Kommunikation oder so ähnlich

Gelingende Kommunikation ist alles. Anders geht so, geschehen letzen Donnerstag:

Hallo, ich bin hier die neue Pfarrerin und wollte Herrn K. zum runden Geburtstag gratulieren. – Aha. Was fahren Sie denn?

[Das ist mir ja lange nicht passiert, ich muss etwas lachen und antworte dem Typ mit der Mütze:]

Ehem, Pfarrerin, nicht Fahrerin. – Ach so. – Ich fahre mehr so mit dem Boot, das sich Gemei… – Kommen Sie mal mit, da müssen Sie hier nochmal raus und dann um die Ecke, der wohnt hier nicht.

[Auf dem Weg nach draußen treffen wir auf die Schwiegertochter des Jubilars. Also das ganze Spiel nochmal:]

Ich komme von der Kirchengemeinde, guten Tag, Sara Hitschmock, die Pfarrerin. Ich suche Herrn K. und will ihm zum 80. gratulieren. – Der ist verreist und kommt erst am Wochenende wieder.

Ok, schade. Könnten Sie denn für Herrn. K. eine Kleinigkeit entgegen nehmen? Das wäre schön.

[Die Frau nimmt Karte und Wein entgegen und schaut mich freundlich-überrascht an:] Und wer sind Sie nochmal? – Na, die Pfarrerin. [ungläubiger Blick des Gegenübers, dann:] Ach Sie sind der Nachfolger von Pf. Storch?

Beim Wort „Nachfolger“ zucke ich kurz zusammen und will reflexhaft „Nachfolgerin “ erwidern, lasse es dann aber. Trotz Strickstirnband und buntbestickten Fäustlingen und der dicken Winterjacke sehe ich wirklich nicht aus wie ein Mann. Vielleicht auch nicht unbedingt so, wie die Frau sich eine Pfarrerin vorstellen würde. Aber die Berufsbekleidung eignet sich nun mal nicht sonderlich gut zum Radfahren. Wie auch immer, offensichtlich hat die Stadt dem Dorf in Sachen gendergerechter Sprache wenig voraus. Vielleicht bin ich hier, so wie vorher auf dem Land auch „Frau Pastor“.

Amüsante Kommunikation vor und nach einer Beisetzung heute:

[in der Trauerhalle, davor]

Organist und Friedhofsangestellte begrüßen sich neben dem Sarg hoch erfreut mit „Schatzi“ und „Schnuckelchen“. Auf Schatzis Harmonium steht ein eingestaubtes, etwas schiefes CD-Regal. Daneben Duftspray Sorte „Fresien“. Schatzi bekommt Instruktionen für die Musik, die er nach der Ansprache mit der kleinen Anlage abspielen soll. Er spricht von Kassetten, es sind Cds. Ich mag Schatzi. Schatzi (der auf den Friedhöfen im Bezirk ganz schön rumkommt) erzählt, dass er hier früher oft Dienst hatte, aber der Friedhof jetzt nicht mehr so gut läuft, anderswo ist billiger.

[vor der Trauerhalle]

Die Sargträger stehen bereit, ich bespreche mit den Männern die letzten Details (wo es langgeht, wann der Sarg runtergelassen werden soll..) , dabei fallen mir die Schiebermützen auf. Schicke Mützen haben Sie da! – Ja, finden wir auch. – Kenne ich gar nicht so mit dem Stil, aber sieht ja ganz feierlich aus – Es gibt sogar Sargträger, die haben richtige Zylinder. – Echt? – Ja, und einmal hab ich einen gesehen, der trug Melone. Wie früher, ganz verrückt. – Da könnte man glatt mal ne Ausstellung drüber machen, Mode auf Friedhöfen im Laufe der Zeit..

