Plötzlich in Amsterdam

Montagmorgen bin ich mit gutem Timing und einem unterkühlten Ulf aufgeregt Richtung Stadt (also Zuganbindung) gefahren und habe die Gemeindewelt für ein paar Tage hinter mit gelassen. Mein erster Urlaub ganz alleine in einer fast fremden Stadt, Amsterdam. Seit ich Single bin (schone eine Weile), probiere ich hin und her, wie ich meine freie Zeit gut und auch erholsam verbringen kann.

Dieses Austesten ließ mich im letzten Jahr quer durch Deutschland fahren und meine Mädels besuchen mit Friseurbesuch und Tanz und verkatert Tatortreiniger im Bett gucken. Es brachte mich zu meiner Familie und (zum Leidwesen der Nachbarn in 1 km Umkreis) mit sehr lautem Soundtrack ans Lagerfeuer mit meinem Hippie-Onkel und auch an einen Felsen bei Toulouse, an dem ich (zum ersten Mal überhaupt) hinaufgeklettert war ohne zu wissen, wie es später wieder runter geht. Ich habe bei dieser Reise auch Kontrabass gespielt und bin Kanu gefahren, was gar nicht so schlimm war, aber eine andere Geschichte ist. Oft war ich natürlich auch bei Rahel, ihrem Mann und den Kindern, wo es mittlerweile (was ein Segen!) ein drittes kleines Mädchen im Bunde gibt. Ein befreundeter Gitarrist schwärmte kurz nach Silvester bei einem gemeinsamen Mittagessen davon, wie er alleine für ein paar Tage nach Paris gereist ist. Ich war beeindruckt. Und für meine Urlaubsplanung inspiriert.

Nach einer ziemlich langen Anreise wurde ich nun also in eine Welt katapultiert, die mir (obwohl ich heute schon den zweiten Tag hier bin), immer noch surreal erscheint. So Großstadtflair und Hipsterbärte und Hollandräder bin ich überhaupt nicht mehr gewohnt, bei mir gibt es ja nicht mal Radwege, von hipsterescen Menschen mal ganz zu schweigen.

Heute morgen saß ich beim Frühstück in einer sehr schicken Pancake-Bar mit ebenfalls sehr schicken (jungen, teilweise bärtigen, freundlichen) Servicekräften und konnte auf die Straße blicken. Während ich dort saß und aß, sah ich zwei Musikanten, lauter schöne, junge oder jung aussehende Menschen mit bunten Kopfhörern und Strickschals auf Fahrrädern in sämtlichen Zuständen und andere in Autos und genau eine einzige Frau im Rentenalter. Mit ihrer geringen Körpergröße und den weißen Haaren fiel sie total aus dem Raster.

Auch wenn ich gestern einige Stunden unterwegs war und eigentlich Zeit dazu hatte auf Freizeit umzuschalten, bin ich gedanklich und gefühlig schnell in der Gemeinde. Nicht nur, wenn ich an der Pizzeria Pastorale vorbeikomme oder hier Glocken läuten höre oder der Mann auf der anderen Straßenseite so aussieht wie Herr H.aus dem Presbyterium, der auch schon ewig nicht mehr zu einer Sitzung da war. Die letzte Woche war aufreibend mit drei Beisetzungen, vielen Terminen und ein paar Dramen (Menschen!) drumherum, außerdem läuft ja das Bewerbungsverfahren und auch die Weiterbildung braucht Vorbereitung.

In letzter Zeit frage ich mich öfter, was mich am Landleben und den Menschen, die auf dem Land eigentlich leben so anrührt. Ich selbst nutze das Land kaum (außer, dass die Hängematte am Apfelbaum hängt und der Schreibtisch im Sommer auf die Terrasse wandert). Ist es das bäuerliche, naturverbundene Leben, dass mir irgendwie geerdeter erscheint? Oder sind es die geschwungenen Hügel, die Sonnenblumenfelder und der weite Himmel unter dem glitzernd Seen liegen, die mich in ihrer Schönheit ansprechen? Oder liegt meine Verbundenheit daran, dass ich nun Lebensgeschichten kenne und begleitet habe und so auf natürliche Art mit hineingewachsen bin in dieses vergessene Land? In eine Gegend von der ich vor vier Jahren noch nie etwas gehört hatte und die mir heute so bedeutend und weltbewegend erscheint. Pfarrdienst macht Sachen, aber ohne Scheiß.

Heute Nachmittag dachte ich, jemanden gefunden zu haben, der ganz ähnlich wie ich empfindet. Ich musste lange warten und geduldig sein (nicht meine Stärke), aber die Mühe hat sich gelohnt. Wer hätte gedacht, dass ich mich Vincent van Gogh einmal ganz nah fühlen würde? Vincent hatte zu Beginn seines Künstlertums (von Karriere zu Lebzeiten kann ja trauriger Weise nicht die Rede sein) eine Phase, in der er sich vor allem für das Landleben und besonders für die armen Bauersleute interessierte. Ich betrachtete die Bilder von Menschen in Feldern mit Sensen, die Kartoffel-Esser, das Porträt der alte Frau und das Pfarrhaus, in dem er zu dieser Zeit bei seinen Eltern gewohnt hat. Noch sind die Bilder eher dunkel und gedämpft, wenig lässt seinen späteren Stil erahnen. Vincent musste erst nach Paris ziehen und dort die Inspiration finden die er brauchte, um seine eigenen Farben und Pinselstriche zu entdecken und zu formen. Auch später wird er oft ländliche Szenen malen, wogende Weizenfelder, blühende (Apfel?-)Bäume, rote Mohnblumen vor gelben Korn – diese Bilder werden leuchten. Leider konnte ich nicht alles von ihm in Ruhe betrachten, denn die Saalordner im Van-Gogh-Museum nehmen ihren Job ernst und scheuchen Trödeltanten („jut a little time, pleeeaaase“) wie mich nachdrücklich zur rechten Zeit nach unten zum Museumsshop und zum Ausgang. Obwohl ich die T-Shirts und Tassen mit den blühenden Baumzweigen oder den Sonnenblumen hübsch fand, hab ich sie mir nicht gekauft. Das habe ich alles ja schon zuhause. Und da leuchtet es auch.

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