Autumn leaves

Vor kurzem erzählte mir ein befreundeter Kollege, dass er an der Wand neben seinem Schreibtisch Fotos von „seinen Paaren“ angebracht hat. Glückliche Menschen nach Trauungen mit lauter love in the air. Ich frage mich, warum ich bisher nie auf diese Idee gekommen bin. Fotos habe ich nach Trauungen als Dankeschön und Erinnerung auch oft genug geschenkt bekommen. Bisher sind sie alle in einem edel bestickten Hefter gelandet, den Anna mir noch zu Schulzeiten geschenkt hat. Mit den meisten Trauungen die ich bisher feiern durfte, verbinde ich schöne und fröhliche Erinnerungen – bestimmt tut es gut (auch so ressourenorientierungsmäßig), öfter mal an sie zu denken und love in the air kann ja wohl mal überhaupt nicht schaden.

Thema Erinnern und Kasualien: was mich immer wieder tief erschreckt ist, wenn bei Trauergesprächen Verwandte meinen, so überhaupt nichts über ihre Verstorbenen sagen zu können. Manche kündigen das schon am Telefon an, wenn der Termin für das Gespräch ausgemacht wird –Wird nicht so lange dauern, wir wissen eigentlich kaum was. Schon diese Ansage finde ich total hart.

Wie war Ihre Mutter denn so? Vielleicht können Sie sie mir etwas beschreiben, ich habe sie ja leider nicht mehr kennengelernt.. – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischlplatten] ganz normal.

Hat Ihr Onkel denn mal erzählt, wie er aufgewachsen ist? – Nein, der war ein ganz ruhiger und hat eigentlich kaum gesprochen (es gibt erstaunlich viele solcher sehr ruhigen Menschen, scheint mir).

Wie ging es ihr nach dem Tod ihres Mannes? – Pfff, keine Ahnung [Stille], hat sie mit sich alleine ausgemacht…

Was glauben Sie, hatte er Angst vor dem Sterben oder konnte er gut loslassen? – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischplatten] – Hm, also, nee, oder? [ratloses Austauschen von Blicken] Darüber haben wir nie gesprochen.

Hatte sie eine Hoffnung für das, was nach dem Tod kommt? – [Schweigen] Wissen wir nicht.

Es ist mühsam, so ein Gespür für den Verstorbenen oder die Verstorbene zu bekommen. Manchmal trifft die Hinterbliebenen im Laufe des Trauergespräches dann der schmerzliche Wunsch, es zu Lebzeiten anders gemacht zu haben und dann ist es zu spät. Will sagen, Leute, passt auf euch und eure Lieben auf und redet miteinander. Auch über das, was fies ist. Ob Urne oder Sarg, ob Friedhof oder Wiese oder Meer, ob weltlich oder kirchlich – was auch immer, das Leben kann einem dermaßen eine reinhauen, ich weiß wovon ich schreibe. Übrigens (kleiner Werbeblock in eigener Sache): mir ist bekannt, dass es gute weltliche Redner gibt. Aber man, ohne die Hoffnung auf Auferstehung und Erlösung ist für mich die schönste Ansprache einfach nur trostlos. Ich glaube, wir alle brauchen Zukunft, auch unsere Toten.

Hier in der neuen Gemeinde habe ich die Bekanntschaft mit einer im Endstadium an Krebs erkrankten Frau gemacht. Sie kann nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen und befühlt vor dem Einschlafen die sieben oder acht Metastasen an ihrem Körper und spricht mit ihnen als wären es alte Bekannte. Das Krankenhaus hat sie heimgeschickt, es können noch Tage oder Wochen werden. Diese sterbenskranke Frau hat mit mir in den letzten Wochen ihre eigene Beisetzung vorbereitet und das war wirklich [Schweigen, Starren an die Wand über dem Klavier] eigentümlich.

Sie hat mir ihr ganzes Leben erzählt, alles, was ihr wichtig erschien und gesagt werden musste. Und ich konnte mitschreiben und mich einfühlen und versuchen zu verstehen und die großen Fragen stellen, ganz direkt und echt. Die Frau hat sich schon eine Stelle auf dem Friedhof ausgesucht, der Bestatter ist informiert und bezahlt, der Chor wird singen.

Bei unserem letzten Treffen haben wir nach passenden Liedern für die Trauerfeier gesucht und saßen eng nebeneinander über mein rotes Gesangsbuch gebeugt, mal Texte lesend oder Melodien summend – ein Bild für die Ewigkeit. Am Ende haben wir gemeinsam gesungen, beide mit feuchten Augen, ihre Stimme rutschte in den Tönen leicht auf und ab, meine Stimme klang viel rauer als sonst:

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘,
Schließe beide Augen zu:
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein!