[neben dem Grab, nach der Beisetzung]

Unter der Trauergemeinde war auch ein Ehepaar, das mir wegen seiner dicken Fellmützen (hätten auch für -20 Grad gepasst) gleich zu Beginn aufgefallen ist. Außerdem begrüßte er mich mit einem ernsten „Guten Tag, Schwester.“ Weird. Hinterher bedankt er sich dann für die schöne Liturgie und zeigt besorgt auf meinen Kopf: Aber Sie brauchen für das nächste Mal auf jeden Fall eine Kopfbedeckung.

[in der Trauerhalle, nach der Beisetzung]

Fröstelnd wechsele ich Talar gegen Wintermantel. Ich bin alleine in der Trauerhalle und schaue mich etwas um. Die rosafarbenen Fresien, die auf den Stufen stehen sehen echt aus, sind es aber nicht. Die Friedhofsmitarbeiterin (=Schnuckelchen) kommt rein und dreht die Heizung aus. Sie erzählt mir, dass sie hier alles macht, von Dekoration der Trauerhalle über Urnentragen und Gartenarbeit. Als wir uns nach einer Weile verabschieden bin ich schon ihre Gute. Das finde ich in Ordnung, vielleicht bin ich jetzt ja öfter hier.

Eben fällt mir auf, dass ich weder von Schatzi noch von Schnuckelchen den echten Namen weiß. Verstanden haben wir uns auch so.

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Aus gegebenem Anlass V

– Zu einer Gedenkveranstaltung heute Abend –

80 Jahre ist es her, dass in diesem, unserem Land, auf diesem Grund und Boden ein zum Himmel schreiendes Unrecht neue Gestalt annahm. 

Die Novemberpogrome vom 9. bis zum 13. November 1938 markieren den Beginn der offenen, systematischen Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Die jahrelangen Feinbildinszenierungen der nationalsozialistischen Propaganda entladen sich entfesselt und ungebremst im von SA und NSDAP angeordneten „Volkszorn“.

Auf dem Land und in den Städten brennen deutschlandweit 1400 Synagogen, 7000 jüdische Geschäfte werden geplündert und zerstört, 1500 Menschen ermordet, weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. 

Es ficht mich an, diese nüchtern verfassten Zahlen zu gebrauchen, um das Unglück irgendwie begreifen zu können. Jemand muss sie gesehen und gezählt und aufgeschrieben haben. Hinter jeder Zahl ein Mensch, ein Schicksal, ein Name, mit Eltern, vielleicht Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden, Bekannten, Nachbarn, Mitarbeitenden. Ein ganzes, bewegtes und pulsierendes Leben. 

Diese Zahlen bestürzen mich. Umso mehr, weil ich weiß, dass die Opferzahlen in den Jahren bis 1945 das Vorstellbare noch viel weiter übersteigen werden. Die Shoa wird über sechs Millionen Jüdinnen und Juden das Leben kosten. Sechs Millionen. 

Der Novemberterror vor 80 Jahren ist ein Auftakt, die Marschrichtung offenbart sich in aller Brutalität und Gleichgültigkeit. 

Ich kann nicht umhin, immer wieder zu versuchen mir vorzustellen, wie es war. Auf Straßen und Wegen vor in Flammen lodernden Gotteshäusern zu stehen, den Rauch nach oben aufsteigen zu sehen, inmitten von Qualm und Gestank. Fensterscheiben zerspringen zu hören, über Scherben zu gehen, das Geräusch von Stiefeln auf Pflastern, in Hausfluren und Wohnungen, berstendes Holz, einfallende Häuser. Dazu  laute Stimmen von Menschen, Tätern und Opfern, gebellte Befehle der Soldaten, Schreie voller Angst und Entsetzen, Schüsse, Schläge. Es muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein, zum Himmel schreiendes Unrecht. 

