Aus gegebenem Anlass III

In manchen Momenten kann ich sie deutlich sehen:
dann bin ich in den Dörfern und Städtchen der Region unterwegs und sehe und höre die Zeichen der Zeit, die an den Häusern und Kirchen und Menschen arbeiten. Die Geschichten von früher, die die Gemüter manchmal mehr zu bewegen scheinen als die Gegenwart. Die Erinnerung der Frauen und Männer an unendlich weite Wege, durch Wälder und tiefe Flüsse, Bilder der Gewalt am Wegesrand, immer vorm Einschlafen den Blick auf die Soldaten in der elterlichen Küche, es ist lange her und doch brennt der Schmerz heiß, die Sehnsucht nach der Heimat ist immer noch groß – der Durst nach Frieden und Gerechtigkeit. Es braucht nur einen kurzen Anstoß und schon lodert die Flamme wieder auf und die Bilder sind den Alten lebendig vor Augen.

Als ich vom Auszug des Volkes Israel erzählte, war das so.
Von dem Volk, das angeführt und beschützt wird durch Gott selbst, der da ist und mitgeht und beschützt und versorgt und sich selbst sorgt um jenes kleine, halsstarrige Volk, auch in der Wüste.
Dort, wo tagsüber gnadenlos die Sonne brennt und jeder Schritt zur Qual wird und wo die Temperaturen nachts eiskalt werden. Die Wüste lässt kein Mittelmaß zu, ein Ort der Extreme, der das wandernde Gottesvolk an die Grenzen der Belastbarkeit führt: immer wieder richten manche ihre Blicke sehnsüchtig zurück nach Ägypten, werden ärgerlich und zweifeln Gottes Weg mit ihnen an. Und niemals wird dadurch die Beziehung zwischen Gott und dem Volk abgebrochen, sie wird erneuert, erfrischt, auf Murren und Verweigerung und auf unstillbaren Durst in der großen Hitze der Wüste folgt Hinwendung Gottes:
da waren zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäume und sie lagerten sich dort am Wasser.

Ich war nie in der Wüste und ich kenne keinen Krieg. Meinen körperlichen Durst kann ich leicht am Wasserhahn stillen, lieber noch mit Sprudelwasser oder mit Mate und doch rührt mich heute tief an, was vor hunderten von Jahren Johannes auf der Insel Patmos deutlich sehen konnte:
die Zukunft, wie er sie sich erträumte, mit Flügelwesen, grünen, weißen und roten Pferden, Menschen mit Adlerkopf, bildgewaltig wie ein Star Wars-Film, aber mit anderen Klängen unterlegt. Klänge, wie ein Hoffnungslied, ein Soundtrack, der das eigentlich Unerträgliche mit Verheißung füllt.
Johannes hat die Schreckensherrschaft der Römer erfahren und überlebt, dunkle Erinnerungen umgeben ihn in seinem Exil, an das Brennen der Heiligen Stadt, die nun in Schutt und Asche liegt, auch er kann nicht zurück. Dennoch sieht er Hoffnung, in allen Farben leuchtend, eine Oase in seiner persönlichen Wüste. Johannes sieht Gott und seinen Sohn, hört Worte, die nicht seine sind, Worte voller Leben und Frische und er schreibt sie auf:
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.
Das sind Worte, die ich eigentlich singen will, immer und immer wieder, damit ich sie nicht vergesse in dem, was vor mir liegt in diesem noch unberührtem Jahr. Damit ich sie nicht vergesse, wenn ich zurückblicke auf das, was war und bei dem, was mich gerade jetzt bewegt.
Ich wünschte, die Worten würden mir zum Refrain, der mich immer wieder an das erinnert, worum es eigentlich geht. Dass Gott auch heute da ist, mitten unter uns, und dass er mitgeht und unterwegs auch an den unwirtlichsten Orten Leben sprudeln lässt.

In manchen Momenten können wir das sehen und glauben:
so wie die ältere Frau aus dem Gemeindekreis, die im Rückblick für sich erkannte, dass Gott auch sie auf ihrer Flucht bewahrt und beschützt hat und das es einem Wunder gleicht, wie wir alle bei Kuchen und Kaffee friedlich und sicher beisammen sein und auch über diese leidvollen Erfahrungen offen reden können.
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst – mögen wir uns von diesen Worten begleitet und getragen fühlen, wie von einem schönen Refrain, einem Ohrwurm, der nicht nervt, sondern der Seele gut tut und neuen, frischen Schwung gibt:
im Auto unterwegs ins Büro, oder wenn wir uns Wege bahnen auf dem vollgepackten Schreibtisch, wenn wir uns anrühren lassen von den Lebensgeschichten anderer, wenn die Kinder im Klassenraum in Kampfgebrüll ausbrechen, wenn das Telefon niemals schweigt und das Herz nicht zur Ruhe kommt, wenn die Strecke zu weit erscheint und der Terminkalender schon jetzt zu voll, in der Examenszeit mit all der großen Aufregung, auf den Kanzeln, Kirchenbänken, Sofas und Küchenstühlen und selbst dann, wenn tatsächlich mal gar nichts zu tun ist.
Lasst uns auf diese Worte hören und von ihnen singen,
nicht nur, aber auch in diesem neuen Jahr.

Amen

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