahr eine Pfarrstelle frei werden wird. Die Glocken läuteten zum Gottesdienst, die helle Kirche war bestuhlt und ausreichend warm geheizt (wie ungewohnt!) . Die Gemeinde sang auf Englisch (wow!), da ein Gastprediger aus dem mittleren Osten (auch ziemlich cool) anwesend war. Und die Kirche war voll! Und die Stimmung gut! Und hinterher gab es einen Brunch im Gemeindehaus nebenan (ohne Mettbrötchen, dafür gab es geschnippeltes Gemüse und Käsebrote). Und obwohl mir eine Frau um die 40 sehr überzeugt und beseelt von Jesus und ihrem Glauben erzählte und der ältere Herr neben mir in aller seiner Konservativität überaus freundlich war, konnte ich mich für diesen Ort nicht recht erwärmen. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine potentielle, neue Gemeinde angeschaut habe und welch Überraschung, ich habe ordentlich gefremdelt. Ich hatte gehofft, dass ich dort ein eindeutiges Gefühl bekommen würde, das mir dann sagt: Ja, genau, das ist es, hier gehörst du hin. So Liebe-auf- den- ersten- Blick-mäßig. Andererseits habe ich damals, nachdem ich  zum ersten Mal durch meinen jetziges Wohnörtchen gefahren bin, auch erstmal heftig geheult. Ach, es ist kompliziert.

Die letzten Tage waren hier nahezu frühlingshaft und prompt steigt die Zahl der Beisetzungen an. Zum Auftakt  hatte ich heute bereits zweifach das Vergnügen (und bin entsprechend platt). Allerdings war ich schon vor der ersten Trauerfeier so zerstreut, dass ich den einen Sargträger gleich zweimal begrüßt habe. Ähh, ja. Die Bestattungsunternehmen aus der Ecke hier kennen mich mittlerweile und wissen, dass ich mich über ein Lesepult in der Trauerhalle freue. Es ist viel angenehmer, wenn man das Mäppchen ablegen und seine Hände auch mal abstützen kann. Heute hat das Unternehmen auch dran gedacht und ich habe mich auch gefreut, bis das schwere Holzpult mit einem lauten Rumms während der ersten Minute nach unten stürzte, zusammen mit dem Mäppchen und der würdevoll-ruhigen Atmosphäre. Manche Freude währt außerordentlich kurz.

Knut Tafel war heute auch dabei und hat an den Tasten wieder alles gegeben. Wir sehen uns gerade seltener als sonst, aber aus eigentlich schönen Gründen: es gibt einen neuen Kollegen in der Region (eine Vakanz weniger, juhuh!), der seine Gottesdienste etwas mehr im Voraus plant als ich und so ist Knut meistens schon verplant, wenn ich ihn zu Gottesdiensten anfrage. Auf Friedhöfen laufen wir uns aber weiterhin über den Weg, so wie eben heute.

Das ganze Dorf ist zur Trauerfeier gekommen, der Verstorbene war bekannt und beliebt. Entsprechend lange dauern die Erdwürfe am Grab. Obwohl ich in der wärmenden Sonne stehe, zittern meine Beine leicht, von unten kriecht doch noch etwas Winterwetter an mir hoch. Während Knut ein paar Meter weiter Trauerlieder auf dem Keyboard spielt, blicke ich mal ins Grab, mal nach rechts zur Trauerfamilie und dann nach links zu der Menschentraube, auf deren Erdwürfe ich noch warten muss. Mindestens noch 20 Minuten, schätze ich.

Ein alter Mann im beigen Mantel fällt mir auf, der nach dem Erdwurf leicht schwankend auf die Trauerfamilie zugeht. Gehört er dazu? Ist er verwirrt? Kurz bevor er bei der Witwe ankommt, hebt er seine Sonnenbrille und schaut auf einen Grabstein zu seiner Rechten und seufzt laut auf, um dann der Witwe um den Hals zu fallen. Ich hoffe inständig, dass er das darf. Knut spielt derweil Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer und ich denke den Text mit und versinke in eigene Gedanken, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. Der Mann in beige taucht plötzlich ein paar Meter rechts von mir vor einem anderen Grabstein auf, nimmt wieder die Sonnenbrille ab und stößt nun, für alle gut hörbar ein „Ohhh je!“ aus. Ich frage mich, ob sich nicht vielleicht jemand um ihn kümmern sollte. War da nicht so ein junger Mann, mit dem er gekommen ist – wo ist der denn abgeblieben?

Suchend blicke ich mich um, von Knut erklingt derweil der Anfang von Von guten Mächten,  die alte Melodie, die heute nicht mehr so oft gesungen wird. Ich blicke nun auf den Sarg mit den roten und weißen Rosen, der immer mehr mit Erde bedeckt wird. Singt sich tatsächlich auch schwieriger, diese alte Melodie. Ein selbst für Knut völlig schräger Akkord reißt mich plötzlich aus den Gedanken und lässt mich aufblicken: Der Mann in beige steht direkt neben Knut hinterm Keyboard  (wo kommt der denn nun wieder her?) und blickt ungeniert in die Noten und auf die Tastatur. Knut ist sichtlich wenig begeistert und lehnt sich soweit wie möglich zur anderen Seite, spielt aber weiter, Strophe um Strophe. Der Mann bleibt und starrt, rückt noch näher an Knut heran und ich stehe am Grab und versuche das laute Gelächter das aus mir herausplatzen möchte, still und unauffällig in meine Mundwinkel umzuleiten.