Mich bedrückt schwer, dass ich nicht sagen kann, wo ich vor 80 Jahren in alledem gestanden hätte. Wer weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ist`s Sünde, schreibt Jakobus. Die Pogrome fanden vor den Augen unzähliger Bürgerinnen und Bürger statt, die nichts dagegen unternommen haben. Die die Täter noch angefeuert haben oder selbst gezündelt und geplündert haben. Ein Volksfest. Hätte ich mitgefeiert und lachend neben zerstörten Geschäften für ein Foto posiert? Hätte ich dabei auch geglaubt, dass es diesen Männern, Frauen und Kindern schon recht geschieht? Wäre ich erbarmungslos gewesen und ohne Mitleid? Hätte ich mich schuldig gemacht, wäre der Sünde anheim gefallen? 

Die Zahlen verraten es mir nicht und auch nicht die Vorstellungen, die ich mir in meinem begrenzten Horizont von jenem Grauen mache. 

Die Zahlen und Bilder und Klänge in meinem Kopf hinterfragen stattdessen schmerzlich meine tiefsten Überzeugungen. Wie konnte das geschehen? Zu was ist ein Mensch fähig? Und wo, um Himmels Willen, war Gott in dieser Zeit? 

Die Leiden der Tausenden und Abertausenden, der Millionen von Menschen erfüllen mich mit einer fassungslosen Ohnmacht. 

Heute, an diesem Tag gibt es keine frohe Botschaft. Die Worte wollen nicht kommen, denn hier ist nicht ihr Platz. Das Leid ist zu groß für jeden Trost. Unsagbar, übermächtig. 

Einzig das Gedenken möge Raum haben. Das Gedenken eines zum Himmel schreienden Unrechts, das in Tod und Vernichtung geführt hat. Von Zerstörung und Lärm und Schreien und Schlägen und Schüssen, dem Rattern von Waggons und dem lauten Zuschlagen von Türen,  hin zu Totenstille. 

— Stille —-

Two truths, one lie

Letztes Jahr um diese Zeit, als ich gerade im fernen Süden unterwegs war, lernte ich dieses schöne Spiel kennen. Es eignet sich gut für kleine Gruppen zum ersten Kennenlernen, aber auch wenn man schon länger miteinander zu tun hat. Weil ich es auf Reisen so vergnüglich fand, hab ich es zurück in der Gemeinde sofort mit den Konfis und dann auch mit den Religions-Schüler*innen gespielt.

Meine Katze kotzt, wenn sie sich einsam fühlt.

Ich mag Basteln.

Mein Onkel ist ein Hippie.

Die Kinder sind echt nicht drauf gekommen. Sie tippten mehrheitlich darauf, dass es den Hippie-Onkel in meinem Leben nicht wirklich gibt. Als ich dann erzählte, dass ich tatsächlich nicht gerne bastele, reagierten sie fassungslos. Dabei hätten sie es durchaus früher bemerken können, vor allem das eine Mal, als ich mit ihnen in der Adventszeit versucht habe, Sterne zu basteln.

Vor ein paar Jahren (als ich zu Weihnachten noch zuhause bei der Familie mit Hippie-Onkel war) habe ich mir die Festtage mal damit versaut, unbedingt einen Fröbelstern basteln zu wollen. Das ulkige Rumgeknicke und Durchgeschiebe und Gefalze – stun-den-lang, ätzend. Das bunte Papier sah nach einer Weile ähnlich mitgenommen aus wie mein vor Anstrengung und Konzentration verzerrtes Gesicht. Dann fiel mir wieder ein, dass ich Basteln schon im Kindergarten richtig furchtbar fand und dass es Gründe hat, warum ich sonst nie zu Schere, Kleber und Co. greife. Ich mag es einfach nicht, weil es mir keinen Spaß macht, weil ich es überhaupt nicht kann. Meine Mutter konnte mich an jenem Weihnachtsfest auch nicht trösten. Dem Hippie-Onkel erzählte ich nichts. Wenn es wenigstens ein vorzeigbares Ergebnis meiner Bemühungen gegeben hätte, aber nein. Es war ein Trauerspiel mit Nicht-Stern. Zum Glück musste der niemandem den Weg irgendwohin zeigen, sonst wäre Weihnachten in einem noch viel größerem Umfang deprimierend gewesen.

