trial and error

Ich bin schon lange der Meinung, dass alle Menschen im Pfarrdienst (sicherlich auch in anderen Berufsgruppen) selbstverständlich und zu jeder Zeit Entspannungsmassagen verdient hätten. Für so einen personal Physiotherapeuten oder eine Therapeutin wäre ich eine sichere Einkommensquelle und zudem eine berufliche Herausforderung. Schließlich sitze ich die ganze Zeit nur rum: am Schreibtisch, wenn ich mit Ulf unterwegs bin (der mit der Zeit leider sehr unbequem wird), bei Kasualgesprächen auf irgendwelchen Küchenstühlen, Sofas und Sesseln und natürlich bei den obligatorischen (wie grausigen) Stuhlkreisrunden in Konventen und Gesprächsrunden. Nur in Gottesdiensten stehe ich ab und an auf. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich hinterher immer so unendlich müde bin? Dazu kommt, dass ich für gewöhnlich ein wirklich ganz träger Haufen bin (ach, Gisbert) und Sport nur im äußersten Notfall (nach Stunden keine Predigtidee oder abgründig schlechte Laune, die bald in Menschenhasserstimmung umschlagen könnte) mache. Ergebnis: null Sportlichkeit und gerne Rücken. Vor allem natürlich, wenn in der Gemeinde und bei mir viel los ist. Gerade ist viel los und da ich immer noch keinen personal Massagemenschen habe (was ich fatal finde!) musste ich mir jemanden suchen. Die Idee war gut, meine Wahl ungünstig, das Experiment darf als gescheitert betrachtet werden.

Erste Erkenntnis: keine Physiotherapeuten im Gemeindegebiet aufsuchen.

Der Behandelnde wurde mir von unserer Sekretärin empfohlen. Sie meinte schon, er sei speziell, wie auch seine Praxis, aber man bekomme schnell Termine. Die erste Frage des Physiotherapeuten an mich lautete dann auch: Geht es Ihnen gut bei uns? Werden Sie hier bleiben? Zu der Zeit lag ich schon halbnackt auf einem steinharten Frotteetuch auf der Liege und erwartete eigentlich die ultimative Entspannung. Ich brummelte so uneindeutig vor mich hin, wie es mir möglich war. Dann erzählte der Therapeut von Dorf G und meiner letzten Beisetzung dort (hatte ich schon wieder vergessen) und was die Leute über mich reden. Dann erklärte er mir seinen ganzheitlichen Ansatz: reden hilft. Wir müssen dahin kommen, wo die Verspannung herkommt. Das war der Moment, in dem ich hätte gehen sollen. Bin ich aber nicht. Die Massage hatte noch gar nicht richtig angefangen.

Zweite Erkenntnis: als Pfarrerin ist man (auf Gemeindegebiet) niemals nicht die Pfarrerin.

Wenn nicht ich irgendetwas Belangloses erzählte (auch darüber muss man ja nachdenken), sprach er, Reden hilft wohl in beide Richtungen. Und schwupp, war ich nicht etwa Einkommensquelle oder Patientin mit Mitleids-erregender Rückenmuskulatur, nein ich war die Seelsorgerin (crap) und für den Moment diesem Menschen und seiner Lebensgeschichte ausgeliefert. Ehe, Kinder, Erfahrungen mit der Kirche, mit dem Islam, mit dem Ort, mit den Leuten, Pfarrern aus der Nähe. Als er den linken Fuß massierte, kam er auf eine Predigt von mir zu sprechen, in der ich behauptet hatte, dass Gott auch weibliche Züge trägt und ein rein männliches Reden von Gott eine Engführung sei. Ganz schwierig, hat mich lange beschäftigt. Ganz schwierig, fand ich gar nicht gut sagt er, und knetete meinen Fuß nachdrücklich. Vielleicht gibt es Exemplare unter Theologinnen und Theologen, die an solcherlei Diskussionen immer ihre Freude haben, ich bin da anders. Statt lässig professionell zu reagieren und ihm irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sah ich mich gezwungen auszuholen (Gott, die Schöpferkraft..die Quelle…Vater und Mutter..)  und zu erklären (kein Bildnis… ), schließlich sogar zu diskutieren (Gott ist anders!), aber alles sehr widerwillig und ohne nennenswerte Reaktion des Therapeuten. Am Ende der Massage war auch ich mit meinem Latein am Ende und ging verstimmt nach Hause.

Dritte Erkenntnis: aus manchen Nummern kommt man nur schwer wieder raus.

Wie verklickert man dem ortsbekannten Physiotherapeuten, dass man nicht mehr zu ihm will, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen? Mir war ja schon aufgefallen, dass er gerne viel erzählt. Was, wenn er zukünftig in seine Anekdoten auch ein bisschen Pfarrerin-gossip untermischen würde?  Haben Physiotherapeuten eigentlich auch Schweigepflicht? Ich rätselte und rätselte und kam zu keiner rechten Lösung, dafür zu wenig Schlaf.

Letzten Sonntag tauchte er dann tatsächlich in Begleitung seiner Frau im Gottesdienst auf. Danke, Chef, dachte ich bei mir und schnappte ihn mir am Ausgang und erklärte, warum ich nicht mehr zu ihm wolle (Rollenkonflikt, die Methode etc.). Auf einmal bot er mir doch Massagen in Stille an, was ich dankend ablehnte (doch was gelernt!). Wir verabschiedeten uns freundlich, ich war sehr erleichtert und dann fiel ihm doch noch was ein und er hob den Zeigefinger, während er sprach:  Aber wir haben doch auch Lieder gesungen, wo wir vom „Herren“ gesungen haben. Ich habe genau darauf geachtet, hatte ich also doch Recht!  Ich seufzte und mir entwich ein Ja,ja  während ich zur Tür  entschwand, um die Sachen für den nächsten Gottesdienst zu packen.

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