Plötzlich in der Vergangenheit

Anfang April wusste ich, dass ich zum Sommer hin die Stelle wechseln würde. Ich dachte optimistisch, mit dem ganzen Bewerbungsgedöns und all der Aufregung und Hektik sei es nun vorbei und ich könne mich entspannt auf den Abschied und die neue Stelle vorbereiten. Allen Ernstes hoffte und glaubte ich, es würde ruhiger werden. Eine erfahrenere Kollegin (deren kluge Erkenntnisse ich hier schon einmal geteilt habe) versuchte, mir das schnell auszureden: Stell dich drauf ein, jetzt wird es RICHTIG anstrengend, die Übergabe ist unfassbar viel Arbeit. Recht hat sie. Allerdings ist es weniger die Übergabe, sondern mehr der Übergang.

Es liegt in der Natur der Übergänge, dass sie nichts Halbes und nichts Ganzes sind, irgendwie immer kacke aussehen und sich (zumindest in meinem Fall) kacke anfühlen. Einerseits bin ich (neben dem normalen Dienst und der Weiterbildung) mitten in der Abschieds – und Trauerarbeit (Wer sich bindet, ist gebunden, jaja) , anderseits ist der beginnende Start am neuen Ort holpriger als ich erwartet hatte (um ALLES muss man sich selbst kümmern). Und außerdem: der Pfarrdienst mag der tollste Beruf (oder doch Berufung?) der Welt sein, dennoch hat er höchstens in homöopathischen Dosierungen etwas mit Ruhe und Entspannung zu tun, schon gar nicht in Übergangssituationen. Viel zu lernen ich habe noch.

Aber nicht mehr so viel wie die kleinen Studentinnen und Studenten, ha! Zur Zeit bin ich mit Frederike auf Kurzurlaub in der Studierendenstadt, in der wir uns einst kennenlernten. Es ist ein Fest der Sentimentalitäten. Weißt du noch, hier hat Dingens gewohnt!/War hier nicht mal diese coole Bar im Keller?/Hier mussten wir doch Ewigkeiten für diese Studentenausweise mit den immer unvorteilhaften Fotos anstehen!/Erinnerst du dich an diese Party, als wir den anderen Dingens betrunken von der Toilette und dann mit dem Auto von Ihmchen nach Hause…?

Die Studierendenschaft (oder sind das Schüler*innen??) die uns begegnet, erscheint mir frisch, faltenfrei und lebensfroh. Ja, DAS waren noch Zeiten. Gedanken dieser (und anderer) Art sind wohl ein unleugbares Zeichen einsetzenden Alters -.- . Ich bin erleichtert, dass ich mich bisher nicht an eine Ecke der Theologischen Fakultät gestellt habe und mit ernstem Gesicht und erhobenem Zeigefinger Wartets nur ab! oder Ähnliches proklamiert habe. Stattdessen seufze ich ab und an leise und genieße das wohlige Gefühl, diverse Hausarbeiten, Prüfungen und Examina GOTT SEI DANK hinter mir zu haben.

Als dem noch nicht so war, war ich nicht ganz unbeteiligt daran, dass Katharina und Christian (aus der Kurzzeit-Pfarrfamilie) in diesen schönen Gefilden ein Paar wurden. Nun werden die beiden in ein paar Wochen kirchlich heiraten und weil ich zum Glück nicht mehr studiere, sondern im tollsten Beruf der Welt arbeite, darf ich den Gottesdienst feiern, was echt aufregend ist. Soll ja schließlich schön werden. Hui hui.

Christian jedenfalls ist einer der wenigen aus meinen alten Kreisen, der noch an dieser Uni arbeitet. Mittlerweile gibt er selbst Seminare und Übungen, nimmt Prüfungen ab und korrigiert Arbeiten. Frederike und ich haben ihn besucht, in seinem Büro mit Regalen voller Bücher und Ordner und einem vollen Schreibtisch. Ihm macht das Spaß, an der Uni forschen und lehren, ich bin voll staunender Bewunderung. Christian meint, die Stadt habe sich sehr verändert, das Studierendenleben auch. Die Meisten führen am Wochenende nach Hause, zurück zu ihren Freundeskreisen und Feuerwehrvereinen und Eltern. Tja, die Jugend…

Frederike und ich stellen mit der Zeit ebenfalls fest, dass viel von dem studentischen Charme heute fehlt. Die Stadt wirkt aufgeräumt und gut bürgerlich. Mit zotteligen Dreads und Cordrock würde ich mich hier wahrscheinlich nicht mehr so richtig wohlfühlen. Und die teuren Restaurants hätte sich mein studentischen Ich auch nicht leisten können. Dafür geht das heute (immer noch ungewohnt!). Und so flanieren wir durch Parks und Straßen und Gassen, pausieren hier und dort und genießen das nicht-studentische-Urlaubsleben von Pfarrerinnen.

Als gestern Abend um sechs alle Glocken der Stadt läuten sind wir in unserem Lieblingscafé von früher. Das ist noch da, sogar mit der gleichen Bedienung. Frederike liest gerade ein Buch, ich hebe den Blick von der Zeitung und blicke mich um und genieße Klang, der tief und warm durch die Stadt schwingt, mal lauter und leiser. Ja, hier war ich einmal genau richtig. Gut zu wissen, wo man herkommt. Ich trinke einen Schluck vom kalten Bier (Urlaub!) und wende mich der Gegenwart zu.

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