Mit den Jungs und Mädels in der Schule bin ich deshalb auf Nummer sicher gegangen und habe dort Butterbrottütensterne (das ist mal ein Wort!) gebastelt und die sind selbst für mich ein realistisch erreichbares Ziel. Brauchst du Tüten und Kleber und dann schnippelst du mit der Schere ein bisschen hier und da und entfaltest die zusammengeklebten Teile und voilà: ein bezaubernder Stern in 3D zum irgendwo Aufhängen. Ein paar Mädchen wollten an jenem Tag aber unbedingt Fröbelsterne machen. Ich ahnte Böses und fragte nach: Und ihr sagt, ihr kriegt das alleine hin? – Ja. Wir haben das letzte Woche mit Frau F. gemacht. – Na gut, aber ich kann euch nicht helfen, wenn etwas nicht klappt. Wisst ihr Bescheid.. – Ok, Frau Hitchschmock – Natürlich haben sie es nicht hinbekommen, an die langen Gesichter kann ich mich noch gut erinnern. Ihr Frust mit den fiesen Fröbelsternen kam mir selbst nur zu bekannt vor, meine Trostversuche liefen ins Leere.

Rahel bastelt im Gegensatz zu mir richtig gerne. Vor allem mit Pappe. Aber sie kann auch Stempel selber machen und Nähen und neuerdings auch noch Origami. Übermütig versuchte ich, es ihr bei einem Besuch gleichzutun. Mit so hübschem, buntem, wahrscheinlich super teurem Papier, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Mir ist immer noch peinlich, dass ich selbst bei der für Kinder konzipierten Riesenorigamischwalbe bei quasi jedem Handgriff auf Rahels Hilfe angewiesen war. Gnah.

Rahel jedenfalls war nicht da, als ich selbstständig und also ganz ohne ihre Hilfe zum Basteln genötigt wurde. Hier gibt es eine Kita in der Gemeinde und dort halte ich ab sofort regelmäßig Andachten. Der erste Termin war ausgerechnet der 31. Oktober, Reformationstag also. Irgendwas mit Luther musste also her und ich entschied mich für ein bisschen nett aufgemachte Geschichte (zum Glück hab ich den Playmobil-Luther hier wiedergefunden) und Gedanken zur Lutherrose. Dazu habe ich mich selbst übertroffen und eine einzeln zusammensetzbare, große Lutherrose gebastelt. Mit bunten Tüchern (gelb und blau) und Pappe und Klebestreifen und einem rot angemalten Pappherz und einem schwarz angemalten Pappkreuz und einem weißen Tuch, dass dann live zur Rose mit fünf Blättern gelegt kann.

Die Kinder in der Kita sind schlau. Sie wussten, dass am 31. Oktober Reformation gefeiert wird und die kleine schwarze Playmobilfigur kannten sie auch schon mit Namen. Gespannt verfolgten sie, wie ich erst den gelben Kreis in die (natürlich) gestaltete Mitte legte, dann darauf einen kleineren blauen legte und dann mit dem weißen Tuch etwas formte.

Ich: So, und das Weiße ist jetzt eine Rose mit fünf Blättern. Kind neben mir: – Sieht aber aus wie ein Stern, mit fünf Zacken. – Ehm, hm, ja, aber es soll eigentlich eine Rose sein. Es heißt ja auch Lutherrose. Stellt euch das einfach als Rose vor. Für was steht denn das Weiß der Rose, was glaubt ihr?

Manchmal hilft auch Ablenkung. Haben sie zum Glück mit sich machen lassen. Trotzdem: das sind clevere Kinder da. Bestimmt sind die auch alle richtig gut im Basteln. Beim Ausmalen der mitgebrachten Lutherrosen waren sie jedenfalls entzückend kreativ. Ein Kind hat seine Rose ganz freimütig in kunterbunten Regenbogenfarben ausgemalt. Hätte dem Reformator bestimmt auch gefallen.