Hinterher erzählt mir Knut, dass der Mann in beige einen Liedwunsch hatte, den er ihm dann noch erfüllt hat. Beim Trauerkaffee erfahre ich, dass der Mann in beige nicht verwirrt ist, sondern ehemaliger Lehrer des Dorfes und ein enger Freund der Familie, und eine wandelnde Wilhelm Busch-Zitat-Maschine.

Aber hier wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt. 

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Aus gegebenem Anlass III

In manchen Momenten kann ich sie deutlich sehen:
dann bin ich in den Dörfern und Städtchen der Region unterwegs und sehe und höre die Zeichen der Zeit, die an den Häusern und Kirchen und Menschen arbeiten. Die Geschichten von früher, die die Gemüter manchmal mehr zu bewegen scheinen als die Gegenwart. Die Erinnerung der Frauen und Männer an unendlich weite Wege, durch Wälder und tiefe Flüsse, Bilder der Gewalt am Wegesrand, immer vorm Einschlafen den Blick auf die Soldaten in der elterlichen Küche, es ist lange her und doch brennt der Schmerz heiß, die Sehnsucht nach der Heimat ist immer noch groß – der Durst nach Frieden und Gerechtigkeit. Es braucht nur einen kurzen Anstoß und schon lodert die Flamme wieder auf und die Bilder sind den Alten lebendig vor Augen.

Als ich vom Auszug des Volkes Israel erzählte, war das so.
Von dem Volk, das angeführt und beschützt wird durch Gott selbst, der da ist und mitgeht und beschützt und versorgt und sich selbst sorgt um jenes kleine, halsstarrige Volk, auch in der Wüste.
Dort, wo tagsüber gnadenlos die Sonne brennt und jeder Schritt zur Qual wird und wo die Temperaturen nachts eiskalt werden. Die Wüste lässt kein Mittelmaß zu, ein Ort der Extreme, der das wandernde Gottesvolk an die Grenzen der Belastbarkeit führt: immer wieder richten manche ihre Blicke sehnsüchtig zurück nach Ägypten, werden ärgerlich und zweifeln Gottes Weg mit ihnen an. Und niemals wird dadurch die Beziehung zwischen Gott und dem Volk abgebrochen, sie wird erneuert, erfrischt, auf Murren und Verweigerung und auf unstillbaren Durst in der großen Hitze der Wüste folgt Hinwendung Gottes:
da waren zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäume und sie lagerten sich dort am Wasser.

Ich war nie in der Wüste und ich kenne keinen Krieg. Meinen körperlichen Durst kann ich leicht am Wasserhahn stillen, lieber noch mit Sprudelwasser oder mit Mate und doch rührt mich heute tief an, was vor hunderten von Jahren Johannes auf der Insel Patmos deutlich sehen konnte:
die Zukunft, wie er sie sich erträumte, mit Flügelwesen, grünen, weißen und roten Pferden, Menschen mit Adlerkopf, bildgewaltig wie ein Star Wars-Film, aber mit anderen Klängen unterlegt. Klänge, wie ein Hoffnungslied, ein Soundtrack, der das eigentlich Unerträgliche mit Verheißung füllt.
Johannes hat die Schreckensherrschaft der Römer erfahren und überlebt, dunkle Erinnerungen umgeben ihn in seinem Exil, an das Brennen der Heiligen Stadt, die nun in Schutt und Asche liegt, auch er kann nicht zurück. Dennoch sieht er Hoffnung, in allen Farben leuchtend, eine Oase in seiner persönlichen Wüste. Johannes sieht Gott und seinen Sohn, hört Worte, die nicht seine sind, Worte voller Leben und Frische und er schreibt sie auf:
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.
Das sind Worte, die ich eigentlich singen will, immer und immer wieder, damit ich sie nicht vergesse in dem, was vor mir liegt in diesem noch unberührtem Jahr. Damit ich sie nicht vergesse, wenn ich zurückblicke auf das, was war und bei dem, was mich gerade jetzt bewegt.
Ich wünschte, die Worten würden mir zum Refrain, der mich immer wieder an das erinnert, worum es eigentlich geht. Dass Gott auch heute da ist, mitten unter uns, und dass er mitgeht und unterwegs auch an den unwirtlichsten Orten Leben sprudeln lässt.

In manchen Momenten können wir das sehen und glauben:
so wie die ältere Frau aus dem Gemeindekreis, die im Rückblick für sich erkannte, dass Gott auch sie auf ihrer Flucht bewahrt und beschützt hat und das es einem Wunder gleicht, wie wir alle bei Kuchen und Kaffee friedlich und sicher beisammen sein und auch über diese leidvollen Erfahrungen offen reden können.
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst – mögen wir uns von diesen Worten begleitet und getragen fühlen, wie von einem schönen Refrain, einem Ohrwurm, der nicht nervt, sondern der Seele gut tut und neuen, frischen Schwung gibt:
im Auto unterwegs ins Büro, oder wenn wir uns Wege bahnen auf dem vollgepackten Schreibtisch, wenn wir uns anrühren lassen von den Lebensgeschichten anderer, wenn die Kinder im Klassenraum in Kampfgebrüll ausbrechen, wenn das Telefon niemals schweigt und das Herz nicht zur Ruhe kommt, wenn die Strecke zu weit erscheint und der Terminkalender schon jetzt zu voll, in der Examenszeit mit all der großen Aufregung, auf den Kanzeln, Kirchenbänken, Sofas und Küchenstühlen und selbst dann, wenn tatsächlich mal gar nichts zu tun ist.
Lasst uns auf diese Worte hören und von ihnen singen,
nicht nur, aber auch in diesem neuen Jahr.

Amen