Wir sangen alle Strophen, die sechste und letzte kannte sie noch nicht:

Kranken Herzen sende Ruh’,
Nasse Augen schließe zu!
Laß den Mond am Himmel stehn
Und die stille Welt besehn!

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Alles auf Anfang

„Und wie geht es Ihnen bei uns? Sind Sie schon angekommen?“ Diese hoffnungsvoll-neugierige Frage bekomme ich im Moment fast täglich gestellt. Dann denke ich: Angekommen sein, was glaubt ihr denn? Nach zwei Monaten? Dafür braucht man doch mindestens ein Jahr, wenn nicht mehr! Und dann sage ich: „Danke, bisher geht es mir ganz gut. In der Gemeinde fühle ich mich wohl, in der neuen Wohnung auch…“ Und das stimmt auch. Aber ich verschweige das von Zeit zu Zeit aufpoppende Heimweh und das Fremdeln mit dem neuen Konvent. Geht ja auch niemanden was an. Auch nicht, dass das Ankommen am neuen Ort sich ähnlich anfühlt, wie das erste Ankommen im Dienst. Inklusive manch kurzer Nächte und dieser eigentümlichen, nur selten abklingenden Grundanspannung: Hab ich was Wichtiges vergessen? Findet der Termin wirklich morgen oder vielleicht doch heute statt? Hab ich allen Bescheid gesagt, dass die Uhrzeit sich verschiebt? Ob meine Predigt ankommt? Kann es sein, dass gleich noch jemand anruft und was will? Passen die Lieder so oder besser anders? Hab ich wirklich nichts Wichtiges vergessen? Und wo hat sich mein Schlüssel/das Telefon/das blaue Buch für Notizen/die Graceland-CD/der Lieblingsrock/die Liste der Konfi-Eltern/die Katze versteckt? Waah!

Pff, von wegen Zauber. Anfänge sind Wahnsinn. Aber Wahnsinn kann ja auch vergnüglich sein. Ich verbringe (so wie es empfohlen wird) diese Tage und Wochen also mit viel Gucken und Zuhören und sich vertraut machen mit den neuen Umständen. Dazu gehört auch, dass ich alle Mitglieder des Presbyteriums zuhause besuche. Wenn es passt mit dem Rad, das zwar gut aussieht, aber bekannter Weise ständig irgendwelche Probleme macht. Mal mag es keine Luft haben, dann hält der Sattel nicht oder es schmeißt widerwillig die Vorderlampe von sich. So geschehen beim Besuch bei Herrn Meinhardt und seiner Familie. Die Meinhardts sind komplett dem Radrennsport verfallen. Mein Tempo ist ja eher gemütlich und von Sport kann bei mir nicht die Rede sein. Immerhin hat der Weg dorthin nur knappe zehn Minuten gedauert (neue App, neues Glück), aber die 500 Meter Kopfsteinpflaster waren zu viel für die Lampe. Bei der Begrüßung an der Tür, mit der gefallenen Lampe in der Hand, meinte ich dann auch etwas kollektives  Mitleid für mein unpraktikables Rad wahrzunehmen.

Ein paar Stunden später wird Herr Meinhardt die Lampe flugs wieder anschrauben. Und ich werde dann satt (Suppe! Salat! Brot!) und leicht bierselig nach Hause fahren und mich über den gelungenen Abend freuen. Und noch ein paar Stunden später wird er mir erzählen, dass ich bei seinen beiden Jungs eine Menge Eindruck mit meiner Medienkompetenz (das Wort hat er genutzt) gemacht habe. Lustig! Die konnten es gar nicht fassen, dass ich Game of thrones kenne und ??? und „Ja klar kenne ich das Känguru, das finde ich großartig!“ Wenn meine Radkünste mir schon nicht helfen können, dann wenigstens mein Netflix-Account. Der Lebensweltbezug kann ja auch gar nicht unterschätzt werden. Dem Volk aufs Maul schauen, war das nicht so? Ansonsten ging es bei dem Besuch (neben dem Persönlichen) auch viel um Politik und gesellschaftliches Engagement der/des Einzelnen und der Kirche. Ich bin in einer bewussten und auch sehr selbstbewussten Gemeinde gelandet. Das ist schon anders als vorher und in der Form neu und ziemlich aufregend (siehe oben).

Heute Abend ist das nächste Gemeinde-Date. Ich bin optimistisch und will mit dem Rad fahren. Mal sehen, ob und wie ich dieses Mal ankomme. Bis dahin ist auch noch genug Zeit alles Nötige zu finden. Die Katze liegt derweil neben mir auf der grünen Couch und putzt sich. Wenigstens eine in diesem Haushalt scheint tiefenentspannt.

Und außerdem: I´ll tell you one thing, it´s always better when we´re together. In diesem Sinne euch allen einen schönen Tag der Deutschen Einheit!